Ausgabe 04 | 2017

BERUFSBERATUNG

Online-Weiterbildungsberatung

«Wir versuchen, den Beratungsprozess zu automatisieren»

Beat Schlumpf, Co-Gründer von CV-Cube, erklärt sein Angebot: Lernwilligen Menschen die richtige Weiterbildung empfehlen. Die Bildungsanbieter ihrerseits bezahlen eine Vermittlungsprovision.

Interview: Stefan Krucker, Chefredaktor PANORAMA

Beat Schlumpf (42), Co-Gründer von CV-Cube. (Bild: zvg)

Beat Schlumpf (42), Co-Gründer von CV-Cube. (Bild: zvg)

PANORAMA: Ich gratuliere Ihnen: In meinem Test hat mir Ihre Mitarbeiterin genau diejenige Weiterbildung empfohlen, die ich selber vor einem Jahr gewählt hatte. Wie hat sie das geschafft? Beat Schlumpf: Wir betreiben sehr viel Marktresearch. Und wir arbeiten mit den Informationen, die wir vom Kandidaten haben. Je mehr Informationen wir erhalten, desto besser können wir die Beratung machen. Wenn der Kandidat seinen Lebenslauf hochlädt oder uns sein LinkedIn- oder XING-Profil angibt, schauen wir das an. Und wenn der Kandidat seine Telefonnummer bekannt gibt, machen wir eine telefonische Rückfrage.

Bei mir hat es ohne Lebenslauf und Profile ganz gut geklappt. Machen Sie die Berufs- und Laufbahnberatung überflüssig?
Definitiv nicht. Wir sehen uns als Ergänzung. Wir machen keine klassische Laufbahnberatung. Die Leute, die zu uns kommen, wissen in den meisten Fällen recht genau, in welchem Bereich sie sich weiterbilden wollen. Wir schauen dann ihre Ausbildung und ihre Berufserfahrung an und sagen ihnen, welche Weiterbildung auf welcher Stufe am meisten Sinn für sie macht. Manchmal holen wir aber schon ein bisschen aus, fragen den Kandidaten, wie er auf dieses Gebiet kommt, was er sich darunter vorstellt.

Bei meinem Versuch hat das nicht stattgefunden. Die Beraterin hat einfach entgegengenommen, was ich mir vorstelle, und hat mir danach Weiterbildungsvorschläge gemacht.
Das hat damit zu tun, dass wir als Start-up auch sehr viele Learnings machen. Wir probieren aus, was Sinn macht und was nicht. Im ersten Jahr haben wir wirklich mit jedem Kandidaten Kontakt aufgenommen. Das war sehr zeitintensiv und wir haben sehr viel dabei gelernt. Nun versuchen wir aber, das, was möglich ist, zu automatisieren. Wir schauen, wie weit wir mit dem Kandidaten Kontakt aufnehmen müssen. Das ist eine Gratwanderung. Nachdem wir dem Kandidaten die Angebote zugestellt haben, fragen wir aber immer nach, ob das etwa das sei, was er sich vorgestellt hat.

Sie leben von den Provisionen der Schulen. Welche Vorteile haben die Schulen, wenn sie mit Ihnen einen Vertrag abschliessen?
Es gibt auf beiden Seiten Vorteile. Wir bekommen eine Rückprovision, und je besser wir die Schule und ihr Angebot kennen, desto besser können wir unsere Kandidaten beraten.

Wie gehen Sie vor, wenn für einen Kandidaten eine Weiterbildung am besten passt, mit der noch keine Vereinbarung besteht?
Im Moment spielt das für uns keine Rolle. Wir bauen sowohl die Partnerschulen als auch die Kandidaten parallel auf. Wir beraten die Kandidaten und empfehlen eine Schule. Wenn wir mit ihr noch keinen Vertrag haben, gehen wir auf die Schule zu und erklären unser Modell.

Das heisst, Sie verkaufen den Kandidaten?
Ja und nein. Der Kandidat steht ganz klar im Mittelpunkt. Wir versuchen zwar, mit der Schule eine Zusammenarbeit zu etablieren, aber wir vermitteln den Kandidaten auch, wenn die Schule nicht mitmachen will. Mit dem Resultat, dass wir im vergangenen Jahr rund einen Drittel unserer Vermittlungen monetarisieren konnten.

Wie viele Weiterbildungswillige haben Sie bis jetzt beraten?
Wir haben bisher etwa 1500 Kandidaten beraten.

In welchen Branchen?
Als Start-up muss man sich fokussieren. Wir beide Gründer kommen aus dem Bereich Verkauf, Marketing, Leadership, Betriebswirtschaft, Digitalisierung; daher sind wir auch in diesem Bereich gestartet. Wenn wir uns in einem Bereich nicht auskennen, wie zum Beispiel im Gesundheitswesen, informieren wir uns selber, zum Beispiel bei Schulen. Daher mussten wir noch keinen Kandidaten ablehnen.

Arbeiten Sie auch mit der Berufs- und Laufbahnberatung zusammen?
Bis heute haben wir mit den Berufsberatungen nicht zusammengearbeitet. Hauptgrund ist, dass wir ihnen im Moment zu wenig bieten können.

Eventuell könnten Sie von der Berufsberatung profitieren.
Das wäre auch ein möglicher Ansatz. Wir arbeiten mit Gateway.one als strategischem Partner zusammen. Wir haben zum Beispiel schon ein paar Kandidaten gehabt, die noch keine Lehre gemacht hatten und eine Weiterbildung machen wollten. Diese haben wir dann in die Beratung bei Gateway.one geschickt.

Zurück zu einer möglichen Zusammenarbeit mit der Berufsberatung.
Gerade kürzlich hat sich ein BIZ bei uns gemeldet und gefunden, dass wir eine Ergänzung sein könnten zu ihrem Angebot. Sie seien mit der Fülle des Weiterbildungsangebotes überfordert und würden dem Kandidaten nicht genau sagen können, was er machen solle. Daher sei die Idee aufgekommen, dass sie die Leute nach einer klassischen Laufbahnberatung an uns für eine spezifische Weiterbildungsberatung weiterverweisen könnten.

Das könnte aber nur aufgehen, wenn Sie spezialisiert bleiben, sonst wäre die Fülle für Sie ja genauso schwierig.
Genau, daher sind wir bis jetzt auch nicht aktiv auf die Berufsberatungen zugegangen. Wir haben allerdings den B2B-Markt angeteasert, also mit Grossfirmen Kontakt aufgenommen, die eigene HR-Berater haben, die Karriereplanungen, Talentmanagement und so weiter anbieten. Das Interesse war grundsätzlich da. Aber wir sind eben von der Automatisierung und vom Fachwissen her noch nicht an einem Punkt, an dem wir den Cube öffnen können für Externe.

Arbeiten Sie auch mit berufsberatung.ch, wenn Sie recherchieren?
Wir haben zu Beginn unserer Tätigkeit eine genaue Marktanalyse gemacht: Es gibt Ausbildung-Weiterbildung, es gibt Weiterbildung.ch vom SVEB, es gibt Tools der Berufsberatung. Die meisten bieten eine Meta-Suche: Man kann zum Beispiel Marketing als Stichwort eingeben bekommt dann einen Strauss der Möglichkeiten. Das Feld ist sehr breit: Sachbearbeiter Marketing-Verkauf, Marketing- Fachmann, Marketing-Leiter, unzählige CAS an den Fachhochschulen zum Thema Marketing, Social-Media-Manager, Digital-Marketing-Manager und so weiter. Genau dort sind die Leute überfordert. Sie erhalten einen Blumenstrauss an Informationen, wissen aber zum Beispiel nicht genau, was die Unterschiede sind zwischen einem Marketingleiter, einem Marketingfachmann und einem Marketingmanager HF. Wir wollen ihnen aufzeigen, wo sie im Moment stehen und wo sie einsteigen können. Dort, wo die Laufbahnberatung aufhört, wenn klar ist, in welche Richtung der Kandidat gehen will, setzen wir ein und sagen, welche Weiterbildung, welche Kompetenzen sie brauchen, um an eine bestimmte Position zu gelangen.

Sie sprechen damit an, dass eine Weiterbildung in aller Regel kein Selbstzweck ist. Aber in der Beratung fragen Sie nicht nach den Laufbahnzielen. Sie übernehmen einfach, welches Fachgebiet ihnen die Leute sagen, und empfehlen dann eine Weiterbildung.
Das haben wir am Anfang durchaus anders gemacht. Jetzt sind wir aber am Punkt, an dem wir gewisse Prozesse automatisieren. Wir sind gerade daran, mit der Hochschule Luzern ein KTI-Projekt aufzugleisen. Wir versuchen, diesen Prozess zu automatisieren, mit künstlicher Intelligenz, mit Machine Learning und so weiter. Wir reizen aus, mit wie wenig Informationen wir dem Kandidaten Vorschläge machen können.

Links und Literaturhinweise

www.cvcube.ch

Kasten

Digitale Weiterbildungsberatung: Ein Selbstversuch

Die Darstellung der Website www.cvcube.ch erinnert an WhatsApp: «Hallo, mein Name ist Nathalia. Ich bin dein digitaler Weiterbildungscoach und begleite dich auf deiner Weiterbildungsreise. Gehen wir! Wie ist dein Vorname?» Höflich, wie ich bin, antworte ich: «Hallo Nathalia, ich heisse Stefan.» Nathalia schreibt innerhalb eines Sekundenbruchteils zurück: «Hallo Hallo Nathalia, ich heisse Stefan.» Der Bot (für die älteren Leser/innen: das Computerprogramm), mit dem ich hier offenbar spreche, erwartet also keine ganzen Sätze, sondern behandelt meine komplette Antwort als meinen Namen. Was soll’s. Im Sekundentakt stellt mir der Bot «Nathalia» weitere Fragen: Wohnort, E-Mail und Handy-Nummer zum Beispiel. Dann folgen Fragen zur Fachrichtung, in der ich mich weiterbilden möchte, die gewünschte Region, meine bisherigen Aus- und Weiterbildungen und so weiter. Er fragt mich, ob ich einen aktuellen Lebenslauf habe und ein LinkedIn- oder XING-Profil. Ich verneine und wandle meine Personalien ab. Kurz danach erhalte ich eine E-Mail: «Hallo Hallo Nathalia, ich heisse Stefan. Herzlichen Dank für deine Anfrage. (…) Ich werde dich innerhalb der nächsten Tage kontaktieren, um noch offene Fragen für deine individuellen Angebote zu klären.» Ein paar Tage später ruft mich Nathalia – diesmal aus Fleisch und Blut – tatsächlich an. Sie spricht leicht gebrochen Deutsch und duzt mich. Etwas ungewohnt, aber ich bin ja nicht kompliziert. Nathalia fragt, auf welcher Stufe ich denn an eine Weiterbildung gedacht habe, ob es ein Lehrgang oder nur ein Kurs sein soll, und noch zwei, drei weitere Eckdaten. Schon bald verabschiedet sie sich wieder und verspricht, dass ich in den nächsten Tagen einen Weiterbildungsvorschlag erhalten werde. Drei Tage später erhalte ich tatsächlich eine E-Mail mit drei Weiterbildungsvorschlägen – und siehe da: Vorschlag Nummer eins ist dasjenige CAS, das ich vor einem Jahr selber gewählt hatte («Marketing Writer – Texter»). Test bestanden! Nathalia kennt auch weitere Studiengänge und die eidg. Berufsprüfung aus meinem Fachgebiet. Ich gratuliere Nathalia und erkläre ihr, dass meine Anfrage nur ein Test war. (sk)

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