Ausgabe 03 | 2017

BERUFSBILDUNG

Standpunkte

«Die Charta ist nicht als Gesetz zu verstehen»

PANORAMA hat bei einigen Vertretern von Organisationen der Arbeitswelt, Bildungsanbietern und Kantonen nachgefragt, wie sie die Charta für die Verbundpartnerschaft wahrnehmen.

Von Laura Perret Ducommun, PANORAMA-Redaktorin

Druckfrisch aus dem SBFI: die Charta. (Bild: YOUHEY Communication AG)

Druckfrisch aus dem SBFI: die Charta. (Bild: YOUHEY Communication AG)

«Die Charta wurde sorgfältig diskutiert und von allen Akteuren abgesegnet. Sie löst die Magglinger Leitlinien aus dem Jahr 2007 ab und bekräftigt insofern die Absicht, auf ein gemeinsames Ziel hinzuarbeiten», erklärt Didier Juillerat, Vertreter des Schweizerischen Verbands für Weiterbildung in der Eidgenössischen Berufsbildungskommission. «In einem Umfeld, das von beschleunigtem Wandel, wachsender internationaler Konkurrenz und sich verhärtenden politischen Fronten geprägt ist, gewährleistet die Charta, die zwischen Akteuren mit mitunter äusserst unterschiedlichen Horizonten abgeschlossen wurde, dass der Dialog weitergeführt wird und das System seine Anpassbarkeit und Flexibilität behält.» Für Jörg Aebischer, Geschäftsführer ICT-Berufsbildung, ist die Charta eine gute Basis, um die Bedeutung und Ausgestaltung der Verbundpartnerschaft gemeinsam und regelmässig zu reflektieren. Grégoire Évéquoz, Generaldirektor des Amts für Berufsberatung, Berufs- und Weiterbildung des Kantons Genf, ergänzt: «Schon heute haben wir mit dem Berufsbildungsgesetz und den kantonalen Gesetzen alle Instrumente für eine funktionierende Partnerschaft zur Hand. Die Charta zeugt von der Bereitschaft aller Akteure zur Zusammenarbeit.»

Chancen und Grenzen

Doch welche konkreten Probleme soll die Charta denn lösen? Die Berufsbildung beruht auf der Zusammenarbeit zwischen drei Verbundpartnern: den Organisationen der Arbeitswelt (OdA), den Kantonen und dem Bund. Jeder Verbundpartner muss seinen Teil zu einer erfolgreichen Zusammenarbeit beitragen. Jörg Aebischer erklärt es so: «Jeder der Partner hat unterschiedliche Rollen im Berufsbildungssystem. Das kann zu Konflikten führen. Die Charta hilft, die Rolle und die Sichtweise der jeweils anderen Partner besser zu verstehen und zu respektieren.» Didier Juillerat geht noch einen Schritt weiter. Er nimmt Bezug auf den Punkt «Akzeptanz» der Charta, der Folgendes festhält: «Die Verbundpartner versuchen, mögliche Auswirkungen ihres Entscheids auf die anderen Partner zu antizipieren und eine möglichst hohe Akzeptanz des getroffenen Entscheids zu erreichen.» Trotzdem darf man sich nicht der Illusion hingeben, dass die Charta Wunder bewirken könne. Grégoire Évéquoz illustriert dies anhand von zwei Beispielen: «In bestimmten Berufen gibt es kein Validierungsverfahren, weil die OdA die Zusammenarbeit verweigern. Auch die Entwicklung von EBA-Ausbildungen stösst auf kantonaler Ebene bei gewissen Berufsverbänden auf Widerstand. In solchen Fällen gibt die Charta zwar einen Rahmen vor, kann aber keine Probleme lösen.»

Umsetzung und erhoffte Wirkung

Wie wird die Charta umgesetzt? Alle Gesprächspartner sind sich einig, dass die Charta nicht als Gesetz zu verstehen ist, wo man sich auf harte Positionen einschiesst, sondern als gemeinsame Basis für den Austausch. «Die Charta soll in regelmässigen Abständen hervorgenommen und diskutiert werden, entlang von konkreten gemeinsamen Projekten. Die Charta als Papier kann jedoch nichts bewirken. Es braucht die Leute dazu, die zusammenarbeiten und einen konstruktiven Dialog pflegen», hält Jörg Aebischer fest. Wie wirkt sich die Charta aus? «Sie macht die vorhandenen Kräfte, die von allen Akteuren geleistete Arbeit sichtbarer und kann gegebenenfalls helfen, Spannungen zu lösen», erklärt Didier Juillerat. Jörg Aebischer erhofft sich von der Charta, dass sie dazu beiträgt, das Bewusstsein zu fördern, dass Berufsbildung nur mit allen drei Partnern erfolgreich funktionieren kann. Am besten wäre es seiner Meinung nach, man würde im Berufsentwicklungsprozess vorsehen, dass immer zu Beginn einer Verbundpartneraufgabe zuerst die Charta hervorgenommen wird und die Rollen besprochen bzw. geklärt werden. Kritikern, die die Charta als nutzlos abtun, weil sie nicht bindend ist, würde Didier Juillerat entgegenhalten, dass eben genau diese Unverbindlichkeit die Charta auszeichnet. Denn letztlich habe niemand Lust, den «Bösen» zu spielen und sich einem Dokument zu widersetzen, das auf dem guten Willen und dem Respekt der Meinungen und der Bedürfnisse der anderen beruhe.

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