Ausgabe 05 | 2017

BERUFSBILDUNG

Neue Subjektfinanzierung in der höheren Berufsbildung

«Nie dagewesenes Finanzierungsprojekt»

Das SBFI unterstützt ab 2018 Personen, die sich auf eine Berufs- oder Höhere Fachprüfung vorbereiten, direkt. Dafür stehen pro Jahr bis zu 135 Millionen Franken zur Verfügung. Der Bund hofft, dass damit mehr Fachkräfte ausgebildet werden. Aber das Projekt könnte auch unerwünschte Effekte haben, wie der Verantwortliche beim SBFI, Rémy Hübschi, darlegt.

Interview: Daniel Fleischmann, PANORAMA-Redaktor

Rémy Hübschi, Leiter der Abteilung Höhere Berufsbildung im SBFI: «Wenn das System funktioniert, bringt es mehr Leute in die höhere Berufsbildung.» (Bild: SBFI)

Rémy Hübschi, Leiter der Abteilung Höhere Berufsbildung im SBFI: «Wenn das System funktioniert, bringt es mehr Leute in die höhere Berufsbildung.» (Bild: SBFI)

PANORAMA: Künftig können Personen, die sich auf eine Berufs- oder Höhere Fachprüfung vorbereiten, beim Bund finanzielle Unterstützung beantragen. Welches sind die Ziele? Rémy Hübschi: Zum einen fordert der Grundsatz der Gleichbehandlung der Bildungssysteme ein stärkeres finanzielles Engagement der öffentlichen Hand in der höheren Berufsbildung. Darauf wird von verschiedenen Verbänden schon seit Langem hingewiesen, auch gestützt durch die Bildungsverfassung von 2006. Zum anderen fordert die Fachkräfteinitiative die Ausbildung von mehr Personen auf Tertiärstufe.

Kann mit den Bundesgeldern die stagnierende Nachfrage in der höheren Berufsbildung wirklich gesteigert werden?
Davon gehen wir aus – namentlich in den Bereichen, in denen sich die Arbeitgeber nicht oder wenig an den Kurskosten beteiligen. Nur rund ein Viertel der Personen, die ein EFZ ohne Berufsmaturität besitzen, bilden sich auf Tertiärstufe weiter. Das ist zu wenig, zumal nur einer von drei Jugendlichen eine Maturität und damit die Hochschulberechtigung besitzt. Mit den zusätzlichen Mitteln steigern wir zudem die Attraktivität der Berufsbildung als Ganzes. Künftig können wir den Berufswählenden und ihren Eltern noch besser zeigen, wie attraktiv der berufsbildende Weg ist.

Können Sie Ihre Erwartungen in Zahlen fassen?
Unsere Einschätzungen basieren auf einer Analyse des EHB, die Zunahmen voraussagt, aber nicht quantifiziert. Wir befinden uns in einem ausfinanzierten System. Die Frage lautet, ob es uns wirklich gelingt, die individuelle Belastung zu verringern und unbeabsichtigte Effekte zu vermeiden.

Die Arbeitgeber könnten ihr Engagement reduzieren. Bisher übernehmen sie bei 30 Prozent der Teilnehmenden die Kosten für Vorbereitungskurse ganz und bei 58 Prozent teilweise.
Die Unterstützung des Bundes zielt darauf, Individuen zu entlasten, nicht Arbeitgeber – auch wenn diese in der Vernehmlassung wünschten, dass auch ihre Beiträge subventioniert werden. Dennoch ist klar, dass die Arbeitgeber Wege finden werden, von der Subvention zu profitieren; einige von ihnen werden ihre Beiträge direkt an die Teilnehmenden anstatt an die Schulen überweisen, um die beitragsberechtigten Gebühren maximal zu halten. Wir werden das im Rahmen eines Monitorings beobachten. Wir appellieren an die Wirtschaft, ihre Mitarbeitenden weiter zu unterstützen und ihren Beitrag an die Fachkräfte-initiative zu leisten. Schön wäre, wenn sie – als Ausgleich für eine allfällige Entlastung – Kursteilnehmenden einen bezahlten Freitag gewähren würden. Gemäss Erhebungen belastet Zeitknappheit diese stärker als fehlendes Geld.

Es gibt auch Stimmen, die eine Verteuerung der Kurse voraussagen.
Mit den Bundesgeldern ersetzen wir die Beiträge, die die Kantone an rund 60 Prozent der Kurse leisten. Durch die Subjektfinanzierung fallen diese Einnahmen zunächst weg. Das könnte die Schulen – in erster Linie öffentlich-rechtliche Einrichtungen – zu Gebührenanpassungen zwingen. Viele von ihnen werden dabei aber vorsichtig vorgehen müssen, weil schon heute Anbieter ohne Subventionen erfolgreich arbeiten. Deshalb glauben wir, dass der Wettbewerb starke Preiserhöhungen verhindern wird. Rund 80 Prozent der Absolvierenden können eine Auswahl treffen, welchen Kurs sie besuchen.

Die Kantone behalten aber die Möglichkeit, Angebote weiter zu unterstützen.
Aus finanzieller Sicht wird das nicht nötig sein, da wir die Leistungen der Kantone in den meisten Fällen zu 40 bis 70 Prozent überkompensieren. Ausnahmen sind der Gesundheitsbereich, die Landwirtschaft oder regionalpolitisch erwünschte Bildungsangebote. Hier werden die Kantone weiterhin zusätzliche Beiträge gewähren, welche der Bund im Rahmen seiner Beteiligung an den Gesamtkosten der Berufsbildung zu einem Viertel mitfinanziert. Ausgeschlossen sind hingegen wettbewerbsverzerrende Subventionen.

Wer hat auf Unterstützung Anspruch?
Antrag auf Unterstützung kann jedes Individuum stellen, das in der Schweiz wohnt, einen beim SBFI gemeldeten Kurs besucht und eine eidgenössische Prüfung absolviert – unabhängig vom Erfolg. Die Anmeldung erfolgt über ein Portal, das wir derzeit einrichten. Der Bund übernimmt 50 Prozent der anrechenbaren Kosten, die er nach der Prüfung ausbezahlt. Die Mindestgrenze der anrechenbaren Kosten beträgt 1000 Franken, die Obergrenze 19'000 (BP) respektive 21'000 Franken (HFP). Damit decken wir rund 90 Prozent der Kursgebühren ab.

Die Liste der Bildungsanbieter und deren Kurse sind publiziert. Bilden sie die Landschaft der höheren Berufsbildung bereits ab?
Im Moment sind 600 Kursanbieter mit über 2600 Kursen erfasst, das dürften etwa 90 Prozent des Angebotes sein. Diese Landschaft enthält grosse Schulen, aber auch Miniplayer, staatliche Anbieter und private, inländische Institutionen und ausländische. Letztere berücksichtigen wir dann, wenn es in der Schweiz kein Bildungsangebot gibt. Zum Beispiel unterstützen wir einen Kurs für Seilbahnmanager in Vorarlberg. Die Kursliste ist Teil des Portals, das eine ortsbezogene Suche von Kursen erlaubt und Links zu den Anbietern enthält. Damit wollen wir den Markt transparenter machen und den Wettbewerb fördern.

Der Bund geht mit dem Projekt zusätzliche Verpflichtungen in der Berufsbildung im Umfang von bis zu 135 Millionen Franken jährlich ein. Es gab Befürchtungen, die berufliche Grundbildung erleide dadurch Kürzungen.
Dieses Projekt ist tatsächlich ambitioniert: Noch nie hat der Bund Einzelpersonen in diesem Ausmass direkt subventioniert. Bisher erfolgten Finanzierungen stets via Bildungsträger, zum Teil über Teilnehmerpauschalen. Ich bin gespannt, ob auch andere Bildungsbereiche das neue Prinzip aufnehmen werden. Zu Ihrer Frage: Der Bund übernimmt heute 25 Prozent der Berufsbildungskosten der öffentlichen Hand – derzeit 900 Millionen Franken pro Jahr. Die zusätzlichen 120 Millionen Franken, die wir einspeisen, haben zwar den Effekt, dass die Beiträge an die Kantone etwas zurückgehen. Im Auftrag des Parlamentes werden wir dieses Defizit aber ausgleichen und die Berufsbildung vorübergehend zu 27 statt 25 Prozent finanzieren.

Personen, die nicht bis nach der Prüfung auf die Kursgelder warten können, erhalten eine Übergangsfinanzierung. Dafür müssen sie ihre finanzielle Lage offenlegen. Das hat zu Protesten geführt.
Diese Einwände bezogen sich weniger darauf, dass ein Nachweis einer finanziellen Not verlangt wird, als auf die vorgeschlagene Bemessung. Der Bundesrat hat auf diese Rückmeldungen in der Vernehmlassung reagiert und die Grenzen angepasst (auf 88 Franken Bundessteuerpflicht). Grundsätzlich haben wir nach einer Lösung gesucht, die einfach ist, die kantonalen Stipendiensysteme nicht ersetzt und möglichst wenige Arbeitgeber zum Ausstieg aus der Mitfinanzierung verleitet.

Wohnt der Deklarationspflicht nicht die Gefahr inne, dass Personen abgeschreckt werden?
Das sehe ich nicht. Wer Geld braucht, ist auch bereit, dies zu begründen. Zudem beschränkt sich die Offenlegung, die wir verlangen, auf die erste Seite der Veranlagungsverfügung. Sie geht viel weniger weit als die kantonalen Darlehens- und Stipendiensysteme.

Welches sind aus Ihrer Sicht die grössten Gefahren der neuen Subvention?
Wir haben in den letzten vier Jahren versucht, den Markt der Vorbereitungskurse und die wichtigsten Wirkungsmechanismen kennenzulernen. Aber vielleicht haben wir Effekte übersehen. Darin liegt ebenso eine Gefahr wie darin, dass ein zu hoher Anteil unserer Subventionen nicht bei den Teilnehmenden ankommt. Dann besteht eine gewisse Gefahr von Missbräuchen – zum Beispiel ein ungerechtfertigter Bezug von Subventionen. Wir werden solche Missbräuche zwar im Nachhinein erkennen und ahnden können – aber sie könnten die Reputation des Systems beschädigen.

Und die grössten Chancen?
Wenn das System funktioniert, bringt es mehr Leute in die höhere Berufsbildung – Personen, die bisher durch die hohen Kosten abgeschreckt wurden, wiedereinsteigende Frauen beispielsweise. Damit hoffen wir, einen Beitrag zur Bewältigung des Fachkräftemangels zu leisten. Zudem tragen wir zur Equity des akademischen und berufsbildenden Weges bei. Schliesslich erhöhen wir die Transparenz des Bildungsmarktes. Heute müssen die Kursanbieter die Tarife mit jedem Kanton einzeln verhandeln; die Ergebnisse sind höchst heterogen. Bündnerinnen, Glarner, Zürcherinnen – heute zahlen sie für den gleichen Kurs unterschiedliche Gebühren. Diese Vorlage fördert den Wettbewerb, die Transparenz und die Mobilität der Teilnehmenden.

Und wann werden Sie die Zielerreichung erstmals überprüfen?
Wir arbeiten im Takt der BFI-Botschaften und werden dem Parlament 2020, wenn es die Periode 2021–2024 diskutiert, Auskünfte über die Verwendung der Finanzen erteilen müssen. Das SBFI hat schon 2015 mit dem Bundesamt für Statistik eine Vereinbarung für ein Monitoring getroffen. Die ersten Erhebungen zur Feststellung des Status quo sind bereits erfolgt.

Links und Literaturhinweise

www.sbfi.admin.ch

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