Ausgabe 05 | 2017

ARBEITSMARKT

«Job-Polarisation» und neue Arbeitsformen

So verändert die Digitalisierung die Arbeitswelt

Digitalisierung und Vernetzung lösen eine vierte industrielle Revolution aus. Bisher hat diese zu einem Wachstum der Beschäftigten mit hoher und geringer Qualifikation geführt, während ein Rückgang der Beschäftigten mit mittlerer Qualifikation zu verzeichnen ist. Aber wie sieht es in Zukunft aus? Eine neue Studie fasst das aktuelle Wissen zusammen und stellt Prognosen.

Von Stephan Vaterlaus und Patrick Zenhäusern, Polynomics AG

Wenn über die Digitalisierung gesprochen wird, fallen oft Bezeichnungen wie «Vierte industrielle Revolution» oder «Industrie 4.0». Damit werden Digitalisierung und Vernetzung via Internet in den Kontext der früheren industriellen Revolutionen gestellt. Sie veränderten das Wirtschaftsgeschehen sehr stark und disruptiv. Bei der Mechanisierung (ab 1800) standen die Ergänzung oder der Ersatz von körperlichen Tätigkeiten durch die Wasser- und Dampfkraft im Fokus. Bei der Automatisierung (ab 1900) wurde mithilfe von Fliessbändern und Strom der Grundstein für die Massenproduktion gelegt. Und seit den 1970er-Jahren beschleunigen die Elektronik und Informationstechnologien die Globalisierung. Die primäre Wirkung der Digitalisierung und Vernetzung besteht im Abbau von Informationsasymmetrien und damit einhergehend in der Senkung von Transaktionskosten. Die Märkte dehnen sich aus, was völlig neue Geschäftsfelder und Unternehmen schafft. Viele von ihnen zeichnen sich durch ein enormes Wachstumspotenzial aus. Die mit der Digitalisierung verbundenen Entwicklungen haben einen Einfluss auf das Verhältnis von Kapitaleinsatz und Arbeitsnachfrage. Wird die Arbeit zukünftig fast nur noch von Robotern und Maschinen erledigt? Die Antwort ist sehr schwierig. Wirft man einen Blick auf jüngere Untersuchungen, finden sich verschiedene Zukunftsbilder – vom Aus der traditionellen Arbeit bis hin zu einer Zunahme neuer Arbeitsplätze. Die vorliegende Studie fasst die wichtigsten Ergebnisse von rund 80 nationalen und internationalen Studien zusammen.

Hohe und niedrige Qualifikationen profitierten

Die Auswirkungen der Digitalisierung können schon seit einiger Zeit beobachtet werden. Im Vordergrund stehen zwei Entwicklungen: die «Job-Polarisation» und die Verlagerung der Arbeitsplätze vom Industrie- zum Dienstleistungssektor. Der Begriff Job-Polarisation beschreibt die Veränderung der Arbeitsplätze nach Qualifikationen. So sank in der Schweiz in den letzten zwei Jahrzehnten der Anteil von Arbeitsstellen mittlerer Qualifikation an der Gesamtbeschäftigung um knapp 10 Prozent, während der Anteil an Stellen, für die hohe bzw. tiefe Qualifikationen erforderlich sind, um 7,6 Prozent bzw. 1,9 Prozent stieg. Bei den Hochqualifizierten sind mit der Digitalisierung viele neue Berufsbilder entstanden. Gemäss einer Analyse für die USA hatten bereits zwischen 2000 und 2010 rund 70 Prozent der in der Unternehmenspraxis neu verwendeten Berufsbezeichnungen einen direkten Bezug zu digitalen Technologien (z. B. RFID-Spezialist, Nanosystem-Ingenieurin, Microsystems Engineer). Die Zunahme der Stellen für weniger Qualifizierte ist vorwiegend auf zwei Faktoren zurückzuführen. Einerseits basieren viele dieser Tätigkeiten auf physischem Kontakt (Coiffeuse, Hausmeister), was deren digitale Substitution einschränkt. Andererseits profitieren viele dieser Berufsbilder vom Wachstum der Arbeitsplätze bei den Hochqualifizierten (Haushaltshilfen, Bedienungspersonal). Pro geschaffene Stelle bei den Hochqualifizierten entstehen mehrere Stellen bei den wenig Qualifizierten. Einen Stellenrückgang erlebten in den letzten Jahren hingegen die Arbeitskräfte mit einer mittleren Qualifikation. Dabei handelt es sich vor allem um Bürotätigkeiten, wie sie Sachbearbeiter oder Beamte verrichten. Denn während die bisherigen industriellen Revolutionen vor allem die Welt der physischen Produktionen umkrempelten, werden durch die Digitalisierung und Vernetzung zunehmend auch kognitive Aufgaben automatisierbar. Der zweite Arbeitsmarkt-Effekt, der seit Langem beobachtet werden kann, ist die Verlagerung der Arbeitsplätze vom Industrie- in den Dienstleistungssektor. In der Schweiz hat die Zahl der Beschäftigten im Gesundheits- und Sozialwesen in den letzten 25 Jahren um 85 Prozent, diejenige in der Bildung und Erziehung um 65 Prozent und diejenige in der öffentlichen Verwaltung um 33 Prozent zugenommen. Auf der anderen Seite haben Automatisierung und Digitalisierung dazu geführt, dass die Beschäftigung im Industriesektor um 20 Prozent gesunken ist.

Stellenwachstum auch in der Zukunft

Um die zukünftigen Auswirkungen der Digitalisierung und Vernetzung auf den Arbeitsmarkt abzuschätzen, ist das Automatisierungspotenzial von Arbeitsplätzen zu beachten. Hier zeigt sich, dass die Schweiz im internationalen Vergleich gut positioniert ist: Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie, die Uhrenhersteller, die Pharma- und die Chemiebranche sowie die Lebensmittelbranche haben in den letzten 25 Jahren bereits zahlreiche Automatisierungsschritte vollzogen, während sie gleichzeitig den Wert ihrer Exporte weit mehr als verdoppelten! Zudem führt das theoretische Automatisierungspotenzial (wonach in den kommenden rund zwanzig Jahren je nach betrachtetem Land 45 bis 70 Prozent der heute bekannten Berufsbilder verschwinden) nicht dazu, dass Arbeitsplätze tatsächlich verschwinden. Ökonomisch rational ist im OECD-Länderdurchschnitt die Automatisierung von knapp 10 Prozent der Berufsbilder. Trotzdem ist davon auszugehen, dass in den nächsten Jahren Arbeitsplätze verschwinden werden. Laut Schätzungen vollzieht sich der Rückgang in der Schweiz bis 2025 hauptsächlich in den Bereichen Büro- und verwandten Berufen (–74'000 Stellen) und den Handwerks- und verwandten Berufen, namentlich in der Bauindustrie (–20'000). Zugleich dürften aber auch – analog der bisherigen Entwicklung – neue Stellen entstehen. Profitieren werden vor allem die Unternehmens- und übrigen Dienstleistungen insbesondere in der Informations- und Kommunikationsbranche. Netto kann in den nächsten zehn Jahren von einem Arbeitsplatzaufbau von rund 187'000 Stellen ausgegangen werden.

Wandel der Arbeitsformen und Anforderungen

Mit den beschriebenen Entwicklungen gehen Veränderungen bei den Arbeitsformen und den Qualifikationsanforderungen einher. Es ist zu erwarten, dass das heute dominierende feste Angestelltenverhältnis – in der Schweiz sind derzeit rund 85 Prozent der Erwerbstätigen fest angestellt – an Bedeutung verlieren wird. Dafür werden atypische Arbeitsformen wie befristete Anstellungen, Arbeit auf Abruf oder Arbeit bei mehreren Arbeitgebern zunehmen. Laut Schätzungen könnten Unternehmen in Deutschland bis 2030 rund 30 bis 40 Prozent ihrer Arbeiten durch Crowdworking – also die externe Vergabe – abdecken. Es ist jedoch davon auszugehen, dass diese neuen Arbeitsformen nicht in allen Branchen gleich stark vertreten sein werden. Auch die Qualifikationsanforderungen dürften sich verändern. Neue Stellen werden Fachwissen in den Bereichen Kundenservice, Sprachen, Mathematik, Computer und Elektronik erfordern. An Fertigkeiten dürften Kreativität und soziale Intelligenz wichtig werden, wogegen Fertigkeiten wie das Reparieren oder das Kontrollieren von Qualität an Bedeutung verlieren werden. Auch sie sind über Algorithmen automatisierbar geworden.

Neue Herausforderungen für die Politik

Um für die Digitalisierung und Vernetzung gut gerüstet zu sein, gilt es im Bildungssystem, mit Blick auf die identifizierten Ausprägungen von Fachwissen, Fertigkeiten und Fähigkeiten Prioritäten zu setzen. Bei der schulischen Bildung ist ein stärkerer Fokus auf die Vermittlung von ICT-Kompetenzen in Erwägung zu ziehen. Ausbildungsstätten müssen die in der Praxis veränderten Qualifikationsbedürfnisse zudem besser vorwegnehmen und ihre Lehrgänge laufend anpassen. Für die Arbeitnehmenden ist konstante Weiterbildung notwendig, damit sie arbeitsmarktfähig bleiben. Die Halbwertzeit von angeeignetem Wissen wird weiter abnehmen. Die Schweiz hat zwar weltweit eine der höchsten Weiterbildungsquoten, allerdings nur bei den hochqualifizierten Personen. Lebenslanges Lernen bleibt zwar in der individuellen Verantwortung der Mitarbeitenden. Die Unternehmen sind jedoch in der Pflicht, sie dabei zu unterstützen. Schliesslich ist auch der Staat gefordert, der Regulierungen auf ihre Digitalisierungstauglichkeit hin überprüfen sollte. Aus Sicht des Arbeitsmarktes stehen dabei die Bereiche Arbeits- und Sozialversicherungsrecht und der Datenschutz im Fokus.

Links und Literaturhinweise

Zenhäusern, P., Vaterlaus, S. (2017): Digitalisierung und Arbeitsmarktfolgen. Metastudie zum Stand der Literatur und zu den Entwicklungen in der Schweiz. Luzern, Fondation CH2048.

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