Ausgabe 05 | 2017

BERUFSBILDUNG

Studien

Nachholbildung für Erwachsene: zwei Auslegeordnungen

In der Schweiz gibt es beinahe eine halbe Million Erwachsene über 25 Jahre, die keinen Abschluss auf der Sekundarstufe II aufweisen. Zwei neue Studien beleuchten die Bedeutung der Nachholbildung für Arbeitgebende und für Arbeitnehmende.

Von Laura Perret Ducommun, PANORAMA-Redaktorin

2015 hatten 400'000 Erwachsene im Alter von 25 bis 54 Jahren keinen Abschluss der Sekundarstufe II. Zählt man die Erwachsenen bis 64 Jahre dazu, beläuft sich die Zahl gar auf 470'000. Diese Personen arbeiten oft in prekären Beschäftigungsverhältnissen, werden häufiger und länger arbeitslos, und manchmal bleibt ihnen nur noch der Gang zur Sozialhilfe. Die wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen, die sich daraus ergeben, haben Bundesrat Johann Schneider-Ammann und die Sozialpartner veranlasst, die Nachqualifizierung von Erwachsenen zu einem Schwerpunkt der Bildungspolitik zu machen. In einem Bericht aus dem Jahr 2014 (vgl. PANORAMA 3/2014) formulierte das SBFI Empfehlungen zu den Themen Aufbau und Weiterentwicklung von Bildungsangeboten, Information, Beratung, Begleitung, Finanzierung und Bildungsstatistik und zeigte auf, dass die Datenlage zur Nachqualifizierung von Erwachsenen nicht ausreichend ist. In der Folge lancierte das SBFI das Projekt «Berufsabschluss und Berufswechsel für Erwachsene» und gab zwei Studien in Auftrag, von denen eine die Sicht der Arbeitgebenden und die andere die Sicht der betroffenen Arbeitnehmenden beleuchten sollte. Die Ergebnisse wurden anlässlich der SBFI-Tagung «Berufsabschluss für Erwachsene» vom 27. September 2017 in Bern präsentiert. In diesem Artikel sind die wichtigsten Ergebnisse zusammengefasst.

Die Sicht der Arbeitgebenden

Die erste Studie untersuchte 25 Berufsausbildungen, von denen 13 zu einem EFZ und 12 zu einem EBA führen. Die ausgewählten Berufe leiden unter einem Fachkräftemangel oder weisen einen hohen Anteil an Erwachsenen ohne Abschluss der Sekundarstufe II auf. Es handelt sich um die Bereiche Handel und Verkauf, Informatik, Technik und Ingenieurwesen, Gesundheit und Soziales, Bauwesen und Dienstleistungen. 2015 lag der Anteil der Erwachsenen, die in diesen Berufen eine Nachholbildung absolvierten, bei 15%, während der Gesamtanteil über alle Berufe hinweg 12% betrug. In der Schweiz existieren vier Wege, die Erwachsene zu einem Berufsabschluss der Sekundarstufe II führen: die reguläre berufliche Grundbildung, die verkürzte berufliche Grundbildung, die direkte Zulassung zum Qualifikationsverfahren und die Validierung von Bildungsleistungen. Der Grossteil der Erwachsenen entschied sich, den Berufsabschluss über die reguläre berufliche Grundbildung oder über die direkte Zulassung zum Qualifikationsverfahren zu erlangen. Aus der Analyse der Studienpopulation liessen sich zwei Hauptprofile ermitteln: Personen, die einen Berufsabschluss nachholen, haben grösstenteils einen Migrationshintergrund oder eine nicht geradlinige Bildungslaufbahn. Die befragten Unternehmen äusserten sich insgesamt zufrieden über die vier Wege zum Berufsabschluss. Die Gespräche mit den Arbeitgebenden zeigten aber, dass diese oft nicht oder nicht gut genug Bescheid wissen über die verschiedenen Möglichkeiten. Die Unterstützung von Erwachsenen, die einen Berufsabschluss nachholen möchten, ist für die Unternehmen mit direkten Kosten (Lohn, Betreuungszeit) und indirekten Kosten (Abwesenheit wegen Schulbesuch) verbunden. Daher unterstützen die Unternehmen lieber Mitarbeitende, die bereits im Betrieb arbeiten, als Neueinsteiger/innen. Die meisten Unternehmen bilden Erwachsene aus, weil sie qualifiziertes Personal benötigen. Einige tun dies aber auch aus sozialen Gründen oder um den Ruf des Unternehmens zu verbessern. Grössere Unternehmen mit einer breiteren Ausrichtung geben als Motivation auch berufliche, branchenspezifische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Gründe an. In kleineren Unternehmen, bei denen eher die Produktivität im Zentrum steht, ist die Ausbildungsbereitschaft geringer. Einige Arbeitnehmende ziehen jugendliche Lernende vor, andere dagegen betonen, dass Erwachsene grundsätzlich sehr motiviert sind und weniger Begleitung brauchen als junge Menschen. Mittelgrosse Unternehmen, die Jugendliche ausbilden, sind oft nicht bereit, ihre Strukturen an die Bedürfnisse von erwachsenen Lernenden anzupassen. In einem Punkt sind sich die Arbeitgebenden aber einig: Sie alle erachten Sprachkenntnisse, schulische Fähigkeiten, Motivation und Selbstvertrauen als wichtige Faktoren, wenn es darum geht, als erwachsene Person einen Berufsabschluss zu erlangen. Aus Sicht der befragten Unternehmen gibt es keinen ausgewiesenen Bedarf nach einer Nachqualifizierung für Erwachsene. Viele geben an, dass unqualifizierte Mitarbeitende bereits ausgebildet wurden. In anderen Betrieben stehen nicht ausreichend Ausbildungsplätze zur Verfügung. Weder der Fachkräftemangel noch die Suche nach Arbeitskräften werden als Grund für die Nachqualifizierung von Erwachsenen genannt (vermutlich, weil diese Aspekte eher Führungskräfte oder den tertiären Bildungsbereich betreffen). Zum Schluss formuliert die Studie drei Empfehlungen: Erstens soll eine Informations- und Sensibilisierungskampagne lanciert werden, die sich vorwiegend an mittlere und grosse Unternehmen richtet und die vier Wege der beruflichen Nachqualifizierung sowie die Vorteile für die Unternehmen aufzeigt. So könnte die Bereitschaft zur Ausbildung von Erwachsenen erhöht werden. Zweitens empfiehlt die Studie, in ausgewählten Berufen kleine Unternehmen finanziell zu unterstützen. Drittens soll die gezielte Rekrutierung schlecht qualifizierter Erwachsener gefördert werden.

Die Sicht der betroffenen Erwachsenen

Die zweite Studie beleuchtet die Sicht der betroffenen Erwachsenen. Hierzu wurden im Jahr 2015 vier Personengruppen untersucht: Erwachsene, die einen Berufsabschluss (EFZ oder EBA) nachgeholt haben; Erwachsene, die sich während der Nachqualifizierung für einen anderen Ausbildungsweg entschieden haben; Erwachsene, die ihre Nachqualifizierung abgebrochen haben, und Erwachsene, die sich für eine Nachqualifizierung interessiert, aber dann doch keine in Angriff genommen haben. Die Studienpopulation setzte sich wie folgt zusammen: 31% der Befragten hatten vor der angestrebten Nachqualifizierung keinen Abschluss der Sekundarstufe II, 69% absolvierten eine Zweit- oder eine Zusatzausbildung. Ausländische Personen oder Doppelbürger/innen waren stärker vertreten als Schweizer/innen. Die Wahl des Ausbildungswegs erfolgte oft ohne Kenntnis der vier möglichen Qualifizierungswege. 74% der Studienpopulation begannen die Ausbildung aus eigener Initiative und 22% wurden vom Arbeitgeber aufgefordert. 7% nahmen ihre Ausbildung nach einer Berufsberatung auf. 94% der befragten Personen entschlossen sich aus intrinsischer Motivation heraus für die Ausbildung. Als häufigste Gründe wurden genannt: erfüllendere Aufgaben, mehr Verantwortung, persönliche Weiterentwicklung, berufliche Ziele oder Interesse an den Bildungsinhalten. 85% der Befragten nannten einen höheren Lohn und bessere berufliche Perspektiven als Grund. Nur 32% der Befragten nannten externe Faktoren wie die Gesundheit, Veränderungen im Umfeld oder eine Aufforderung des Arbeitgebers. Gemäss der Studie entscheiden die Rahmenbedingungen im Unternehmen und die Fachkompetenz wesentlich über Erfolg oder Scheitern des Bildungsvorhabens. Ebenfalls entscheidend sind die Berufsfachschule und das private Umfeld, insbesondere die Unterstützung durch die Partnerin oder den Partner. Die Betriebe unterstützen ihre Mitarbeitenden auf verschiedenste Art und Weise. Einige rechnen den Mitarbeitenden den Berufsfachschulunterricht als Arbeitszeit an, andere übernehmen die Ausbildungs- und Kurskosten. Der Zeitaufwand, die Vereinbarkeit von Ausbildung, Beruf und Privatleben sowie Versagensängste wurden als grösste Probleme genannt. Die Befragten gaben zahlreiche Faktoren an, die sie bei ihrer Ausbildung behindern: hohe Kosten, Lohneinbussen, schwierige Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben, Sprachprobleme, Angst vor Überforderung, das Alter, den Berufsfachschulunterricht mit Jugendlichen oder lange Wartefristen. Weiter genannt wurden Motivationsmangel sowie mangelnde Beratung oder Flexibilität im Unternehmen. Ein Jahr nach Abschluss der Nachholbildung hatten 10% noch keine Stelle gefunden (9% der EFZ- und 19% der EBA-Inhaber/innen). Nicht wenige mussten nach der Ausbildung das Unternehmen verlassen und eine neue Stelle suchen. 39% der Absolventen/-innen einer Nachholbildung möchten eine Weiterbildung beginnen und 18% eine höhere Berufsbildung absolvieren. 19% der Befragten planen einen Stellenwechsel. Schliesslich gaben 89% der Studienteilnehmenden an, dass sie nach der Ausbildung mindestens in einem Bereich Verbesserungen feststellen konnten: 52% fühlen sich kompetenter, 48% haben mehr Selbstvertrauen, 46% haben eine Lohnerhöhung bekommen und 42% konnten mehr Verantwortung übernehmen. Nur 6% der Befragten gaben an, dass sich seit ihrem Abschluss nichts verändert hat.

Schlussfolgerungen

Die beiden Studien zeigen, dass sowohl Arbeitgebende als auch die betroffenen Erwachsenen insgesamt zufrieden sind mit den vier Möglichkeiten der Nachqualifizierung. Trotzdem braucht es weitere Anstrengungen, um die Möglichkeiten besser bekannt zu machen. Nur so können alle Erwachsenen den für sie am besten geeigneten Bildungsweg einschlagen. Ein Brennpunkt ist der sowohl von Kleinunternehmen als auch von den betroffenen Erwachsenen genannte Bedarf nach finanzieller Unterstützung. Ein weiteres Problem ist, dass der Zugang zur Ausbildung für Personen, die bereits in einem Betrieb angestellt sind, einfacher ist als für solche, die neu in einen Beruf einsteigen möchten, und dass Unternehmen oft jungen Lernenden den Vorzug vor Erwachsenen geben. Ferner wird empfohlen, die Rekrutierung von gering qualifizierten Erwachsenen gezielt zu fördern. Zu guter Letzt hat sich gezeigt, dass Motivation und Selbstvertrauen wichtige Faktoren für einen erfolgreichen Berufsabschluss sind.

Links und Literaturhinweise

SBFI (2014): Berufsabschluss und Berufswechsel für Erwachsene – Bestehende Angebote und Empfehlungen für die Weiterentwicklung. Bern.
Aeschlimann, B., Beeli, S., Tsandev, E., Kriesi, I., Voit, J. (2017): Berufsabschluss für Erwachsene: Sicht von Arbeitgebenden. Zollikofen, EHB.
Schmid, M., Schmidlin, S., Hischier, D. S. (2017): Berufsabschluss für Erwachsene: Sicht von betroffenen Erwachsenen. Naters/Solothurn, across concept/FHNW.

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