Ausgabe 03 | 2017

ARBEITSMARKT

Stellensuchende ohne Leistungsbezug

Aufwändige Minderheit

Rund jede dritte Person, die sich von einem RAV abmeldet, hat keine Taggelder der Arbeits-losenversicherung bezogen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie für zehn Kantone der Deutschschweiz. Die grösste Gruppe bilden Erwerbstätige, die sich während der Kündigungsfrist anmelden.

Von Julia Casutt, Leiterin Arbeitsmarktbeobachtung Ostschweiz, Aargau, Zug und Zürich (AMOSA)

Die sogenannten Nichtleistungsbezüger rücken in den Fokus der Arbeitsmarktbehörden. Deren Auftrag erstreckt sich nämlich nicht nur auf die Beratung und Vermittlung von anspruchsberechtigten Personen (Stellensuchende nach Arbeitslosenversicherungsgesetz AVIG), sondern auf alle Stellensuchenden, unabhängig von ihren Ansprüchen an die Versicherung (Stellensuchende nach Arbeitsvermittlungsgesetz AVG). Die Definition des Nichtleistungsbezugs bezieht sich also auf monetäre Leistungen der Arbeitslosenversicherung und klammert den Bezug weiterer Leistungen der öffentlichen Arbeitsvermittlung aus (Beratungs-, Qualifizierungs- oder Vermittlungsangebote). Die Bedeutung der Unterstützung von Nichtleistungsbezügern in den Arbeitsmarkt wird dadurch unterstrichen, dass das SECO zwei neue Indikatoren für diesen Bereich testet.

Zunehmende Bedeutung der Arbeitsmarktintegration

Die Zunahme von Sozialhilfebezügerinnen und IV-Rentnern führt dazu, dass die Arbeitsmarktintegration innerhalb der sozialen Sicherungssysteme einen höheren Stellenwert erhalten hat. Die Eigenverantwortung von erwerbslosen Personen und ihre Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt anstelle des Bezugs von Transferleistungen werden stärker betont. Auch ist in den vergangenen Jahren die Zusammenarbeit der verschiedenen Sozialversicherungen intensiviert worden. Die öffentliche Arbeitsvermittlung beziehungsweise die RAV sind dadurch verstärkt mit Personen konfrontiert, die keine Taggelder erhalten. Ebenso bewirken Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt eine Zunahme von Nichtleistungsbezügern – zum Beispiel die Zunahme von atypischen Beschäftigungsverhältnissen oder Migration. Schliesslich werden infolge der Bemühungen der Arbeitsmarktbehörden die Beratungs- und Vermittlungsangebote der RAV breiter wahrgenommen und erreichen verstärkt auch Personen, die von Arbeitslosigkeit bedroht sind oder generell einen Einstieg oder eine Rückkehr ins Erwerbsleben suchen. Vor diesem Hintergrund haben sich die Arbeitsmarktbehörden von zehn Kantonen entschlossen, das Thema Nichtleistungsbezüger von ihrer Forschungsstelle AMOSA untersuchen zu lassen. Auf Basis fundierter Kenntnisse zu Grösse und Zusammensetzung dieser Gruppe, ihren Anmeldemotiven und ihrem arbeitsmarktlichen Integrationspotenzial sollen Wege für ihre (Re)integration in den Arbeitsmarkt aufgezeigt werden.

Zusammensetzung der Stellensuchenden

Für das AMOSA-Gebiet (Ostschweiz, Aargau, Zug und Zürich) ergibt sich im Hinblick auf die Stellensuchenden ohne Leistungsbezug folgendes Bild: Von rund 117'000 Stellensuchenden, die sich 2014 von einem RAV abmeldeten, haben 29 Prozent während ihrer Stellensuche nie Taggelder der Arbeitslosenversicherung bezogen (Messung der Abmeldekohorte); die Anteile bewegen sich dabei zwischen 16 (Graubünden) und 36 Prozent (Schaffhausen). Weitere 38 Prozent weisen Phasen der Stellensuche mit und ohne Taggeldbezug auf, wobei diese Gruppe überwiegend aus Erwerbstätigen besteht, die sich während der Kündigungsfrist angemeldet haben. Stellensuchende, die während ihrer gesamten Stellensuche Taggelder der Arbeitslosenversicherung bezogen haben, machen rund 33 Prozent aus. Stellensuchende ohne Leistungsbezug sind tendenziell jüngere Personen, die mit einer mittleren Dauer von 42 Tagen vergleichsweise kurze Zeit bei den RAV angemeldet bleiben. Die Betroffenen verzichten häufig auf die Vermittlungsleistungen und beenden die Zusammenarbeit mit dem RAV freiwillig.

Befragung von RAV-Personal-beratenden

Um vertiefte Informationen zur Zusammensetzung und zur Beurteilung des arbeitsmarktlichen Integrationspotenzials der Nichtleistungsbezüger zu erhalten, wurden Personalberatende entlang von Fokusgruppen zu den Profilen von Nichtleistungsbezügern befragt (siehe Grafik). Datengrundlage bildete eine repräsentative Zufallsstichprobe von rund 650 stellensuchenden Personen, die am Stichtag 30. Juni 2015 beim RAV registriert waren und zu diesem Zeitpunkt keine Taggelder der Arbeitslosenversicherung bezogen (Messung des Bestandes). Die Ergebnisse zeigen, dass die grösste Gruppe der Nichtleistungsbezüger mit 32 Prozent die Erwerbstätigen in der Kündigungsfrist darstellen. Personen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen machen rund 15 Prozent, Ausgesteuerte und Berufs- und Wiedereinsteigende jeweils zehn Prozent der Nichtleistungsbezüger aus. Charakteristisch für die Nichtleistungsbezüger ist ein hoher Anteil an Personen (40%), in deren Fallbearbeitung externe Stellen wie Sozialbehörden oder IV-Stellen involviert sind. Gut jede dritte Person (30%) bezieht zudem finanzielle Leistungen ausserhalb der Arbeitsmarktbehörden. Rund 20 Prozent der Nichtleistungsbezüger werden den RAV durch externe Stellen zugewiesen. Die Art der Zusammenarbeit und Form der Involvierung externer Stellen ist breit. Es kann sich dabei um eine komplexe, institutionenübergreifende Fallbearbeitung handeln, aber auch um eine einfache Abklärung mit dem Ziel einer Zweitmeinung. Zwischen den Fokusgruppen bestehen hinsichtlich der Zusammenarbeit mit externen Stellen grosse Unterschiede. Während bei Stellensuchenden in der Kündigungsfrist kaum externe Stellen involviert sind, die Betroffenen nicht zu einem RAV zugewiesen werden und auch keine Leistungen Dritter beziehen, gilt für die Gruppe der vorläufig Aufgenommenen und anerkannten Flüchtlinge das Gegenteil.

Schwaches Arbeitsmarktintegrationspotenzial

Gemäss der von AMOSA durchgeführten Befragung spielt für drei von vier Personen ohne Leistungsbezug das Thema Taggelder bei der Anmeldung eine wesentliche Rolle. Besonders stark ist dieses Motiv bei den Erwerbstätigen in der Kündigungsfrist, während für die Gruppen der Familiennachzüger/innen sowie der vorläufig Aufgenommenen und anerkannten Flüchtlinge der Taggeldbezug eine untergeordnete Rolle spielt; hier sind Beratung und Vermittlung sowie Massnahmen und Qualifizierung von grösserer Bedeutung. Das Motiv «Information und Auskunft» findet sich schliesslich vor allem bei Personen aus dem EU-Raum, Info- und Beratungskunden sowie selbstständig Erwerbstätigen und teilweise auch Personen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Aus Sicht der Personalberatenden weist ein grosser Teil der Nichtleistungsbezüger ein vergleichsweise schwächeres Arbeitsmarktintegrationspotenzial auf als Stellensuchende, die ALV-Leistungen beziehen. So beurteilen die RAV-Personalberatenden den Aufwand für die Fallbearbeitung als sehr hoch. Weiter zeichnen sich die Fälle oft durch hohe Fallkomplexität aus, die viel Spezialwissen erfordert. Insbesondere die Qualifizierung von Nichtleistungsbezügern gestaltet sich schwierig, weil rechtliche und finanzielle Hürden bestehen, die den Zugang zu Kursen und anderen Fördermassnahmen einschränken. Bezüglich Arbeitsmarktintegrationspotenzial unterscheiden sich die Fokusgruppen deutlich: Während Erwerbstätige in der Kündigungsfrist gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben, liegen die Probleme bei Ausgesteuerten tendenziell in der Motivlage sowie beim Handlungsspielraum bei arbeitsmarktlichen Massnahmen. Bei Personen mit gesundheitlichen Problemen dominiert die hohe Fallkomplexität, während bei anerkannten Flüchtlingen und vorläufig Aufgenommenen die Arbeitsmarktfähigkeit und die Motivation schwächer als bei anderen Stellensuchenden eingeschätzt werden.

Behörden reagieren flexibel

Eine Bestandsaufnahme von Good Practices im AMOSA-Gebiet zeigt, dass in vielen Kantonen erfolgreich Aktivitäten für Nichtleistungsbezüger angeboten werden. Zentrale Elemente bilden dabei die Bewerbungsunterstützung und die Förderung der Bewerbungskompetenzen, die in allen AMOSA-Kantonen in Form von Bewerbungskursen angeboten werden. In einigen Kantonen gibt es zusätzliche Angebote im Rahmen von Bewerbungsbüros oder Bewerbungswerkstätten. In einigen Kantonen werden für die Beratung der Nichtleistungsbezüger auch spezialisierte Berater/innen, zum Beispiel Jobcoaches eingesetzt. Weiter wird die Zusammenarbeit mit externen, ebenfalls involvierten Behörden verstärkt gesucht. Im Rahmen einer Tagung der Arbeitsmarktbehörden mit Sozialbehörden, IV-Stellen, Migrationsbehörden/Integrationsfachstellen und Berufsberatungen wurden Handlungsempfehlungen entwickelt. Diese zielen unter anderem darauf ab, die gemeinsamen Schnittstellen zu den Sozialbehörden zu optimieren, die Fall-Transparenz zu verbessern und gemeinsame Absprachen bei der Fallbearbeitung zu fördern.

Links und Literaturhinweise

www.amosa.net

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