Ausgabe 04 | 2017

Fokus "Berufliche Selbstständigkeit"

«Die Arbeitnehmergesellschaft ist noch nicht am Ende»

Bringen Digitalisierung und Globalisierung das gängige Erwerbs- und Arbeitsmarktmodell ins Wanken? Sind Uber-Fahrer Scheinselbstständige? Wie steht es um den sozialen Schutz der Selbstständigerwerbenden? Diese Fragen stellte PANORAMA Jean-Michel Bonvin, Professor für Sozialpolitik in Genf.

Interview: Christine Bitz, PANORAMA-Redaktorin

Jean-Michel Bonvin ist Professor für Sozialpolitik und Vulnerabilitätsforschung an der Universität Genf. (Bild: zvg)

Jean-Michel Bonvin ist Professor für Sozialpolitik und Vulnerabilitätsforschung an der Universität Genf. (Bild: zvg)

PANORAMA: Man hört immer wieder, dass sich der Arbeitsmarkt vom Arbeitnehmer-Modell hin zum Selbstständigen-Modell verlagert. Ist das so? Jean-Michel Bonvin: In vielen europäischen Ländern hat die Zahl der Selbstständigerwerbenden tatsächlich um etwa zwei bis drei Prozent zugenommen. In der Schweiz ist das zurzeit noch nicht der Fall. Hier liegt der Anteil der Selbstständigerwerbenden konstant bei 12 bis 14 Prozent. Für die USA, wo die Digitalisierung weit fortgeschritten ist, wird für den Zeitraum 2025–2030 ein Selbstständigen-Anteil von 30 Prozent prognostiziert. Ob diese Vorhersage stimmt, wird sich zeigen. Mir scheint es noch zu früh, vom Ende der Arbeitnehmergesellschaft zu sprechen.

Wie wirken sich Globalisierung und Digitalisierung auf Arbeitnehmende und Selbstständigerwerbende aus?
Die Auswirkungen der Globalisierung und der Digitalisierung auf Arbeitnehmende und auf Selbstständige sind ziemlich ähnlich. Sie sind ein zweischneidiges Schwert: Für die einen bedeuten sie neue Chancen, für die anderen prekärere Arbeitsverhältnisse, weil sich der Wettbewerb verschärft und die geltenden Arbeitsbedingungen zunehmend unter Druck geraten. Die Wissensgesellschaft und die globalisierte Wirtschaft scheinen nicht in der Lage, alle Menschen zu integrieren. Personen, die besser ausgebildet und somit besser für die Globalisierung und Digitalisierung gerüstet sind, können davon profitieren. Gering qualifizierte Personen und die Schwächsten der Gesellschaft werden hingegen darunter leiden. Für sie ist eine selbstständige Erwerbstätigkeit entweder gar keine oder eine schlechtere Option, etwa im Falle einer Scheinselbstständigkeit.

Was bedeutet Scheinselbstständigkeit?
Scheinselbstständige sind zwar der Form nach selbstständig tätig, arbeiten aber im Auftrag eines einzigen Unternehmens, das gewisse Aufgaben, die nicht seinem Kerngeschäft entsprechen, auslagert. Anstelle des Angestelltenverhältnisses mit garantierten Sozialleistungen tritt also ein Auftragsverhältnis. Ein Beispiel ist etwa der Hausdienst, der als Randtätigkeit mittels Dienstleistungsvertrag outgesourct wird. Gerade in Berufen, die als Randtätigkeiten gelten, ist Scheinselbstständigkeit häufig.

Ein weiteres Beispiel ist Uber.
Der Fall Uber ist ein bisschen anders gelagert, aber es stimmt, dass die «Uberisierung» ebenfalls für diese Form der Prekarisierung steht. Uber schafft mit einem Dienstleistungsangebot über eine App eine Zwischenform zwischen Arbeitnehmendem und Selbstständigem. Das Unternehmen gibt prekäre Arbeitsbedingungen vor, insbesondere in Bezug auf die Arbeitszeit und den Lohn, und schöpft grosszügige Anteile von den Fahrpreisen ab. Das macht den Selbstständigenstatus problematisch. Um von dieser Tätigkeit leben zu können, muss man viele Stunden arbeiten. Die «Uberisierung» ist meiner Meinung nach eine qualitativ sehr fragwürdige Entwicklung. Man kann einwenden, dass eine Arbeit für Uber immer noch besser sei als Langzeitarbeitslosigkeit, aber ich finde nicht, dass ein solches Tätigkeitsmodell langfristig wünschenswert ist.

Ist eine solche Tätigkeit also eher als Nebenjob geeignet?
Es ist klar, dass es wirtschaftlich sinnvoll sein kann, das Einkommen durch einen selbstständigen Nebenerwerb aufzustocken. In vielen Ländern, auch in der Schweiz, lässt sich eine Zunahme solcher Nebenerwerbstätigkeiten beobachten. Diese Dynamik hat aber auch eine Kehrseite, die sich beispielsweise in beruflicher Überbelastung und höherer Arbeitsintensität äussert. Während des Nachkriegsbooms zahlten viele Unternehmen ihren Arbeitnehmenden «Familieneinkommen», die auf den Unterhalt einer Familie ausgerichtet waren. Dieses Denken ist heute vollkommen verschwunden. Der Lohn ist immer häufiger an die Leistung gekoppelt und losgelöst von Kriterien wie Status oder Familiensituation. Der Verzicht auf diese Kriterien wurde grösstenteils nicht kompensiert, weshalb einige Arbeitnehmende zusätzliche Verdienstmöglichkeiten suchen.

Warum ist der soziale Schutz für Selbstständigerwerbende so schlecht?
Die Sozialversicherungen wurden für eine Arbeitnehmergesellschaft geschaffen. Das paritätische Beitragssystem bietet Arbeitnehmenden ein umfangreiches soziales Sicherheitsnetz. Für Selbstständige ist dieses Netz viel kleiner. Meistens tragen sie die finanziellen Risiken alleine. Sie haben zwar mehr Möglichkeiten, Chancen zu ergreifen, doch wenn sie scheitern, müssen sie die Folgen weitgehend alleine tragen. Nicht zuletzt ist der geringe Schutz auch eine Frage der Arbeitskosten. Müssten Selbstständige die gesamte Sozialversicherungslast tragen, wären ihre Angebote weniger attraktiv.

Wie soll das Sozialversicherungssystem angepasst werden?
Das Sozialversicherungsrecht räumt Arbeitnehmenden mehr Rechte ein als Selbstständigerwerbenden, und Zwischenformen sind eine Grauzone. Sind aber solche Formen auf dem Vormarsch, muss das Recht angepasst werden. Die zentrale Frage ist: Welcher Schutz vor welchen Risiken des Lebens soll gewährt werden? Darüber müssen wir ganz grundsätzlich nachdenken. Der aktuelle Bericht des Bundes über die digitale Wirtschaft deutet aber eher darauf hin, dass alles beim Alten bleiben soll. Kommt dazu, dass es mit den neuen Selbstständigkeitsmodellen schwieriger ist, ein Kollektiv für die Durchsetzung von Rechten zu mobilisieren. Im sozialen Dialog verhandeln Arbeitgebende und Arbeitnehmende miteinander. Kann eine dieser beiden Parteien nicht als Kollektiv zusammenfinden, ist sie am Verhandlungstisch nicht vertreten und riskiert, dass prekäre Arbeitsbedingungen bestehen bleiben. Selbstständige Erwerbstätigkeit ist der kollektiven Solidarität nicht förderlich, sie begünstigt eher das Einzelkämpfertum.

Links und Literaturhinweise

Pekruhl, U., Vogel, Ch. (2017): Selbständigerwerbende in der Schweiz. Bern, SECO.

Kasten

Selbstständige und Arbeitnehmende im Vergleich

Selbstständigerwerbende arbeiten pro Woche im Durchschnitt fünf Stunden mehr. Ihre Motivation und ihr Entscheidungs- und Handlungsspielraum sind grösser als diejenigen von Arbeitnehmern. Der Gesundheitszustand von Selbstständigen ist ebenfalls gut, auch wenn jeder Fünfte von ihnen angibt, an gesundheitlichen Problemen von mehr als sechs Monaten Dauer zu leiden. Zu diesen Ergebnissen kommt eine Studie, welche die Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) im Auftrag des SECO durchgeführt hat. Die Studie vergleicht die Situation von Selbstständigerwerbenden und Arbeitnehmenden in der Schweiz auf der Grundlage des «European Working Conditions Survey». Die Autoren stellen auch zwei atypische Formen der Selbstständigkeit vor: Gig Workers, die täglich oder mehrmals pro Woche kurzfristige Arbeitseinsätze leisten, und Contractors, die mindestens 75 Prozent ihrer Arbeitszeit für einen einzigen Auftraggeber aufwenden. Letztere sind identisch mit den von Jean-Michel Bonvin erwähnten Scheinselbstständigen. (cbi)

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