Ausgabe 05 | 2017

BERUFSBERATUNG

30 Jahre im Dienst des OFPC

«Empfehlung anhand von Interessen und Fähigkeiten ist überholt»

Grégoire Évéquoz, Generaldirektor des Amts für Berufsberatung, Berufs- und Weiterbildung (OFPC) des Kantons Genf, geht Ende November 2017 in den vorzeitigen Ruhestand. Mit PANORAMA blickt er zurück auf einige seiner Projekte und spricht über die Entwicklung der Berufsberatung sowie der Berufs- und Weiterbildung.

Interview: Ingrid Rollier, PANORAMA-Redaktorin

Grégoire Évéquoz, Direktor des Amts für Berufsberatung, Berufs- und Weiterbildung des Kantons Genf (OFPC): «Dank Partnerschaften mit Arbeitgebern können wir all unsere Qualifizierungsmassnahmen für Erwachsene kostenlos anbieten.» (Bild: zvg)

Grégoire Évéquoz, Direktor des Amts für Berufsberatung, Berufs- und Weiterbildung des Kantons Genf (OFPC): «Dank Partnerschaften mit Arbeitgebern können wir all unsere Qualifizierungsmassnahmen für Erwachsene kostenlos anbieten.» (Bild: zvg)

PANORAMA: Zu Ihren grössten Errungenschaften gehört der Aufbau der schweizweit einmaligen Cité des métiers. Was macht diese Institution so einzigartig? Grégoire Évéquoz: Die Cité des métiers ermöglicht allen Zielgruppen, ob Jugendlichen oder Erwachsenen, den direkten und kostenlosen Zugang zu verschiedensten Bereichen: Berufsberatung, Berufsbildung und Weiterbildung, Validierung von Bildungsleistungen, Ausbildungsfinanzierung und Stellensuche. Unser Ziel war es, Dienstleistungen anzubieten, die die Person und nicht die Ämter ins Zentrum stellen, und die Dienstleistungen für Erwachsene besser bekannt zu machen. Die Cité des métiers vereint Beraterinnen und Berater aus verschiedenen Dienststellen des OFPC unter einem Dach, und Klienten können sich ohne Termin beraten lassen. Diese Interdisziplinarität hat uns 2010 den Preis für Excellence in der öffentlichen Verwaltung eingebracht.

Inwiefern hat die 2008 eröffnete Cité des métiers die Wahrnehmung der Berufsberatungs- und Berufsinformationsstellen verändert?
Sie hat die Wahrnehmung stark verändert. Früher standen die Berufswahl und der Einstieg in die Arbeitswelt im Zentrum unseres Informations- und Dokumentationszentrums, und unsere Leistungen richteten sich an Jugendliche. Heute legen wir keine Berufsdossiers und Berufsinformationsbroschüren mehr auf. Wir haben einen Medienraum eingerichtet. An den 18 Computern, die wir dort installiert haben, können sich die Besucherinnen selbstständig mit Informationen versorgen. Zudem haben wir die Stelle eines Digital Mediators geschaffen. Er unterstützt die Klienten bei der Verwendung der IT-Tools für die Ausbildungs- oder Stellensuche oder bei der Erstellung des Lebenslaufs. Weiter bieten wir praktisch täglich auf die Bedürfnisse von Jugendlichen und Erwachsenen abgestimmte Workshops an und organisieren Veranstaltungen und Treffen (wöchentliche Vorstellung von Berufsfeldern, Rekrutierungsveranstaltungen für Jugendliche usw.).

Andere Kantone, so etwa der Kanton Tessin, sind am Aufbau einer Cité des métiers interessiert. Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit ein solches Vorhaben gelingt?
Wichtig ist eine Pilotinstitution, die sich um die Zusammenführung der Dienstleistungen kümmert. Bei uns waren abgesehen von den Leistungen des Arbeitsamtes alle Dienstleistungen dem OFPC angegliedert und mir unterstellt. Das hat die Aufgabe vereinfacht. Wir haben uns vom französischen Vorbild abgewandt, denn die ursprünglich in Frankreich geschaffenen Cités des métiers werden von den Arbeitsämtern organisiert. Im schweizerischen System ist es logischer, wenn die Berufsbildung Trägerschaft eines solchen Projekts ist.

Verursacht ein solches Vorhaben nicht erhebliche Kosten?
Ganz im Gegenteil. Seit zehn Jahren leben wir mit Budgetbeschränkungen. In der Cité des métiers konnten wir verschiedene Leistungen zusammenführen und so Kosten sparen. Wir haben die Empfangsschalter, die es in den verschiedenen Dienststellen gab, aufgehoben und in der Cité des métiers einen einzigen Empfang eingerichtet, der sich im ehemaligen Dokumentationszentrum befindet. Seit die Klientinnen die Möglichkeit haben, sich in einem Kurzgespräch mit unseren Berufsberaterinnen zu unterhalten, ist zudem die Anzahl der Terminanfragen für ausführlichere Beratungen gesunken, denn oftmals reicht auch schon ein kurzes Beratungsgespräch.

Sind Sie auf Widerstand gestossen?
Am Anfang stiessen wir bei den Berufsberatern auf grossen Widerstand. Die kurzen Beratungsgespräche in den offenen Räumlichkeiten der Cité des métiers waren ihnen ein Dorn im Auge. Sie brachten grosse Veränderungen in der Beratungspraxis und insbesondere Probleme im Zusammenhang mit der Vertraulichkeit und den Berufsstandsregeln mit sich. Zudem musste sich das Personal daran gewöhnen, die Präsenz für kurze Beratungen sicherzustellen. Heute verursacht diese Art von Beratungen keine Probleme mehr. Sie hat sich gut in die Beratungs- und Betreuungspraxis integriert.

Welches andere Projekt liegt Ihnen besonders am Herzen?
Die Qualifizierung von Erwachsenen. Der Kanton Genf ist zwar bekannt für seine tiefe Berufsbildungsquote bei den Jugendlichen, dafür aber führend in Sachen Validierung von Bildungsleistungen, modulare Ausbildung und Weiterbildung. Im Rahmen des 1999 eingeführten Programms «Qualification+» begleitet das Amt für Weiterbildung Erwachsene auf dem Weg zur beruflichen Nachqualifizierung. Und das Bilanzierungszentrum, das ich 1993 gegründet habe, ist in der Schweiz einzigartig. Heute absolvieren 3000 Personen das Programm «Qualification+». Wir setzen uns unermüdlich für einen besseren Zugang zu Bildungsabschlüssen ein. Dank Partnerschaften mit Arbeitgebern können wir all unsere Qualifizierungsmassnahmen für Erwachsene kostenlos anbieten: Kurse und Kompetenzenbilanzen sind gratis, und bestimmte Ausbildungen, die zu je 50 Prozent von den Arbeitgebern und über ein Sonderbudget finanziert werden, können während der Arbeitszeit absolviert werden. Rund 600 Erwachsene erlangen so jährlich ein EBA oder ein EFZ, und die Zahl steigt ständig. 18 Monate nach dem Abschluss sind 93 Prozent der Personen, die eine Nachqualifikation erlangt haben, erwerbstätig. Das zeigt, wie wichtig die Qualifizierung für die berufliche Eingliederung ist.

Wie wichtig ist die Präsenz in den Medien und sozialen Netzwerken für die Wahrnehmung der Berufsberatung in der Öffentlichkeit?
Diese Präsenz ist enorm wichtig, nur so können wir die Bevölkerung erreichen, über Neuheiten in der Berufsbildung oder der Berufsberatung informieren, unsere Aktivitäten aus- und Partnerschaften aufbauen. Die von unseren Mitarbeitenden im Informationsdienst verfassten Artikel erscheinen regelmässig in der «Tribune de Genève» und werden in unserem Cybermag publiziert. Und seit gut zehn Jahren führe ich eine Kolumne in der Tageszeitung «Le Temps». Darin befasse ich mich mit aktuellen Fragen rund um Bildung und Berufsberatung. Wir müssen vor den Medien keine Angst haben, sondern sie uns vielmehr zu Nutze machen, um unsere Aufgaben wahrzunehmen. Massenmedien und soziale Netzwerke eignen sich am besten, um auf unsere Dienstleistungen aufmerksam zu machen.

Wie sehen Sie die Entwicklung der Berufsberatung?
Heute reicht ein einziger Klick und jedermann hat Zugang zu einer Vielzahl von Informationen über die einzelnen Berufsgruppen. Und ständig werden neue Tools entwickelt. Mit einigen leicht zugänglichen Apps können wir berufliche Situationen nachspielen oder uns virtuell an beruflichen Tätigkeiten beteiligen. Berufsberater müssen in der Lage sein, diese neuen Tools zu nutzen, sie müssen ihren Klienten aber gleichzeitig helfen, sich in diesem Informationsüberangebot zurechtzufinden, die Informationen zu verarbeiten und zu sortieren. Eine Berufsempfehlung anhand von Interessen und Fähigkeiten ist heute vollkommen überholt, Berufsberatung ist heute weitaus mehr als bloss Berufswahl. Vielmehr handelt es sich um «Life Designing», also um die Gestaltung der eigenen Laufbahn. In Zukunft werden die Menschen die Tätigkeiten ausüben, die sie selber geschaffen haben. Die wahren Experten der Berufsberatung sind die Klienten selbst. Die Berufsberater stehen ihnen unterstützend zur Seite, helfen ihnen bei der Recherchearbeit, bei der beruflichen Positionierung und der Laufbahngestaltung. Die Berufsberatung wird damit umfassender und erstreckt sich auf den ganzen Lebensweg. Diese individuelle Begleitung wird sich noch weiterentwickeln.

Wie wirkt sich der Wandel der Arbeitswelt auf die Berufsberatung aus?
Heute übt das Individuum immer öfter mehrere Berufe aus, und zwar nicht nur nacheinander, sondern auch gleichzeitig. Das nennt sich Flashing. Die Rolle der Berufsberater verändert sich damit wesentlich, sie müssen sich der Auswirkungen dieser Entwicklung bewusst sein. Sie müssen ihre Klienten bei der Entwicklung nicht nur einer, sondern gleich mehrerer Berufsidentitäten unterstützen und ihnen helfen, sich in der sich ständig verändernden Arbeitswelt zurechtzufinden und die verschiedenen Profile mit ihrem Privat-, Familien- und Sozialleben zu vereinbaren.

Was geht so kurz vor der Pensionierung in Ihnen vor?
Ich denke, dass ich das grosse Glück hatte, bei meiner Arbeit als Unternehmer und als Gründer tätig sein zu können, und dass es mir gelungen ist, meine Mitarbeitenden davon zu überzeugen, sich mit mir in dieses Abenteuer zu stürzen.

Links und Literaturhinweise

www.citedesmetiers.ch/geneve

PANORAMA hat 2010 ein Heft mit dem Fokus «Cité des métiers» veröffentlicht.

Kasten

Kurzbiografie

Grégoire Évéquoz war während 28 Jahren am Amt für Berufsberatung, Berufs- und Weiterbildung des Kantons Genf (OFPC) in verschiedenen führenden Positionen tätig, davon 14 Jahre als Generaldirektor. Der klinische Psychologe trat 1989 ins OFPC ein. Bevor er die Amtsleitung übernahm, arbeitete er in der Dienststelle Berufsberatung und anschliessend in der Dienststelle «Evaluation et développement». Seit 2006 ist er Mitglied der Eidgenössischen Berufsbildungskommission. Neben seiner Berufstätigkeit lehrte er an allen Westschweizer Universitäten. Seit rund zehn Jahren ist Grégoire Évéquoz Kolumnist bei der Tageszeitung «Le Temps». Daneben hat er mehrere Werke verfasst, unter anderem ein Buch über Schlüsselkompetenzen. (ir)

Kommentare
 
 
 
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Regula Eckerle | 20. Nov 2017, 19:11

Vielen Dank für diesen interessanten Artikel. Zweifellos ist die Möglichkeit der Interdisziplinarität im Cité des métiers bestechend, werden doch kurze Wege und Synergien genutzt. Den Vorschlag den Lead der Berufsbildung und nicht dem Arbeitsamt zu übergeben und damit den Fokus und die Wichtigkeit auf die Bildung zu setzen, gefällt mir.

Mich würde die Frage interessieren, wie es die Kantone Genf und Freiburg schaffen die Dienstleistungen kostenlos für alle anzubieten. Ob die „Rechnung“ unter dem Strich aufgeht oder sich diese Kantone wesentlich mehr verschulden als andere? Eine Studie, welche Nutzen und Kosten, Angebote und Nachfragende gegenüberstellen, könnte diese Fragen helfen zu klären und zudem die Brücke über den „Röstigraben“ neu spannen. Sind es Mentalitätsunterschiede, eine andere soziale Struktur oder der politische Wille, der hinter diesem Unterschied steht? Eine interessante Frage finde ich, die sich zu klären lohnt.

Interessen und Fähigkeiten mit den Anforderungen in ein gutes „Matching“ zu bringen (Schlüssel-Schloss-Prinzip) galten lange Zeit als die Berufswahltheorie. Die eigene Laufbahn durch entsprechende Aus- und Weiterbildungen in die eigene Verantwortung zu nehmen, galt im Sinne des Long-Life-Learning, als das Rezept, um mit dem ständigen Wandel Schritt zu halten. Nun soll der Arbeitnehmende der Zukunft gar seinen Arbeitsplatz selber gestalten, Design your life oder als Portfolio-Worker/in arbeiten? Das tönt verlockend, doch wer kennt solche Beispiele? Um welche Personen, mit welchem Bildungshintergrund handelt es sich? Wieviele sind es und wieviele könnten es werden? Ist es die Mehrheit oder eher die Ausnahme und wie wird es in Zukunft aussehen? Im Bereich Portfolio-Worker steht im Buch „50 Plus“ (Beobachter / S. 110), dass der Grat zwischen modernem Portfolio-Working und Prekariat (prekäre Arbeitssituation, da oft nur minimal lebenshaltungsdeckend), schmal ist. Portfolioworking müsse man sich leisten können und sei deshalb nur auf dem obersten Bildungsniveau bzw. bei gesuchten Fachkräften zu finden. Design your life wäre sicher eine Form der Arbeitsgestaltung der Zukunft, wenn eine sichere existenzielle Basis – durch beispielsweise ein bedingtes Grundeinkommen – gegeben wäre. Ein „bedingtes“ Grundeinkommen (mit Ausnahmen), da ich der Meinung bin, dass es heute und in Zukunft viele gesellschaftliche Aufgaben gibt (bspw. Altenbetreuung), die man im Sinne eines solidarischen Gemeinschaftsbeitrages (1 bis 2 Tage/Woche) leisten sollte. Mit dieser Grundsicherheit glaube ich, dass viele Menschen ihr Leben sehr gerne selber designen würden und zu einer sinnvollen und wünschenswerten Vielfalt von Aufgaben beitragen würden. Oder was meinen Sie zu diesem Thema?

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