Ausgabe 03 | 2017

Fokus "Risiko"

Unternehmertum

Lehrreiche Fuckups

Früher sprach man von Fehlerkultur, heute erzählen gescheiterte Unternehmer von ihren «Fuckups». Die Idee dahinter ist immer die gleiche: Wer ein Unternehmen voranbringen will, muss Risiken eingehen und wird Fehler machen. Aber wie kann man sie kontrollieren?

Von Daniel Fleischmann, PANORAMA-Redaktor

Erst einmal «auf die Schnauze fallen»: Diese Erfahrung machen viele Unternehmer/innen. (Bild: Fotolia/milkovasa)

Erst einmal «auf die Schnauze fallen»: Diese Erfahrung machen viele Unternehmer/innen. (Bild: Fotolia/milkovasa)

Robert Niederer leitet die Glasi Hergiswil. Er hat die Firma 1988 von seinem Vater übernommen, der die letzte handwerkliche Glashütte der Schweiz vor dem Niedergang gerettet hatte. Ihm zu Ehren richtete Niederer 1989 eine Ausstellung ein, die er dann zu einem Museum erweiterte. Ein «übermütiges Projekt», erinnert sich Niederer: «Es kostete etwa anderthalb Millionen Franken. Wenn wir das gewusst hätten, hätten wir das nie gebaut. Glücklicherweise wussten wir es nicht.» Was niemand ahnen konnte: Das Museum rentierte schon im ersten Jahr, so viel Glas nahmen die Leute nach Hause. Heute strömen jährlich rund 100'000 Besucher ins Glasmuseum. Es ist das wichtigste Verkaufsargument für die Glasi und hat ihr Überleben gesichert. Aber wie um Himmels willen kam Robert Niederer dazu, blind in ein Museum zu investieren? Man kann die Frage vereinfacht so beantworten: Aus einer Mischung von Leidenschaft, Intuition und guten Faustregeln.
– Leidenschaft: Niederer liebte seine Firma und die Idee, Erfolg mit ihr zu haben. «Mein Vater hatte die Vision, dass ich mit der Glasi einmal viel Geld verdienen werde. Seine Ideen sind das Erbe, das er mir hinterlassen hat.»
– Intuition: Dass ein Firmenmuseum dermassen viel Erfolg haben könnte, hätten keine Algorithmen berechnen können. Aber Niederer konnte sich auf sein Bauchgefühl verlassen. Er wusste: Wenn ich die Herzen der Menschen erreiche, funktioniert es.
– Faustregeln: Statt auf Risikoanalysen stützte sich Niederer auf Faustregeln wie diese: Vertraue dir und deinen Partnern. Unternehmerische Entscheide sind nie ohne Risiko. Mache Dinge, die dir selber Freude machen.

Mit Sexspielzeug zum Erfolg

Szenenwechsel: 11. April 2017, Arthouse Le Paris in Zürich. Im Saal sitzen über 400 Leute. Sie nehmen an der vierten FuckUp Night teil, einer Veranstaltung, an der Leute erzählen, wie sie gescheitert sind. Im Moment spricht Alan Frei. Er sagt: «Ich habe unzählige Risiken auf mich genommen und ebenso viele Fehler gemacht. Ich habe eine Art Uber erfunden, aber nie realisiert, Schnaps aus Mango, der nicht schmeckte, eine Plattform für Nachhilfeunterricht, die zu kompliziert wurde.» Frei sagt: «Ich besitze nur 120 Dinge, darunter ein Löffel, eine Gabel, ein Messer. Und die Erfahrungen, die ich dank meiner Fehler gemacht habe.» Einige lauten wie folgt.
– Fokus: Wenn du eine gute Idee hast, konzentriere dich auf sie und lass die Finger von den weiteren Ideen, die dir einfallen. Sonst rennst du nur noch deinen To-do-Listen hinterher – und verlierst dein Projekt aus den Augen.
– Idee: Viele sagen, Erfolg bestehe aus 1 Prozent Idee und 99 Prozent Umsetzung. Das ist Unsinn. Ich lancierte einmal einen virtuellen Friedhof. Aber den wollte niemand, auch wenn die Umsetzung noch so genial gewesen wäre.
– Team: Am Anfang bist du euphorisch und stellst viele Leute an, die du nicht sauber einarbeitest, auch Freunde. Das ist meistens falsch. Schau gut hin, wen du ins Boot nimmst, denn es tut weh, Leute zu entlassen. Ohne gutes Team bist du ein Nobody.
Die Schweizer seien risikoavers geworden, sagt Frei. Aber Risiken gehören nun mal zum Geschäft – für Start-ups sowieso. «Neun von zehn Sachen funktionieren nicht.» Freis zehnte Idee war Amorana, eine Firma für Sexspielzeug. Heute beschäftigt sie 15 Personen. Um das Risiko klein zu halten, folgte Frei dem Grundsatz des «Minimum Viable Product». Dabei entwickelt man ein Produkt nur so weit als nötig, um es dann zügig unter die Leute zu bringen. So riskiert man wenig Geld und erhält raschen Response. «Als wir Amorana lancierten, begannen wir mit der Idee einer Liebesbox im Abo: Jeden Monat eine Überraschung. Drei von 5000 Personen, die wir angemailt hatten, interessierten sich dafür. Da wussten wir: Wir brauchen etwas Besseres.» Der Durchbruch gelang mit kostenlosen Dildos, die Amorana rund 20'000 Rekruten und ihren Freundinnen offerierte. 20 Minuten brachte die Idee zur Eruption.

Zum Feierabendbier dank Yeppt

Auch Malik El Bay weiss, wie man mit Risiken umgeht. Einst entwickelte er mit zwei Freunden «Yeppt», eine App wie Doodle, aber für kurzfristige Treffen. «Eine tolle Sache für die nervige Maybe-Generation, zu der ich zähle. Sie sollte den Leuten die Antwort erleichtern, wenn einer ein Feierabendbier vorschlägt», erzählt El Bay. Er findet die Idee noch heute grandios. Aber sie scheiterte, wie er an einer FuckUp Night vor einem Jahr erzählte. Hier zwei Gründe.
– Enthusiasmus: Alle Leute fanden unsere Idee super. Das hat uns zu sicher gemacht. Wir haben monatelang wie Verrückte gearbeitet, auf fremden Sofas geschlafen, kein Privatleben gehabt. Und dann falsche Entscheide gefällt.
– Finanzierung: Irgendwann ist ein Projekt kein Sprint mehr, sondern ein Marathon. Wir haben es versäumt, für mehr Geld zu sorgen und gute Leute ins Projekt zu nehmen.
Er sei damals ein zu hohes Risiko eingegangen, sagt El Bay heute. Und hat daraus gelernt, wie mans besser macht – ganz nach der Erkenntnis der Psychologie, dass sich negative Erfahrungen tiefer in uns einschreiben als positive. El Bays neue Firma Modum stellt Sensoren her, die das Monitoring von pharmazeutischen Produkten während des Transports erleichtern. «Wir haben die Risiken so weit wie möglich minimiert. Wir haben viele Gespräche geführt, um das Potenzial unserer Idee abzuklären. Und wir haben die ersten Prototypen rasch zur Anwendung gebracht.» Die Angst, dass jemand die Idee klauen könnte, war zwar da. Aber sie sei unsinnig.

Zur Not wieder einschmelzen

Zurück nach Hergiswil. Robert Niederer ist nie an einer FuckUp Night aufgetreten, aber er findet die Idee faszinierend. «Als Unternehmer gehst du immer Risiken ein und begehst Fehler. Aber du solltest sie möglichst kontrollieren.» Dieses Jahr erstellt die Glasi ein 10-Millionen-Gebäude in Hergiswil. Die Finanzierung konnte Niederer über Vermietungen bereits vor dem Bauentscheid sicherstellen. «Investiere kein Geld, das du nicht schon verdient hast», lautet die Faustregel dazu. Bei anderen Dingen sind die nicht kontrollierbaren Ungewissheiten grösser. «Eigentlich fallen wir ständig auf die Schnauze. Wir entwickeln rund 80 neue Produkte pro Jahr. Die Hälfte davon funktioniert nicht. Dann stossen wir sie zum Selbstkostenpreis ab oder machen sie zu Scherben.» Wieder eingeschmolzen bilden sie – wie die Erfahrungen, die man aus guten Fehlern macht – die Substanz für neue Entwicklungen.

Links und Literaturhinweise

Gigerenzer, G. (2013): Risiko. Wie man die richtigen Entscheidungen trifft. München. btb.

Kasten

Gefährlich wie parfümiertes Lampenöl

Risiken kann man berechnen. Dann nämlich, wenn eine grosse Datenmenge für wenige Risikofaktoren zur Verfügung steht und die Welt nicht gerade aus den Fugen gerät. Dumm ist nur, dass diese Bedingungen selten alle erfüllt sind. Schon Aristoteles sagte: «Es ist wahrscheinlich, dass etwas Unwahrscheinliches passiert.» Der Psychologe und heutige Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin, Gerd Gigerenzer, hat 2013 zum Thema Risiko ein vielbeachtetes Buch geschrieben. Seine Hauptaussage: Wir leben in einer Welt der Ungewissheit und des Risikos. Aber viele Versuche, dieser Tatsache Herr zu werden, sind untauglich. Währungsprognosen etwa sind weniger zuverlässig, als wenn man ihren Verlauf mit Würfeln voraussagte. Medizinische Check-ups verringern die Krebs-, Herz-Kreislauf- oder Gesamtsterblichkeit in keiner Weise. Voraussagen zur Gefährlichkeit des Rinderwahns schürten eher Panik: Ein Nature-Artikel sagte bis zu 100'000 Tote voraus; am Ende starben im Laufe von zehn Jahren etwa 150 Personen an BSE – die gleiche Anzahl wie durch das Trinken von parfümiertem Lampenöl. Mit seinem Buch möchte Gigerenzer unsere Risikokompetenz steigern. Einige Highlights:
– Gutachten dienen statt der Risikominimierung oft nur dazu, der Verantwortung aus dem Weg zu gehen – psychometrische Tests bei Anstellungen beispielsweise. Ähnlich verfährt die defensive Medizin, die aus Angst vor juristischen Folgen lieber mal ein Medikament zu viel verschreibt. Fragen Sie Ihren Arzt nicht, was er Ihnen rät. Fragen Sie ihn, was er seiner Frau raten würde.
– Faustregeln können helfen, mit ungewissen Situationen umzugehen. Eine lautet: Finde den wichtigsten Grund und vergiss den Rest (One-Reason-Decision-Making). Oder lege dich auf ein Anspruchsniveau fest, wähle die erste Alternative, die es erfüllt, und hör auf, weiter zu suchen.
– Intuition und Bauchgefühl sind keine Launen oder Hellseherei. Sie sind eine Form unbewusster Intelligenz. Fragen Sie nicht, wenn jemand mit Erfahrung ein schlechtes Bauchgefühl hat. Folgen Sie ihm!
– Null Risiko ist eine Illusion. Intelligenz, Kreativität und Innovation versiegen, wenn man den Menschen verbietet, Fehler zu machen.

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