Ausgabe 06 | 2017

ARBEITSMARKT

«Arbeitsmarkt 2025»

Motivieren statt verpflichten

Das Sozialdepartement der Stadt Zürich lanciert in diesen Monaten eine Bildungsstrategie. Es will wesentlich mehr für jene Sozialhilfebezüger tun, die eigentlich arbeiten könnten, und auch jene Personen erreichen, die aktuell eine Stelle haben. Der Vorsteher des Sozialdepartements, Raphael Golta, erklärt die Strategie und warnt vor überhöhten Erwartungen.

Interview: Daniel Fleischmann, PANORAMA-Redaktor

Raphael Golta, Vorsteher des Sozialdepartementes der Stadt Zürich: «Qualifizierungsmassnahmen funktionieren nur auf der Basis einer guten Eigenmotivation.» (Bild: Sozialdepartement Zürich)

Raphael Golta, Vorsteher des Sozialdepartementes der Stadt Zürich: «Qualifizierungsmassnahmen funktionieren nur auf der Basis einer guten Eigenmotivation.» (Bild: Sozialdepartement Zürich)

PANORAMA: Die Sozialhilfe der Stadt Zürich unterstützt derzeit rund 21'000 Personen. Wie viele von ihnen arbeiten oder könnten arbeiten? Raphael Golta: Rund 40 Prozent; ein Viertel davon sind bei den RAV angemeldet und erhalten zusätzlich Arbeitslosenunterstützung. Diese Gruppe verändert sich dynamisch. So münden Kinder, die Sozialhilfe beziehen, in eine Ausbildung ein oder können Mütter, deren Betreuungsaufgaben sich wandeln, wieder arbeiten.

Was zeichnet diese Menschen aus?
Sie besitzen zwar die körperlichen oder zeitlichen Voraussetzungen, um zu arbeiten. Aber viele von ihnen finden nur schwer eine Arbeit, weil sie keinen beruflichen Abschluss besitzen. In einer vierwöchigen Basisbeschäftigung in Bereichen wie Gastronomie, Recycling oder Holzverarbeitung ermitteln Arbeitsagoginnen und -agogen Interessen und Stärken dieser Personen und machen Empfehlungen für die Arbeitsmarktintegration. Aber das Beschäftigungsangebot von Geringqualifizierten hat sich in den letzten zwanzig Jahren deutlich verringert, wie eine Studie von Can und Sheldon zeigt. Das kann sich in Zukunft noch akzentuieren, wenn, wie teilweise prognostiziert wird, durch die Digitalisierung auch gewisse Stellen im mittleren Qualifikationsniveau verschwinden. Die betroffenen Personen werden dann in den Stellenmarkt der Niedrigqualifizierten ausweichen und für zusätzliche Konkurrenz sorgen.

Wie hoch ist die Vermittlungsquote der Zürcher Sozialhilfe?
Das ist schwierig zu quantifizieren. Einerseits können wir nicht immer sicher sagen, was der Grund für die jeweilige Ablösung von der Sozialhilfe ist. Andererseits stellen wir fest, dass viele gering qualifizierte Personen mit einer Stelle diese wieder verlieren – und dann via RAV wieder in die Sozialhilfe zurückkehren.

Sie lancierten vor einigen Wochen eine «neue Strategie berufliche und soziale Integration für Sozialhilfebeziehende» mit dem Titel «Arbeitsmarkt 2025». Welches sind die Ziele?
Wenn wir die rund 30 bis 40 Prozent der Sozialhilfebezügerinnen und -bezüger, die arbeiten könnten, nachhaltig in den Arbeitsmarkt integrieren wollen, müssen wir sie besser qualifizieren. Bisher finanzierte die Sozialhilfe nur in Einzelfällen eigentliche Bildungsmassnahmen, da die rasche Arbeitsintegration das Ziel der Bemühungen war. Hier brauchen wir einen Kulturwandel. Wir dürfen die Frage der beruflichen Erstqualifizierung von Menschen nicht nur stellen, bis sie 18 Jahre alt sind, sondern müssen auch über die Sozialhilfe zweite und dritte Gelegenheiten dafür schaffen. Vielleicht braucht es auch einmal eine Zweitausbildung oder eine Umschulung. In den nächsten Monaten entwickeln wir darum eine eigentliche Bildungsstrategie. Das ist die erste Massnahme. Zweitens werden wir den Arbeitsmarkt systematischer als bisher beobachten. Das Sozialdepartement richtet dafür auf Departementsstufe im Rahmen des bisherigen Stellenetats eine Anlaufstelle ein. Die Sozialhilfe wird auch enger mit dem Laufbahnzentrum der Stadt Zürich zusammenarbeiten, das ebenfalls Teil des Sozialdepartementes ist. Von ihm bezieht die Sozialhilfe bereits heute Dienstleistungen, etwa im Bereich der Beratung oder der Tests. Und drittens werden wir versuchen, zusammen mit Partnern der öffentlichen Hand, Arbeitgeberinnen oder Arbeitnehmervertretern auch jene niedrig qualifizierten Personen anzusprechen, die im Moment zwar Arbeit haben, aber potenziell gefährdet sind.

Bleiben wir beim ersten Punkt. Welche Elemente zeichnen die neue Bildungsstrategie aus?
Noch ist diese Strategie nicht formuliert. Klar aber ist, dass wir ganz stark auf die Eigenmotivation der betroffenen Personen statt auf Verpflichtung setzen. Ein besonderer Fokus gilt dabei jungen Erwachsenen zwischen 18 und 25, die wir in eine berufliche Grundbildung führen wollen. Den meisten gelingt der Berufseinstieg über die üblichen Regelstrukturen. Für jene, die das nicht schaffen, braucht es besondere Angebote.

Sie schränken die Möglichkeit der Berufslehre auf Personen bis 25 ein. Warum?
Diese Eingrenzung ist eine Arbeitshypothese, mit der wir beginnen wollen. Ich hoffe, dass wir sie bald durch Kriterien ablösen können, die sich auf die Motivation der Personen und den mutmasslichen Erfolg der Bildungsmassnahmen beziehen. Zudem werden auch die anderen Personen in der Gruppe der arbeitswilligen Personen Zugang zu Bildungsangeboten erhalten. Ihnen bieten wir eine breite Palette an Fachkursen, Bewerbungskursen oder Kursen im Bereich der Grundkompetenzen an.

Können Sie sagen, wie viel Geld Sie dank einer gelungenen Arbeitsintegration langfristig einsparen?
In der Sozialhilfe sind solche Kostenberechnungen anspruchsvoller und weniger verbreitet als in der Invalidenversicherung, die mit fixen Beiträgen rechnen kann, weil unsere Leistungen bedarfsabhängig sind. Was man sehr vereinfacht sagen kann: Bei einer Einzelperson beläuft sich der Grundbedarf auf knapp 1000 Franken, dazu kommen die Miet- und Krankenkassenkosten. Wer 40 Jahre von der Sozialhilfe lebt, kostet mehr als eine Million Franken.

Als dritten Punkt nannten Sie eine engere Zusammenarbeit mit anderen Partnern. Welche Ziele verbinden Sie damit?
Die Finanzierung und Qualifizierung von erwachsenen Personen ist nicht nur eine Aufgabe der Sozialhilfe, sondern einer Vielzahl von Ämtern und Organisationen. Das zeigen auch Schlagzeilen aus jüngster Zeit: «Swissmem-Präsident Hess fordert Lehre für Erwachsene», «Ems-Gruppe bietet ein Kursprogramm für Ungelernte an» oder «Die nachgeholte Berufslehre stärkt die Arbeitsmarktintegration». Das erfordert Koordination. Zudem möchte die Zürcher Sozialhilfe künftig auch jene Personen erreichen, die aktuell zwar Arbeit haben, aber von Stellenlosigkeit bedroht sind. Die Identifizierung und Ansprache solcher Risikogruppen erfordert ebenfalls ein gemeinsames Vorgehen. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass wir dann entsprechende Qualifizierungsprogramme mitfinanzieren.

Müssten auch die RAV vermehrt qualifizierende Massnahmen anbieten?
Die Sozialhilfe der Stadt Zürich hat gute Kontakte mit den RAV, auf denen sich aufbauen lässt; so bieten wir standardmässig Sozialberatungen in den RAV für Personen an, deren Stellensuche durch soziale Problematiken erschwert ist.

Trotzdem: Die RAV des Kantons Zürich gewährten in zwölf Jahren gerade mal 330 Personen Ausbildungszuschüsse.
Ich bin überzeugt, dass alle Einrichtungen der Arbeitsmarktintegration – IV, Stipendienstellen, Sozialdienste und so weiter – vermehrt in Ausbildungen investieren sollten. Hinderlich dabei ist ein gewisses Kässelidenken der verschiedenen Leistungsträger.

Sie erwähnten, dass Sie künftig vermehrt auf die Eigenmotivation der Teilnehmenden statt auf eine Teilnahmeverpflichtung setzen wollen. Weshalb?
Zwang und Sanktionen verbessern die Chancen unserer Klientinnen und Klienten auf eine Ablösung von der Sozialhilfe nicht nachhaltig. Qualifizierungsmassnahmen funktionieren nur auf der Basis einer guten Eigenmotivation. Diese wollen wir bei unseren Beratungen verstärkt abklären und stärken. Man kann darin durchaus einen Paradigmenwechsel sehen. Was wir aber auch akzeptieren müssen, ist, dass nicht alle einen Platz im Arbeitsmarkt finden werden.

Das hat Monika Stocker schon vor zwölf Jahren gesagt. Sie forderte damals mehr staatliche Arbeitsprogramme.
Diese Programme des zweiten Arbeitsmarktes bieten die Möglichkeit einer sinnvollen Beschäftigung. Ich unterstütze sie, sie sind wichtig für die soziale Integration von Sozialhilfebeziehenden. Aber für die erfolgreiche Integration der Klientinnen und Klienten in den ersten Arbeitsmarkt und für ihre nachhaltige Ablösung von der Sozialhilfe müssen wir mehr tun. Das ist das Ziel unseres Fokus «Arbeitsmarkt 2025». Zudem muss man sich bewusst sein, dass die Programme des zweiten Arbeitsmarktes nicht etwa Renditen abwerfen, sondern zusätzliche Kosten verursachen – pro Monat und Klient mehrere Hundert Franken.

Links und Literaturhinweise

Can, E., Sheldon, G. (2017): Die Entwicklung der Beschäftigungschancen von Geringqualifizierten in der Schweiz. Forschungsstelle für Arbeitsmarkt- und Industrieökonomik, Universität Basel.

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