Ausgabe 06 | 2017

BERUFSBERATUNG

Eignungstests

Im BIZ für den Multicheck üben

Dass Lehrstellensuchende den Bewerbungen häufig die Testresultate des Multichecks beilegen müssen, gehört in der Deutschschweiz seit zwanzig Jahren zur Realität. Neu arbeiten die BIZ des Kantons Zürichs mit Mymulti, einem Trainingsanbieter für den Multicheck, zusammen.

Von Anna Zbinden Lüthi, PANORAMA-Redaktorin

An diesem PC des BIZ Oerlikon bereiten sich Jugendliche mit Mymulti auf den Multicheck vor. (Bild: Can Alaca)

An diesem PC des BIZ Oerlikon bereiten sich Jugendliche mit Mymulti auf den Multicheck vor. (Bild: Can Alaca)

«Eignungstests sind eine Realität im Lehrstellenmarkt, solange der Staat nicht etwas anderes anbietet», hält Philipp Dietrich, stellvertretender Leiter des Fachbereichs Berufsberatung im Kanton Zürich, fest. Zum Branchenleader für berufsbezogene Eignungstests hat sich die Multicheck AG entwickelt, mit über 30'000 getesteten Jugendlichen pro Jahr. Man müsse das akzeptieren, auch wenn Studien darauf hinweisen würden, dass der Zusammenhang zwischen Berufsschulnoten und Ergebnissen im Multicheck nicht so eng sei, sagt der Berufs- und Laufbahnberater Can Alaca vom BIZ Oerlikon. Und er sieht auch Vorteile: «Wenn jemand schlechte Zeugnisse, aber Potenzial hat, kann er manchmal mit den Multicheck-Resultaten auftrumpfen und so trotzdem die Chance auf eine Lehrstelle erhöhen.» Die starke Stellung von Multicheck hat zur Folge, dass eine ganze Reihe von Unternehmen Trainingsseminare und Trainingsmaterial anbieten. Test und Testvorbereitung haben ihren Preis: Der rund 3,5-stündige Multicheck kostet hundert Franken und kann pro Abklärungsperiode einmal wiederholt werden, wofür wiederum hundert Franken investiert werden müssen. Die Trainingsanbieter verlangen für Wochenkurse, die auf den Multicheck vorbereiten, zwischen 600 und 1000 Franken, für Arbeitsdossiers oder Lernsoftware zwischen 30 und 200 Franken. Adrian Krebs, Geschäftsführer der Multicheck AG, wehrt sich gegen den Vorwurf erzürnter Eltern, sein Unternehmen würde mit Trainings Geld verdienen: «Es gibt gewisse Institute, die bezahlte Vorbereitungskurse anbieten. Wir haben nichts mit diesen Anbietern zu tun und wir werden nie eine Kooperation mit ihnen eingehen.» Die Demoversion auf der Multicheck-Website wurde 2016 erweitert und aktualisiert. Krebs empfiehlt das Üben mit dieser Version, sie sei kostenlos, beinhalte jeden Aufgabentyp, es seien die gleiche Technologie und die gleichen Fragentypen wie im Multicheck selber.

Beitrag zur Chancengleichheit

«Eignungstests sind ein Geschäftsmodell, ein Markt. Werden sie verlangt, blüht der nachgelagerte Markt der Trainingsanbieter», fasst Dietrich die Ausgangslage zusammen. Der Kanton Zürich hat sich daher dafür entschieden, auf 25 Computern in den BIZ und im Laufbahnzentrum kostenlos eine Standard-Trainingssoftware für Eignungstests wie beispielsweise den Multicheck oder Basic-Check anzubieten. «Es ist ein Beitrag zur Chancengleichheit. Durch das Training gewinnt man mehr Sicherheit, mehr Selbstvertrauen, lernt die Arten der Aufgaben kennen und nimmt den Zeitdruck wahr», sagt Dietrich. Das Angebot aktiviere und ermutige insbesondere Jugendliche, die in ihrem Umfeld wenig Unterstützung erhielten und sich manchmal auch aus Kostengründen nur dort bewerben würden, wo kein Multicheck verlangt werde, ergänzt Alaca. Er erachte die Demoversion von Multicheck zur Vorbereitung als absolut sinnvoll, für den Übungseffekt eigne sich das von ihnen eingekaufte Trainingsangebot Mymulti besser als die Multicheck-Version, da es viel mehr Aufgaben umfasse. Die Zusammenarbeit von Mymulti und BIZ wird publik gemacht: Das BIZ-Kantonslogo findet sich mit dem Zusatz «im Einsatz bei» auf der Website von Mymulti, in den BIZ wird mit dem Logo von Mymulti auf die Trainings-Computer hingewiesen. An Klassenorientierungen im BIZ, an Elternabenden und in Beratungsgesprächen weisen die Berufsberatenden auf die Übungsmöglichkeit hin. Die Lizenzgebühr beträgt pro PC jährlich 140 bis 160 Franken. Krebs meint dazu: «Wir erleben Mymulti als relativ simplen Trittbrettfahrer und wir sind überrascht, dass dieser Anbieter als einzige Institution vom Kanton Zürich auch noch gefördert wird.» Martin Süess, leitender Psychologe bei Multicheck, kritisiert: «Mymulti enthält zum Teil veraltetes Aufgabenmaterial, neue Sachen fehlen.» Mymulti ist ein Produkt der Colunis Group GmbH der beiden Ärzte Vincent Grandjean und Arjun Thanabalasingam, die unter anderem auch «gymicards» anbieten. Die Verantwortlichen der Colunis Group GmbH waren bis zum Redaktionsschluss für Auskünfte nicht erreichbar. Fabian Grolimund, Leiter der Zürcher Akademie für Lerncoaching, sagt: «Die Aufgaben des Multichecks sind extra so gestellt, dass man sich relativ schlecht darauf vorbereiten kann. Aber es hilft, wenn die Schüler und Schülerinnen die Aufgabentypen kennen und sich nicht mehrmals fragen müssen, was genau die Aufgabe ist, und am Ende Fehler machen, weil sie die Instruktion nicht oder falsch verstehen.» Er empfiehlt, sich die Aufgaben der kostenlosen Demoversion von Multicheck genau anzusehen. Dass die BIZ des Kantons Zürich zur Vorbereitung ein kostenloses Training anbieten, findet er ebenfalls sinnvoll. So würden Eltern weniger dazu verleitet, «Geld für oft wenig sinnvolle und teure Angebote auszugeben». Die Zusammenarbeit mit Trainingsanbietern hat ausserhalb des Kantons Zürich noch keine Nachahmer gefunden. Die Geschäftsleitung BIZ Kanton Bern hat sich wegen der nicht nachgewiesenen Wissenschaftlichkeit und dem zu kommerziellen Interesse seitens der Anbieter gegen das Modell entschieden. Die BSLB Basel-Stadt möchte das klare Bedürfnis der Kundschaft nach einer Übungsmöglichkeit aufnehmen und prüft zurzeit die Anschaffung von Mymulti.

Kasten

Alternativen zu Multicheck

Von Ingrid Rollier, PANORAMA-Redaktorin

In der Romandie ist man gegenüber kostenpflichtigen Angeboten häufig kritischer eingestellt als in der Deutschschweiz. Die Kantone Genf und Jura haben daher Alternativen zu den privaten Eignungstests erarbeitet.

Seit 2011 bietet der Kanton Genf mit den sogenannten EVA-Tests kostenlose elektronische Tests an, mit denen Betriebe die Eignung von Jugendlichen für eine Lehrstelle abklären können. 2016 hat der Genfer Conseil interprofessionnel pour la formation (CIF), dem alle Akteure des Genfer Bildungswesens angehören, 175 Prüfungssessionen für rund 300 Betriebe organisiert. «Das Vorgehen entspricht dem Willen der Berufsverbände und des Kantons, die den Betrieben eine Alternative zu den kostenpflichtigen Eignungstests anbieten wollten», erklärt Natacha Juda, CIF-Direktorin und EVA-Verantwortliche. Die Tests wurden in Zusammenarbeit mit Schulen und Fachpersonen entwickelt und orientieren sich an den Zielen des Westschweizer Lehrplans (PER) und den Bedürfnissen der Lehrbetriebe. Sie werden von Experten und Expertinnen wissenschaftlich validiert und bewerten zuverlässig die schulischen Kenntnisse in Französisch, Mathematik und Englisch, die von Jugendlichen am Ende der obligatorischen Schule verlangt werden. Finanziert werden die Tests grösstenteils von der Stiftung für Berufs- und Weiterbildung (FFPC). Auch im Jura wurden Alternativen zu den kostenpflichtigen Tests entwickelt. Jedes Jahr stellt der Kanton den Lehrbetrieben Prüfungsserien für Französisch und Mathematik auf drei Leistungsstufen sowie die zugehörigen Lösungen zur Verfügung. Die Tests werden von Lehrpersonen der Sekundarstufe I und II erarbeitet und die Prüfungsaufgaben richten sich nach den Anforderungen am Ende der Volksschule. Jean-Luc Portmann, Leiter der Dienststelle Sekundarstufe II und Tertiärstufe, geht davon aus, dass rund 100 Betriebe die Tests nutzen, weil Multicheck oder Basis-Check nicht auf die regionalen Bedürfnisse eingehen. Die alten Prüfungsserien werden im Internet veröffentlicht, sodass sich jedermann an den Prüfungsaufgaben versuchen kann.

Betriebe und Partnerorganisationen zufrieden

In Genf finden die Tests in den Räumlichkeiten des Amts für Berufsberatung, Berufs- und Weiterbildung statt und werden meist auf Wunsch von Betrieben oder Partnerorganisationen durchgeführt. Andere Sessionen werden für Jugendliche auf Lehrstellensuche organisiert. Betreuungsteams unterstützen die Jugendlichen und geben ihnen Ratschläge für die Vorbereitung. Nach der Übergabe der Ergebnisse haben die Jugendlichen die Möglichkeit, mit einem Berufsberater oder einer Berufsberaterin zu sprechen. Gegenwärtig überlegt man sich, ob Prüfungsvorbereitungsangebote geschaffen werden sollen. «Wir werden die online verfügbaren Ressourcen ermitteln und Möglichkeiten prüfen, um weitere zu schaffen. Auf das Lernprogramm Mymulti werden wir aber nicht zurückgreifen», betont Natacha Juda. Laut der EVA-Jahresbilanz sind die Betriebe und Partnerorganisationen mit den kantonseigenen Eignungsabklärungen sehr zufrieden. Martial Mancini, Leiter Berufsbildung bei der Migros Genf, hält die Tests für zuverlässig und effizient. Er schätzt es, dass Jugendliche unterschiedlichen Alters und mit unterschiedlichen schulischen Rucksäcken mit gleichem Mass gemessen werden. Er weiss auch zu schätzen, dass er bei der Anpassung der Tests zu Rate gezogen wird und seine Vorschläge in die Überarbeitung einfliessen.

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