Ausgabe 06 | 2017

ARBEITSMARKT

Online-Ausbildung für Stellensuchende

Genf lanciert die erste digitale arbeitsmarktliche Massnahme

Das Arbeitsamt des Kantons Genf führt die Entwicklung seiner digitalen Strategie weiter. Im September 2017 wurde die Online-Ausbildungsplattform JobIn aufgeschaltet. PANORAMA hat die Plattform unter die Lupe genommen.

Von Christine Bitz, PANORAMA-Redaktorin

JobIn heisst die neue digitale Ausbildungsplattform für Stellensuchende, die das Genfer Arbeitsamt (OCE) im Sommer 2017 in Betrieb genommen hat. «JobIn ist so was wie ein Laden, der die Schulung rund um die Stellensuche als wichtigstes Produkt im Sortiment führt», erklärt der Ausbildungsverantwortliche Sylvain Prouff, der das Projekt zusammen mit Caroll Singarella, Leiterin der Dienststelle Arbeitsmarktmassnahmen, geleitet hat. Vor der Entwicklung der Plattform hat das OCE die Zustimmung des SECO eingeholt und sich dessen Unterstützung gesichert. Als Eigentümer des Tools steht es dem SECO frei, die Plattform auch anderen Kantonen anzubieten. Die Schulung besteht aus den acht Modulen «Berufsprofil definieren», «Lebenslauf erarbeiten», «Bewerbungsschreiben verfassen», «Beziehungsnetz aufbauen», «Internetpräsenz aufbauen», «Sich online bewerben», «Sich aufs Vorstellungsgespräch vorbereiten» und «Erfolgreiche Vorstellungsgespräche führen». Jedes Modul umfasst unter anderem Videos mit allgemeinen Empfehlungen oder Ratschlägen von Personalfachleuten, ein Quiz und praktische Übungen. Der Zeitaufwand für die acht Module liegt bei etwa viereinhalb Stunden. Für Sylvain Prouff bestand die Herausforderung darin, Inhalte für ein breites Publikum zu erarbeiten und neben grundlegenden Inhalten auch spezifischere Informationen, etwa zur booleschen Suche, bereitzustellen.

20 Monate Arbeit

Erarbeitet wurde das Projekt von einer Steuergruppe, die sich aus rund zehn Vertreterinnen und Vertretern verschiedener Dienststellen des OCE zusammensetzte. Die Entwicklung des Projekts nahm etwa 20 Monate in Anspruch. «Wir begannen bei null, hatten aber Unterstützung von mehreren Leistungserbringern sowie von Personalfachleuten. Genau genommen mussten wir zwei Projekte leiten, ein pädagogisches Projekt und ein Informatikprojekt. Die Verknüpfung beider Elemente war nicht immer einfach», erklärt Sylvain Prouff. Als das Tool bereitstand, entschied sich das OCE für eine schrittweise Einführung. Zuerst wurde die Plattform während zwei Wochen den Mitarbeitenden des Arbeitsamts zur Verfügung gestellt, danach wurde der Zugriff auf die neu angemeldeten Stellensuchenden ausgedehnt. Seit dem 5. Juli 2017 ist die Plattform allen Stellensuchenden über ihr persönliches Konto beim Online-Schalter des Kantons Genf zugänglich. Das sind gegenwärtig 1776 Personen.

Mehr Empfehlung als Pflicht

Die acht Online-Module sind nicht obligatorisch. Wie wird sichergestellt, dass Stellensuchende sie trotzdem vollständig absolvieren? Sylvain Prouff: «Wir müssen sie für die vielfältigen Inhalte sensibilisieren, statt sie zum Abschluss der Schulung von Anfang bis zum Ende zu zwingen.» Die Stellensuchenden müssen mindestens ihr Konto aktivieren und je nach sprachlichen Fähigkeiten die Schulung durchlaufen. Die Personalberater können die Nutzung der Plattform überwachen, indem sie auf das Cockpit der Stellensuchenden zugreifen, um sich deren Fortschritt innerhalb der acht Module anzeigen zu lassen. Stellt ein Personalberater fest, dass es einem Stellensuchenden an der nötigen Selbstständigkeit fehlt, kann er ihm eine Massnahme verordnen, die Präsenz erfordert und die notwendigen Grundlagen vermittelt.» Die Rückmeldungen der Personalberatenden zum Tool sind positiv. Sie konnten die Plattform anlässlich einer Präsentation kennenlernen und können die Hilfe von «HR Digital Key Usern» in Anspruch nehmen, die als Botschafter der digitalen Strategie des OCE auftreten (vgl. PANORAMA 2/2016). «Die Personalberater schätzen es, dass sie ihren Klienten die Plattform anbieten können. Das Tool hilft ihnen bei der Erarbeitung des Berufsprofils», betont Sylvain Prouff. Eine Schnittstelle zwischen JobIn und der Kompetenzermittlungsplattform «Ricrac» (vgl. PANORAMA 3/2016) ist geplant.

Wertvolle Ergänzung

Die Plattform bietet mehrere Vorteile: Sie ist öffentlich zugänglich, kann sofort aktiviert werden und es gibt für die Stellensuchenden im Gegensatz zu den herkömmlichen arbeitsmarktlichen Massnahmen (AMM) keine Wartezeiten. Auch die Kosten sind mit ein paar Dutzend Franken tiefer als bei normalen AMM. Wird JobIn dank dieser Trümpfe die Massnahmen, die die Präsenz der Stellensuchenden erfordern, verdrängen? «Nein, ganz im Gegenteil, JobIn ist eine ausgezeichnete Ergänzung zu den anderen Massnahmen», sagt Sylvain Prouff. «Kurzfristig besteht die Herausforderung darin, das Tool möglichst vielen Nutzern bekannt zu machen. Längerfristig könnte die Plattform um weitere Schulungen, zum Beispiel im Bereich Bürokommunikation, erweitert werden.» Das Potenzial von JobIn ist angesichts der 12'000 Stellensuchenden, die bei den Genfer RAV angemeldet oder ausgesteuert sind, riesig.

Links und Literaturhinweise

www.job-in.ch

Interview

«Bringt die digitale Transformation näher»

Interview: Christine Bitz, PANORAMA-Redaktorin

Caroline Perren, RAV-Beraterin. (Bild: zvg)

JobIn unterstützt nicht nur Erwerbslose bei der Stellensuche, sondern hilft auch den RAV-Personalberatern bei ihrer Arbeit. Ein Gespräch mit der Genfer RAV-Beraterin Caroline Perren.

PANORAMA: Welchen Mehrwert bietet JobIn im Vergleich mit einer herkömmlichen arbeitsmarktlichen Massnahme?
Caroline Perren: Dank dem Direktzugriff ist die Schulung auf JobIn schneller verfügbar und kürzer als eine normale Massnahme. Sie ermöglicht Stellensuchenden, schnellstmöglich das Rüstzeug für den Wiedereinstieg in die Arbeitswelt zu erwerben. JobIn ist keine gewöhnliche AMM, die den Stellensuchenden verordnet wird und deren Teilnahme kontrolliert wird.

Wie motivieren Sie Klienten zur Nutzung von JobIn?
Ich versuche, ihnen die Vorteile aufzuzeigen. Schwieriger ist es, ihnen zu vermitteln, welche Kompetenzen – etwa Selbstorganisation und proaktives Vorgehen – sie auf der Plattform erwerben können. Der Vorteil von JobIn sind die massgeschneiderten Inhalte, die sich nach der Positionierung der Stellensuchenden richten.

Inwiefern verändert JobIn Ihre Praxis?
Dank JobIn kann ich die Stellensuchenden in die Pflicht nehmen, sie dazu bringen, ihr Berufsleben selbst in die Hand zu nehmen. Ihnen bewusst machen, dass die Beherrschung digitaler Instrumente nicht nur unabdingbar für den Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt, sondern auch eine gefragte Kompetenz ist.

Wie gehen Sie konkret vor?
Beim ersten Gespräch lege ich den Besuch der Plattform und insbesondere den Abschluss des ersten Moduls «Berufsprofil erarbeiten» als Ziel fest. Das Modul umfasst Fragen, mit denen sich die meisten Stellensuchenden noch nicht befasst haben. So müssen sie etwa ihr Berufsprofil definieren und ihre Kompetenzen sowie ihre Stärken auflisten. Dieser Schritt gibt ihnen neue Motivation, denn sie werden sich ihrer Kompetenzen bewusst und können ihre Stellensuche effizienter gestalten.

Wie haben Sie JobIn selbst erkundet?
Ich habe als Mitglied einer Arbeitsgruppe an der Erarbeitung der Module mitgewirkt. Sobald die Plattform aufgeschaltet war, habe ich die acht Module selber absolviert. Nur so weiss man im Gespräch mit dem Klienten, wovon man spricht.

Was halten Sie generell von JobIn?
JobIn richtet sich an ein äusserst heterogenes Publikum, und das macht es nicht ganz einfach. Für gewisse Profile sind die Informationen zu wenig komplex, aber es ist immerhin ein Anfang. Wenn ein Klient mir sagt, er habe nicht viel gelernt, dann fordere ich ihn heraus und ermutige ihn, sich unverzüglich an die Umsetzung zu machen. Für mich ist JobIn auch ein Instrument, das den Stellensuchenden die digitale Transformation näherbringt und ihnen aufzeigt, dass sie ihr Berufsleben selber in der Hand haben.

3 Fragen

«Ich habe mich auf den neusten Stand gebracht»

an Enza Distefano, stellensuchende Anwaltsassistentin

Wie haben Sie von JobIn erfahren? Bei meiner Anmeldung beim RAV hat man mir ein Online-Konto eröffnet, damit ich mich auf JobIn einloggen konnte. Ich habe die Plattform bereits vor dem Gespräch mit meinem Personalberater besucht und die acht Module in einem Mal absolviert. Das dauerte etwa vier bis fünf Stunden. Dank der Empfehlungen auf JobIn konnte ich meinen Lebenslauf und mein Bewerbungsschreiben überarbeiten.

Wie bewerten Sie diese Erfahrung?
Ich finde es toll, dass ich Zugriff auf JobIn hatte. Ich habe das Tool sogar einer Freundin weiterempfohlen, die demnächst ausgesteuert wird. Mir hat vor allem das erste Modul geholfen; es hat mich veranlasst, meine Kompetenzen aufzulisten, selbst die, die ich schon länger nicht mehr gebraucht habe. JobIn ist gut zugänglich, enthält viele Tipps, die ich noch nicht alle kannte.

Hat JobIn Ihnen bei der Stellensuche konkret geholfen?
Bereits bevor ich mich arbeitslos meldete, hatte ich dank meiner Kontakte eine 50%-Stelle gefunden, die ich als Zwischenverdienst ausübte. Da ich seit 1997 nie mehr auf Stellensuche war, war mir bewusst, dass sich die Standards in der Branche geändert hatten. JobIn hat mir geholfen, mich auf den neusten Stand zu bringen und mich für die Bedeutung von LinkedIn sensibilisiert.

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