Ausgabe 03 | 2017

Fokus "Risiko"

Risikowahrnehmungen bei der ersten Berufswahl

Ob Jugendliche eine Ausbildung im Bereich Pflege, Bankwesen oder Medien wählen, lässt sich durch ihre Risikowahrnehmung, ihre Coping-Fähigkeiten und den erwarteten Nutzen erklären. Allerdings greifen Jugendliche für ihre Risikowahrnehmungen nicht auf frühere Erfahrungen zurück.

Von Andrea Altepost, Soziologin

(Bild: Adrian Moser)

(Bild: Adrian Moser)

«Wer nichts wagt, der nichts gewinnt» – für hochgesteckte Ziele sind oft Entscheidungen unter Unsicherheit zu treffen, die unerwünschte Folgen mit sich bringen können. Auch für Berufswählende sorgt ein dynamisches und komplexes wirtschaftliches und technologisches Umfeld für Planungsunsicherheit, ausgerechnet in der Lebensphase der Adoleszenz mit noch im Werden befindlicher Identität und einer erhöhten Risikoschwelle. «Irgendetwas mit Medien» wünschen sich zum Beispiel viele junge Berufsanfänger/innen – ein Berufsleben als Event, für das Risiken in Kauf genommen oder erst gar nicht wahrgenommen werden? Aber auch mit einem finanziell «vernünftig» erscheinenden Beruf können negative Konsequenzen verbunden sein, etwa
– mangelnde Vereinbarkeit mit Familien- und Pflegeverpflichtungen,
– Entgrenzung von Arbeit und Freizeit,
– gesundheitliche Beeinträchtigungen physischer und psychischer Natur,
– Wissensverlust bei Krankheit oder familiärem Engagement.
Wie wird dieses breitere Risikospektrum vom sozialen Netz Berufswählender und im Rahmen der praktischen Berufsvorbereitung in Schule und Berufsberatung thematisiert? Wie wird es von den jungen Erwachsenen wahrgenommen und in die Wahl einbezogen? Auf diese Fragen ging die Autorin in ihrer Studie mit Auszubildenden im ersten Ausbildungsjahr ein. 476 junge Männer und Frauen beantworteten in ihrer Berufsschulklasse einen schriftlichen Fragebogen. Sie waren in der Ausbildung zu einem der folgenden drei Berufe:
– Gesundheits- und Krankenpfleger/in
– Bankkauffrau/-mann
– Medien-Auszubildende
Diese drei Berufe wurden ausgewählt, weil sie sich in ihren Risikoaspekten unterscheiden.

Berufswahl- und Risikotheorie miteinander verknüpft

Als theoretisches Modell wurden eine Berufswahl- und eine Risikotheorie, die beide auf die sozialkognitive Theorie von Bandura zurückgehen, miteinander verknüpft: Als Berufswahltheorie wurde die Social Cognitive Career Theory von Lent und Kollegen, als Risikotheorie die Protection Motivation Theory von Rogers in der Variante von Grothmann und Reusswig herangezogen. Sozialisationseinflüsse und Lernerfahrungen gehen demnach in subjektive Risiko-Nutzen-Modelle ein. Diese Modelle modellieren das «Wagnis der Wahl» durch Einschätzungen
– des einzugehenden Risikos,
– der vorhandenen Coping-Strategien zur Bewältigung unerwünschter Konsequenzen,
– des «Gewinns» anhand der angenommenen Erreichung von Zielen bzw. Nutzenaspekten.

Berufsgruppen und ihre Entscheidungsmuster

Das vorgeschlagene integrierte Theoriemodell kann gemäss den Ergebnissen als angemessen betrachtet werden, die Berufswahl unter Risikoaspekten zu analysieren. Die jeweiligen Entscheidungen für die untersuchten drei Berufe konnten durch spezifische Kombinationen der Konstrukte Risikoeinschätzung, Coping-Fähigkeiten und erwarteter Nutzen erklärt werden:
– Gesundheits- und Krankenpfleger/innen wählten ihren Beruf trotz antizipierter Risiken zuversichtlich. Sie trauten sich zu, mit den Folgen zurechtzukommen, und erwarteten einen hohen Nutzen aus der Erfüllung ihrer sozialen Erwartungen an den Beruf.
– Bankkaufleute wollten Arbeitsplatz- und Gehaltsrisiken vermeiden und private Ziele finanzieren können; ihre Coping-Fähigkeiten konnten sie am wenigsten von allen drei Berufsgruppen dezidiert einschätzen.
– Die Medien-Auszubildenden waren risikobewusst und flankierten ihre eher geringen Coping-Erwartungen durch Pläne beruflicher Weiterbildung. Die Orientierung am inhaltlichen Nutzen – der Umsetzung ihrer Kreativität – war bei ihnen sehr deutlich ausgeprägt.
Die Zielkomponente, ein zentrales Element der hier eingeflossenen Berufswahltheorie und aus Sicht der Berufsberatung sicherlich ein höchst sinnvoller Einflussfaktor, war bei den Befragten recht schwach ausgeprägt. Immerhin konnte ein Einfluss privater Ziele auf die Attraktivität der Bankausbildung gezeigt werden, womit sich die angehenden Bankkaufleute deutlich von den Auszubildenden der anderen Berufe unterscheiden.

Lernerfahrungen werden kaum genutzt

Zur Erklärung von Risikoeinschätzungen durch Lernerfahrungen wurden die Auszubildenden nach ihrem Verhalten in einer früher erlebten Risikosituation befragt, um eine möglichst zuverlässige retrospektive Erfassung der risikobezogenen Erfahrungen zu erhalten. Risikobereitschaft bzw. -aversität in dieser früheren Situation konnte jedoch die Beurteilung der Berufswahlsituation nicht prognostizieren. Diese wird offensichtlich als völlig neues, nicht durch bisherige persönliche Erfahrung abgedecktes Entscheidungsproblem angesehen, für das erworbene Handlungsorientierungen schwer anwendbar erscheinen. Ein Grund könnte in der langen Zeitperspektive der Berufswahl zu finden sein. Die Schwierigkeiten Berufswählender, sich über den Zeitraum der Ausbildung hinaus zu orientieren, sind in der Forschung gut dokumentiert. Zudem werden Risiken umso weniger bedrohlich wahrgenommen, je weiter sie in der Zukunft liegen. Schliesslich zeigte sich, dass es vielen Berufswählenden an einer konkreten Vorstellung der eigenen Rolle im kommenden Erwachsenenleben mangelt. Den Alltag zwischen Beruf, Familie, weiteren sozialen Bereichen und Verpflichtungen vorstellbar zu machen, könnte deshalb einer realistischen Berufsberatung dienlich sein. Vor allem aber sollten die Abschätzung von Risiken und eine konstruktive risikobezogene Handlungsorientierung Bestandteil des Kanons allgemeinbildender Schulen werden – nicht nur zur Bewältigung berufsbezogener Fragestellungen.

Links und Literaturhinweise

Für die ausführlichen Ergebnisse und die Methodik siehe: Altepost, A. (2017): Risiken der Berufswahl. Wiesbaden, Springer VS.

3 Fragen

«Abenteuerlust fördern»

an Mathias Morgenthaler, Autor

(Foto: Bernhard Haldemann)

Mit Ihren Publikationen ermutigen Sie die Leser/innen zum Risiko. Weshalb? Das grösste Risiko ist nicht die Veränderung, sondern dass man nicht sein eigenes Leben lebt; dass man eine Anpassungskarriere durchläuft und sich selber immer fremder wird. Deswegen erinnere ich die Leute daran, welches ihre Herzensthemen sind und dass es sich lohnt, diese in berufliche Entscheidungen einzubeziehen. Das führt oft zu Veränderungen.

Die Risiken sind in Ihren Interviews kaum ein Thema.
Es gibt genug Stimmen, die betonen, wie riskant Aus- und Umstiege sind, dass man womöglich weniger verdient, keine Stelle mehr findet, die Rente schmälert. Mir liegt mehr daran aufzuzeigen, was es einem an Lebensqualität bringt, wenn man sich selber ein Stück näherkommt, seine Berufung lebt.

Wie unterscheidet sich Ihr Angebot Berufungs-Interview von einem Coaching?
Nicht grundlegend. Ich unterstütze meine Kunden in einem Klärungsprozess, ohne ihnen Ratschläge zu erteilen. Viele Leute fühlen sich unter Druck: Nicht nur die eigenen Glaubenssätze engen sie ein, auch ihr Umfeld meint genau zu wissen, wer sie sind und was zu tun wäre. Da kann es sehr befreiend sein, sich mit jemandem Fremden zu besprechen, die Situation neu zu betrachten, Spielräume zu entdecken. Als Generalist kann ich die Leute mit konkreten Beispielen ermutigen, ihre Entdecker- und Abenteuerlust fördern. (sk)

www.beruf-berufung.ch
www.aussteigen-umsteigen.ch

Kommentare
 
 
 
imgCaptcha
 

Nächste Ausgabe

PANORAMA Nr. 2 | 2020 mit dem Fokus «Simulation» erscheint am 17. April.