Ausgabe 04 | 2017

BERUFSBILDUNG

Movetia

Auf eine Austausch- und Mobilitätskultur hinarbeiten

Die neue nationale Agentur Movetia hat sich der Förderung von Austausch und Mobilität von der Volksschul- bis zur Hochschulstufe verschrieben. In der Berufsbildung ist die Zahl der Lernenden, die ins Ausland gehen, noch bescheiden.

Von Olivier Tschopp, Direktor von Movetia

Movetia möchte, dass dereinst alle Jugendlichen mindestens einmal während ihrer Ausbildungszeit an einem länger dauernden Austausch- und Mobilitätsprojekt teilnehmen. (Bild: Fotolia/Ekaterina Pokrovsky)

Movetia möchte, dass dereinst alle Jugendlichen mindestens einmal während ihrer Ausbildungszeit an einem länger dauernden Austausch- und Mobilitätsprojekt teilnehmen. (Bild: Fotolia/Ekaterina Pokrovsky)

Ein Sprachaufenthalt im Rahmen eines Austausch- oder Mobilitätsprojekts ist bereichernd und bietet eine einmalige Lernumgebung. Nicht nur, weil man eine Sprache am besten im kulturellen Umfeld lernt, in dem sie gesprochen wird, sondern auch, weil junge Menschen auf Reisen ihren Horizont erweitern, ihre Kompetenzen weiterentwickeln und nicht zuletzt ihre Kreativität und ihre Unternehmungslust nähren. Austausch- und Mobilitätsprojekte kommen aber auch dem nationalen Zusammenhalt zugute und begünstigen letztlich die Mehrsprachigkeit. In einer kulturell durchmischten und globalisierten Welt kommt man um das Thema denn auch kaum herum. Die Konfrontation mit unterschiedlichen sozialen und kulturellen Kontexten und die kollektive Intelligenz begünstigen ausserdem Kreativität und Innovation. In diesem Sinn trägt die Mobilität auch zu einer erfolgreichen und innovativen Schweizer Wirtschaft bei. Die Aufgabe der neuen nationalen Agentur Movetia ist es, konkrete Möglichkeiten für Austausch und Mobilität zu schaffen und darauf hinzuarbeiten, dass an Schweizer Bildungseinrichtungen eine «Austausch- und Mobilitätskultur» gepflegt wird. Um diesem Ziel näherzukommen, bietet Movetia in enger Zusammenarbeit mit den Akteuren des Bildungssystems – Schulleitungen, Lehrpersonen und Lehrbetrieben – Mobilitäts- und Austauschprojekte im In- und Ausland an oder unterstützt entsprechende Vorhaben.

Austausch und Mobilität in der nachobligatorischen Bildung

Auf der Sekundarstufe II besteht das Ziel darin, die Mehrsprachigkeit in den Bildungsangeboten zu fördern und so die interkulturellen Kompetenzen und die Arbeitsmarktfähigkeit von Lernenden und Studierenden zu verbessern. Von den Erfahrungen, die man in einem anderen Land oder einem anderen kulturellen Umfeld sammelt, profitieren letztlich nicht nur die Arbeitnehmenden, sondern auch die Arbeitgebenden. Bei der Zusammenarbeit, die die verschiedenen Bildungseinrichtungen miteinander pflegen, geht es nicht zuletzt auch um den Austausch von Best Practices und den Transfer von pädagogischen und fachlichen Innovationen. Eine Partnerschaft oder ein enger Kooperationsrahmen zwischen zwei Bildungseinrichtungen kann Austausch- und Mobilitätsprozesse vereinfachen. Daher spielen die Schulleitungen in diesem Bereich eine ganz wichtige Rolle. Erfreulicherweise steigt auch in der Berufsbildung die Zahl der Lernenden, die an einem Austausch- oder Mobilitätsprojekt teilnehmen, stetig an, bewegt sich aber nach wie vor auf einem bescheidenen Niveau. Entsprechend sind sich die Akteure der Berufsbildung – Behörden, Schulen und Berufsverbände – einig, dass das Potenzial in der Berufsbildung gross ist. Allerdings gibt es einige Hürden zu überwinden, damit Lernende vermehrt zur Teilnahme an Austausch- und Mobilitätsprojekten motiviert werden und die Zahl der praxisorientierten Projekte erhöht werden kann. In erster Linie gilt es, das Thema in die Lehrpläne zu integrieren, sodass Austausch und Mobilität zur Gewohnheit werden oder zumindest als ganz normal betrachtet werden. Anschliessend gilt es, durch einfachen Zugang zu Austausch- und Mobilitätsprojekten das Interesse des Zielpublikums zu wecken. Zu diesem Zweck müssen die Kommunikation verbessert und die administrativen Abläufe vereinfacht werden. Entscheidend ist auch, dass «schlüsselfertige» Angebote bereitstehen, die die Schulleitungen und Lehrpersonen ohne grossen Aufwand nutzen können. Dabei darf die Chancengleichheit nicht vergessen werden, schliesslich sollen Lernende aller Bevölkerungsschichten die Angebote nutzen können.

Sprachkompetenz verbessert die Arbeitsmarktfähigkeit

Die Schweizer Berufsbildung hat in Europa eine Vorbildfunktion, muss sich aber in einer zunehmend globalisierten Welt vermehrt vor der Konkurrenz behaupten. Heute müssen Lehrabgängerinnen und Lehrabgänger sich durch besondere Kompetenzen von der Konkurrenz abheben, um auf dem Arbeitsmarkt bestehen zu können. Zu den gefragtesten Kompetenzen gehören sprachliche, soziale und interkulturelle Kompetenzen. Im Rahmen von Mobilitäts- und Austauschprojekten können Lernende genau diese Kompetenzen erwerben, was die Attraktivität der beruflichen Grundbildung steigert. Umso wichtiger ist es, den jungen Lernenden den Mehrwert von Praktika in einer anderen Sprachregion und einem anderen kulturellen Umfeld aufzuzeigen. Gegenwärtig sind in der Schweiz mehrere Projekte in Arbeit (siehe Kasten links); nun gilt es, sie zu erfassen und auszuwerten. Angesichts der Komplexität des Systems und der Vielzahl an Akteuren möchte Movetia Impulse für «Bottom-up»-Initiativen geben und die kantonalen Koordinationsstellen, die Berufsfachschulen und Berufsverbände, die Privatwirtschaft und die Sozialpartner bei der Realisierung von nationalen und internationalen Austauschprojekten unterstützen. Weiter ist es Movetia ein Anliegen, durch wirksame Massnahmen zugunsten der internationalen Mobilität und die Einbindung in ein globales Netzwerk einen Beitrag zur Attraktivität der dualen Berufsbildungsangebote zu leisten. Die wachsende Beliebtheit von zweisprachigen Berufsbildungsgängen zeigt, dass die Arbeit von Movetia Früchte trägt. Das stellten auch die Teilnehmenden der Diskussionsrunde fest, die Movetia gemeinsam mit dem Eidgenössischen Hochschulinstitut für Berufsbildung im Mai 2017 in Bern organisiert hat. Die Schulleiterinnen und -leiter sind sich einig, dass sie den Sprachkompetenzen in den administrativen, technischen, industriellen, gewerblichen und handwerklichen Bildungsgängen mehr Gewicht geben möchten. Bildungsangebote, die diesem von Bildungs- und Wirtschaftsakteuren geäusserten Bedürfnis nachkommen, gibt es bereits: Zweisprachige Bildungsgänge bieten die Möglichkeit, im Rahmen eines Auslandspraktikums die Sprachkompetenzen zu erweitern.

Links und Literaturhinweise

www.movetia.ch

Kasten

Movetia in Kürze

Die vom Bund und von den Kantonen getragene nationale Agentur für Austausch und Mobilität Movetia hat per 1. Januar 2017 einen Teil der Mandate der «ch Stiftung für eidgenössische Zusammenarbeit» übernommen. Letzterer wurden 2016 die Leistungsvereinbarungen nicht verlängert. Stattdessen wurde mit Movetia eine neue Organisation geschaffen, die näher am Feld sein soll. Die Programme und Unterstützungsangebote von Movetia richten sich an alle Bildungsstufen, von der Volks- bis zur Hochschule, sowie an Jugendverbände. Movetia ist in der Schweiz und im Ausland aktiv und unterhält enge Kontakte mit anderen internationalen Agenturen und Organisationen für Austausch und Mobilität. Die neue Agentur hat sich zum Ziel gesetzt, den Anteil der Jugendlichen, die an einem Austausch- oder Mobilitätsprojekt teilnehmen, zu erhöhen, Austausch- und Mobilitätsprojekte besser in die Schullehrpläne zu integrieren, den Zugang zu Austausch- und Mobilitätsprogrammen so einfach wie möglich zu gestalten und gemeinsam mit den Akteuren des Bildungssystems ein engmaschiges, tragfähiges Netzwerk aufzubauen. Die Vision der Agentur ist es, dass dereinst alle Jugendlichen im Verlauf ihrer Ausbildung zumindest einmal an einem länger dauernden Austausch- und Mobilitätsprojekt teilnehmen. (sk)

Kasten

Genf: Praktika für angehende Kauffrauen/-männer

Ziel des Genfer Projekts «Mobilité Entreprises 2017–2018» ist es, kaufmännische Lernende zur Teilnahme an einem Mobilitätsprojekt zu motivieren und so die Attraktivität der dualen Ausbildung zu steigern. Das Amt für Berufsberatung, Berufs- und Weiterbildung des Kantons Genf erhofft sich vom Projekt eine Stärkung der Mobilitätskultur innerhalb der Lehrbetriebe und der Berufsverbände der kaufmännischen Branchen. Die Mobilität der Lernenden über die Landesgrenzen hinaus hat auch den Vorteil, dass das Schweizer Berufsbildungssystem im Ausland besser bekannt gemacht werden kann. Die verschiedenen Akteure sind stark in das Projekt eingebunden, das in erster Linie auf international ausgerichtete Branchen abzielt und prioritär mit Unternehmen arbeitet, die Lernenden in ihren ausländischen Niederlassungen ein Praktikum ermöglichen können. Damit der Berufsfachschulunterricht nicht beeinträchtigt wird, finden die zehn drei- bis vierwöchigen Mobilitätsprojekte im Juli/August 2018 und damit in der unterrichtsfreien Zeit statt. Grundsätzlich erfolgt das Praktikum am Ende des zweiten Lehrjahrs, je nach Alter der Lernenden und organisatorischen Rahmenbedingungen.

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