Ausgabe 05 | 2017

ARBEITSMARKT

Strategien zur beruflichen Integration

Das Engagement der Kantone ist sehr unterschiedlich

Die Caritas hat im Rahmen ihres aktuellen Armutsmonitorings die Kantone zu deren Engagement in der beruflichen Integration befragt. Nur gerade sechs Kantone haben eine Strategie in diesem Bereich entwickelt. Die meisten beschränken sich auf eine möglichst rasche Wiedereingliederung von Erwerbslosen.

Von Bettina Fredrich, Leiterin Fachstelle Sozialpolitik, Caritas Schweiz

In der Schweiz fehlt ein nationales Monitoring, das die Armutssituation systematisch analysiert und die dringlichen Handlungsfelder benennt. Caritas erstattet deshalb bereits zum sechsten Mal in Folge Bericht zu einem armutspolitischen Thema, dieses Jahr zur beruflichen Integration. Nachhaltige berufliche Integration ist ein zentrales Element im Kampf gegen Armut, denn Erwerbstätige haben ein markant geringeres Armutsrisiko. Da die Kantone in diesem Bereich eine Schlüsselposition einnehmen, hat Caritas diese nach ihrem Engagement in der beruflichen Integration befragt.

Erwerbsarbeit und Armut

Ob und zu welchen Bedingungen wir arbeiten, ist massgebend für unsere Lebensqualität. Idealerweise bietet Erwerbsarbeit materielle Sicherheit, schafft Zukunftsperspektiven und die Möglichkeit für soziale Begegnungen. Während sieben Prozent der Gesamtbevölkerung in Armut leben, trifft es bei den Erwerbstätigen nur 3,9 Prozent. Nicht alle Männer und Frauen haben die gleichen Möglichkeiten, eine existenzsichernde Arbeit auszuüben. Einige sind beruflich schlecht integriert, andere sind vom Arbeitsmarkt ganz ausgeschlossen. Der Zusammenhang zwischen Erwerbsarbeit und Armut besteht mindestens auf drei Ebenen: Erstens erzielt, wer keine Arbeit hat, auch kein Einkommen. Erwerbslose können ihre Existenz nicht eigenständig sichern. Zweitens sind auch Erwerbstätige nicht zwingend vor Armut gefeit. So kämpfen Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen häufig mit einem Einkommen unter der Armutsgrenze, weil sie als Niedrigqualifizierte selbst mit einem Vollzeitpensum nur einen kleinen Lohn erzielen. Drittens trägt auch die mangelnde Möglichkeit, Beruf und Familie zu vereinbaren, zur Armut bei. So kommen berufstätige Eltern – insbesondere Alleinerziehende – häufig nicht auf einen existenzsichernden Lohn, weil die Betreuungsarbeit für Kinder oder pflegebedürftige Angehörige es ihnen unmöglich macht, Vollzeit zu arbeiten. Basierend auf der Erkenntnis, dass Erwerbsarbeit Armut vermindert, haben Invalidenversicherung, Arbeitslosenversicherung und Sozialhilfe die berufliche Integration in den letzten Jahren zunehmend gefördert. Dabei konzentrierten sie sich häufig auf spezifische Phasen der Erwerbslosigkeit oder auf bestimmte Bevölkerungsgruppen. Für eine nachhaltige Armutspolitik ist aber ein ganzheitlicher Blick entscheidend. Dafür braucht es das Engagement der Kantone. Ihnen kommt in der Konzeptualisierung sowie in der Steuerung, Priorisierung und Koordination der nachhaltigen beruflichen Integration eine zentrale Rolle zu. Deshalb ist die Caritas in ihrem diesjährigen Armutsmonitoring der Frage nachgegangen, ob die Kantone über kohärente Strategien zur beruflichen Integration verfügen. Alle Kantone haben sich an der Umfrage beteiligt. Neben den Umfrageergebnissen wurden für die Analyse auch vorhandene Dokumente wie Strategiepapiere und kantonale Grundlagen wie Armutsberichte oder Legislaturziele berücksichtigt. Die Daten wurden zwischen Dezember 2016 und Februar 2017 erhoben und ausgewertet.

Explizite Strategien selten

Die Analyse zeigt, dass sich das strategische Engagement in der beruflichen Integration zwischen den Kantonen stark unterscheidet. Nur in sechs Kantonen – Aargau, Basel-Stadt, Bern, Freiburg, Neuenburg und Tessin – liegen derzeit kantonale Strategien zur beruflichen Integration vor, die auf Situationsanalysen beruhen, Ziele definieren und Massnahmen daraus ableiten. Inhaltlich fokussieren die Kantone ausschliesslich auf die (Wieder-)Eingliederung von Erwerbslosen, insbesondere von jungen Erwachsenen, Langzeitarbeitslosen oder Migrantinnen und Migranten. Die zur beruflichen Integration notwendigen Rahmenbedingungen wie die Besserstellung von «Working Poors» oder die Verbesserung der Möglichkeit, Beruf und Familie zu vereinbaren, werden von den Kantonen selten in die Strategien aufgenommen. Auch die Aus-, Um- oder Weiterbildung von Erwerbslosen wird nur in ausgewählten Zusammenhängen thematisiert. Mit Basel-Landschaft, Genf, Luzern, Schaffhausen, Solothurn und Waadt verfügen sechs weitere Kantone über strategische Ansätze zur beruflichen Integration. Diese Kantone haben Ziele im Bereich der beruflichen Integration in die aktuelle Legislaturplanung aufgenommen oder thematisieren sie detailliert in Armutsberichten. Die restlichen 14 Kantone verfügen lediglich über Basisstrukturen. Diese beruhen weitgehend auf den kantonalen Integrationsprogrammen (KIP) und der interinstitutionellen Zusammenarbeit (IIZ). Die Anstrengungen der Kantone im Rahmen der KIP und der IIZ variieren jedoch stark. So engagiert sich beispielsweise Graubünden besonders in der beruflichen Integration von anerkannten Flüchtlingen und vorläufig Aufgenommenen. Zürich hingegen ist im Rahmen der IIZ weit fortgeschritten. Der Kanton weist eine stark institutionalisierte und ausgebaute IIZ auf, die als eigenständige Geschäftsstelle im Amt für Wirtschaft präsent ist und Wirksamkeitsprüfungen durchführt.

Erfordernisse aus Sicht der Caritas

Das Prinzip, Armut durch Arbeit zu bekämpfen, ist nicht neu und wird seit einigen Jahren auch von den Sozialwerken priorisiert. Trotzdem besteht aus politischer Sicht Handlungsbedarf im Kampf gegen Armut. Die Kantone spielen dabei eine wichtige Rolle als Nahtstelle zwischen den Akteuren der beruflichen Integration. Caritas fordert die Kantone deshalb auf, Strategien zur beruflichen Integration zu verabschieden, die auf kantonalen Situationsanalysen basieren, Ziele und Massnahmen beinhalten und systematisch evaluiert werden. Dabei ist es zentral, dass die berufliche Integration über die Wiedereingliederung Erwerbsloser hinausgeht. Denn damit die Integration nachhaltig ist, muss die Erwerbsarbeit mit der Familie vereinbar und der Lohn existenzsichernd sein. Zudem gilt es, das Potenzial qualifizierender Aus- und Weiterbildung für alle – unabhängig vom Alter – auszuschöpfen. Gleichzeitig darf man die Augen vor der Realität nicht verschliessen: Immer mehr Menschen finden nach einem Stellenverlust nicht mehr zurück in den Arbeitsmarkt. Insbesondere das Stellenangebot für Niedrigqualifizierte geht zurück, und diese Entwicklung wird sich im Zuge der Digitalisierung noch verstärken. Die Kantone sind deshalb gut beraten, Strategien zu entwickeln, wie soziale Teilhabe für diese Menschen ausgestaltet sein soll.

Links und Literaturhinweise

Caritas Schweiz (2017): Durch berufliche Integration Armut bekämpfen. Luzern.

3 Fragen

«Die Analyse greift etwas kurz»

an Roland Favre, Chef der Walliser Koordinationsstelle für soziale Leistungen

(Bild: Annik Hofmann-Métrailler)

Was sagen Sie zum Caritas-Bericht? Der Ansatz der Caritas ist interessant. Ich finde aber, dass die Analyse etwas zu kurz greift. Nur weil der Kanton Wallis nicht über einen politischen Grundlagentext zur Integration verfügt, heisst das noch lange nicht, dass er nicht genug macht. Die Autoren hätten sich eingehender mit der Praxis beschäftigen müssen. Ich persönlich habe den Eindruck, dass wir durchaus im Sinne der Caritas-Empfehlungen handeln.

Was heisst das konkret?
Wir engagieren uns sowohl für die soziale als auch für die berufliche Integration. 2016 haben wir mit dem SAH das Programm ISA für aktive soziale Integration ins Leben gerufen. Es richtet sich an Personen, die dauerhaft vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen sind. Wir haben ausserdem das Programm Riesco für die berufliche Integration im Gastronomie- und Hotelleriebereich umgesetzt. Zurzeit entwickeln wir ein ähnliches Programm für das Gesundheitswesen.

Und wie sieht es mit der interinstitutionellen Zusammenarbeit aus?
Dank der hervorragend funktionierenden IIZ können wir wirksamer agieren, indem wir Synergien nutzen. Wir haben die IIZ kürzlich sogar noch ausgebaut: Neben den sechs bisherigen Partnern – Arbeitslosenversicherung, Sozialhilfe, IV, Sucht Wallis, Suva und Berufsbildung – wurden auch das Asylwesen sowie die Regel- und Sonderschulen ins System integriert. Vor allem beim Übergang I können dank dieser Zusammenarbeit problematische Situationen von jugendlichen Bildungsabbrechern besser antizipiert werden. (cbi)

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