Ausgabe 06 | 2017

BERUFSBILDUNG

Berufsentwicklung

Von der Idee bis zur Realisierung eines neuen Berufs

Das Beispiel der Höheren Fachprüfung ICT Security Expert zeigt, wie innerhalb von zwei Jahren ein neuer Beruf entwickelt werden kann. ICT-Berufsbildung Schweiz liess sich dabei vom Eidgenössischen Hochschulinstitut für Berufsbildung unterstützen. Eine wichtige Rolle spielt auch das SBFI.

Von Karin Heiz, Projektverantwortliche am Eidgenössischen Hochschulinstitut für Berufsbildung (EHB)

Bundesrat Schneider-Ammann eröffnete die Feier zum neuen Abschluss ICT Security Expert mit eidgenössischem Diplom. (Bild: Amira Sharaf)

Bundesrat Schneider-Ammann eröffnete die Feier zum neuen Abschluss ICT Security Expert mit eidgenössischem Diplom. (Bild: Amira Sharaf)

Ein Hackerangriff auf den Rüstungskonzern Ruag richtete einen immensen Schaden an. Dabei handelt es sich um keinen Einzelfall. Daher hiess der Bundesrat im Jahr 2012 die «Nationale Strategie zum Schutz der Schweiz vor Cyber-Risiken (NCS)» gut. Mit dieser Strategie will er zusammen mit Behörden, Wirtschaft und Betreibern kritischer Infrastrukturen die Cyber-Risiken minimieren. Die Strategie umfasst auch drei Massnahmen, die sich auf den Bereich Bildung und Forschung beziehen. Unter anderem sollen Lücken beim Angebot an Ausbildungsabschlüssen geschlossen werden. Genau hier setzt die Höhere Fachprüfung ICT Security Expert an. Sie attestiert den Absolvierenden, dass sie die Cyber-Risiken umfassend und auf allen Stufen berücksichtigen. Trägerschaft des Abschlusses ist ICT-Berufsbildung Schweiz. Die nationale Organisation der Arbeitswelt (OdA) bot bereits fünf Abschlüsse in der höheren Berufsbildung an. Die Erarbeitung des neuen Abschlusses überstieg die finanziellen Ressourcen des Verbandes. Daher suchte er sechs Entwicklungspartner, die er in namhaften Vertretern verschiedener Wirtschaftszweige und von Bundesstellen fand. Weitere Firmen und Institutionen unterstützten das Projekt inhaltlich. Mit ihrer Unterstützung des Projektes bestätigten die beteiligten Firmen und Bundesstellen den Bedarf an Fachkräften im ICT-Security-Bereich.

Es braucht einen Bedarfsnachweis

Der Nachweis des Bedarfs ist eine Voraussetzung vonseiten des Staatssekretariates für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) für die Erarbeitung eines Abschlusses. Es soll gewährleistet sein, dass der Abschluss einem Marktbedürfnis entspricht und die bestehenden Abschlüsse sinnvoll ergänzt. Diese Fragen werden an einer Kick-off-Sitzung mit dem SBFI besprochen. Auf dieser Basis entscheidet das SBFI, ob und unter welchen Voraussetzungen die Trägerschaft das Projekt realisieren kann. Erhält die Trägerschaft grünes Licht, kann sie mit dem Erarbeitungsprozess beginnen. Die Zuständigkeit für die Entwicklung und Durchführung liegt bei der OdA. Dabei wird sie vom SBFI finanziell unterstützt. ICT-Berufsbildung Schweiz konnte im Juni 2016 mit der Erarbeitung des Qualifikationsprofiles beginnen. Der Verband holte sich dafür methodische Unterstützung vom Eidgenössischen Hochschulinstitut für Berufsbildung (EHB). Das EHB begleitet die Organisationen der Arbeit bei der Analyse, Entwicklung, Umsetzung und Überprüfung ihrer Ausbildungen in der beruflichen Grundbildung und in der höheren Berufsbildung. Es arbeitet mit Methoden, die wissenschaftlich basiert sind und die es seit Jahren erfolgreich anwendet und weiterentwickelt. Die Erarbeitung einer Prüfungsordnung startet mit der Analyse der Berufstätigkeit. An vier Workshops legten Fachpersonen aus dem ICT-Sicherheitsbereich fest, für welche beruflichen Kompetenzen der Abschluss als ICT Security Expert HFP qualifizieren soll. Das Ergebnis ist ein Qualifikationsprofil, das 36 Handlungskompetenzen beinhaltet. Moderiert wurden die Workshops von einer Projektverantwortlichen des EHB. Für eine breite Abstützung des Ergebnisses rekrutierte die Trägerschaft die Teilnehmenden aus verschiedenen Wirtschaftszweigen, Betriebsgrössen und Landesregionen. In den Workshops fällten die Teilnehmenden sämtliche Entscheide über Inhalt und Formulierungen im Konsensverfahren. Hansjörg Hofpeter von ICT-Berufsbildung Schweiz bezeichnet dieses Merkmal der EHB-Methode als entscheidenden Erfolgsfaktor. «Alle sind begeistert vom Resultat der Workshops und stehen hinter dem Qualifikationsprofil», sagt er. Das Ergebnis überzeugte auch die projektverantwortliche Person vom SBFI. Sie gab der Trägerschaft das Einverständnis, die Erarbeitung von Prüfungsordnung und Wegleitung in Angriff zu nehmen. Für die Prüfungsordnung stellt das SBFI einen Leittext zur Verfügung, eine Vorlage, damit die rechtlichen Rahmenbedingungen eingehalten werden. Die Wegleitung erläutert den Kandidierenden die Prüfungsordnung.

Eine Prüfungsordnung entwickeln

In der Prüfungsordnung hält die Trägerschaft unter anderem fest, wie sie die Inhalte des Qualifikationsprofils prüft. Wie lassen sich die Handlungskompetenzen aus dem Qualifikationsprofil für eine Prüfung sinnvoll kombinieren? Wie sieht eine Prüfungssituation aus, welche der beruflichen Situation möglichst entspricht? Diese Fragen diskutierte ein Team unter der Leitung der EHB-Projektverantwortlichen. Sie zeigte die Vor- und Nachteile verschiedener Prüfungsformen sowie die Konsequenzen für die Durchführung auf. Rasch zeigte sich, dass drei Prüfungsteile dem Profil des ICT Security Expert gerecht werden: Portfolio kombiniert mit einem Expertengespräch, Fallstudie und Fallsimulation. Mit dem Portfolio und der Fallsimulation geht die Trägerschaft neue Wege. Für das Portfolio wählen die Kandidierenden Arbeitssituationen aus, bei deren Bearbeitung sie massgeblich mitarbeiteten. Damit zeigen sie, wie sie ihre Kompetenzen im Arbeitsalltag einsetzen. Im Expertengespräch stehen die fachliche Vertiefung der Arbeitssituationen und das Überprüfen der Eigenleistung im Zentrum. Die Fallsimulation besteht aus Posten zu je verschiedenen typischen beruflichen Situationen, die allein oder in Partnerarbeit bewältigt werden. Der Fokus für die Beurteilung liegt hier besonders bei den Haltungen wie Urteils- und Durchsetzungsvermögen, Verantwortungsbewusstsein und systemisches Denken. Diese und weitere Haltungen sind für eine erfolgreiche Tätigkeit als ICT Security Expert genauso wichtig wie fachliches Wissen.

Überprüfung durch das SBFI

Das SBFI überprüft bei der Prüfungsordnung Qualität, Inhalte und Einhaltung der juristischen Aspekte. Sind die Kriterien erfüllt, übersetzt die Trägerschaft die Dokumente in die beiden anderen Landessprachen. Anschliessend überprüft das SBFI nochmals die Dokumente und schreibt die Prüfungsordnung im Bundesblatt aus. Innerhalb von 30 Tagen kann Einsprache gegen die Prüfungsordnung gemacht werden. Bei der Prüfungsordnung für die HFP ICT Security Expert ging erwartungsgemäss keine Einsprache ein. Denn die Erarbeitung des Qualifikationsprofils und der Prüfungsordnung war breit abgestützt. Am 14. August 2017 erfolgte schliesslich die Genehmigung durch das SBFI. Nun konnte die Trägerschaft mit dem Erarbeiten der Prüfungsdokumente beginnen. Da Portfolio und Fallsimulation als Prüfungsform für die Trägerschaft neu sind, liess sie sich für diese beiden Prüfungsteile wieder vom EHB methodisch begleiten. Für die Fallsimulation und die Fallstudie erarbeitete ein Autorenteam eine Musterprüfung mit Prüfungsaufgaben und Bewertungsrastern, einen Leitfaden zuhanden des künftigen Autorenteams und ein Evaluationskonzept. Bei der Rekrutierung der Autoren zeigte sich wiederum, wie wichtig den beteiligten Firmen und Bundesstellen der Abschluss ist: Sie stellten hochkarätige Mitarbeitende frei. So ist auch bei den Prüfungen eine breite Abstützung gewährleistet. Als nächsten Schritt wird nun die Trägerschaft in einem Probedurchlauf mit freiwilligen Kandidatinnen und Kandidaten die Prüfungsdokumente testen. Anschliessend wird ein Autorenteam die erste Höhere Fachprüfung ICT Security Expert erstellen. Die Prüfungsexpertinnen und -experten werden sich an einer Schulung durch das EHB mit der neuen Prüfungskonzeption und den dazugehörenden Dokumenten vertraut machen. Sie sind dann in der Lage, die Prüfung professionell durchzuführen. Die Kandidatinnen und Kandidaten können sich aktuell an zwei Bildungsinstitutionen auf die Prüfung vorbereiten und im Sommer 2018 die Prüfung ablegen. Der Besuch von Vorbereitungskursen für Prüfungen der höheren Berufsbildung ist freiwillig. Die Trägerschaft lancierte den neuen Abschluss in einem feierlichen Anlass am 23. August 2017. Bundesrat Johann N. Schneider-Ammann eröffnete die Feier. Über 100 Expertinnen und Experten aus Unternehmen, Verbänden und Bildungsinstitutionen nahmen teil. Die Redner hoben vor allem die Bedeutung der ICT-Sicherheit für den Wirtschaftsstandort Schweiz, die hohen Anforderungen an Fachkräfte im ICT-Bereich und die breite Abstützung des neuen Abschlusses hervor.

Kasten

Sieben neue Berufe pro Jahr

Derzeit gibt es in der Schweiz fast 230 berufliche Grundbildungen (BGB), 220 Berufsprüfungen (BP) und 170 höhere Fachprüfungen (HFP). Im Durchschnitt werden jedes Jahr eine BGB, vier BP und zwei HFP neu entwickelt. Zudem werden jährlich rund 20 BGB, elf BP und sieben HFP revidiert. Die Trägerschaften können für die Entwicklung und Revision der Berufe auf einen Markt von 15 bis 20 Beratungsdienstleistern zurückgreifen, zu denen auch das EHB gehört. (lp)

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