Ausgabe 04 | 2017

ARBEITSMARKT

Arbeitsmarkt 4.0

Die neuen Opfer des Fortschritts

Die Automatisierung der Arbeit liess viele einfache Jobs verschwinden, während neue Stellen mit hohen Anforderungen entstanden. Jetzt bedroht die Digitalisierung das mittlere Kader. Dies ist eine Erkenntnis aus einer Tagung von «Arbeitsintegration Schweiz».

Von Daniel Fleischmann, PANORAMA-Redaktor

Der Verband «Arbeitsintegration Schweiz» zählt rund 190 Mitglieder. Er führte anlässlich des 20-jährigen Bestehens im Juni 2017 eine Fachtagung zu den Folgen der Digitalisierung durch. (Bild: Daniel Fleischmann)

Der Verband «Arbeitsintegration Schweiz» zählt rund 190 Mitglieder. Er führte anlässlich des 20-jährigen Bestehens im Juni 2017 eine Fachtagung zu den Folgen der Digitalisierung durch. (Bild: Daniel Fleischmann)

Airbnb ist einer der grossen Digitalisierungs-Gewinner: 2015 übernachteten über 300'000 Gäste via Plattform in der Schweiz, doppelt so viele als im Jahr zuvor. Aber wenn man das Unternehmen nach seiner Zukunft fragt, ist von Dingen die Rede, die nicht technologisierbar sind – Gastgebersein, Empathie, Begegnung. In einem Interview mit der NZZ sagte Alexander Schwarz, Geschäftsführer: «Es ist paradox: Wir sind eigentlich eine Technologie-Firma, aber wir sagen ‹the magic happens offline›.» Wer fragt, wie die Digitalisierung die Arbeitswelt verändert, muss mit Überraschungen rechnen. Das zeigte sich im Jahr 2000, als die Dotcom-Blase platzte und zuvor begehrte IC-Fachleute plötzlich auf der Strasse standen. Und das dürfte sich auch für Schlagwörter wie «Industrie 4.0» bewahrheiten. Der «Gartner Hype Cycle» zeigt: Die meisten Erwartungen an digitale Innovationen sind überzogen – wer erinnert sich noch an «Second Life» oder RSS? Nach einer steilen Aufmerksamkeitskurve gehen sie meist durch ein «Tal der Desillusionierung», bis sie schliesslich das «Plateau der Produktivität» erreichen. Die Frage, wie 3D-Drucker oder Cloud Computing unsere Arbeit verändern werden, war Thema einer Tagung des Verbandes «Arbeitsintegration Schweiz». Sie erbrachte folgende Hinweise:
– Die arbeitsmarktlichen Auswirkungen der Digitalisierung werden kontrovers beurteilt. Carl B. Frey und Michael A. Osborne veröffentlichten 2013 das Menetekel, dass 2035 rund 47 Prozent der amerikanischen Beschäftigten durch Computer ersetzt sein könnten. Laut Hochrechnungen für die Schweiz sind 65 Prozent der Arbeitsplätze von Erwerbstätigen mit Berufsbildung gefährdet und 25 Prozent der Arbeitsplätze von Akademikern/-innen. Viele kommentieren solche Prognosen kritisch, zum Beispiel die beiden Soziologinnen Sabine Pfeiffer und Anne Suphan: Der Studie liege eine Unterscheidung zwischen Routine und Nicht-Routine zugrunde, die untauglich sei. Schliesslich gibt es Studien, die zumindest mittelfristig Beschäftigungszuwächse voraussagen. So erwartet das deutsche Bundesministerium für Arbeit und Soziales zwischen 2014 und 2030 eine Zunahme der Erwerbstätigenzahl um 240'000.
– Dass sich der Arbeitsmarkt verändert, ist unbestritten. Laut einer Umfrage von Swissmem sagen die meisten KMU, dass digitale Konzepte in verschiedenen Bereichen einen Nutzen bringen. Kein Industrieland ist so gut auf diesen Prozess vorbereitet wie die Schweiz. Dabei gibt es viele Tätigkeiten, die automatisiert werden können – und mehr oder weniger betroffene Branchen. Banken, Versicherungen oder Einzelhandel stehen in und vor massiven Veränderungen, aber auch Medien, Bildung, Produktion und Gesundheitswesen.
– Durch diese Entwicklung werden in der Schweiz nicht mehr viele unqualifizierte Jobs verloren gehen. Der Prozess der Automatisierung ist weitgehend abgeschlossen. Zudem macht es oft gar keinen Sinn, billige Arbeit durch teure Roboter zu ersetzen; die technische Machbarkeit ist nicht alleine ausschlaggebend für Rationalisierungsentscheide. Von der Nutzung von «Big Data» oder der Einrichtung von Netzwerken sind stattdessen vor allem Personen im mittleren Kader betroffen – sie sind die neuen Opfer des Fortschritts. Binnen 20 Jahren sank der Anteil der Stellen mit mittlerem Qualifikationsniveau in der Schweiz um 9,5 Prozent, während hochqualifizierte Jobs um 7,6 Prozent und Stellen für Niedrigqualifizierte um 1,9 Prozent zulegten. Die Digitalisierung erlaubt es, Prozesse wie Entscheiden und Beauftragen, Organisieren und Kontrollieren zu automatisieren.
– Das führt zu einer Veränderung der Kompetenznachfrage. Wichtig ist, die digitalisierten Prozesse bedienen zu können (Programmieren, Datenkompetenz, Roboterbau). Und wichtig werden Dinge, die uns von den Maschinen unterscheiden: Handwerkliches Geschick, Kreativität, soziale Kompetenzen sowie Schlüsselkompetenzen wie unternehmerisch sein oder sich vernetzen können. Zudem gehört die Zukunft nicht den Spezialisten, sondern polyvalent ausgebildeten Personen, die eine gesamthafte Prozesssicht besitzen. Sie sind im Unterschied zu Robotern auch in der Lage, Fragen zu stellen oder sich – gemäss der Idee der Holokratie – in die Entscheidungsfindung einzubringen.
– Die Logik der digitalisierten Arbeit ist asozial; Arbeit auf Abruf, Dematerialisierung der Tätigkeiten, räumliche und zeitliche Entgrenzung der Arbeit («Work-Life-Blending»), Beschleunigung der Prozesse – das alles ist nicht nur mit Chancen verbunden, sondern auch mit sozialer Ausgrenzung, Prekarisierung, Kontrollverlust und Entwertung des Anciennitäts- sowie des Berufsprinzips. Aus Angestellten werden in der digitalisierten Arbeitswelt Arbeitskräfte mit geschmälerten sozialen Sicherheiten. Die Studie «Flexible neue Arbeitswelt» zeigte, dass in der flexiblen Arbeitswelt einigen kleinen Verbesserungen viele kleine Verschlechterungen gegenüberstehen; das Wohlstandsniveau könnte erodieren. Von den Menschen wird erwartet, dass sie mit Widersprüchen umgehen und der eigenen Arbeit aktiv Sinn zuschreiben können.
– Das alles erfordert Weichenstellungen in Politik und Wirtschaft. Die Bewältigung etwa der sozialrechtlichen Aspekte der Plattformwirtschaft ist ebenso dringend wie staatliche Qualifizierungsinitiativen. Der Bericht «Rahmenbedingungen der digitalen Wirtschaft» lasse jedoch soziale Fragen weitgehend aussen vor, kritisierte Louis Schelbert, Präsident von Arbeitsintegration Schweiz, zu Beginn der Tagung. Bundesrat Johann Schneider-Ammann kündigte Aktivitäten an (siehe Kasten), andere wollen ein bedingungsloses Grundeinkommen. Verantwortung haben neben der Politik auch die Unternehmen, deren HR-Abteilungen den Verlust an arbeitsplatzbezogenen Sicherheiten ersetzen müssen mit der Sorge um den Erhalt der Arbeitsmarktfähigkeit ihrer Mitarbeitenden – etwa auf der Basis von obligatorischen Standortbestimmungen. Zu diskutieren ist auch, dass die gleiche Arbeit in Frankreich 1980 Franken und in der Schweiz 4000 Franken kostet.

Widersprüchliche Erwartungen

Die geschilderten Entwicklungen werden sich auch auf die Tätigkeit der in der Arbeitsintegration tätigen Institutionen auswirken. So wird die neue Gruppe der Personen mit mittleren Qualifikationen andere Unterstützung benötigen. Die interessanteste Beobachtung dazu machte in der Tagungsdiskussion Christophe Dunand, Direktor der Sozialfirma Réalise. Er wies auf den Widerspruch hin, der zwischen den bürokratischen Aufgaben von Einrichtungen der Arbeitsintegration und den Ansprüchen an ihr innovatives Handeln bestehe. Einen ähnlichen Widerspruch gebe es zudem zwischen den höher werdenden Ansprüchen an die Arbeitsuchenden und der zeitlichen Verkürzung von Qualifizierungsmassnahmen.

Links und Literaturhinweise

Artikel mit allen Quellenangaben
Weitere Materialien aus der Tagung: www.arbeitsintegrationschweiz.ch/dokumentation

Kasten

Bundesrat beim Verband «Arbeitsintegration Schweiz»

Der Verband Arbeitsintegration Schweiz (ehemals SVOAM) feiert dieses Jahr sein 20-jähriges Bestehen und führte in Bern die Fachtagung «Arbeitsmarkt 4.0 – Auswirkungen der vierten industriellen Revolution auf die Arbeitsintegration» durch. Ehrengast war Bundesrat Johann Schneider-Ammann, der in seinem Referat folgende Aktivitäten ankündigte:
– Das Eidg. Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung verfasst einen Bericht zur Stärkung der Bildung und Forschung im Zeitalter der Digitalisierung.
– Bis November wird auf Grundlage Berufsbildungsgesetz ein Programm für die Weiterbildung im Bereich Grundkompetenzen entwickelt, insbesondere im IKT-Bereich.
– Bis Ende 2017 legt der Bundesrat einen Grundlagenbericht zu den Auswirkungen der Digitalisierung vor, darunter auch ein vertiefender Bericht zu neuen Arbeitsformen.
– Bis Frühling 2018 zeigt das SECO zusammen mit den Kantonen Möglichkeiten des Einsatzes arbeitsmarktlicher Massnahmen zur Unterstützung von Personen auf, die sich strukturell bedingt beruflich umorientieren müssen.

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