Ausgabe 04 | 2017

BERUFSBERATUNG

Berufs-Check für Jugendliche

Selfies für die Berufsfindung nutzen

Mit der neuen App «Berufs-Check» erleben Jugendliche den ersten Kontakt mit der Berufsberatung als spielerisch und motivierend. Die App dient als Einstieg in den Berufsfindungs-prozess und soll zur Auseinandersetzung mit der Berufswahl anregen.

Von Daniel Jungo und Jürg Enderli, Laufbahnzentrum Zürich

Im Laufbahnzentrum Zürich können Jugendliche Selfies mit den Accessoires von Wunschberufen kombinieren. (Bild: Laufbahnzentrum)

Im Laufbahnzentrum Zürich können Jugendliche Selfies mit den Accessoires von Wunschberufen kombinieren. (Bild: Laufbahnzentrum)

Die Berufs-, Studien- und Laufbahnberatungsstellen bieten neutrale und aktuelle Informationen zu Berufen und Ausbildungen. Es mangelt ihnen aber an interaktiven und modernen Medien, welche die Ausbildungs- und Berufswünsche von Jugendlichen sowie deren Erfahrungswelt aufnehmen und mit positiven Emotionen wie Interesse und Spass besetzen. Vor diesem Hintergrund hat das Laufbahnzentrum Zürich zusammen mit zwei Kommunikationsagenturen eine neue App entwickelt, den «Berufs-Check». Die theoretischen Grundlagen des neuen Instruments sind die Identitäts- und Entwicklungspsychologie, die Positive Psychologie und die Berufswahlmodelle. Als Interessenstruktur wurden die Systematik der neun Berufsinteressenfelder von Jungo und Egloff und jene der 22 Berufsfelder von Zihlmann (inklusive Subfelder) verwendet. Dadurch ist die App kompatibel mit den bestehenden Arbeitsmitteln «Berufsfenster» und «Berufswahltagebuch». Beim Berufs-Check handelt es sich um einen kurzen, etwa zehn Minuten dauernden Check zur Berufswahl, nicht aber um ein umfassendes Berufswahlinstrument, welches weitere Berufswahlschritte wie Realisierung einbeziehen würde. Das Tool wird primär mit Schulklassen eingesetzt, könnte aber auch in der Einzelberatung zum Einsatz kommen.

Sich in verschiedenen Berufskleidern betrachten

Der Berufs-Check ist auf Tablets des Laufbahnzentrums installiert, mit denen die Jugendlichen einen Rundgang absolvieren (siehe Kasten). Sie können mit der App Selfies machen, sich in Rollen von insgesamt 219 Berufstätigen darstellen und so einen eigenen Avatar erstellen. Am Schluss des Rundgangs sehen sie sich selber dargestellt mit Kleidern von Berufspersonen und erhalten ein Ergebnisblatt. Dieses kann als PDF-Dokument gespeichert und ausgedruckt werden und auch an die eigene Mailadresse geschickt werden. Es enthält weiterführende Berufswahlschritte sowie die ersten drei Wunschberufe mit Links und QR-Codes. Die Codes führen direkt zu den biz-Berufsinfos, Berufsbildern und Berufsfilmen von berufsberatung.ch. Es besteht auch die Möglichkeit, sich selber mit Kleidern von Berufspersonen auf einem grossen Bildschirm im Laufbahnzentrum zu betrachten, was bei Schulklassen regelmässig zu lustigen Szenen führt.

Mehrheitlich positive Rückmeldungen

Der Berufs-Check wird im Laufbahnzentrum Zürich seit Herbst 2016 standardmäs-sig bei den Klassenorientierungen eingesetzt. 1615 Schülerinnen und Schüler, 82 Lehrpersonen und 46 Berufs-, Studien- und Laufbahnberatende wurden nach ihrer Meinung befragt. Der Fragebogen enthielt geschlossene und offene Fragen. Die grosse Mehrheit der Jugendlichen (über 90%) findet, dass der Berufs-Check interessant ist, Spass macht und motiviert, mehr über bestimmte Berufe zu erfahren, und dass sie damit mehr über eigene Berufswünsche herausgefunden haben. Fast alle würden einer Freundin oder einem Freund, welche/r sich mit der Berufswahl beschäftigt, den Berufs-Check empfehlen. Auch die Mehrheit der Lehrpersonen beurteilt den Berufs-Check positiv (77% gut bis sehr gut, 18% mittel, 5% nicht gut). Alle befragten Beratungspersonen finden, dass die Akzeptanz des Berufs-Checks bei den Jugendlichen gut bis sehr gut ist. 10% der Beratungspersonen beurteilen ihn als sehr gut, 52% als gut, 35% als mittel und nur 3% als nicht gut. Bei der offenen Frage «Was hat dir am Berufs-Check gefallen, was nicht?» geben die Jugendlichen oft Antworten wie: «spannend», «gefallen», «Selfies machen Spass», «übersichtlich», «lustig mit Tablet», «selbstständiges Arbeiten gefiel», «mehr erfahren», «tolles Design» oder «spielerisch war cool». Negative Antworten sind deutlich seltener und betreffen Themen wie: «Kopierer funktionierte nicht», «es war ein bisschen peinlich», «möchte keine Selfies machen», «es fehlen Berufe», «Drucker zu langsam». Lehrpersonen finden oft, dass der Berufs-Check unterhaltsam, motivierend, aktivierend und lustvoll ist und einen locker-spielerischen Einstieg erlaubt. Kritisch erwähnen sie, dass einige Berufsbeispiele fehlen und dass es technische Probleme gab. Die Berufsberatungspersonen weisen ebenfalls auf technische Probleme hin. Diese konnten mittlerweile behoben werden. Positiv erwähnen die Beratenden den spielerischen und lustvollen Ansatz, und dass die Jugendlichen die Tablets «cool» finden.

Links und Literaturhinweise

www.laufbahnzentrum.ch

Kasten

Ablauf des Berufs-Check-Rundgangs

1. Die Schüler/innen erhalten ein Tablet und können damit ein Selfie erstellen und bearbeiten sowie ihren Namen und ihr Geschlecht eingeben.
2. Sie entscheiden sich für drei Berufswünsche, indem sie schrittweise Berufsinteressenfelder, Berufsfelder, Subfelder und Berufstitel auswählen.
3. Sie priorisieren die drei Berufswünsche.
4. Die Schüler/innen können ihre Bilder auf dem Grossbildschirm anzeigen. Das Ergebnisblatt mit ihren Bildern, den QR-Codes und weiteren Schritten können sie ausdrucken oder an die eigene Mailadresse senden.
5. Abschluss des Rundgangs.

3 Fragen

«Lockert die Stimmung»

an Emine Braun, Berufsberaterin, Laufbahnzentrum Zürich

(Bild: zvg)

Wie reagieren die Klassen auf den Berufs-Check? Die Schüler sind bei Klassenorientierungen meist angespannt. Sie wissen, dass wichtige Veränderungen auf sie zukommen. Durch den Berufs-Check können sie aktiv werden, das lockert die Stimmung. Digitales ist für Jugendliche spannend, spielerisch und doch seriös. Beim Berufs-Check sehen sie sich selbst in Berufskleidern abgebildet, die Berufswahl löst dadurch plötzlich keine Ängste mehr aus, wird bloss realistischer.

Welche Vorteile bringt der Berufs-Check?
Es gibt ein Resultat, die Bilder mit den Informationen erleichtern ihnen die Suche im Internet. Als Berufsberaterin kann ich die Instruktionen ändern; sagen, dass sie die ersten beiden Bilder wählen und beim dritten den Zufall spielen lassen sollen. Sie reagieren bei diesen Zufallsergebnissen mit «au ja, das ist spannend» oder «nein, nie vorstellbar». Ich arbeite mit Ausländern, mit den Schwarzafrikanern haben wir so gelacht, als sie sich mit schwarzem Kopf und weissen Armen abgebildet sahen, sie fanden es lustig. Durch die Bilder hat sich in vielen Klassen beispielsweise der Status der Gebäudereinigerin verbessert: Sie ist mit komplizierten Geräten dargestellt, das änderte den Blick auf den Beruf.

Gibt es Verbesserungsmöglichkeiten?
Ich würde es am liebsten noch ein bisschen erweitern. Es wäre toll, wenn sich die Menschen auf den Bildern bewegen würden. Man muss auch gut auf die Wortwahl achten, die Aufforderung «Platziere dein Selfie» verstehen Ausländer beispielsweise nicht.

3 Fragen

«Es kommt näher und wird realer»

an Tina Mathey, Klassenlehrerin SEK B, Riedenhalden, Zürich

(Bild: zvg)

Gefällt Ihnen der Berufs-Check? Ich finde die Klassenorientierung mit dem Einstieg über den Berufs-Check sehr ansprechend. Durch die Kombination der verschiedenen Sinne eignet sie sich für Teenager. Ich unterrichte SEK B mit unterschiedlichsten Niveaus und einer grossen Bandbreite. Aber alle Schüler und Schülerinnen waren gleich interessiert. Das Instrument ist zugänglich, die Anweisungen sind verständlich und selbsterklärend. Tendenziell befassen sie sich immer in jüngeren Jahren mit der Berufswahl, sind immer unreifer. Daher ist diese spielerische Herangehensweise, sich selbst anders zu sehen, gut. Es ist kein Instrument, das schon definitiv zuordnet, sondern ein Ausprobieren und Berufe sehen, an die sie noch nie gedacht haben. Der spielerische Ansatz ist nie verkehrt.

Was wäre auch noch nützlich?
Idealerweise hätten die Kids einen Account und könnten so auf die Bilder zugreifen, Links auf Lehrstellen erhalten, den Betrieb und die nächsten Berufsanlässe sehen.

Sehen Sie negative Aspekte?
Nein, keine. Die App-Entwickler haben sogar daran gedacht, dass man verschiedene Hautfarben einfügen kann. Teenager bearbeiten ja ständig Fotos. Plötzlich sehen sie sich aber in der Uniform einer Restaurationsfachfrau oder im schicken Anzug eines Bankfachmanns. So haben sie sich noch nie gesehen, das müssen sie mit sich und mit ihrer Lebenswirklichkeit in Verbindung bringen. Es kommt näher und wird realer, wenn sie vom Spiel zu den Ordnern gehen, die Berufsbeschreibungen lesen.

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