Ausgabe 03 | 2017

ARBEITSMARKT

Mensch und Arbeit

Generation Y – Mythos oder Realität?

Die jüngsten Personen in der Arbeitswelt gehören der Generation Y an. Wer sind diese sogenannten Millennials? Und inwiefern unterscheidet sich ihre Einstellung zur Arbeit von derjenigen früherer Generationen? Der Soziologe Stéphane Haefliger erklärt – und relativiert – das Phänomen.

Interview: Christine Bitz, PANORAMA-Redaktorin

Der Arbeits- und Kommunikationssoziologe Stéphane Haefliger ist HR-Leiter bei der Privatbank CBH Compagnie Bancaire 
Helvétique. (Bild: zvg)

Der Arbeits- und Kommunikationssoziologe Stéphane Haefliger ist HR-Leiter bei der Privatbank CBH Compagnie Bancaire
Helvétique. (Bild: zvg)

PANORAMA: Wie tauglich ist das Generationen-Modell für die Beschreibung von Arbeitsbeziehungen und für das Personalwesen? Stéphane Haefliger: Im Grunde ist es nichts als eine bequeme Schublade, die uns das Nachdenken erspart, denn das Generationenargument unterbindet jeden Diskurs. Jemand hält sich nicht an Zeitvorgaben und Dresscodes? Das ist halt typisch Generation Y. Jemand ist stur und hat traditionelle Autoritätsvorstellungen? Typisch Generation X. Jemand tippt während der Arbeitszeit ständig auf seinem Smartphone herum? Typisch Generation Z usw. Das sind alles mechanische, archetypische Antworten. Sie sind nicht sinnvoll und verhindern, dass wir eine Situation richtig erfassen. Wir sitzen damit – einmal mehr – einem Managermythos auf.

In Ihrem Referat an der Konferenz des Verbands «Insertion Vaud» (siehe Kasten) haben Sie kürzlich dargelegt, dass es die Generation Y gar nicht gibt.
Diese These ist zugleich richtig und falsch. Die Generation Y als solche existiert; sie umfasst die sozialen Akteure, die zwischen 1980 und 2000 geboren wurden. Doch es ergibt überhaupt keinen Sinn, mit dem Konzept «Generation Y» gewisse typische Verhaltensweisen in der Arbeitswelt verbinden, erklären oder rechtfertigen zu wollen.

Warum ist das nicht sinnvoll?
Erstens aus wissenschaftlicher Sicht: Vor allem drei europäische Forscher (Jean Pralong, François Pichault und Mathieu Pleyers) haben seriöse und gut dokumentierte Studien zu den verschiedenen Generationen und deren Verhältnis zur Arbeit durchgeführt. Alle drei kamen zum gleichen Schluss: Innerhalb der einzelnen Generationen gibt es keine spezifischen Haltungen zur Arbeit, zu Faktoren wie Hierarchie, Führungstyp, Autonomie, Ausbildung, Arbeitszeitmanagement, Karriere usw. Ihre Studien ergaben, dass nicht nur die Generation Y, sondern auch die Generation X und die Generation der Babyboomer nach mehr Freiheit, Autonomie, Empowerment (Selbstverantwortung) und einer besseren Work-Life-Balance streben. Sobald wir den Generationenmythos überwinden, sehen wir, dass sich unser Verhältnis zur Arbeit grundsätzlich wandelt, dass ganz allgemein ein Bedürfnis nach einer Lockerung des Arbeitsumfelds besteht. Zweitens ist eine solche Kategorisierung auch aus soziologischer Sicht nicht sinnvoll, denn zwischen Individuen der gleichen Altersgruppe können sehr wohl soziale Unterschiede bestehen. Der Begriff der Generation Y, so wie er in der aktuellen Diskussion verwendet wird, lässt den Faktor der Gesellschaftsschicht völlig ausser Acht. Doch Marx ist noch präsent und soziale Klassen sind auch heute noch ein glaubhaftes Erklärungsmuster. Das Kind eines eingewanderten Arbeiters, das mit sechs Jahren in die Schweiz kam, hat soziologisch gesehen nicht die gleichen Chancen auf einen höheren Bildungsabschluss wie das Kind einer schweizerischen Mittelstandsfamilie. Und ein solcher Abschluss gilt in der Schweiz immer noch als Schlüssel zu sozialem und beruflichem Erfolg. Die Jugendlichen sind zwar alle gleichgestellt, doch aus soziologischer Sicht haben sie, vor allem im schulischen Bereich, nicht die gleichen Chancen, obwohl sie zur gleichen Generation gehören.

Welche Schlüsse lassen sich daraus ziehen?
Vier Erkenntnisse: 1. Die Generation Y existiert. 2. Auch wenn die Generation Y existiert, ist sie nicht zwingend homogen. 3. Angehörige der Generation Y können spezifische Einstellungen zur Arbeit haben. 4. Alle Generationen streben heute ein neues Verhältnis zur Arbeitswelt an.

Welche Haltungen, welche Erwartungen hat die Generation Y im Beruf?
Die Erwartungen sind in der Regel hoch. Die Generation Y hat weder schwerere Wirtschaftskrisen noch Kriege, weder hohe Arbeitslosigkeit noch Deflation erlebt. Die Millennials wurden in der Regel von liebevollen und offenen Eltern umsorgt und sind dank EasyJet, elterlichen Finanzspritzen und dem Internet zehnmal mehr gereist als die Generation vor ihnen. Viele von ihnen könnten also versucht sein, das verwöhnte Kind zu spielen. Doch die Arbeitswelt konfrontiert sie schnell mit der Realität des Markts.

Wie steht es um die berufliche Eingliederung? Ist die Generation Y besser darauf vorbereitet, den Einstieg zu finden?
Die berufliche Eingliederung der Millennials steht und fällt mit dem Mehrwert, den sie einem Unternehmen bringen: besondere Sprachkenntnisse, ein tragfähiges und interessantes Karriereziel, eine multikulturelle Einstellung, mehrere Abschlüsse, grenzenlose Energie, hohe emotionale Intelligenz, sichere Beherrschung der Technologien. Von diesen Faktoren hängt es ab, ob sie zu den Gewinnern oder Verlierern gehören. Interessanterweise sind diese Kriterien aber generationenübergreifend; auch die anderen Generationen werden danach beurteilt. Ich bin nicht sicher, ob die Generation Y besser darauf vorbereitet ist, den Einstieg zu finden, obwohl sie zu allen Informationsquellen Zugang hat. Schliesslich spielt auch die Entwicklung des Arbeitsmarkts mit. Er gibt den Rahmen vor, in dem wir uns bewegen, und wir haben kaum Einfluss darauf.

Wie unterscheiden sich die Arbeit und die Laufbahn der Millennials von denjenigen ihrer Vorgänger?
Die Erwartungen der Generation Y an die Arbeitswelt sind zwar wie erwähnt nicht generationenspezifisch, aber die Generation hat doch ihre spezifische Geschichte. Allein die Tatsache, dass ihre Eltern, die selber der Generation X angehören, noch eine autoritäre Erziehung erlebten, ihren Kindern aber andere Werte, mehr Nähe, Austausch, Humor und Transparenz vermitteln wollten, schafft ein viel freieres, ungehemmteres, offeneres und symmetrischeres Verhältnis zu Autoritäten. So haben Vertreter der Generation Y, wenn sie in ein Unternehmen eintreten, keine Angst vor dem Chef und sehen ihn ganz selbstverständlich als Verbündeten an. Das ist ein objektivierbarer Unterschied. Das heisst aber noch lange nicht, dass sich die Generation X gerne in autoritären Hierarchien bewegt. Auch ihre Vertreter wünschen sich in den Unternehmen eine Veränderung.

Welchen Rat geben Sie Vorgesetzten von Millennials?
Bisher haben sich die Mitarbeiter ans Unternehmen angepasst. Künftig passen sich die Organisationen vielleicht an die Arbeitnehmer an, die sie für sich gewinnen wollen. In Sachen Personalführung heisst das, die Organigramme hin zu einer dezentralen, dynamischen und gemeinschaftlichen Projektkultur zu entwickeln und die häufig rigiden Funktionsdefinitionen flexibler zu gestalten, indem beispielsweise interaktive, veränderbare und personalisierte Führungs- und Begleitstrukturen geschaffen werden. Meiner Ansicht nach müssen auch gewisse althergebrachte Gewohnheiten wie Arbeitszeiterfassung, Anwesenheitskontrolle oder fixe Arbeitsplätze überdacht und neue Motivationsinstrumente identifiziert werden, die auf Selbstständigkeit, Mobilität und Informationsaustausch basieren.

Links und Literaturhinweise

Haefliger, S. (2017): DRH et manager, levez-vous! Vie et mort des organisations. Cormelles-le-Royal, Éditions Management et Société.
www.stephanehaefliger.com

www.insertion-vaud.ch

Kasten

«Ein Nein ist keine abschliessende Antwort.»

Generation Y und Z: Gibt es noch Arbeitnehmer/innen für die Stellen von morgen? Dieser Frage stellte sich der Verband Insertion Vaud an seiner Konferenz vom März 2017, die er zur Feier seines 20-jährigen Bestehens in Zusammenarbeit mit der IV-Stelle des Kantons Waadt organisiert hatte. Die eingeladenen Referenten und Referentinnen empfahlen, Generalisierungen zur «Generation Y» zu vermeiden, nannten aber gleichzeitig auch einige spezifische Charakteristiken dieser Generation. Silna Borter, Professorin für Management an der Fachhochschule für Technik und Verwaltung des Kantons Waadt (HEIG-VD), bezeichnete die Generation Y als die bestausgebildete aller Zeiten, als eine Generation, welche die «alte Welt» mit kontinuierlich aufsteigenden Laufbahnen, kollektiven Lohnforderungen und sozialen Errungenschaften nicht mehr gekannt hat. Vertreter und Vertreterinnen der Generation Y seien es gewohnt, ihre Meinung zu äussern, gesehen und gehört zu werden. Ein Nein sei in ihren Augen keine abschliessende Antwort, sondern lediglich eine Hürde. Für Stéphane Garelli, Professor für Wirtschaftswissenschaften am International Institute for Management Development und an der Universität Lausanne, ist die Generation Y die Generation Selfie, die den Individualismus bis zum Narzissmus auf die Spitze treibt. Die Generation Y habe ein anderes Konzept von Eigentum. Ihre Vertreterinnen und Vertreter gingen etwa davon aus, dass viele der Güter und Dienstleistungen in den Bereichen Information, Musik, Film usw. gemeinfrei seien und gratis konsumiert werden könnten.

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