Ausgabe 03 | 2017

BERUFSBILDUNG

Supported Education in der Schweiz

With a little help

Werden junge Erwachsene mit einer psychischen Beeinträchtigung während einer beruflichen Grundbildung von einem Coach begleitet, spricht man von Supported Education. In den letzten Jahren ist eine Vielzahl von Angeboten entstanden, wie eine neue Studie zeigt.

Von Filomena Sabatella, Wissenschaftliche Mitarbeiterin Fachgruppe Klinische Psychologie und Gesundheitspsychologie, ZHAW

Der Übergang vom Jugend- zum Erwachsenenalter ist eine fordernde und schwierige Zeit, in der oft Symptome einer psychischen Erkrankung auftauchen. Diese haben als Invaliditätsursache stärker zugenommen als andere Risiken; bei den 18- bis 44-Jährigen sind sie die wichtigste Invaliditätsursache. Betroffene schaffen den Übergang in den Arbeitsmarkt nur selten nahtlos und werden oft arbeitslos. Zur Begleitung psychisch beeinträchtigter junger Erwachsener beim Übertritt in die Sekundarstufe II und während der anschliessenden Ausbildung sind in der Schweiz zahlreiche Angebote von Supported Education (SEd) entstanden. Die Studie «Supported Education in der Schweiz – Hilfe für Jugendliche beim Übertritt ins Berufsleben» setzt sich mit ihnen auseinander. Sie verbindet quantitative und qualitative Forschungsmethoden. Die Resultate wurden in einer Expertengruppe diskutiert und in einem Bericht zusammengefasst. Von den uns bekannten 101 Anbietern von SEd in der französisch- und deutschsprachigen Schweiz sind 86 Prozent in den letzten zehn Jahren entstanden. Dies bestätigt die Neuartigkeit des Angebots für die Schweiz. Die Anzahl der betreuten jungen Erwachsenen variiert von einer bis 121 Personen (Median: fünf Personen). Ebenso variiert die Teamgrösse (Median: drei Personen); dabei handelt es sich um unterschiedlich ausgebildete Fachpersonen – Sozialpädagogen (21%), Arbeitsagoginnen (18%), Sozialarbeiter (11%) und Psychologinnen (8%) sind die häufigsten Nennungen. Die Zuweisung der jungen Erwachsenen erfolgt meist via Invalidenversicherung (IV), wie sämtliche Anbieter bestätigten; weitere mögliche Zuweiser sind das Sozialamt (40% Nennungen) oder ein Therapeut (7%). Die Lohnkosten der Lernenden werden von der IV (80%) und vom Lehrbetrieb (78%) fast gleich oft übernommen. Für das Coaching selber kommt immer die IV auf, in manchen Fällen unter Beteiligung des Sozialamtes. Die Intensität der Betreuung variiert sehr stark – von einer Stunde pro Woche bis 42 Stunden pro Woche (wobei diese Angebote Wohnmöglichkeiten enthalten dürften). Als Ziel von SEd sehen praktisch alle Befragten (98%) die Integration in den ersten Arbeitsmarkt. Als weitere wichtige Ziele wurden der Abschluss einer Ausbildung (88%) und die soziale Integration der Jugendlichen (49%) genannt. 93 Prozent der Befragten schätzen die Ausbildung als hilfreich ein, um vorhandene Belastungen zu bewältigen.

Die heikle Frage der Transparenz

Der Erfolg eines Coachings hängt stark von individuellen Faktoren ab. Eine hohe Bedeutung hat die Beziehung zur Berufsbildnerin oder zum Jobcoach, wie die jungen Erwachsenen und ihre Coachs betonen. Jobcoachs und Arbeitgebende nennen als wichtige Voraussetzung zudem den Willen der jungen Erwachsenen, an den Problemen zu arbeiten und die Ausbildung zu schaffen. Wichtig sei auch die Übernahme der Verantwortung für das eigene Leben. Die Lernenden selber finden Erfolgserlebnisse wichtig. Durch sie könne eine positive Spirale in Gang gesetzt werden, die zur Steigerung des Selbstwerts führe. Die Frage, wie offen Arbeitgebende über die Beeinträchtigung der jungen Erwachsenen zu informieren sind, wird unterschiedlich beantwortet. Einige Jobcoachs sehen vollständige Transparenz als Bedingung, um die Begleitung der jungen Erwachsenen zu übernehmen, während andere mit den Betroffenen absprechen, wie viel dem Arbeitgebenden gesagt werden soll. Sie nehmen damit Rücksicht auf die Hemmungen der Betroffenen und tragen der Tatsache Rechnung, dass nicht alle Firmen unvoreingenommen gegenüber psychisch Kranken seien. Dem widersprechen die Arbeitgebenden, die ein transparentes Setting fordern und unterdrückte Informationen als Vertrauensbruch interpretieren. Den Hintergrund dieses Dilemmas bildet die Stigmatisierung psychisch Kranker, die in vielen Interviews angesprochen wird. Lernende erleben sie, wenn ihre Krankheit verheimlicht wird. Andere stigmatisieren sich selber und möchten nicht, dass offen über ihre Krankheit gesprochen wird. Dies hat oft nachteilige Folgen für die Arbeitsbeziehung. Viele Unternehmen sehen die Auseinandersetzung mit dem Thema psychischer Erkrankungen als bereichernd für das ganze Unternehmen. Sie könne dazu dienen, weitere Themen wie Burn-out anzusprechen. Obwohl einige der befragten Arbeitgebenden auch negative Erfahrungen gemacht haben, sind sie offen, Lernende mit psychischen Problemen wieder anzustellen, wenn sie extern gut betreut werden. Die Expertinnen sind sich einig, dass zu Beginn einer Begleitung Spielregeln aufgestellt werden sollen, und zwar nicht nur für die Klienten, sondern für alle Beteiligten. So sollten Arbeitgebende die Teams, die dann mit den jungen Erwachsenen zusammenarbeiten, adäquat informieren. Sie sollen ermuntert werden, schwierige Situationen anzusprechen. Dadurch schaffe man Verständnis und vermittle das Gefühl der Unterstützung. Betont wurde ausserdem, dass es gute, sachliche Information der Beteiligten (Arbeitgeberinnen, Klienten usw.) brauche, die die Krankheit weder bagatellisiere noch dramatisiere. So könne auch die Stigmatisierung psychisch Kranker reduziert werden. Auch Branchenverbände und Arbeitgebende müssten über SEd besser informiert werden; eine engere Zusammenarbeit zwischen den Akteuren der Arbeitsintegration, den Firmen und den Branchenverbänden wäre wünschenswert. Die vorliegende Studie zeigt, dass sich SEd in der Schweiz in einer Aufbauphase befindet. Die konzeptionelle Bandbreite ist gross. Die Expertengruppe ist sich einig, dass es Leitlinien brauche, die beschreiben, was SEd ist und wie es umgesetzt werden soll. Erst mit einer solchen Definition können Erfolgsfaktoren genauer identifiziert und Wirkungen evaluiert werden.

Links und Literaturhinweise

www.zhaw.ch/de/psychologie

Kasten

IV füllt Lücke im Berufsbildungssystem

Von Daniel Fleischmann, PANORAMA-Redaktor

Viele Bildungsverantwortliche wissen nicht, dass Lernende mit Beeinträchtigungen Anspruch auf Unterstützung durch die Invalidenversicherung haben.

Petra R.* kennt ihre Grenzen. Ihre Konzentration hält nicht lange, rasch lässt sie sich ablenken oder gar entmutigen. Sie hat Fachfrau Betreuung gelernt, aber sie sagt, ohne Hilfe hätte sie die Ausbildung nicht geschafft. Die erste Lehre musste sie abbrechen. Danach erhielt sie die Diagnose ADHS, die der Invalidenversicherung (IV) ermöglichte, ihr zu helfen. So lernte sie Christine Hunziker kennen, Sozialpädagogin FH und Spezialistin für Supported Education. Von ihr erhielt sie zwei Jahre lang Unterstützung, jede Woche rund zwei Stunden. Petra R. lernte Wochenpläne zu erstellen, erhielt Zuspruch in Krisen und repetierte schwierigen Unterrichtsstoff – bis der Lehrabschluss in trockenen Tüchern lag. Christine Hunziker ist Geschäftsführerin der Basler Firma «lehrundmehr». Sie unterstützt derzeit 13 Jugendliche – hauptsächlich von der IV finanziert. «Bei diesen Personen liegt entweder eine psychische Störung vor, die den erfolgreichen Abschluss einer beruflichen Grundbildung gefährdet – bipolare Störungen, Depressionen, Vermeidungstendenzen. Oder sie leiden unter einer Lernstörung.» Die IV unterstützt diese Personen im Rahmen von sogenannten beruflichen Massnahmen, teilweise auch mit IV-Taggeldern. Das Ziel ist, mit einem Ausbildungsabschluss einer frühzeitigen Teil- oder Vollberentung vorzubeugen. Hinweise auf den Bedarf machen Fachpersonen der Volksschule, Berufsbildungsämter, Eltern, Ärzte oder andere Personen. Entscheidungsinstanz sind die Berufsberatungen der IV, die halbjährlich Kostengutsprachen sprechen. «Dank der 6. IV-Revision von 2012 können Betroffene ihre Ausbildung im ersten Arbeitsmarkt absolvieren, eine zusätzliche Wahlmöglichkeit zu einer Ausbildung im geschützten Rahmen», sagt Christine Hunziker. «Die IV füllt damit eine Lücke der Berufsbildung. Wir haben zwar ein integratives Schulsystem, aber – vom Nachteilsausgleich abgesehen – keine integrative Berufsbildung.»

Nicht nur Lernhilfe

Ala P. ist es ähnlich wie Petra R. ergangen. Als Legasthenikerin hätte sie die berufliche Grundbildung nicht geschafft, heute führt die 23-Jährige mit Erfolg ein eigenes Geschäft. Auch sie erlebte einen Lehrabbruch und war auf die IV und Unterstützung angewiesen. «In der Schule machte mir die Legasthenie alle Noten kaputt», sagt Ala P. «Die Lehrmeisterin bildete mich nur unter der Voraussetzung aus, dass ich Unterstützung erhalte.» Via Berufsbildungsamt führte der Weg schliesslich zu Christine Hunziker, die dafür sorgte, dass die IV die Massnahme finanzierte. «Viele Lehrmeister kennen diese Möglichkeit nicht», sagt sie. Wie bei Petra R. umfasste die Unterstützung von Ala P. nicht nur einzelne Aspekte wie Lernhilfe. Denn Supported Education besteht im Unterschied zu einzelnen Coachings aus einer Vielzahl von Elementen – vom Gespräch mit Bildungsverantwortlichen, Eltern oder Ämtern über die Arbeit an Lernstrategien bis hin zur Bewältigung von Krisen unter Beizug von Fachpersonen. Christine Hunziker sagt: «Meine wichtigste Erkenntnis: Es gibt keine Jugendlichen, die nicht arbeiten wollen. Aber manche senden ungewollt Signale aus, die man so missverstehen kann. Wir helfen dabei, dass das nicht geschieht.»

* Name geändert

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