Ausgabe 06 | 2017

BERUFSBILDUNG

Grundkompetenzen und Berufsabschluss für Erwachsene

Die Weichen sind gestellt

Der Bund hat diverse Massnahmen ergriffen, um Erwachsene mit geringen Qualifikationen zu unterstützen. So lancierte der Bundesrat im November 2017 ein Förderprogramm «Grundkompetenzen am Arbeitsplatz». Dieser Beitrag gibt einen Überblick über die Aktivitäten zu den Grundkompetenzen und zum Berufsabschluss für Erwachsene.

Von Daniel Fleischmann, PANORAMA-Redaktor

Digitalisierung, Fachkräfteinitiative, Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative – es gibt viele Titel, unter denen derzeit über die Förderung von wenig qualifizierten Personen gesprochen wird. Der vorliegende Text beschreibt die Aktivitäten im Rahmen des Weiterbildungsgesetzes und des Berufsbildungsgesetzes.

Förderung der Grundkompetenzen

Seit dem 1. Januar 2017 ist das Weiterbildungsgesetz in Kraft. Gestützt darauf unterstützt der Bund mit 15 Millionen Franken Aktivitäten von 18 Kantonen zur Förderung der Grundkompetenzen Erwachsener. Die Kantone wenden ihrerseits mindestens ebenso viel auf – und ergänzen die Massnahmen mit Aktivitäten etwa im Rahmen der kantonalen Integrationsprogramme (zum Beispiel Sprach- und Alphabetisierungskurse). Die Grundkompetenzen Erwachsener umfassen gemäss einem Grundsatzpapier von Kantonen und Bund grundlegende Kenntnisse und Fähigkeiten in den folgenden Bereichen:
a) Lesen, Schreiben und mündliche Ausdrucksfähigkeit in einer Landessprache;
b) Grundkenntnisse der Mathematik;
c) Anwendung von lnformations- und Kommunikationstechnologien.
Zusätzlich zu den Förderungen im Rahmen des Weiterbildungsgesetzes hat der Bundesrat am 8. November 2017 einen Förderschwerpunkt «Grundkompetenzen am Arbeitsplatz» beschlossen. Die notwendigen Mittel dafür (2018 bis 2020 etwa 13 Mio. Franken) werden aufgrund des Berufsbildungsgesetzes (Artikel 32 und 55) zur Verfügung gestellt. Im Fokus stehen Grundkompetenzen, die eng auf die Anforderungen des Arbeitsplatzes bezogen sind. Hier geht es zum Beispiel darum, schriftliche Arbeitsanweisungen oder Einsatzpläne zu verstehen, Arbeitsrapporte selbstständig auszufüllen oder die Funktionsweise eines Kassensystems mit Touchscreen zu verstehen, um kleinere Störungen selbst zu beheben. Zielgruppe sind Geringqualifizierte und insbesondere ältere Arbeitnehmende. Unterstützt werden Massnahmen, die für die Arbeitnehmenden mindestens 20 und höchstens 40 Stunden dauern und die
– im Rahmen des Weiterbildungsangebots von Branchenfonds oder Organisationen der Arbeitswelt geführt werden oder
– als firmeninterne Weiterbildung angeboten werden.
Der Bund übernimmt die direkten Kurskosten, sofern die Kurse während der Arbeitszeit besucht werden. Ein mögliches Modell zur Umsetzung ist das GO-Modell des Schweizerischen Verbandes für Weiterbildung (SVEB). Bei Massnahmen gemäss diesem Modell erhalten Mitarbeitende in kurzen Lernsequenzen die Kompetenzen, die sie im betrieblichen Umfeld brauchen. Das Modell ist flexibel in allen Betriebsgrössen einsetzbar und regelt die Zusammenarbeit einiger wichtiger Rollenträger: Türöffnerin, Prozessbegleiter, Bedarfsanalystin, Kursleiter und Transferverantwortliche.

Förderung des Berufsabschlusses

Das Beherrschen von Grundkompetenzen bildet die Grundlage für weitere Bildungsschritte im Rahmen des Erst- oder Zweitabschlusses von Erwachsenen. Zu diesem Thema sind in jüngster Zeit drei Studien erschienen – zwei davon im Auftrag des SBFI (siehe PANORAMA 5/2017) sowie die SVEB-Studie «Betriebe als Chancengeber». Die letztgenannte Studie zeigt, was die zentralen Akteure – Betriebe, Organisationen der Arbeitswelt (OdA) und Kantone – tun können, um Berufsabschlüsse im Betrieb zu fördern:
– Den Betrieben wird empfohlen, ein auf sie zugeschnittenes Konzept für die Qualifizierung von Erwachsenen zu erstellen. Damit können sie die Mitarbeitenden informieren, begleiten und ihnen ermöglichen, Lernen und Arbeiten ohne Lohneinbusse zu verbinden.
– Den OdA und den Kantonen wird empfohlen, im Rahmen ihrer Zuständigkeiten dazu beizutragen, dass erwachsenengerechte Bildungsangebote zur Verfügung stehen. Sie sind darüber hinaus aufgefordert, nicht nur den Kandidaten/-innen, sondern insbesondere auch den Betrieben die nötigen Informationen zur Verfügung zu stellen, damit sich diese möglichst effizient engagieren können.
Der Bund fördert seit 2015 im Rahmen von Artikel 54 (Beiträge für Projekte zur Entwicklung der Berufsbildung) für den genannten Bereich folgende Projekte mit insgesamt 2,5 Millionen Franken (entspricht maximal 60 Prozent der Projektkosten):
– Enter; Berufsabschluss für Menschen aus der Sozialhilfe; Durchgang 2, Kanton Basel-Stadt
– Nach- und Höherqualifizierung im Rahmen der beruflichen Grundbildungen, Kanton Zürich
– Studie Eingangsportal BAE Nordwestschweiz, PH Zürich und Bildungsraum NWCH
– Arbeitswelt Innerrhoden, Kanton AI
– Certification initiale des adultes – chemins vers le succès, Kanton VD
Das jüngste Projekt aus dem Kanton Waadt schliesst an die guten Erfahrungen an, die der Kanton bei der Förderung der beruflichen Bildung von Personen, die Sozialhilfe beziehen, gemacht hat. Im Rahmen dieser Programme «Forjad» und «Formad» (vorgestellt in PANORAMA 5/2015) erhalten Betroffene statt Sozialhilfe ein Bildungsstipendium in derselben Höhe. Das neue Programm zielt nun darauf, die Zahl der Berufsabschlüsse von Personen über 25 zu erhöhen und die entsprechenden Massnahmen zu verbessern. Gefördert werden sollen in erster Linie Personen ohne Lehrvertrag (Artikel 32 BBV). «Alleine im Kanton Waadt erhalten wir rund 100 Anfragen pro Monat von Erwachsenen, die einen solchen Abschluss machen wollen», begründet Projektleiter Jean-Pierre Baer. Bereits heute bieten im Kanton Waadt Privat- und Berufsfachschulen 25 schulische Bildungen in zehn Berufen an, über die Personen mit mindestens fünf Jahren Berufserfahrung zu einem eidgenössischen Attest oder Fähigkeitszeugnis gelangen können. Die Absolvierenden besuchen dabei eigens gebildete Erwachsenenklassen, aber die Qualifikationsverfahren bleiben gleich. Jean-Pierre Baer: «Solche speziellen Klassen erlauben, den Unterricht in die Freizeit zu verlegen; dadurch gibt es keine Lohneinbusse. Zudem können wir viel besser auf das Lerntempo der Absolventen und Absolventinnen eingehen und den Unterricht verdichten.» Am Projekt können auch Personen aus anderen Westschweizer Kantonen teilnehmen; mit der Kommission «Formation et qualification des adultes» (FQA) besteht eine entsprechende Plattform.

Kritikpunkte

Das Vorgehen des Kanton Waadt ermöglicht den Absolvierenden einen Berufsabschluss ohne Lohneinbusse. Damit trägt es der hohen Bedeutung der indirekten Kosten von Bildungsmassnahmen für Erwachsene Rechnung, die viele interessierte Personen abhalten dürften, einen Berufsabschluss nachzuholen. Die Studie «Berufsabschluss für Erwachsene: Befragung von Absolventinnen und Absolventen» ergab nämlich, dass die Kinderbetreuungspflichten und der finanzielle Unterhalt der Familie auf Erwachsene während einer beruflichen Grund-bildung besonders belastend wirken. Erwachsene können zwar Stipendien oder Darlehen beantragen, ALV- oder IV-Gelder beziehen oder sich an private Stiftungen oder Fonds wenden. Aber diese Instrumente werden restriktiv gehandhabt (zum Beispiel Altersbeschränkung bei Stipendien, defensive Praxis der Vergabe von Ausbildungszuschüssen bei der Arbeitslosenversicherung). Sabina Giger, Projektverantwortliche im SBFI: «Jedes Jahr schliessen rund 8000 Personen über 25 Jahre eine berufliche Grundbildung ab. Dies entspricht etwa 12 Prozent aller Abschlüsse. Das ist beachtlich. Dennoch ist das Potenzial von Erwachsenen noch nicht ausgeschöpft.» Wie gross dieses Potenzial effektiv ist, lässt sich allerdings nicht beziffern. In der Schweiz sind 400'000 Personen im Alter von 25 bis 54 ohne Abschluss auf Sekundarstufe II, dazu kommen all jene Personen mit einem Abschluss, der im Arbeitsmarkt nicht mehr gefragt ist oder es in Zukunft nicht mehr sein wird. Neben den finanziellen Aspekten bestehen weitere Vollzugsprobleme:
– Die Gefässe für einen Berufsabschluss für Erwachsene sind zu wenig bekannt. Deshalb wird das SBFI 2018 bis 2019 eine Informations- und Sensibilisierungskampagne durchführen.
– Die OdA und die Kantone nutzen den vorhandenen Spielraum kaum. Eine Validierung ist zum Beispiel nur in wenigen Berufen möglich. Es fehlen erwachsenengerechte Angebote wie zum Beispiel die Entwicklung von Branchenzertifikaten oder das Mitdenken von Umschulungsmöglichkeiten bei der Konzeption von neuen Berufsabschlüssen.
– Betriebe und Bildungsinstitutionen bieten wenige erwachsenengerechte Angebote an. Sie sollten Ausbildungsplätze für Erwachsene schaffen und eigene Mitarbeitende unterstützen, die sich qualifizieren wollen (Begleitung auch ohne Lehrvertrag, Ermöglichen von Pensen-reduktion und Schulbesuch, Lohnzahlungen und Kostenübernahmen). Arbeitgeber sollten zudem Kompetenzen attestieren (Standortbestimmungen, kompetenzorientierte Zwischenzeugnisse), denn diese bilden eine Voraussetzung und einen ersten Schritt für erwachsenengerechte berufliche Um- und Nachqualifizierungen (verkürzte Wege, Dispensationen, Validierung usw.)

Links und Literaturhinweise

www.sbfi.admin.ch
www.sbfi.admin.ch/berufsabschluss-erwachsene
www.berufsbildungplus.ch
www.vd.ch/certification-adultes
www.alice.ch

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