Ausgabe 04 | 2017

Fokus "Berufliche Selbstständigkeit"

Unternehmensgründung

«Selbstständige müssen wissen, was sie antreibt»

Viele Menschen entscheiden sich eines Tages, ihr eigenes Unternehmen zu gründen. Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der Vernetzung mit anderen und in der Selbsterkenntnis, sagt Geneviève Morand, Gründerin von Coworking Spaces und eines Netzwerks in der Romandie.

Interview: Ingrid Rollier, PANORAMA-Redaktorin

Geneviève Morand, Ausbildnerin und Spezialistin für Unternehmertum: «Es braucht zwei Jahre, um ein Netzwerk aufzubauen und sich einen Namen zu machen.» (Bild: zvg)

Geneviève Morand, Ausbildnerin und Spezialistin für Unternehmertum: «Es braucht zwei Jahre, um ein Netzwerk aufzubauen und sich einen Namen zu machen.» (Bild: zvg)

PANORAMA: Seit Langem beobachten Sie die Entwicklung der Arbeitsbeziehungen und unterstützen Selbstständigerwerbende. Haben Menschen, die sich selbstständig machen möchten, ein spezifisches Profil? Geneviève Morand: Künftige Unternehmer lassen sich in zwei Kategorien einteilen. Die erste Kategorie umfasst Personen, die vor Ideen und Kreativität sprühen, von ihrer Arbeit frustriert sind und von ihren Vorgesetzten nicht unterstützt werden, wenn sie neue Projekte realisieren möchten. Sie können ihren Wunsch nach Weiterentwicklung im Rahmen ihrer Arbeit nicht ausleben. In die zweite Kategorie fallen Personen, denen der Schritt in die Selbstständigkeit durch die Umstände aufgezwungen wird, etwa wegen einer Unternehmensschliessung oder Langzeitarbeitslosigkeit. Sie sind häufig äusserst resilient und in der Lage, neue Projekte zu entwickeln. In beiden Fällen ist die Lösung nicht einfach: Es braucht zwei Jahre, um ein Netzwerk aufzubauen, sich einen Namen zu machen und im gewählten Tätigkeitsbereich Anerkennung zu erlangen. Deshalb haben die meisten Jungunternehmer bereits ein Netzwerk, das sie oft bei ihrer bisherigen Tätigkeit aufgebaut haben. Sie haben regelmässige Aufträge und arbeiten oft Teilzeit weiter. So haben sie weniger Stress und können das mitunter grosse finanzielle Risiko senken. Selbstständigkeit ist eine Herausforderung, man arbeitet mehr und verdient weniger.

Sie haben zwei Coworking Spaces gegründet. Inwiefern dienen diese der Unterstützung von Personen, die selbstständig werden möchten?
Coworking Spaces haben zuallererst den Vorteil, dass man sich die vorhandene Infrastruktur teilt, die Mietkosten tiefer sind und man keine langfristigen finanziellen Verpflichtungen eingeht. Doch der grösste Vorteil liegt in der partnerschaftlichen Zusammenarbeit. Nichts steht der Aufnahme einer Tätigkeit so sehr im Weg wie die Einsamkeit. Beim Coworking treffen die unterschiedlichsten Menschen jeden Alters aufeinander. Sie alle vereint der Wunsch nach der Entwicklung eines innovativen Projekts. Aus der Zugehörigkeit zu dieser Gruppe, aus dem sicheren, wohlwollenden Umfeld, in dem das gegenseitige Zuhören im Vordergrund steht, schöpfen sie Energie.

Wie äussert sich dies konkret?
Neben dem informellen Austausch, der an einem solchen Arbeitsort ganz von selbst stattfindet, gibt es wöchentliche Büro-Lunches, an denen jedermann teilnehmen kann. Wer möchte, kann bei dieser Gelegenheit sein Projekt vorstellen. Die anderen Teilnehmenden stellen Fragen, geben Ideen oder liefern Vorschläge, mit wem jemand Kontakt aufnehmen sollte oder welche Aus- und Weiterbildungen nützlich sein könnten, ohne zu urteilen. Es wird also niemandem gesagt, was er tun oder lassen sollte. Das ist genau das Gegenteil von dem, was normalerweise in der Schule oder am Arbeitsplatz geschieht. Uns war es wichtig, in diesen Coworking Spaces ein wohlwollendes Klima zu schaffen, in dem man sich gegenseitig unterstützt. Das fördert die Zusammenarbeit und hilft den Unternehmern, voranzukommen.

Sie sind Gründerin von Rezonance. Welchen Zweck hat dieses Netzwerk?
Wir organisieren im Jahr rund 15 bis 20 «First»-Events. Bei jeder Veranstaltung kommen zwischen 250 und 300 Personen zusammen. Mit diesen Events möchten wir Schweizer Kleinstbetriebe und KMUs bei der beruflichen und persönlichen Weiterentwicklung unterstützen. Die Redner sprechen über unternehmensspezifische Themen wie etwa Managementpraktiken, Marketing, Networking, Kommunikation, Strategie, Wachstum usw. Das alles hilft den Unternehmern, die Herausforderungen, die es zu bewältigen gilt, besser zu verstehen und sich ein Netzwerk aufzubauen. Einmal jährlich organisiert Rezonance zusammen mit der Fachhochschule Westschweiz die «Suisse des Talents», eine Veranstaltung für Personen, die mit einem Innovations- oder Unternehmerpreis ausgezeichnet wurden. Die Preise, die jedes Jahr von verschiedenen Institutionen, Organisationen und Unternehmen vergeben werden, dienen der Auszeichnung und finanziellen Unterstützung von innovativen Projekten. Dieses Jahr haben 150 Preisträger an der Veranstaltung teilgenommen.

Welche Motivation haben Personen, die ihre Stelle für eine selbstständige Erwerbstätigkeit aufgeben?
Was Arbeitnehmende motiviert, sind der Lohn am Ende des Monats, die garantierten Ferien und der regelmässige Kontakt mit den Arbeitskollegen. Für die selbstständige Erwerbstätigkeit dagegen braucht es eine innere Motivation, und das setzt voraus, dass man sich selbst reflektiert: Was treibt mich an? Was bringt mich dazu, am Morgen aufzustehen? Welchen Platz will ich in der Gesellschaft einnehmen? Die meisten Menschen sind sich ihrer Motivation und ihrer Talente einmal mehr und einmal weniger bewusst. Wer ein eigenes Unternehmen aufbaut, muss die aktuelle Situation hinterfragen und wissen, was er erreichen möchte.

Welches sind die Zutaten für Erfolg?
Früher galt, dass es einen Abschluss braucht, um auf dem Markt bestehen zu können, dann ein Netzwerk und schliesslich einen gewissen Bekanntheitsgrad. Es ist richtig, dass Personen, die sich selbstständig machen, zuerst auf kurzfristige Bedürfnisse reagieren müssen und sich in erster Linie mit den technischen Aspekten der Unternehmensgründung, der Kundenakquisition, der Investorensuche und der Netzwerkbildung herumschlagen. Die Vernetzung mit anderen ist wichtig, doch damit sich der Erfolg einstellt, muss man meiner Meinung nach erst einmal sich selbst kennen. Die meisten Menschen haben zwar einen reichen Bildungs- und Erfahrungsschatz, wissen aber zu wenig über sich selbst. Selbstständigerwerbende müssen zuallererst wissen, was sie antreibt und wo ihre Talente liegen.

Was verstehen Sie unter Talent und woran erkennt man dieses?
Wenn wir von Talenten sprechen, geht es nicht um objektiv messbare erworbene Kompetenzen oder Kenntnisse, sondern um das, was einem wirklich hilft, einen sinngebenden Platz in der Welt zu finden. Ein Talent ist etwas, was einem leichtfällt und was man spontan gut kann. Man muss sich die Zeit nehmen, um herauszufinden, welche besonderen Talente man hat und welches persönliche Ziel man verfolgt. Dafür muss man seinen Gefühlen Ausdruck verleihen können, und das wiederum setzt voraus, dass man an sich arbeitet. Dieses Wissen über sich selbst und über die eigenen Talente kann man zum Beispiel bei der Erstellung einer Kompetenzbilanz erwerben. Wer sich selbst besser kennt, ist auch offener gegenüber anderen. In meinen Workshops unterstütze ich die Teilnehmenden bei der Suche nach ihren Talenten. Dabei stütze ich mich auf die Gallup-Tests aus der positiven Psychologie. Selbsterkenntnis ist ein erster Schritt hin zu einem ganzheitlichen Menschen, der nicht nur aus einem Körper besteht, sondern aus Körper, Geist und Seele.

Bei Ihrer Unterstützungsarbeit für Unternehmer geben Sie Workshops den Vorzug vor Einzelcoachings. Wieso das?
Beim Coaching befinden wir uns in einer asymmetrischen Face-to-Face-Beziehung. Darum bevorzuge ich Workshops, in denen sich die Teilnehmenden austauschen können. Die Interaktion und die Schwarmintelligenz sind sehr stimulierend und erzeugen eine Energie, die uns weiterbringt.

Sie entwickeln ständig neue Aktivitäten. Welche sind es im Moment?
Zurzeit bereite ich zwei neue Ausbildungen zum Thema Kreativität vor, davon eine für Kinder. Hier geht es mir nicht darum, kleine Unternehmer heranzuziehen, sondern ganz allgemein die persönliche Kreativität zu wecken. Die andere Ausbildung richtet sich an Studierende eines FH-Studiengangs.

Links und Literaturhinweise

www.rezonance.ch
www.rezolab.ch
www.genilem.swiss
www.mampreneurs.ch

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Geneviève Morand

Geneviève Morand ist Gründerin des Netzwerks Rezonance, das sich für Innovation und für das Unternehmertum einsetzt. 2018 feiert das Netzwerk sein 20-jähriges Bestehen. Es zählt über 50'000 Mitglieder; 62 Prozent von ihnen waren aktiv an einer Unternehmensgründung beteiligt. Zudem hat Geneviève Morand die Stiftung La Muse (www.la-muse.ch) gegründet, die in Lausanne und Genf Coworking Spaces eingerichtet hat. Geneviève Morand organisiert Veranstaltungen, hält Vorträge und leitet Workshops zu den Themen Networking, Selbsthilfe für Unternehmer/innen, Talenterkennung und kollaboratives Management. Zu diesen Themen hat sie auch mehrere Bücher geschrieben. (ir)

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Vielfältige Unterstützungsangebote

Wer eine selbstständige Erwerbstätigkeit aufnehmen oder ein Start-up gründen möchte, kann die Unterstützung von zahlreichen Organisationen, öffentlichen Einrichtungen, Vereinen oder Stiftungen in Anspruch nehmen. Ein Beispiel: Der Verein Genilem hat sich zum Ziel gesetzt, innovative Jungunternehmer/innen bei der Firmengründung zu unterstützen. Personen, die den Selektionsprozess von Genilem erfolgreich durchlaufen haben, werden drei Jahre lang von Gründungsexperten gecoacht und auch finanziell unterstützt. Ausserdem unterstützt der Verein Stellensuchende, die sich selbstständig machen möchten. Neben Informationsmaterial bietet Genilem auf seiner Website ein Online-Spiel (in Französisch), bei dem Interessierte herausfinden können, ob sie das Zeug zum Unternehmer haben, sowie eine Liste mit etwa 60 Organisationen, die Jungunternehmer/innen bei der Firmengründung unterstützen. Andere Unterstützungsangebote richten sich ausschliesslich an Frauen, so etwa Mampreneurs, eine Vereinigung, die Mütter, die ein eigenes Unternehmen gründen, bei der Vereinbarung von Beruf und Familie unterstützt. Die Mampreneurs helfen sich gegenseitig und pflegen den Erfahrungsaustausch. (ir)

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