Ausgabe 03 | 2017

Fokus "Risiko"

Risikoberufe

Herzklopfen im Berufsalltag

Die Konfrontation mit risikoreichen Situationen gehört in manchen Berufen zum Alltag. Von der Faszination für solche spannungsreichen Momente und von ihren Bewältigungsstrategien erzählen eine Polizistin, ein Chirurg und ein Stuntman.

Von Anna Zbinden Lüthi und Ingrid Rollier, PANORAMA-Redaktorinnen

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S. Merz, Streifenpolizistin

Symbolbild (Bild: Stadtpolizei Zürich)

Die Arbeit als Streifenpolizistin ist der risikoreichste Job bei der Polizei. Das ist tatsächlich so. Wenn man von der Zentrale per Funk den Einsatz erhält, bleibt wenig Zeit, um sich vorzubereiten. Eine Absprache mit dem Teamkollegen während der Anfahrt zum Einsatzort ist nur bedingt möglich. Erhalten wir zum Beispiel die Meldung, dass in einem Haus eine Frau um Hilfe schreit, kann uns vieles erwarten. Vielleicht schreit sie, weil sie gerade von jemandem geschlagen wird oder weil sie ihren verstorbenen Ehemann findet, oder womöglich ist sie in der Badewanne gestürzt. Die konkrete Situation können wir erst bei unserem Eintreffen erfassen und müssen dann innert kurzer Zeit entscheiden, wie wir handeln sollen. Risikoreich sind Einsätze an unbewilligten Demonstrationen oder der Einsatz an einem Fussballmatch. Je nach Konstellation kann dort ein hohes Gewaltpotenzial herrschen. Risikoreich sind für mich auch Menschen, welche unter Drogen- oder Alkoholeinfluss stehen oder in einem psychischen Ausnahmezustand sind. Ihr Verhalten kann aggressiv und unberechenbar sein. Bereits ein Spuckangriff von einem Gegenüber, das an einer gefährlichen Krankheit leidet, kann für unsere Gesundheit fatale Folgen haben.

Wie schützen Sie sich in solchen Situationen?
In der Ausbildung und in Weiterbildungen werden wir für risikoreiche Einsätze geschult und vorbereitet. Wir üben viele Szenarios mit Figuranten. Ganz wichtig ist für mich die Zusammenarbeit mit meinem Streifenwagenpartner. Ein vertrautes, gutes Verhältnis erleichtert vieles. Wenn ich weiss, dass ich mich auf meinen Kollegen verlassen kann, gehe ich viel ruhiger an eine risikoreiche Situation heran. Als Frau ist es möglich, dass ich meinem Gegenüber körperlich unterlegen bin. Für mich ist es deshalb wichtig, risikoreiche Situationen verbal lösen zu können. Ich habe auch schon erlebt, dass mein «Frausein» die Situation beruhigt.

Weshalb haben Sie sich für den Beruf der Polizistin entschieden?
Die Abwechslung, Spannung, die intensive Teamarbeit und die unregelmässigen Arbeitszeiten waren die Hauptgründe, weshalb ich mich für die Polizei entschied. Ich bin in der Hälfte meiner Arbeitszeit mit dem Streifenwagen oder zu Fuss unterwegs und während der anderen Hälfte im Büro. Ich arbeite stets im Team. Zu Beginn einer Schicht weiss ich nie, was auf mich zukommt. Ob Verkehrsunfälle, Einbrüche, Schlägereien, häusliche Gewalt, Todesfälle, Hilfeleistungen usw., ich muss mit allem rechnen.

Wie risikobereit sind Sie im Allgemeinen?
Ich mag zwar Adrenalinschub, Spannung und die Abwechslung – aber nicht so sehr das Risiko. Ich habe seit 14 Jahren die Privatpilotenlizenz. Jeder Flug auf einen neuen Flugplatz oder in eine neue Region ist für mich eine Herausforderung. Diese Anspannung erlebe ich als positiv. In der Fliegerei ist aber Sicherheit das oberste Gebot. Deshalb kontrolliere ich vor Abflug lieber alles doppelt und halte mich streng an die Vorschriften. Ich schätze mich als nicht sehr risikobereit ein.

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Frédéric Dubas, Chirurg

(Bild: zvg)

Ist der Beruf des Chirurgen voller Risiken? Wenn man eine Operation begonnen hat, hat man nie die Garantie, dass alles gut und problemlos vor sich geht. Es geschieht selten, aber trotz den heutigen technischen Möglichkeiten ist es immer möglich, dass etwas Unerwartetes geschieht.

Überlegt man sich vorher, welche Faktoren ungewiss sind?
Die Aus- und Weiterbildung zum Chirurgen dauert sechzehn Jahre. Durch die schrittweise Ausbildung gewinnt man Erfahrung und Sicherheit, auch durch die Zusammenarbeit mit anderen Chirurgen. Deshalb weiss man, wie eine Operation vor sich gehen muss. Im Notfalldienst sieht man allerdings manchmal unerwartete Verletzungen oder Infektionen oder die Entwicklung von Tumoren. Dann muss man sich an die neue Situation adaptieren können.

Welche Fähigkeiten bringen gute Chirurgen und Chirurginnen mit?
Technisch müssen sie alle Möglichkeiten ausnützen, sie müssen die richtige Diagnose stellen und die richtige Behandlung vorschlagen. Dies ist nicht zwingend eine Operation. Gute Chirurgen sind ruhige und emotional stabile Leute, die nicht schnell die Nerven verlieren, sie müssen mit Überraschungen umgehen können. Ein guter Chirurg sieht seine Fehler und kann sie behandeln. Der Chirurg hat immer mit dem Tod zu tun, er muss Distanz halten können. Er sollte nicht persönlich involviert sein.

Zählt die Unzufriedenheit eines Patienten zu einem neuen Berufsrisiko?
Wenn der Patient zu mir kommt und sagt, «mach mir den Bauch auf», spricht das von einem unglaublichen Vertrauen. Man muss den Patienten im Vorgespräch die Risiken einer Operation erklären, richtig informieren. Wenn etwas passiert, muss man dem Patienten das erklären und eine Lösung des Problems vorschlagen, dann ist das Vertrauensverhältnis wieder da. Dass man das falsche Bein abschneidet, passiert in 99,99 Prozent der Fälle nicht. Aber es ist passiert. Der Chirurg ist am Ende immer verantwortlich, muss alles beweisen können, aber sein Team ist mitverantwortlich. Präzision im Team und im Umgang mit den Daten ist gefragt, eine genaue Kontrolle. Patienten gehen heute schnell zum Anwalt, wenn sie mit dem Resultat nicht zufrieden sind. Jüngere Chirurgen spezialisieren sich deshalb lieber auf einen bestimmten Bereich, sie machen Sachen, bei denen sie sicher sind.

Sind Chirurgen Menschen, die das Neue, Aufregende suchen?
Am Anfang, in den ersten Jahren bis vierzig, ja. Wenn man eine schwierige Operation gemacht hat, mit Herzklopfen, hat man hinterher Bedenken, man liegt wach und fragt sich: «Hab ich das richtig gemacht, hält dieser Knoten?» Mit der Zeit hat man das Verlangen nach ruhigen Nächten.

Sie sind Bergsteiger, Sie tauchen und haben vor Kurzem den Privatpilotenschein gemacht. Wie risikobereit schätzen Sie sich im Allgemeinen ein?
Ich bin ein Angsthase. Ich fliege nur bei schönem Wetter und wenig Wind. Es ist wie beim Beruf: Wir müssen das Risiko für den Patienten einschätzen, die richtige Behandlung und die richtige Technik suchen, vorschlagen und durchführen. In unserem Beruf ist es absolut notwendig, die eigenen Limiten zu kennen. Man muss das Bestmögliche bieten, und das kann man nur, wenn man die eigenen Grenzen gut kennt.

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Jan Fantys, Stuntman

(Bild: Esther Fantys)

Stunts finden in einem fiktiven Umfeld statt. Welches sind die realen Risiken? Bei einem Sprung aus dem vierten Stock oder einem Schwertkampf ist die Gefahr von Knochenbrüchen, Stichverletzungen oder gar tödlichen Unfällen mein ständiger Begleiter. Wenn ich teils bei Wind oder Regen aus einer Höhe von zwölf Metern springe, muss ich in der Lage sein, mit dem Rücken auf einem Haufen Kartonschachteln zu landen, der aus der Höhe winzig wirkt. Und selbstverständlich müssen die Bewegungen vor der Kamera natürlich aussehen. Es erfordert höchste Konzentration, all dies ohne Fehler zu tun.

Was reizt Sie an der Gefahr?
Natürlich löst die Risikosituation nach der Performance ein Glücksgefühl aus. Je grösser die Gefahr, je höher der Adrenalin- und Endorphinspiegel, desto grösser meine Euphorie. Bei meinen Stunts fühle ich mich viel lebendiger und habe das Gefühl, meine Umwelt besser zu beherrschen. Ich mag aber auch die spielerische Seite meiner Tätigkeit. Vor allem aber möchte ich dramatische Momente in Szene setzen und bei den Zuschauern Emotionen auslösen. Wir Stuntmen sind Illusionisten, wir stellen uns in den Dienst einer Geschichte, die dem Zuschauer erzählt werden soll. Was zählt, ist nicht so sehr der Stunt an sich, sondern die künstlerische Komponente. Ich will dem Publikum ein einzigartiges Gefühl vermitteln.

Wie gehen Sie mit den Risiken um?
Beim Risikomanagement sind verschiedene Faktoren entscheidend: Ich muss die Bewegungsabläufe perfekt beherrschen, meine Handlungen koordinieren, zuverlässiges Material auswählen und mich gewissenhaft vorbereiten. Der kleinste technische Defekt, ein Moment der Müdigkeit oder die geringste Ablenkung können tödlich enden. Ich berechne die vorhandenen Kräfte und die Fallwinkel; die Bewegungen werden in der Halle trainiert. Bei Bedarf wende ich mich an Experten für Auto-, Wasser-, Feuer- oder Luftstunts. Schon der kleinste Unfall könnte unseren Ruf ruinieren.

Wer kann Stuntman werden?
Stuntmen sind Hochleistungssportler und Bühnenkünstler oder Zirkusartisten zugleich. Der Beruf stellt daher sehr hohe Anforderungen. Ich habe mit sieben Jahren mit Fechten begonnen, habe zahlreiche Sportarten, vor allem Kampfsport, ausgeübt und auch ein wenig Akrobatik betrieben. Meine Schauspielausbildung in Paris hat mir die Kompetenzen vermittelt, die in meinem Beruf zentral sind. Wenn einer meiner Schüler professioneller Stuntman werden will, muss er an internationalen Castings teilnehmen und sich folglich intensiv weiterbilden. In der Schweiz kann ein Stuntman leider nicht von seinem Beruf leben, da Actionfilme so gut wie gar keine finanzielle Unterstützung erhalten.

Wie stehen Sie zu den Risiken des Alltags?
Für mich gibt es kein erfülltes Leben ohne Risiko, egal, ob es sich um körperliche, künstlerische oder finanzielle Risiken handelt. Meine Neugier, mein Entdeckergeist, meine Lust, mich überraschen zu lassen, neue Erfahrungen zu sammeln und davon zu erzählen, veranlassen mich dazu, Risiken einzugehen. Ich möchte meine Grenzen bis ans Limit ausloten und weiterkommen. So kann ich neue Stunts entwickeln, Kampfszenen mit 600 Protagonisten leiten, Nachwuchs ausbilden und bald ein neues Ausbildungszentrum in Frankreich eröffnen.

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