Ausgabe 05 | 2017

Fokus "Staatlich – privat"

Verschiedene Welten?

Staat und Wirtschaft folgen unterschiedlichen Logiken und für Arbeitnehmende haben beide ihre Vor- und Nachteile. Ein Wechsel vom Staat in die Wirtschaft oder umgekehrt ist möglich und trägt zum gegenseitigen Verständnis bei.

Von Stefan Krucker, PANORAMA-Chefredaktor

(Bild: Adrian Moser)

(Bild: Adrian Moser)

Wirtschaft und Staat folgen unterschiedlichen Logiken: Gewinn-optimierung hier, Optimierung des Gemeinwohls dort. Gewinn lässt sich in Franken und Rappen ausweisen, beim Gemeinwohl ist es ein wenig kompliziert. Nicht alle verstehen darunter das Gleiche. Das führt manchmal zu Friktionen, etwa wenn ein CEO ein Amt wie eine Firma führen will oder wenn ein/e Politiker/in auf den «guten Willen» von globalen Unternehmen hofft. In der Schweiz arbeitet rund jede/r Vierte beim Staat oder in staatsnahen Betrieben. Je nach Branche ist dieser Anteil sehr viel höher, beispielsweise bei den Post- und Kurierdiensten, bei der Wasserversorgung oder in der Erziehung. Die Staatsangestellten haben gemäss der öffentlichen Wahrnehmung eine sichere Stelle, kaum Zeitdruck, viel «Papierkrieg». Wer in der Wirtschaft arbeitet, muss sich hingegen ständig beweisen, verdient gut und kann mitgestalten, heisst es etwa. Die Forscher/innen Peter Ellguth und Susanne Kohaut vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit haben die Arbeitsbedingungen von Staat und Wirtschaft in Deutschland 2011 wissenschaftlich untersucht. Gemäss ihren Ergebnissen bietet der Staat im Schnitt sicherere Stellen (tatsächlich), häufiger Teilzeitstellen und mehr Massnahmen zum Erhalt der Beschäftigungsfähigkeit (z. B. Weiterbildung) als die Wirtschaft. Hingegen sei es schwieriger, von einer befristeten in eine unbefristete Stelle zu wechseln. In der Wirtschaft bestünden bessere Karrierechancen, und die Verdienste seien höher. Allerdings scheint sich der Staat der Wirtschaft in gewissen Belangen anzugleichen. So hat in der Schweiz der Bund – wie auch viele Kantone – den Beamtenstatus 2002 abgeschafft. Bundesangestellte können seither aus schwerwiegenden wirtschaftlichen oder betrieblichen Gründen entlassen werden, und der Lohn bemisst sich auch nach der Leistung. Dass Kündigungen im öffentlichen Dienst vorkommen, zeigt etwa der Kanton Neuenburg, der im September 2017 angekündigt hat, gleich alle vier Abteilungsleitenden der Berufsberatung zu entlassen. Generell bemühen sich Bund und Kantone aber auch stärker Mitarbeitende als früher, beispielsweise mittels Employer Branding. Staat und Wirtschaft sozialisieren entsprechend ihrer grundlegenden Logik ihre Mitarbeitenden unterschiedlich. Dass ein Seitenwechsel trotzdem möglich ist und was die Betreffenden dabei wahrnehmen, zeigen die folgenden Porträts. Sie handeln von bestätigten und unbestätigten Vorurteilen, Unterschieden und Gemeinsamkeiten der beiden Welten.

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«Innovation spielt eine grundlegende Rolle»

staatlich > privat

Belinda Walther Weger, Leiterin Public Affairs beim Schweizerischen Versicherungsverband (SVV) (Bild: SVV)

Die diplomierte Betriebsökonomin Belinda Walther Weger war Referentin von Bundesrätin Doris Leuthard in zwei Departementen. In dieser Funktion war sie für die Themenbereiche Bildung, Arbeitsmarkt und neue Energiepolitik zuständig. Ihre nächste Station war das damalige BBT, wo sie den Posten der Vizedirektorin bekleidete. Ende 2013 wechselte sie in die Privatwirtschaft und übernahm beim Schweizerischen Versicherungsverband (SVV), der Dachorganisation der privaten Versicherungswirtschaft, die Funktion als Leiterin Public Affairs. Sie berät die Verbandsmitglieder in den vielseitigen politischen Belangen, die die Versicherungsbranche betreffen: Gesundheit, soziale Sicherheit, Wirtschaft, Finanzwesen, Energie und Umwelt. Was sie fasziniert, ist die Schnittstelle zwischen Wirtschaft, Politik und Verwaltung. Der Übertritt in die Privatwirtschaft hat ihr die Unterschiede zwischen öffentlichen und privaten Betrieben vor Augen geführt: Die Politik gibt zwar die Rahmenbedingungen vor, doch es ist die Privatwirtschaft, die die Auswirkungen zu spüren bekommt, wenn sie die politischen Entscheidungen unter Berücksichtigung der realen Gegebenheiten umsetzen muss. Auch die Entscheidungsprozesse unterscheiden sich: In der öffentlichen Verwaltung sind sie demokratisch, mitunter kompliziert und bürokratisch, in der Privatwirtschaft schneller, innovativer und flexibler. «Innovation spielt eine grundlegende Rolle. Springt die Privatwirtschaft nicht auf den Innovationszug auf, wird sie vom Markt sofort abgestraft», betont Belinda Walther Weger. Auch Kosten- und Leistungsdruck sind in der Privatwirtschaft grösser, denn dort hat mangelnde Rentabilität oft Reorganisationen, wenn nicht gar Stellenabbau zur Folge. Dank einer gewissen Arbeitsplatzsicherheit sind auch die Arbeitsbedingungen in der öffentlichen Verwaltung besser. Doch Belinda Walther Weger erkennt auch Gemeinsamkeiten: Sowohl private als auch öffentliche Betriebe sind bestrebt, günstige wirtschaftliche Rahmenbedingungen zu schaffen und Kompromisse zu finden, um verschiedene Interessen miteinander zu vereinbaren. Sie hat zudem in den letzten Jahren eine verstärkte Durchlässigkeit zwischen Privatwirtschaft und öffentlicher Hand beobachtet: «Immer mehr Arbeitnehmer wechseln von der Privatwirtschaft in die öffentliche Verwaltung oder umgekehrt, denn die Kompetenzen, Erfahrungen und die Netzwerke der jeweils anderen Seite sind sehr gefragt.» (lp)

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Sich vertiefter mit einem Thema befassen

privat > staatlich

Jean-Pierre Perdrizat, Leiter des Zentrums für Berufsentwicklung des EHB (Bild: EHB)

Bis 2010 war Jean-Pierre Perdrizat stellvertretender Direktor bei Agora, der Dachorganisation der Westschweizer Bauernverbände, tätig und half, die Interessen der Landwirtschaft zu vertreten. Zudem stellte er das Sekretariat verschiedener Berufsverbände sicher, die sich um die Förderung ihrer Produkte kümmerten. 2005 baute er die OdA «AgriAliForm» auf, die sich für die Berufs- und Weiterbildung in der Land- und Pferdewirtschaft engagiert. In dieser Funktion vertrat er die Interessen des Verbands in verschiedenen nationalen und regionalen Arbeitsgruppen und Kommissionen. Die Arbeit war zwar vielseitig und er hatte mit den verschiedensten Bereichen und Menschen zu tun, doch Jean-Pierre Perdrizat konnte sich nie vertiefter mit einem Geschäft befassen. Das veranlasste ihn, sich einem Thema zuzuwenden, das ihn schon lange faszinierte: der Berufsbildung. 2010 wurde er zum nationalen Leiter des Zentrums für Berufsentwicklung und zum Mitglied der Hochschulleitung des EHB ernannt. In dieser Funktion unterstützt er die OdA bei der Entwicklung ihrer beruflichen Grundbildungen und höheren Berufsbildungen. Jean-Pierre Perdrizat stellt fest, dass die Unterschiede zwischen der Privatwirtschaft und der öffentlichen Verwaltung mitunter gewaltig sind. So geht es einem Berufsverband etwa hauptsächlich darum, seine Interessen durchzusetzen, während das EHB als Akteur der Berufsbildung Wert darauf legt, gemeinsam mit den Partnern Lösungen zu entwickeln, die Jugendlichen eine Zukunft ermöglichen. Weitere Unterschiede ortet Jean-Pierre Perdrizat bei der Grösse und der Funktionsweise. Ein Berufsverband ist oft kleiner und hat eine flexiblere Organisationsstruktur mit einfacheren und schnelleren Entscheidungswegen als ein öffentliches Institut wie das EHB, das einer komplexeren Organisation bedarf und darauf achten muss, dass die Hierarchieebenen und die Aufteilung der Tätigkeitsbereiche sowie die administrativen Abläufe die Leistungserbringung nicht beeinträchtigen. Dennoch gibt es laut Jean-Pierre Perdrizat auch zwei grosse Gemeinsamkeiten. So sind beide Seiten bestrebt, für einen Beruf oder eine Ausbildung das Beste herauszuholen. Eine weitere Gemeinsamkeit ist die Einflussnahme der Politik. In der Landwirtschaft nimmt die Politik Einfluss durch Direktbeiträge. Dem EHB dagegen werden durch den Bundesrat strategische Ziele vorgegeben und die dazu notwendigen Finanzmittel werden dem Institut im Rahmen der BFI-Botschaft vom Parlament zugesprochen. (lp)

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«Im öffentlichen Dienst blieb meine Arbeit oft anonym»

staatlich > privat

Nathalie Martin, Berufsberaterin und selbstständiger Coach (Bild: Nicolas Pirolet Sàrl)

Bevor Nathalie Martin ihre private Praxis eröffnete, war sie 15 Jahre lang im öffentlichen Dienst tätig, zuerst im Bereich berufliche Integration bei der IV, danach bei einem kantonalen Amt für Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung. Heute bedient sich die Psychologin der gleichen Methoden und verfolgt die gleichen Ziele wie vorher, bietet aber eine längere und vertiefte Begleitung: «Die Arbeit mit Erwachsenen, die sich neu orientieren, geht über die Kompetenzenbilanz, die beruflichen Interessen und die arbeitsbedingten Probleme hinaus. Wir befassen uns auch vertieft mit den Werten, die für ihr ganzes Leben von Bedeutung sind. Ich verfolge einen ganzheitlichen Ansatz», erklärt Nathalie Martin. Dafür greift die Berufsberaterin auf alle verfügbaren Hilfsmittel zurück. So führt sie etwa Gespräche mithilfe von FaceTime und Skype oder steht ihren Klienten auch abends für Beratungsgespräche zur Verfügung. Um Jugendliche bei der Erarbeitung ihrer beruflichen Ziele zu unterstützen, setzt Nathalie Martin wie die öffentliche Berufsberatung auf Interessentests und Berufsinformationsbroschüren. Danach coacht sie die Jugendlichen eng bei der Suche nach Schnupperlehrstellen, erstellt mit ihnen eine Liste von Unternehmen, bereitet sie auf die Telefongespräche mit Arbeitgebern vor und hilft ihnen bei der Erstellung des Lebenslaufs und des Bewerbungsschreibens. Diese Unterstützung konnte sie vorher nicht allen Jugendlichen am Ende der obligatorischen Schulzeit bieten. «In der öffentlichen Verwaltung blieb meine Arbeit oft anonym. Jetzt aber betrachten mich die Eltern als Bezugsperson und wenden sich bei Problemen an mich.» Die Arbeit in der Privatpraxis bedeutet allerdings auch mehr Einsamkeit, doch dank ihrer Erfahrung konnte Nathalie Martin ein umfassendes berufliches Netzwerk aufbauen. «Ich darf nicht vergessen, dass die Klienten meine Auftraggeber sind. Ich respektiere ihre Ansprüche und bleibe neutral, wenn ich mit anderen Akteuren eine Situation bespreche.» Nathalie Martin hat ihr Tätigkeitsgebiet ausgebaut und sich auf die Erkennung von Hochbegabungen bei Kindern und Jugendlichen spezialisiert. Wenn sie mit Kindern arbeitet, schliesst sie die Konsultation gerne mit einem Besuch im Garten. «Dort treffen wir auf Hühner, Hunde und Katzen. Das ermöglicht mir, den Kindern anders zu begegnen und sie aus einer anderen Perspektive kennenzulernen, als dies in der Praxis möglich ist.» (ir)

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«Der Dollarzeichen müde»

privat > staatlich

Cornelius Weibel, Leiter BIZ St. Gallen (Bild: Peter Ammann)

Kurz vor 50, im Executive Search tätig und, wie er sagt, der Dollarzeichen in den Augen seiner Gegenüber müde, ging Cornelius Weibel auf Sinnsuche: Zusammenarbeit, beraten und etwas bewirken wurden seine neuen Ziele. Das Absolvieren einer Weiterbildung in Gesprächsführung und Beratung für Nichtpsychologen war ein erster, die Einbettung des Gelernten in einen passenden Kontext der zweite Schritt: Cornelius Weibel meldete sich für die Ausbildung zum Berufs-, Studien- und Laufbahnberater am IAP an. Praktika folgten. In St. Gallen wurde dem untypischen Praktikanten eine Ferienvertretung angeboten. Kurz darauf erhielt er die Zusage für die Stelle als Fachspezialist in der Zentralstelle des Kantons St. Gallen. Türöffner waren wohl auch sein Abschluss in Betriebswirtschaft an der HSG, Erfahrungen als Human-Resources-Leiter in vier Unternehmen, der Aufbau seines eigenen Unternehmens in der Personalberatung und die offen kommunizierte Werteverschiebung. Vor zwei Jahren bewarb sich der heute 56-Jährige dann um die Stelle als Leiter des BIZ St. Gallen. Nach dem «Ja» zügelte er definitiv von Zürich nach St. Gallen. Nun leitet er das grösste BIZ des Kantons mit 37 Mitarbeitenden. «Hier läuft es weniger im Hü und Hott als in der Privatwirtschaft, es ist stabiler, fordert aber mehr Frustrationstoleranz», sagt Weibel. Die Entscheidungsprozesse bräuchten länger, seien dafür aber vielleicht nachhaltiger. Aber der Markt gebe mit der Digitalisierung Tempo vor. Man müsse überlegen, wie man mit den Kunden kommuniziere, müsse Kooperationen schaffen und man dürfe nicht schwerfällig sein, sagt Weibel. Und, meint er nachdenklich, man könne von seinen Mitarbeitenden nur verlangen, was man als Führungskraft selbst vorlebe. Erste Projekte hat er mit seinem Team bereits umgesetzt. Zur Förderung einer offenen Teamkultur hat Weibel regelmässige Montags-Stehungen im Leitungsteam eingeführt, ein vielfach talentierter Studienberater fotografierte alle Mitarbeitenden für die Website, für die regionale Veranstaltung des Jubiläums «100 Jahre Berufsberatung Kanton St. Gallen» im nächsten Jahr wurden in seinem Team viele kreative Ideen entwickelt. Ein Schlüsselerlebnis aus seinen elf beruflichen Stationen war die Übernahme eines stillgelegten Bahnhofbuffets mit Gleichgesinnten: «Wir haben für die Idee gebrannt und gelebt. Als Geschäftsführer entdeckte ich, dass alle viel mehr Zeit investiert als aufgeschrieben haben. Seit da weiss ich, wenn alle in die gleiche Richtung ziehen, dann ist vieles möglich.» (az)

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«Was mir am Herzen liegt, ist der Dienst am Kunden»

staatlich > privat

Joëlle Mathey, Leiterin der Genfer Stiftung Qualife (Bild: Gil Butty)

Joëlle Mathey ist Leiterin der privaten Stiftung Qualife, die sie 2014 gegründet hat. «Mein Wunsch war es, Jugendlichen ohne nachobligatorische Ausbildung, die im System untergehen, eine Alternative zu bieten», erklärt Joëlle Mathey. «Projekte ausgestalten, entwickeln und leiten, das ist für mich ein Traumjob.» Bevor sie Qualife gründete, studierte Joëlle Mathey die bestehenden öffentlichen und privaten Angebote. Die Vielfalt war zwar gross, aber die Angebote für Jugendliche waren stark fragmentiert und nach Branchen gegliedert. Es war kein roter Faden erkennbar. «Cap Formations, die interinstitutionelle Plattform des Kantons, betreut fast 1600 Jugendliche. Wir arbeiten mit Cap Formations zusammen und unterstützen junge Menschen, die mangels Selbstständigkeit nicht ins Programm aufgenommen werden.» Dabei hat Qualife zwei im Grunde widersprüchliche Herausforderungen zu meistern: Die Stiftung muss mit allen Akteuren zusammenarbeiten und dennoch alles anders machen. Die 50 betreuten Jugendlichen profitieren bis zum Abschluss ihrer EBA- oder EFZ-Ausbildung von einer massgeschneiderten, ständigen Begleitung. «Bis jetzt hat noch kein Jugendlicher, den wir begleiten, die Lehre abgebrochen. Das macht mich sehr stolz», erklärt Mathey. Bereits früher leitete Joëlle Mathey Evaluanda, ein Unternehmen, das auf die Evaluation von Massnahmen der öffentlichen Hand spezialisiert war und das sie mit zwei Freunden gegründet hatte. «Wir wagten gleich nach dem Studium den Schritt ins Unternehmertum und sagten uns, dass wir dort ja nicht bleiben müssen.» Gut zehn Jahre später trat sie in den öffentlichen Dienst ein, zuerst als Projektleiterin im Rahmen der Waadtländer Justizreform, anschliessend als stellvertretende Generalsekretärin des Genfer Departements für Solidarität und Beschäftigung, wo sie den Bereich Arbeitsmarkt leitete. «Bei Evaluanda haben wir Berichte mit zahlreichen Empfehlungen verfasst. Beim Kanton musste ich diese umsetzen, das ist etwas ganz anderes. Die öffentliche Verwaltung muss Erlasse umsetzen, die aus einem Gesetzgebungsprozess heraus entstanden sind und nicht immer kohärent sind.» Joëlle Mathey hat bei Qualife viel Handlungsfreiheit, aber noch nicht all ihre Pläne umgesetzt. Ein Vorhaben konnte sie aber bereits verwirklichen: Seit 2016 begleitet Qualife nicht nur unter 25-Jährige, sondern auch über 50-Jährige. «Arbeiten und dabei etwas Nützliches tun, ist für mich ein Erfolgserlebnis. Ob Privatwirtschaft oder öffentlicher Dienst, was mir am Herzen liegt, ist der Dienst am Kunden. (cbi)

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Arbeiten, wie Private es tun

privat > staatlich

Daniel Gretler, Leiter «Arbeitgeberservice Schaffhausen» (Bild: Vivian Biner)

Als sich Daniel Gretler 2015 beim Arbeitsamt Schaffhausen als Personalberater bewarb, war er völlig überqualifiziert. Er hatte zehn Jahre in leitenden Positionen der Administration und dann 17 Jahre als Personalberater von Fach- und Führungskräften auf Mandatsbasis gearbeitet, zuletzt in einer eigenen Firma. «Ich glaube nicht, dass Sie dieses Potenzial bei uns einbringen können», sagte ihm Amtschef Vivian Biner im Bewerbungsgespräch. Dennoch wollte Daniel Gretler den Job. Ihn hatte das Beratergeschäft, das durch die Digitalisierung stark verändert wurde, immer weniger befriedigt. Und ihn interessierte die Arbeit beim Staat, besonders unter Vivian Biners Leitung, der wie er aus der Privatwirtschaft gekommen war. Vivian Biner freute sich über die Auskunft. Und sagte: «Ich habe da ein Projekt, das Sie interessieren könnte.» Zwei Jahre später legt Daniel Gretler einen Prospekt zum Arbeitgeberservice Schaffhausen auf den Tisch, den er zusammen mit dem Team neben seiner Beratertätigkeit aufgebaut hat. «Ihr Personalbedarf – unsere Kompetenz», steht da, und «wir sind das Kompetenzzentrum für Arbeitgeber». Diese Formulierungen machen einen Perspektivenwechsel deutlich: Das RAV Schaffhausen sucht nicht mehr offene Stellen für Arbeitslose, sondern Arbeitslose für offene Stellen. Dafür kontaktieren die Beratenden Firmen mit Vakanzen, klären den Bedarf und führen, falls erwünscht, eine RAV-interne Vorselektion durch. Zusammen mit den potenziellen Kandidaten stellen sie dann Profile und Bewerbungsdossiers zusammen – Grundlage für den direkten Kontakt zwischen Arbeitgeber und Stellensuchenden. «Diese Arbeitsweise entspricht der privaten Personalberatung», sagt Daniel Gretler. «Nur dass wir für unsere Arbeit keine Provisionen verlangen und bei Bedarf sogar Einarbeitungszuschüsse gewähren können.» Verglichen mit seiner früheren Tätigkeit sei das «das Paradies». So leicht das alles klingt: Mit seinen Ideen aus der Privatwirtschaft ist Daniel Gretler oft auf Unverständnis gestossen, und viele Firmen nähmen das RAV noch immer als Vollzugsbehörde wahr. Tatsächlich bestimmten Kreisschreiben und Praxishandbücher das bisherige Handeln der RAV. «Aber eine gute Personalberatung verlangt Marktorientierung und rasches, unbürokratisches Handeln», so Daniel Gretler. In einigen Kantonen würden Leute mit solchen Ideen ausgebremst. Aber andere erkennen, dass sie wichtig sind. So ist Daniel Gretler nun auch als Experte beim Verband Schweizerischer Arbeitsmarktbehörden für die «Arbeitgeberstrategie der RAV Schweiz» aktiv. (dfl)

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