Ausgabe 03 | 2017

BERUFSBERATUNG

Dissertation

Was nach der Schule?

Aufgrund des Schultyps stehen den Jugendlichen unterschiedliche Möglichkeiten offen. Aber auch vergangene Erlebnisse, wahrgenommene Optionen und zukünftige Erwartungen beeinflussen die Ausbildungswahl.

Von Karin Wohlgemuth, Soziologin, Leiterin Fachstelle Bildung Kanton Aargau

Ziel meiner Dissertation war es, individuelle Ausbildungsfindungsprozesse darzustellen und sie in einen Bezug zu sozialen und strukturellen Kontexten zu setzen. Individuen wurden als handelnde Subjekte betrachtet, die sich in ermöglichenden und begrenzenden Strukturen bewegen. Mithilfe von halbstandardisierten Interviews mit 19 Jugendlichen liess sich die individuelle Navigation von der Sekundarstufe I in die postobligatorische Ausbildung rekonstruieren. Das Bildungssystem gibt Bildungslaufbahnen teilweise vor, sodass Schülerinnen und Schülern bestimmte schulische und berufliche Ausbildungen aufgrund der schulischen Anforderungen offenstehen bzw. verwehrt bleiben. In meiner Dissertation zeigte sich allerdings, dass die Rahmenbedingungen bzw. die Einschränkungen des Bildungssystems nicht zwingend mit den wahrgenommenen Möglichkeiten übereinstimmen. Während einige Jugendliche mit guten schulischen Voraussetzungen zum Beispiel wenige Ausbildungswege für sich entdecken, sehen andere kaum Einschränkungen für ihre schulische oder berufliche Zukunft. Gleichzeitig stehen vergangene Erlebnisse, gegenwärtige Optionen oder zukünftige Erwartungen im Prozess der Ausbildungsfindung unterschiedlich stark im Fokus. Dies soll anhand von vier Beispielen näher erläutert werden. Anna, ein Mädchen der niveauhöchsten Klasse der Sekundarstufe I, beschreibt die Bildungslandschaft als vielfältig. Sie verbindet ihren Ausbildungsverlauf stark mit Zukunftsvorstellungen und nimmt ihren Weg als sehr vielfältig und veränderbar wahr. Anna betont, dass ihre Entscheidung ihr Leben nicht abschliessend bestimmen wird, sondern dass die Möglichkeit besteht, in Zukunft andere Wege einzuschlagen (Typ I, siehe Abbildung). Im Gegensatz zu ihr nimmt Thomas, der ebenfalls eine Klasse mit hohen schulischen Anforderungen besucht, das Ausbildungsangebot als eingeschränkt wahr. Er sieht seine Möglichkeiten ausschliesslich in handwerklichen Berufslehren und begründet sein Interesse für diese mit Erfahrungen, die er im Werkunterricht und in seiner Freizeit sammeln konnte. Über seine Zukunft macht er sich wenige Gedanken, sagt er selber (Typ II). Sandra hat aufgrund des besuchten Schultyps zunächst keinen Zugang zu Ausbildungen, die ein höheres Bildungsniveau erfordern. Sie beschreibt ihre Möglichkeiten als einengend, weshalb sie sich an Gelegenheiten orientiert und pragmatisch handelt. Ihr wichtigstes Ziel besteht darin, «irgendeine» Ausbildung zu finden, ihre Wünsche und Zukunftsvorstellungen thematisiert sie kaum (Typ III). Bei Daniel zeigt sich ein produktiver Umgang mit einschränkenden Möglichkeiten. Seine Ausbildungsfindung basiert ebenfalls stark auf Freizeiterlebnissen, die er mit beruflichen Tätigkeiten verbindet. Im Unterschied zu Sandra verlässt sich Daniel auf bekannte Strukturen, die ihm die Sicherheit geben, sich im grossen Ausbildungsangebot zurechtfinden zu können (Typ IV). Die Typen I und IV repräsentieren Jugendliche, die sich positiv mit dem bevorstehenden Übergang auseinandersetzen. Die Typen II und III hingegen äussern Zweifel, dass sie die Übergangsgestaltung erfolgreich abschliessen können. Selbstverständlich handelt es sich bei diesen Typen um grobe Vereinfachungen. Diese können aber durchaus hilfreich sein, um das Entscheidungsverhalten von jugendlichen Ausbildungswählenden einzuordnen.

Links und Literaturhinweise

Wohlgemuth, K. (2016): Schule oder Berufsbildung? Übergänge in die nachobligatorische Bildung aus subjektiver und geschlechtsspezifischer Sicht in der Schweiz. Dissertation an der Universität Basel.

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