Ausgabe 04 | 2017

Fokus "Berufliche Selbstständigkeit"

Entrepreneurship an Berufsfachschulen

Noch in den Kinderschuhen

Eine systematische Gründungsausbildung, die es Lernenden an Berufsfachschulen ermöglicht, ihre unternehmerischen Talente zu entdecken und sich unternehmerisches Handwerkszeug anzueignen, gibt es derzeit nicht. Dabei würden davon nicht nur zukünftige Gründer/innen profitieren, sondern auch zukünftige Arbeitnehmende und deren Betriebe.

Von Susan Müller, Assistenzprofessorin für Entrepreneurship an der Universität St. Gallen, Fritz Oser, emeritierter Professor für Pädagogik und Pädagogische Psychologie an der Universität Fribourg, und Lara Forsblom, Wissenschaftlerin an der Universität Fribourg

Intensive Gruppenarbeit am «zB. Zentrum Bildung – Wirtschaftsschule KV Baden». (Bild: Denise Brugger)

Intensive Gruppenarbeit am «zB. Zentrum Bildung – Wirtschaftsschule KV Baden». (Bild: Denise Brugger)

Als Melissa Tüptük ihre Geschäftsidee präsentierte, wirkte sie wie ein Profi: selbstsicher, charmant und auf eine ansteckende Art überzeugend. Eine Lehrerin sagte anschliessend mit einer Mischung aus Anerkennung und Verwunderung, sie habe die junge Frau so noch nie erlebt. Die Idee, die Melissa vorgestellt hatte: Im Internet sollten sich Frauen zukünftig die perfekte Jeans bestellen können, massgeschneidert und unter vorbildlichen sozialen und ökologischen Bedingungen gefertigt. Während es für einige Frauen kein Problem ist, eine gut sitzende Jeans zu finden, kann der Einkauf für Frauen ohne Durchschnittsfigur – die kleiner, grösser, schlanker oder weniger schlank sind – nämlich eine enorm frustrierende Angelegenheit sein. Das Start-up «Customize Your Jeans», sollte damit Schluss machen. Melissa hatte die Geschäftsidee während einer viertägigen Gründungsausbildung gemeinsam mit Nadine Salvalaggio und Leonora Muharremi entwickelt. Die drei sind derzeit im dritten Lehrjahr ihrer Ausbildung zur Kauffrau am «zB. Zentrum Bildung – Wirtschaftsschule KV Baden». Das Team gewann schliesslich den dritten Preis. Melissa sagt rückblickend: «Durch den Kurs kam ich zur Erkenntnis, wie sehr mich das Thema Unternehmungsgründung und hier vor allem der Aspekt des Marketings interessiert. Gerne würde ich mich auch in Zukunft damit befassen.» Genau das kann eine Gründungsausbildung leisten: Neue berufliche Optionen aufzeigen, die den Lernenden bis dato noch gar nicht bewusst waren. Andere Ideen waren die Durchführung von Versicherungsauktionen oder ein Lebensmittelladen, in dem die Produkte ohne Verpackungen verkauft werden. Durchgeführt wurde der Blockkurs von Wissenschaftlern/-innen der Universitäten Fribourg und St. Gallen, die derzeit ein Forschungsprojekt zum Thema Gründungsausbildung an Berufsschulen durchführen.

Wirtschaftsunterricht ohne Entrepreneurship

Das Thema Wirtschaft spielt an Berufsfachschulen selbstverständlich eine Rolle. Zum einen ist Wirtschaft ein im Rahmenlehrplan des allgemeinbildenden Unterrichts definierter Aspekt. Zum anderen setzen viele Schulen auf Ebene des Schullehrplans selbst ein oder zwei Themen, die in einem recht engen Zusammenhang mit Wirtschaft stehen (zum Beispiel «Markt und Kauf» oder «Geld und Konsum»). Nur selten werden hier jedoch Bereiche der Unternehmensgründung beleuchtet. Angehende Kaufmänner und -frauen beschäftigen sich im Fach «Wirtschaft und Gesellschaft» neben Finanz- und Rechnungswesen, Volkswirtschaftslehre und Rechtskunde auch mit dem Thema Betriebswirtschaftslehre. Darin werden jedoch hauptsächlich Strukturen, Abläufe und Funktionen bestehender Unternehmen behandelt. Die Gründung neuer Unternehmen wird meistens kaum thematisiert. Und nur selten entwickeln die Lernenden eigene Ideen. Dabei wäre es wichtig zu verstehen, wie das geht. Unternehmen fallen nun mal nicht einfach vom Himmel; irgend jemand muss die Initiative ergreifen. Mit der Vernachlässigung des Themas bleiben wichtige Lernchancen ungenutzt.

Die Unternehmensgründung als eine Option erkennen

Ein wichtiger Beitrag der Gründungsausbildung besteht darin, dass die Lernenden die Gründung eines eigenen Unternehmens als eine mögliche berufliche Option in einem geschützten Rahmen kennenlernen. So können sie sich im Laufe ihrer Karriere reflektierter für oder gegen eine Unternehmensgründung entscheiden. Und natürlich sollen diejenigen, die später einmal tatsächlich gründen, besser darauf vorbereitet sein und weniger häufig scheitern. Aber sollen nun alle Berufsfachschülerinnen und -schüler gründen? Selbstverständlich nicht, die Schweiz braucht beides, innovative Unternehmer und hervorragend ausgebildete Angestellte. Dennoch lässt sich feststellen, dass die Gründungsquote in der Schweiz im Vergleich zu anderen innovationsbasierten Volkswirtschaften leicht unterdurchschnittlich ist. Laut Entrepreneurship-Monitor sind derzeit 7,3 Prozent der erwachsenen Bevölkerung in Gründungsaktivitäten involviert. Der Durchschnitt aller innovationsbasierten Länder liegt bei 8,5 Prozent. Hier besteht also durchaus Nachholbedarf für das Innovationsland Nummer 1. Und da sich in der Schweiz zwei Drittel aller jungen Menschen für eine berufsorientierte Ausbildung entscheiden und die Gründungsquote von Berufsfachschulabgängern/-innen mit denen von Hochschulabsolventen vergleichbar ist, steckt hier ein enormes unternehmerisches Potenzial. Aber nicht nur Gründer, sondern auch Nachfolger werden in unserem Land gebraucht. Bis zum Jahr 2021 stehen schätzungsweise 70'000 bis 80'000 schweizerische Betriebe vor einem Generationenwechsel. Auch darauf kann eine Gründungsausbildung vorbereiten. Lernchancen bieten sich auch für diejenigen, die später als Angestellte in Unternehmen arbeiten. Im engen Sinne versteht man unter Entrepreneurship zwar die Gründung eines innovativen Unternehmens. Im weiteren Sinne – und so möchten wir diesen Begriff verstanden wissen – geht es aber darum, eine Idee zu entwickeln, andere von dieser Idee zu überzeugen und die Idee umzusetzen. Letztlich geht es also um Eigeninitiative. Und diese erwarten Unternehmenslenker zunehmend auch von ihren Angestellten.

Aktuelle Projekte an Berufsfachschulen

Unternehmensgründung spielt bisher an schweizerischen Berufsfachschulen zwar eine untergeordnete Rolle, aber es gibt einige Initiativen dazu. So wurde die erwähnte viertägige Gründungsausbildung bereits an acht Berufsfachschulen und mit 15 Gruppen durchgeführt. Weitere Durchgänge werden folgen. Entwickelt wurde das Programm im Rahmen unseres gemeinsamen Forschungsprojektes, gefördert vom Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI). Ziel des Projektes ist es zu prüfen, inwiefern Lernende mithilfe von Fallstudien über gescheiterte Gründungen ein besseres Verständnis für mögliche Gefahren entwickeln. Die Fallstudien decken die wichtigsten Scheiternsgründe von Jungunternehmen ab, darunter eine zu hohe Belastung durch Fixkosten und Teamkonflikte. Das dicht gewobene Programm vermittelt zudem relevantes Gründungswissen, das die Lernenden direkt auf ihre eigene Geschäftsidee anwenden können, die sie im Laufe der vier Tage eigenständig entwickeln. Des Weiteren unterstützt die Organisation Young Enterprise Switzerland (YES) mit ihrem Company-Programm seit 18 Jahren Lernende bei der Gründung und Führung eines Mini-Unternehmens. Das Programm ist äusserst umfangreich: Über ein ganzes Schuljahr arbeiten die Lernenden zwei bis vier Lektionen pro Woche an ihrem Unternehmen, zusätzlich investieren sie nochmals einen grossen Teil ihrer Freizeit in ihr Projekt. Das Programm wird hauptsächlich an Gymnasien, Wirtschafts- und Handelsmittelschulen, aber auch an Berufsfachschulen durchgeführt. «Natürlich ist die Durchführung des Programms an Berufsfachschulen herausfordernd: Die Zeit an der Schule ist knapp bemessen. Aber wenn Berufsfachschulen das wirklich möchten, dann schaffen sie das. Und die Wahrscheinlichkeit, dass die Lernenden später einmal tatsächlich den Mut finden, ein Unternehmen zu gründen oder zu übernehmen, steigt beträchtlich, wenn man bereits spielerisch erlebt hat, was es heisst, ein Unternehmen zu gründen und zu führen», sagt Noémie Sasse, CEO von YES. Im Kanton Wallis existiert mit dem Programm Apprendre à Entreprendre seit 2004 ebenfalls eine Gründungsausbildung, die sich unter anderem an Berufslernende richtet. Auch hier werden Mini-Unternehmen während eines Schuljahres gegründet und eigene Produkte oder Dienstleistungen hergestellt und verkauft. Neben der Erhöhung des Wissens und der Kompetenzen soll das Programm explizit den Unternehmergeist wecken. Die Beispiele zeigen, dass unternehmerisches Denken und Handeln auch an Berufsfachschulen erfolgreich gelernt werden kann. Wünschenswert bleibt eine flächendeckende Integration des Themas, sodass zukünftig viel mehr Lernende von Berufsfachschulen die Chance bekommen, ihre unternehmerischen Fähigkeiten zu entwickeln.

Links und Literaturhinweise

www.alexandria.unisg.ch/id/project/247305
www.young-enterprise.ch
www.ecole-economie.ch

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