Ausgabe 06 | 2017

BERUFSBERATUNG

Nationale Fachtagung des SDBB

Berufsberatung 4.0

Im Juni 2017 haben sich rund 220 Fachleute mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf die Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung auseinandergesetzt. Drei externe Referenten lieferten Inputs, die Teilnehmenden diskutierten und die Organisatoren verdichteten.

Von Anna Zbinden Lüthi, PANORAMA-Redaktorin

Die Diskussionen an der nationalen Fachtagung in Freiburg wurden aufgezeichnet und anschliessend von den Organisatoren in zwei Dokumenten verdichtet. (Bild: Yasmine Gautschi)

Die Diskussionen an der nationalen Fachtagung in Freiburg wurden aufgezeichnet und anschliessend von den Organisatoren in zwei Dokumenten verdichtet. (Bild: Yasmine Gautschi)

Film ab: Eine Dampflokomotive rückt immer näher, ruckelt auf das Publikum zu und aus den Lautsprechern dröhnt die Prophezeiung: «Alle Passagiere dieses neuen Transportgeräts werden erkranken, der menschliche Körper ist nicht für diese enorme Geschwindigkeit geschaffen.» Die Teilnehmenden der nationalen Tagung «Berufsberatung 4.0» lachen. Sie haben die Parallele zur Tagungsthematik schnell erkannt: Die digitale Transformation löst teilweise grosse Ängste aus. Sie wird definitiv Auswirkungen auf alle Lebensbereiche haben und damit auch auf die Arbeit der Beratungspersonen und Informationsfachleute. An der Tagung zeigten dies drei Fachleute aus verschiedenen Perspektiven. Neben Joël Luc Cachelin von der «Wissensfabrik», der unter anderem den Film mit der Lokomotive zeigte, waren es Robert Rudolph von Swissmem und Jonas Masdonati von der Universität Lausanne.

Vernetzung und Transparenz

Joël Luc Cachelin hatte den Auftrag, in seinem Referat die Auswirkungen des digitalen Wandels auf die Gesellschaft zu skizzieren. Er hob zwei Treiber der Veränderung hervor: Vernetzung und Transparenz. Er erläuterte, dass Menschen, Dinge und alles, was digitalisiert werden kann, ans Internet angeschlossen werden. Alles, was früher unsichtbar war, werde sichtbar werden. Das Erdöl der Zukunft seien die Daten. Alles könne personalisiert werden. Diese Treiber würden neue Formen der politischen und wirtschaftlichen Selbstorganisation anstossen. Als Beispiel nannte er das digitale Magazin «Republik», das vor Kurzem mittels Crowdfunding aus der Taufe gehoben wurde. Cachelin zitierte mehrere Studien, die voraussagen, dass vor allem die künstliche Intelligenz die Arbeitswelt und unsere Zusammenarbeit verändern wird, dies mit grossen Auswirkungen auf eher niedrig und sehr hoch qualifizierte Berufe. Künstliche Intelligenz wird das Personal verdrängen, das an analogen Schnittstellen arbeitet: Tätigkeiten wie Tickets kontrollieren oder ein Konto eröffnen werden künftig von Robotern übernommen. Bei hochqualifizierten Jobs wie demjenigen der Ärztin könnte beispielsweise die Auswertung von Blutbildern von Maschinen übernommen werden. Generell werde der Arbeitsalltag zunehmend von der Zusammenarbeit mit Robotern geprägt sein.

Rollen kürzerer Lebensdauer

Die zukünftige Arbeitswelt verlangt gemäss Cachelin folglich einerseits die Fähigkeit, mit Maschinen umzugehen. Andererseits würden jene Fähigkeiten wichtig, die uns radikal von Maschinen unterscheiden. Dies seien insbesondere handwerkliche Fähigkeiten, Dinge reparieren zu können; die Fähigkeit, kreative Lösungen zu finden; soziale Fähigkeiten, die richtigen Fragen stellen zu können; analytische Fähigkeiten, Situationen sinnvoll einzuschätzen. Diese Veränderungen bedingen laut Cachelin, dass sich das Konzept des «Berufs» auflösen wird. Passend zu unterschiedlichen Lebensphasen sollte deshalb verstärkt nach Rollen von kürzerer Lebensdauer gesucht werden, dazu nach Möglichkeiten, diese zu kombinieren. Arbeit werde dematerialisiert und entgrenzt, vorherrschend seien Ökonomisierung und Prekarisierung. Das Anciennitätsprinzip werde entwertet, dem Freiheitsgewinn stehe Kontrollverlust gegenüber. Selbstreflexion könnte sich gemäss Cachelin zum wichtigsten Rezept gegen Kontrollverlust entwickeln.

Das Potenzial sehen

Robert Rudolph, Mitglied der Swissmem-Geschäftsleitung und Präsident der nationalen Initiative «Industrie 2025», konzentrierte sich in seinem Referat auf die Frage, wie sich die Digitalisierung konkret auf die Arbeitswelt auswirkt. Er führte exemplarisch vor Augen, wie die Schweizer Industrie Konzepte von der sogenannten Industrie 4.0 (Verzahnung von industrieller Produktion mit Informations- und Kommunikationstechnik) aufgenommen und weiterentwickelt hat. Laut Rudolph ist die zentrale Herausforderung in der Industrie, wie man trotz starker Währung, globaler Konkurrenz, steigenden Kundenbedürfnissen sowie dem rückläufigen Nachwuchs Geld verdienen könne. Denkmodelle wie «Industrie 2025» würden Optimierungsmöglichkeiten in zwei Handlungsfeldern herauskristallisieren: einerseits bei Produktionsanlagen und Prozessen, andererseits bei Produkten und Dienstleistungen auf der Ebene der Digitalisierung. Viele der dafür erforderlichen neuen Technologien bestünden bereits. Nun gehe es darum, diese gezielt einzusetzen. So können beispielsweise Service-Monteure der Schindler Aufzüge AG während einer Reparatur defekte Teile per Smartphone visualisieren. Sie erhalten darauf eine Meldung, in welchem Lager die Ersatzteile vorrätig sind, und können diese gleich online bestellen. So zeige sich mit der digitalen Transformation auch ein grosses Potenzial, wie Arbeitsabläufe rationalisiert werden können.

IT-Kompetenzen schulen

Jonas Masdonati von der Universität Lausanne legte im dritten und letzten Referat den Fokus auf den Wandel in der Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung. E-Counseling, so sagte er, sei gleich wirksam wie die persönliche Beratung, das zeigten die Ergebnisse vieler Studien. Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) würden bereits heute in jeder Phase des Beratungsprozesses genutzt, sowohl beim Explorieren, beim Verstehen und beim Handeln: Beim Explorieren wird beispielsweise in der Romandie der Online-Fragebogen ADOR zur Bedürfnisklärung eingesetzt, für die Phase des Verstehens gibt es Online-Tools zur Klärung von Entscheidungsstrategien, und für die Handlungsphase stehen auf berufsberatung.ch Berufswahlinformationen zur Verfügung. IKT-Tools könnten in jeder Prozessphase verstärkt genutzt werden, parallel dazu müssten fortlaufend Weiterbildungen für den Umgang mit E-Counseling-Praktiken angeboten werden, sagte Masdonati. Nur so liessen sich interaktivere Instrumente für die Evaluation und Intervention entwickeln und könne in Beratungen das Zusammenspiel der virtuellen und berufsbezogenen Identität der Ratsuchenden einbezogen werden.

Schwarmintelligenz nutzen

Nach jedem Referat folgte ein Austausch der Tagungsteilnehmenden nach der «World Café»-Methode. Inhalte und Ergebnisse dieses Austauschs wurden in einem mehrstufigen Prozess verdichtet und von Urs Brütsch, Leiter der SDBB-Fachkommission Weiterbildung, in einer Kreisgrafik veranschaulicht. Rico Loppacher, Fachkommissionsmitglied, führte die Resultate der dritten Diskussionsrunde in einer Matrix zusammen. «Grafik und Matrix sind wie ein Bouillonwürfel», beschrieb Loppacher das Extrakt der Tagung. Die Kreisgrafik nimmt auf, dass sich Big Data, Roboterisierung und Technologien wie Augmented Reality auf die Wirtschaft auswirken und einerseits zur Marktbeherrschung durch Grossunternehmen, andererseits zur Gründung von Start-ups führen. In der Arbeitswelt werden dadurch neue Spielräume, Arbeitsformen und flachere Hierarchien geschaffen. Die Bedeutung einfacher Arbeitstätigkeiten sowie von Detailhandel und Handwerk verändert sich. Patchwork-Arbeit und Arbeitsnomaden werden zur Normalität, neue Kompetenzen sind gefragt. Fachwissen verliert ebenso an Bedeutung wie formale Abschlüsse.

Einflüsse auf die Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung

Die Matrix beschreibt den Einfluss der digitalen Transformation auf die Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung, insbesondere auf die Kundenerwartungen, Methoden, Ressourcen und Ziele:
– Beratende stellen fest, dass sich die Schere im Bildungsniveau vergrössert und zunehmend Sinn- und Wertefragen gestellt werden. Dadurch sind vermehrt Prozessbegleitung, Coaching und Arbeitsmarktnähe seitens der Beratenden gefordert. Diesen Veränderungen könnte mit der Einführung neuer Beratungsformen wie dem E-Counseling begegnet werden und mit dem Fördern von Laufbahngestaltungskompetenzen. Dies setzt seitens der Beratenden Medienkompetenzen, zielgruppengerechte Sprache und eine regelmässige Anpassung des Kompetenzprofils voraus.
– Auf der Ebene der Information sollten Informationen gewichtet, vorselektioniert und ein niederschwelliger Zugang über alle Kanäle ermöglicht werden. Der Einstieg in die Informationssuche müsste individualisiert, Inhalte müssten vereinfacht und neue On-/Offline-Kanäle konzipiert werden. Damit dies möglich wird, müssen neue IT-Tools entwickelt und bewirtschaftet und neue Kompetenzen geschult werden.
– Die BIZ könnten sich als verlässliche Institutionen in beruflichen Umbruchsphasen profilieren. Dazu müssten der interkantonale Erfahrungsaustausch gestärkt, Think Tanks gegründet und nationale Strategien entwickelt werden. Dies umzusetzen, erfordert ein gutes Angebotsmarketing und das Vorantreiben von Forschung und Entwicklung, beispielsweise mit Leadinghouses.
Zum Zeitpunkt des Redaktionsschlusses war noch offen, welche Strategien die Schweizerische Konferenz der Leiterinnen und Leiter der Berufs- und Studienberatung (KBSB) auf der Basis dieses Extrakts definieren und umsetzen wird.

Links und Literaturhinweise

Impressionen der Tagung

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