Ausgabe 04 | 2017

ARBEITSMARKT

Nationales Qualifizierungsprogramm BNF

Aus 1200 Projekten das richtige auswählen

Seit 20 Jahren bietet das nationale Qualifizierungsprogramm BNF stellensuchenden Hochschulabgängern Fachberatungen und Kurse an. Ausserdem eröffnet es ihnen den Zugang zu rund 1200 Projektvorschlägen. Ein Bericht aus der BNF-Zweigstelle in Lausanne.

Von Ingrid Rollier, PANORAMA-Redaktorin

Die Statistiken sprechen eine deutliche Sprache: Je besser jemand ausgebildet ist, desto kleiner die Gefahr der Arbeitslosigkeit. Doch auch für Hochqualifizierte kann sich die berufliche Eingliederung oder Wiedereingliederung als schwierig erweisen. Besonders trifft dies zu auf Akademiker/innen aus hochspezialisierten Forschungsfeldern, junge Hochschulabgänger/innen ohne Berufserfahrung oder Spezialisten/-innen, die nach einer Unternehmensschliessung arbeitslos werden. Das nationale Qualifizierungsprogramm BNF (Abkürzung für Beraten, Netzwerken, Fördern) bietet Hochschulabgängern/-innen fachliche Beratung, ein umfassendes Kursangebot und die Möglichkeit, drei bis sechs Monate lang an einem Projekt mitzuarbeiten. Das Programm vereint 1200 Projektvorschläge von Universitäten, öffentlichen Ämtern, NGOs, Verbänden und einigen Privatunternehmen. Die grosse Mehrheit der Akademiker/innen findet den Weg zum BNF-Programm über das RAV. 2016 wurden 888 Personen ins Programm aufgenommen (siehe Grafik), 66 Prozent von ihnen fanden anschliessend eine Stelle. Das Durchschnittsalter liegt bei 37 Jahren. Das Programm mit Zweigstellen in Basel, Bern, Lausanne und Zürich ist der Universität Bern angegliedert. Über 40 Prozent der Anfragen stammen aus dem Kanton Waadt.

Arbeitslosigkeit ist für die Beratenden kein Fremdwort

2016 wurden im Rahmen von BNF nahezu 1500 Personen betreut. Einer davon ist Thomas (Name geändert). Nach seinem Doktorat in Biologie arbeitete er mehrere Monate in der Immunologieforschung, bevor er ein Start-up für wissenschaftliche Kommunikation gründete. Mangels Finanzmitteln lief sein Projekt ins Leere. Der hochqualifizierte, arbeitslose Akademiker ohne Berufserfahrung wurde schliesslich ans BNF-Programm verwiesen. Wie Thomas stammt fast ein Drittel der Programmteilnehmenden aus den Biowissenschaften, einem aufstrebenden Bereich, zu dessen Arbeitsmarkt junge Akademiker/innen aber nur schwer Zugang finden. Im Gespräch mit einem BNF-Berater fühlte sich Thomas verstanden und er konnte seine Situation mit etwas mehr Gelassenheit sehen. Sein Berater unterstützte ihn dabei, im Bewerbungsschreiben seine Kompetenzen besser sichtbar zu machen und gezielter nach geeigneten Stellen zu suchen. «Wir haben dieselbe Situation ebenfalls durchgemacht und wissen, dass Einsamkeit Gift ist», sagt Alexandre Noël, Berater und Leiter der BNF-Zweigstelle in Lausanne. Die BNF-Beratenden haben selbst eine höhere Ausbildung absolviert, in Physik, Geologie oder Biologie promoviert und waren selbst arbeitslos, bevor sie ihre Beratungstätigkeit aufnahmen. Rachele Gnesa ist BNF-Beraterin in Lausanne und hat 2004 selbst an einem ähnlichen Programm teilgenommen, das sich ausschliesslich an Psychologen/-innen richtete. Im Rahmen einer temporären Anstellung an der Universität Lausanne beschäftigte sie sich mit Psycholinguistik. Danach arbeitete sie auf dem Gebiet der beruflichen Wiedereingliederung, bevor sie sich auf die Berufsberatung spezialisierte. Heute arbeitet sie im Amt für Berufsberatung und Erwachsenenbildung des Kantons Freiburg und in der BNF-Zweigstelle Lausanne, wo ihr ihre Spezialisierung bei der Begleitung ihrer Klienten/-innen, hauptsächlich ausgebildeten Geisteswissenschaftlern, Psychologinnen und Soziologen, zu Gute kommt. Wie Rachele Gnesa haben auch viele andere Absolvierende eines Masterstudiengangs in Psychologie es oft schwer, eine feste Stelle zu finden. Viele reihen Praktikum an Praktikum, um Erfahrungen zu sammeln und ihre Kenntnisse in einer Teildisziplin zu vertiefen. Im Jahr 2016 haben 78 Prozent der Psychologen/-innen, die am BNF-Programm teilgenommen haben, eine Stelle gefunden.

Sich für ein sinnvolles Projekt entscheiden

Im Gespräch sollen die Kandidaten/-innen aus den 1200 verfügbaren Projekten jenes auswählen, das für sie am meisten Sinn macht und ihrem Profil und ihren Erwartungen am besten entspricht. «Wenn wir zehn Chemikerinnen mit ähnlichen Profilen betreuen, hat jede ihre eigenen Erwartungen und wir suchen dann gemeinsam nach dem geeigneten Projekt», erklärt Alexandre Noël. Im Gespräch stellen die Beratenden sicher, dass der Klient das richtige Ziel im Auge hat. Das gewählte Projekt muss bei der beruflichen Integration wirklich nützlich sein, und es sollen messbare Ziele erreicht werden können. So sollen die Programmteilnehmenden beispielsweise ganz bestimmte Erfahrungen sammeln oder neue Fähigkeiten ausserhalb des angestammten Tätigkeitsbereichs erwerben können, um die bestehenden Kompetenzen zu erweitern. Das Projekt muss auch die Möglichkeit bieten, an potenzielle Arbeitgebende heranzukommen. «Wir erwarten von den Kandidaten eine gewisse Selbstständigkeit und Eigeninitiative», sagt Alexandre Noël. «Sie selbst wählen das geeignete Projekt aus und nehmen mit den Leistungserbringern Kontakt auf.» Thomas zum Beispiel hat sich für ein Projekt der Universität Genf in den Bereichen Life Sciences und wissenschaftliche Kommunikation entschieden, einem Gebiet, in dem er zuvor schon tätig war. Sein Praktikum absolvierte er in einem Büro für Technologie-Transfer, das Forschende dabei unterstützt, ihre neu entwickelten Verfahren in die Industrie zu transferieren. In diesem Praktikum fand er auch sein Selbstvertrauen wieder. Er lernte die jüngsten Innovationen kennen und hatte Kontakt mit den HR-Verantwortlichen von wichtigen Biotechnologie-Firmen. Daraus ergaben sich zahlreiche Möglichkeiten, um seine Chancen auf eine Stelle zu erhöhen. Die arbeitsmarktnahen Praktika dauern drei bis sechs Monate. 20 Prozent ihrer Arbeitszeit wenden die Programmteilnehmer für die Stellensuche auf und zehn Prozent für die Weiterbildung. Neben den Projekten bietet BNF gezielte Kurse an, die die Programmteilnehmer bei der Stellensuche unterstützen oder es ihnen ermöglichen, ihre Sprach-, Informatik-, Management- und sonstigen Kenntnisse zu erweitern. Thomas hat zehn Intensivkurse in Projektmanagement besucht: «Ich habe neue Kenntnisse erworben, aber was noch mehr zählt, ist der Austausch mit den anderen Hochschulabgängern und die Energie, die mir die Gruppe gab. Das Praktikum, die Begleitung und die Kursbesuche haben mir neue Möglichkeiten eröffnet.»

Links und Literaturhinweise

www.bnf.unibe.ch

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Persönliches Coaching für komplexe Fälle

Es gibt Menschen, die lange Zeit zu keinem Bewerbungsgespräch eingeladen werden und entsprechend entmutigt sind. Andere wiederum wissen nicht, welche Schritte sie unternehmen möchten, oder haben Mühe, ein Dossier zusammenzustellen. Sie alle können ein Coaching in Anspruch nehmen, um sich individuell unterstützen zu lassen. Der professionelle Blick eines aussenstehenden Coaches kann ihnen helfen, die richtige Vorgehensweise zu finden und wieder Vertrauen in sich selbst zu fassen. BNF-Coach Isabelle Flouck geht jeweils mit ihren Klienten/-innen zusammen das Dossier durch. Manchmal muss das Ziel angepasst werden, manchmal ist die Zielsetzung nicht klar oder die Kompetenzen passen nicht zum angestrebten Ziel. «Bei der Arbeit am Dossier stossen wir oft auf andere Probleme», stellt Isabelle Flouck fest. Die hochqualifizierten Programmteilnehmenden sind erfolgsverwöhnt und tun sich mit Niederlagen umso schwerer. Sie sind es nicht gewohnt, eine Stelle suchen zu müssen. Bei einigen beobachten wir einen gewissen Widerstand, eine Angst, die sie überwinden müssen. Anderen wiederum mangelt es an Selbstvertrauen. Isabelle Flouck versucht, die Schwächen ihrer Klienten so schnell wie möglich zu identifizieren, um anschliessend die richtigen Hebel in Gang zu setzen. Sie hilft ihren Klientinnen, aktiv zu werden, sich zu öffnen und sich mit anderen zu vernetzen. Insbesondere ermutigt sie ihre Klienten, die Initiative zu ergreifen und sich konkreten Situationen zu stellen, etwa, indem sie an Konferenzen von potenziellen Arbeitgebern teilnehmen, Kontakte mit Berufsverbänden oder Unterstützungsgruppen knüpfen oder die Beratung von Schlüsselpersonen in Anspruch nehmen, die ihre bisherige Laufbahn validieren, sie mit Informationen zu den gesuchten Funktionen oder Berufen versorgen und sie beim Einstieg in die Arbeitswelt unterstützen können.

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