Ausgabe 06 | 2017

ARBEITSMARKT

eALV

Das Ende des Postverkehrs naht

Das SECO digitalisiert die Dienstleistungen der Arbeitslosenversicherung und will sie für Stellensuchende und Arbeitgeber attraktiver gestalten. Dafür werden bestehende Webauftritte in einem neuen Webportal zusammengeführt. Das System ist ein wichtiges Instrument zur Abwicklung der neuen Stellenmeldepflicht.

Von Daniel Fleischmann, PANORAMA-Redaktor

«Digitalisierung getrieben durch die Kundenorientierung» – unter diesem Motto ist Ende 2016 das Programm eALV gestartet worden, das im Jahr 2020 abgeschlossen werden soll. Es soll Mehrwerte für alle involvierten Akteure bringen. So wird ein neues, gemeinsames Portal einen harmonisierten Auftritt der für die Arbeitslosenversicherung (ALV) relevanten Webseiten sowie den digitalen Zugang zu verschiedenen Dienstleistungen bieten. Wenn man Nicole Barbato, Personalberaterin und Bereichsleiterin im RAV Schaffhausen, auf das Projekt anspricht, reagiert sie erleichtert: «Endlich geht etwas.» Sie erlebt täglich hautnah, was es heisst, die digitalen Möglichkeiten der Kommunikation nicht ausnutzen zu können: «Wer arbeitslos wird, meldet sich beim RAV an. Eine zweite, handschriftliche Anmeldung bei der Arbeitslosenkasse enthält teilweise gleiche Angaben. Nötig ist zudem die Arbeitgeberbescheinigung des letzten Arbeitgebers, die dieser ebenfalls auf Papier ausfüllt und per Fax oder Post einreicht.» Ähnliches geschieht dann im Bereich der Arbeitsbemühungen, für deren Nachweis das SECO monatlich per Post Formulare an die Leistungsbezüger/innen verschickt. Nur wer in der Lage ist, seine rechtsgültige Unterschrift ins Dokument einzufügen, kann dieses elektronisch versenden – «eine von sechs Personen tut das», sagt Nicole Barbato. Die meisten anderen Dokumente gelangen per Post oder Fax ans regionale RAV, wo sie dann eingescannt und in ein Dokumentenmanagementsystem abgelegt werden. Das alles führt zu Ausgaben, die man vermeiden könnte. So schätzen Fachleute die Bearbeitungskosten pro Formular auf über zehn Franken – verursacht durch das Drucken, Verpacken, Versenden, Entpacken und Scannen der Dokumente. Alleine schon das verursacht beim SECO, bei den Arbeitslosenkassen, den RAV, den Stellensuchenden, den Anbietern von arbeitsmarktlichen Massnahmen oder den Arbeitgebern insgesamt Kosten in Millionenhöhe.

Stellenmeldepflicht via Webportal

Im SECO laufen verschiedene Vorhaben, um die Dienstleistungen der Arbeitslosenversicherung zu modernisieren. Die Projekte ASALfutur, AVAM-Modernisierung und das Programm eALV sollen zusammen mit anderen Projekten einen Modernisierungsschub auslösen (Kasten unten). Die Aufsichtskommission der Arbeitslosenversicherung begleitet diese strategischen Vorhaben eng. Das SECO arbeitet dabei in Projektstrukturen nach der Methode Hermes. In die meisten der Projekte werden Partner, aber auch direkt Betroffene einbezogen. Zudem werden externe Dienstleister hinzugezogen. Davide Li Cavoli, Gesellschafter und Seniorberater der Beratungsfirma ASP Inteco, ist Programmleiter von eALV, das in diesem Beitrag im Mittelpunkt steht. Bei der Umsetzung des Programms hat Li Cavoli einem strammen Zeitplan zu folgen. Dieser weist mit der Aufschaltung eines neuen Portals (voraussichtlich im ersten Quartal 2018) die erste Wegmarke auf. Mit dem Portal wird die Grundlage für die Realisierung von elektronischen Dienstleistungen und die Umsetzung der Stellenmeldepflicht zur Masseneinwanderungs- initiative gelegt – die zweite Wegmarke im Projekt. Die Teilprojekte im Einzelnen:
– Harmonisierung Webauftritte: Die bestehenden Webauftritte Treffpunkt-Arbeit und EURES werden harmonisiert und mit dem Job-Room und der Arbeitsmarktstatistik amstat.ch in einem neuen Webportal zusammengeführt. Dessen Name ich noch offen.
– Online-Services: Die Online-Services – wie zum Beispiel Voranmeldung Stellensuchende, Arbeitsbemühungen, Angaben versicherte Person – werden im neuen Webportal bereitgestellt und systemisch integriert.
– Vermittlung/Job-Room: Der bestehende Job-Room wird als Dienstleistung so umgebaut, dass die aus der Masseneinwanderungsinitiative hervorgegangene Stellenmeldepflicht für die Arbeitgeber in Branchen mit (voraussichtlich) über fünf Prozent Arbeitslosigkeit integriert werden kann.

Ein Portal für alle Zielgruppen

Grundsätzlich wird das neue Webportal als Einstieg für sämtliche Zielgruppen der ALV konzipiert. Dabei sollen, wie bei E-Government-Projekten generell, die Arbeitsabläufe und Prozesse bezüglich Information, Kommunikation und Übermittlung vereinfacht werden. Beispiele:
– Stellensuchende sollen ihre Anmeldung oder die Dokumentation ihrer Arbeitsbemühungen über Internet eintragen und via Upload mit Belegen ergänzen können. Zudem haben sie die Möglichkeit, sich vor deren Publikation über frei- werdende Stellen zu informieren (Informationsvorsprung) oder erhalten Meldungen über neue Stellen. Personen, die keine digitalen Möglichkeiten oder Kompetenzen besitzen, werden weiterhin die bisherigen Kommunikationswege nutzen können.
– Arbeitgeber werden diverse digitale Erleichterungen erhalten und haben u. a. Zugang zu den freigeschalteten Profilen der Stellensuchenden – heute müssen sie sich ans RAV wenden, um die Kontaktdaten der Stellenprofile zu erhalten. Sie können zudem Suchprofile hinterlegen. Diese werden differenzierter als bisher erfasst und erlauben auf der Basis von Volltextabfragen nicht nur die Suche nach Berufsbezeichnungen (z. B. Koch), sondern auch nach differenzierteren Skills (z. B. Fischküche).
– Die Medien finden Adressen und Links kantonaler Arbeitsämter, Medienmitteilungen der Arbeitslosenversicherung oder statistische Auswertungen zum Thema Arbeitslosigkeit und Stellenvermittlung auf einem einzigen Portal.
Die digitale Verarbeitung der Informationen erfordert teilweise, dass die Prozesse in den Kantonen (Regionale Arbeitsvermittlungszentren, Logistikstellen arbeitsmarktlicher Massnahmen, kantonale Amtsstellen und Arbeitslosenkassen) sowie im SECO harmonisiert werden.

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Weitere Projekte

Die Aufsichtskommission der Arbeitslosenversicherung hat im Dezember 2016 grünes Licht für das Programm eALV gegeben. Neben diesem im Haupttext geschilderten Programm realisiert das SECO zurzeit weitere Informatikprojekte:
– Das Projekt AVAM-Modernisierung modernisiert das EDV-System für die Arbeitsvermittlung und Arbeitsmarktstatistik (AVAM). Die Beschaffung wurde öffentlich ausgeschrieben. Der Abschluss der Konzeptphase und die Evaluation der Ausschreibung sind auf das 3. Quartal 2018 geplant.
– Mit dem Projekt ASALfutur strebt das SECO gemeinsam mit den Arbeitslosenkassen die Ablösung und damit eine Modernisierung und Digitalisierung des heutigen Systems zur Abwicklung und Auszahlung von Leistungen der ALV an. ASALfutur soll im Frühling 2020 gemeinsam mit den Arbeitslosenkassen eingeführt werden. Das neue System wird an das Webportal der ALV angebunden. Damit können über die angebotenen Online-Services zum Beispiel Informationen über den Stand offener Auszahlungen abgefragt werden.
– Das Projekt «Schnittstellen zwischen den DMS» verfolgt das Ziel, die beiden genannten Dokumentenmanagementsysteme so zu verbinden, dass der Austausch von Informationen und Belegen elektronisch erfolgen kann. Durch den Abbau von Doppelspurigkeiten können Effizienzgewinne erzielt und die Papiermenge reduziert werden.

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Projekte in den Kantonen

Fabio Müller bezeichnet sich als «digital immigrant»: 43jährig, nutzt er die Segnungen des Internets, aber er ist nicht mit ihnen aufgewachsen. Er kann darum verstehen, dass viele kleine Firmen administrative Prozesse noch auf Papier bewältigen. Dennoch ist er der Meinung, dass der Datenverkehr einfacher und effizienter gestaltet werden könnte. Fabio Müller leitet die Stiftung Zukunft Thurgau, die Stellensuchende bei der Integration in den Erwerbsprozess unterstützt. Er sagt, dass 80 bis 90 Prozent der Informationen an den Kanton nach alter Schule übermittelt werden: «Anmeldungen, Bewilligungen, Berichte – das geht alles in einen Briefumschlag und auf die Post.» Fabio Müller möchte das ändern, und er ist damit beim Kanton auf offene Ohren gestossen. «Hello Digital!» heisst das Projekt, das vor Kurzem angestossen wurde. «Ich sehe darin ein enormes Sparpotenzial», sagt Müller, und warnt zugleich: «Dafür brauchen wir sichere Leitungen und Verschlüsselungsprogramme.» Auch die Kantone selber haben im Bereich E-Government also Luft nach oben. Wie das gehen könnte, zeigt zum Beispiel der Kanton Zürich. Hier hat man im letzten Jahr den E-Maildienst «IncaMail» eingeführt, wie Lucie Hribal, Leiterin Kommunikation im Amt für Wirtschaft und Arbeit, bestätigt. Dieser gewährleistet einen sicheren, nachweisbaren und datenschutzkonformen Versand von vertraulichen E-Mails zwischen den Vollzugsstellen der Arbeitslosenversicherung und den Stellensuchenden oder anderen externen Adressaten.

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