Ausgabe 05 | 2017

BERUFSBERATUNG

Berufsvorbereitungsjahr

Begleitung ist wichtiger als das Schliessen schulischer Lücken

Ein Teil der Jugendlichen benötigt nach der obligatorischen Schulzeit ein Berufsvorbereitungsjahr. Forschende der Uni Zürich und der PH St. Gallen haben ehemalige Schülerinnen und Schüler gefragt, was für sie in dieser Zeit hilfreich war.

Von Stefanie Dernbach-Stolz, Philipp Gonon und Chantal Kamm (UZH) sowie Christian Brühwiler und Anja Gebhardt (PHSG)

Die Berufswahl stellt Jugendliche vor grosse Herausforderungen. Die Schülerinnen und Schüler können in diesem Prozess zwar auf unterschiedliche Unterstützungsangebote zurückgreifen. Empirische Studien weisen jedoch nach, dass viele Jugendliche diese nur unzureichend nutzen. Dies zeigt sich insbesondere bei denjenigen, die durch ihre Bezugspersonen wie beispielsweise die Eltern nicht unterstützt werden können oder mit schulischen, familiären oder sozialen Problemen konfrontiert sind. In einem gemeinsamen Projekt «Gelingende Übergänge für Risikogruppen in die Berufsbildung (GÜRB)» untersuchen die Pädagogische Hochschule St. Gallen und die Universität Zürich, wie Jugendliche mit unterschiedlichen Risikofaktoren den Übergang in die berufliche Grundbildung und in die Arbeitswelt bewältigen. Das Projekt zielt einerseits darauf ab, Risikofaktoren und Erfolgsindikatoren zu identifizieren. Andererseits sollen die Nutzung und Wirksamkeit von Unterstützungs- und Brückenangeboten analysiert werden. Auf der Basis der gewonnenen Erkenntnisse werden gemeinsam mit einer Begleitgruppe aus der Praxis Handlungsempfehlungen für die Optimierung der Unterstützungsangebote formuliert. Mittels einer Online-Befragung wurde bei 406 jungen Erwachsenen, aus drei Deutschschweizer Kantonen erhoben, welche Unterstützungsangebote sie im Berufswahlprozess genutzt hatten, wie hilfreich diese waren und welche weitere Unterstützung sie benötigt hätten. Die Stichprobe umfasste 310 Jugendliche, die das Berufsvorbereitungsjahr im Kanton Zürich besucht hatten, und 96 Schülerinnen und Schüler, die im Rahmen eines vorangegangenen Projektes an einer Längsschnittstudie teilgenommen hatten. Anhand der ausgewerteten Daten wurden drei Erfolgsgruppen (Erfolg – Durchschnittserfolg – Misserfolg) und drei Risikogruppen (gute Ausgangslage bei guter Unterstützung – mittlere Ausgangslage bei schlechter Unterstützung – schlechte Ausgangslage bei guter Unterstützung) identifiziert. Als Indikatoren für Erfolg wurden beispielsweise die berufliche Selbstwirksamkeit, die Berufspassung und die Note des Qualifikationsverfahrens herangezogen. Das weibliche Geschlecht, Migrationshintergrund, schwache Resultate im Stellwerk-Check und ein tiefer sozioökonomischer Hintergrund wurden unter anderem als Risikofaktoren bestimmt. Auf der Grundlage dieser Gruppeneinteilung wurden in der zweiten Projektphase zwölf leitfadengestützte Interviews mit jungen Erwachsenen durchgeführt. Die Jugendlichen äusserten sich in den Gesprächen ausführlich zu ihrem Berufswahlprozess und zur erlebten Unterstützung während dieser Phase. Von Interesse war insbesondere, wie wirksam die erhaltene Unterstützung war, um einen Berufswahlentscheid treffen zu können und die damit verbundenen Herausforderungen zu überwinden. Die Beispiele von Luy Pam und Berkant Oezpay (siehe «Drei Fragen») zeigen Ausschnitte aus den Interviews und geben einen Einblick, wie junge Erwachsene ihren Berufswahlprozess erlebt haben und welche Bedeutung der Besuch eines Berufsvorbereitungsjahrs für sie hatte.

Zeit für die persönliche und berufliche Entwicklung

Die Auswertungen im Hinblick auf die Wirksamkeit von Unterstützungsangeboten zeigen, dass die befragten Jugendlichen während dem gesamten Berufswahlprozess die eigenen Eltern, Informationen aus dem Internet sowie die Lehrpersonen des Berufsvorbereitungsjahrs als besonders hilfreich empfanden. In den Interviews bestätigte sich, dass das Berufsvorbereitungsjahr rückblickend als sehr wertvoll für die persönliche und berufliche Entfaltung wahrgenommen wird. Alle interviewten Jugendlichen beschreiben, dass sie sich während der Berufswahl in der Oberstufe noch nicht bereit fühlten, sich für einen Ausbildungsberuf zu entscheiden und nach einer Lehrstelle zu suchen. Sie sahen sich in einem Spannungsfeld zwischen der Entfaltung der eigenen Persönlichkeit und dem Finden eines passenden beruflichen Weges. Zu diesen Aussagen passt auch, dass zwei Drittel der Jugendlichen in den Interviews angaben, sich während der Berufswahl orientierungslos gefühlt zu haben. Ihre erste Entscheidung für eine Berufsausbildung beruhte teilweise auf Zufällen. Das Berufsvorbereitungsjahr bot aus der Sicht der jungen Erwachsenen den zeitlichen Spielraum, sich persönlich weiterzuentwickeln, sich beruflich zu orientieren und die notwendige Berufswahlbereitschaft zu entfalten. Dementsprechend erachten die Jugendlichen die individuelle Unterstützung und Begleitung im Rahmen des Berufsvorbereitungsjahrs als wirksamer als die Arbeit an schulischen Lücken. Im Hinblick auf mögliche Verbesserungen des Angebots zeigte sich, dass die Jugendlichen weitere individuelle Unterstützung von relevanten Bezugspersonen oder Lehrpersonen – beispielsweise durch ein Coaching – als hilfreich empfunden hätten. Darüberhinaus stimmten alle Befragten darin überein, dass vermehrt Berufslernende oder junge Erwachsene, die gerade ihre Ausbildung beendet haben, in die Schulen kommen sollten, um über ihre Lehrzeit zu berichten. Im Gegensatz zu erfahrenen Berufsvertreterinnen und -vertretern könne man sich besser mit den Gleichaltrigen identifizieren und erhalte eine authentischere Beschreibung des Lehr- und Berufsalltags.

3 Fragen

«Zu jung für eine Entscheidung»

an Luy Pham (21), Fachfrau Betreuung EFZ

(Bild: Markus Schmed/Fotoemotions)

Wie sind Sie zu dem Beruf Fachfrau Betreuung gekommen? Meine Priorität für die Berufswahl war, eine Ausbildung zu finden, in der ich mich kreativ ausleben kann und mit Menschen zu tun habe. Deswegen habe ich mich zunächst für eine Lehre als Polydesignerin interessiert. Die Lehrstellensuche gestaltete sich jedoch schwierig, da es sehr viele Interessenten gibt, aber nur wenige Betriebe, die ausbilden. Darum habe ich mich dann für eine Ausbildung im Sozialbereich als Fachfrau Betreuung entschieden.

Haben Sie sich in der Oberstufe bereit gefühlt, einen Entscheid zu treffen?
Nein. Das, finde ich, ist ein grosses Problem in unserem Bildungssystem. Man ist zu jung, um solch eine Entscheidung zu treffen. In diesem Alter ist es wichtig, dass man sich als Person entfalten kann. Zugleich ist man mit einer enormen Verantwortung konfrontiert, was die eigene Zukunft betrifft. Von allen Seiten bekommt man Druck, sich für etwas zu entscheiden. Mit 15 Jahren ist das einfach zu früh. Von daher habe ich das 10. Schuljahr genial gefunden, und ich kann allen nur empfehlen, dies auch zu machen.

Warum haben Sie sich für das Berufsvorbereitungsjahr entschieden?
Im 1. Semester in der 3. Sek hatte ich grosse familiäre Probleme. Aufgrund dessen habe ich ein Time-out gemacht, bei dem ich mich nur auf den Schulabschluss konzentriert habe. Das 10. Schuljahr hat mir die Möglichkeit gegeben, mich intensiv mit der Berufswahl und mit der Arbeitswelt zu befassen und so meinen Ausbildungswunsch zu entfalten. (Interview: Stefanie Dernbach)

3 Fragen

«Gute Bewerbungen schreiben»

an Berkant Oezpay (23), Flugbegleiter

(Bild: Stefanie Dernbach)

Wie sind Sie zum Beruf Flugbegleiter gekommen? Ich wusste schon ziemlich früh, dass ich etwas mit dem Fliegen und mit Menschen zu tun haben wollte. Im BIZ hat man mir den Beruf Flugbegleiter vorgeschlagen. Ich habe mich dann für eine Lehre beim Ausbildungsverbund login als Kaufmann entschieden. Login arbeitet mit einer schweizerischen Fluggesellschaft zusammen, wo ich einen Teil meiner Lehrzeit verbracht habe. Meine hohe Motivation, dort arbeiten zu wollen, hat dann auch dazu geführt, dass ich eine Anstellung als Flugbegleiter erhalten habe.

Haben Sie sich in der Oberstufe bereit gefühlt, einen Entscheid zu treffen?
Ich persönlich habe das als sehr streng erlebt. Mit 15 Jahren ist man voll in der Pubertät und hat so viele andere Dinge im Kopf, und man muss sich dann zugleich entscheiden, was man in der Zukunft machen möchte. Ich fand das sehr anspruchsvoll, mit dieser Verantwortung umgehen zu müssen. Das Berufsvorbereitungsjahr hat mir noch ein Jahr mehr Zeit gegeben, erwachsener zu werden.

Warum haben Sie sich für das Berufsvorbereitungsjahr entschieden?
In der 3. Sek habe ich mich eigentlich schon bereit für eine Ausbildung gefühlt. Da ich jedoch keinen Ausbildungsplatz bei login erhielt, entschied ich mich für das Berufsvorbereitungsjahr. Im Nachhinein habe ich dann realisiert, wie wichtig dieses eine Jahr für mich war. Dort hatte ich viel Zeit, gute Bewerbungen zu schreiben. Auch wurde ich intensiv auf den Einstieg in eine Ausbildung vorbereitet. (Interview: Stefanie Dernbach)

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