Ausgabe 03 | 2017

BERUFSBILDUNG

Freiburg

Die Anfänge der Berufsbildung

Das Buch «Die Ausbildung der Lehrlinge» beschreibt die Entwicklung der Berufsbildung im Kanton Freiburg von 1890 bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts.

Von Anne Philipona, Historikerin, Lehrerin an der Berufsfachschule EPAC in Bulle und Mitautorin von «Die Ausbildung der Lehrlinge»

Tischler und Schreiner in der Schulwerkstatt im Technicum des Kantons Freiburg (Jahr: 1903). (Bild: KUB Freiburg/Fonds Prosper Paul Macherel)

Tischler und Schreiner in der Schulwerkstatt im Technicum des Kantons Freiburg (Jahr: 1903). (Bild: KUB Freiburg/Fonds Prosper Paul Macherel)

Im Jahr 1890 legten im Kanton Freiburg 45 junge Männer im Alter von 16 bis 31 Jahren ihre (ausschliesslich theoretische) Lehrabschlussprüfung als Bäcker, Wagner, Schuhmacher, Spengler, Schreiner, Fotograf, Sattler, Schlosser, Schneider und Korbflechter ab. Die jungen Männer gehörten zum ersten Jahrgang Lehrlinge des Kantons Freiburg. Im 19. Jahrhundert hatte es mehrere Anläufe gegeben, um die Entwicklung der Berufslehre voranzutreiben, so etwa mit der Mittelschule von Père Girard oder der Kantonsschule der radikalen Regierung. Mit der Ankunft der Eisenbahn im Jahr 1862 und der Ansiedlung von Fabriken auf der Pérolles-Ebene blühte Freiburg wirtschaftlich auf und der Mangel an qualifizierten Arbeitskräften zeigte sich immer deutlicher. Deshalb wurden weitere Bildungsinstitute wie etwa die berufliche Sekundarschule (1882) eröffnet, es folgten eine Handwerkerschule für Knaben und Kurse in technischem Zeichnen. Politisch war die Periode geprägt von der «christlichen Republik», wie die autoritäre Regierung unter den katholischen Konservativen genannt wurde. Sie förderte Kleinunternehmertum und Handel und engagierte sich für den Schutz der Landwirtschaft. In erster Linie hatte die Regierung aber die soziale Kontrolle im Auge. Die Lehrlingsausbildung ermöglichte es, junge Menschen besser zu führen und dadurch die etablierte Ordnung zu erhalten und zu verhindern, dass die Jugendlichen in die Hände der Radikalen oder der Sozialisten gelangten. Die zentrale Person hinter dieser Regierung war Staatsrat Georges Python, der dem Erziehungsdepartement 41 Jahre vorstand (1886–1927). Er weckte das Interesse des jungen, unternehmungslustigen Lehrers Léon Genoud, Gründer des pädagogischen Museums, für die Berufsbildung. Genoud reiste nach Osteuropa und in die USA, um zu beobachten, was sich dort tat. Seine Erfahrungen veranlassten ihn zur Gründung des «Musée industriel», das ein Informationsbüro, eine Bibliothek, eine Sammlung sowie ein Lehrbüro umfasste, das 1890 die ersten Lehrabschlussprüfungen organisierte. 1892 wurde die theoretische Prüfung durch einen praktischen Teil ergänzt. Delegationen aus anderen Kantonen reisten für diese Schweizer Premiere nach Freiburg, um sich über die dortigen Abläufe zu informieren. 1895 wurde das erste kantonale Lehrlingsgesetz verabschiedet. Es ebnete den Weg für die Handwerker- und Gewerbeschule, aus der später die Ingenieurschule hervorging. Gleichzeitig wurde ein Ausbildungsreglement eingeführt, das eine Zentralisierung von Praktiken ermöglichte, Vertragsvorlagen bereitstellte und die Aufsicht über die Verträge sowie deren Umsetzung regelte. Ferner wurden Kommissionen geschaffen, die die Arbeitgeber überwachen und eine umfassende und seriöse «berufliche, moralische und religiöse» Ausbildung der Lehrlinge sicherstellen sollten (Art. 14 des damaligen Lehrlingsgesetzes).

Weissküfer und Strumpfstrickerin

Im ersten Jahrgang von 1890 gab es nur männliche Lehrlinge, doch bereits im Folgejahr absolvierten sechs junge Frauen ihre Lehrabschlussprüfung als Damenschneiderin oder Weissnäherin. Schon nach kurzer Zeit stieg der Frauenanteil unter den Lernenden auf 40 Prozent und blieb bis etwa 1940 auf diesem Niveau. Die jungen Frauen waren in ihrer Berufswahl stärker eingeschränkt als ihre männlichen Kollegen. Ihnen waren vorwiegend die Berufe Damenschneiderin, Schneiderin, Modistin, Büglerin, Wäscherin und Weissnäherin vorbehalten. Die kürzeste Lehre, die in den Freiburger Archiven zu finden ist, war die der Strumpfstrickerin. Sie dauerte zwei Monate. Am Ende des 19. Jahrhunderts war der Steinmacherberuf einer der wenigen Lehrberufe mit sowohl männlichen als auch weiblichen Lernenden. Das Berufswahlangebot für junge Männer war deutlich vielfältiger. Sie konnten sich in den gängigen Berufen Sattler, Schmied, Hufschmied, Kupferschmied oder Schuhmacher ausbilden lassen. Besonders beliebt war das Holzhandwerk mit den Berufen Zimmermann, Weissküfer, Wagner, Heugabel- und Rechenmacher, Schreiner, Säger und Küfer. Die Lehre war damals noch nicht gratis. Die Kosten variierten von Beruf zu Beruf, bewegten sich aber in der Regel zwischen 150 und 250 Franken. In einigen Fällen konnte die Lehre zwar gratis absolviert werden, dafür gab es aber keinen Lohn. Für Mädchen war die Ausbildung mit 20 bis 120 Franken günstiger, dauerte aber auch weniger lang.

Links und Literaturhinweise

Bays, F., Cottet, Ch., Philipona, A., Steinauer, J. (2016): Die Ausbildung der Lehrlinge. Freiburg, Amt für Berufsbildung.

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