Ausgabe 02 | 2017

ARBEITSMARKT

Arbeitgeberkontakte RAV

Ein Amt erhält ein Gesicht

Die Vermittlung von Stellensuchenden gelingt den RAV besser, wenn sie persönliche Kontakte zu den Arbeitgebern pflegen. Auf dieser Erkenntnis basiert ein Strategiepapier des VSAA, und einige Kantone haben dazu bereits interessante Modelle entwickelt.

Von Daniel Fleischmann, PANORAMA-Redaktor

Jobmärkte wie jene in Schaffhausen sind ein gutes Instrument zur Pflege von Arbeitgeberkontakten; hier kommen Stellensuchende und Arbeitgeber in einen persönlichen Kontakt. (Bild: Daniel Fleischmann)

Jobmärkte wie jene in Schaffhausen sind ein gutes Instrument zur Pflege von Arbeitgeberkontakten; hier kommen Stellensuchende und Arbeitgeber in einen persönlichen Kontakt. (Bild: Daniel Fleischmann)

Das Amt für Wirtschaft und Arbeit des Kantons St. Gallen (AWA) blickt auf eine junge Geschichte zurück. Es ist das Ergebnis der Fusion des Amtes für Wirtschaft und des Amtes für Arbeit von 2012. Jetzt befinden sich die Hauptabteilungen Standortförderung, Arbeitsbedingungen, Arbeitslosenversicherung und zentrale Dienste unter einem Dach – und sie lernen, miteinander zu sprechen.

«Starke Lobbyisten»

Ein Dienstagnachmittag Anfang Februar. Peter Kuratli (AWA-Amtsleiter), Roland Lippuner (Leiter Arbeitsbedingungen) und Urs Greuter (RAV-Leiter) sind auf Firmenvisite. Sie besuchen ein Unternehmen, das vor einiger Zeit Mühe mit der Einhaltung der Arbeitsbedingungen (Schichtbewilligungen, Arbeitsbewilligungen Drittstaaten) bekundete. Im Bestreben, nicht als technokratische Vollzugsbehörde aufzutreten, unterstützten die Arbeitsinspektoren das Unternehmen bei der Lösung der Probleme. Und sie machen die Firma, die viele Temporärangestellte beschäftigt, auf die Vermittlungsdienste der RAV aufmerksam. Diese sind in der Lage, kostenlos und rasch geeignete Stellensuchende zu vermitteln und über Einarbeitungszuschüsse oder Eignungsabklärungen zu unterstützen. Einige Wochen später können die drei Besucher ein erfreuliches Ergebnis feststellen: Die Arbeitsbedingungen werden eingehalten, und die Firma stellt in Aussicht, dass man künftige Fachkräfte zuerst via RAV rekrutieren wolle. Das Beispiel macht den Grundgedanken des reorganisierten St. Galler AWA deutlich: Standortförderer, Arbeitsinspektorinnen und die Mitarbeitenden des RAV-Arbeitgeberservice (AGS) haben zwar spezifische Aufgaben, aber sie denken vernetzt und haben die Interessen der anderen Abteilungen im Auge. Davon zeugt die gemeinsame Broschüre «Wirtschaft und Arbeit». Hier sind Themen wie «Existenzsicherung für Arbeitslose», «Netzwerke zu Investoren und Nachfolgeregelung» oder «Kurze Bewilligungsverfahren bezüglich Arbeitnehmerschutz» in einem einzigen Dokument dargestellt. Ein anderes Beispiel: Als vor zwei Jahren eine international tätige Firma einen Produktionsbetrieb im Rheintal ansiedeln wollte, wurde sie von einem AWA-Team über Baubewilligungsverfahren, Steuerbedingungen oder arbeitsrechtliche Fragen informiert. Die Dienstleistungen wurden verbunden mit dem Wunsch, dass sich auch Stellensuchende aus dem RAV bei der Vergabe der rund 120 Arbeitsplätze bewerben konnten. 25 Personen konnten so vermittelt werden. «Die vier Tage Gespräche waren perfekt investiert», blickt Peter Kuratli zurück. Der Kanton St. Gallen zählt rund 25'000 Unternehmen. Das AWA unterhält zu 200 von ihnen regelmässigen Kontakt. Sie gehören zu den Schlüsselunternehmen, weil sie besonders innovativ, gross oder bekannt sind. Besuche müssen in einem elektronischen Meldesystem eingetragen werden, um zu verhindern, dass ein Arbeitgeber innerhalb kurzer Zeit mehrmals Amtsbesuch hat. Zudem besprechen die Leiter der vier Hauptabteilungen jede Woche anstehende Fälle – zum Beispiel Neuansiedlungen, Umstrukturierungen oder Kurzarbeitsfälle. AWA-Amtsleiter Peter Kuratli: «Im Paket werden wir von den Arbeitgebern als professionelle und dienstleistungsorientierte Partner wahrgenommen. Die RAV erhalten mit den Abteilungen Arbeitsbedingungen und Standortförderung zwei starke Lobbyisten.»

Systematische Kontaktpflege

Der Kanton St. Gallen ist ein Beispiel für eine systematische Kontaktpflege zu den Arbeitgebern durch die Arbeitsmarktbehörden, wie sie in einem Strategiepapier des Verbands schweizerischer Arbeitsmarktbehörden (VSAA) empfohlen wird. Das Papier wurde Ende 2016 vom VSAA-Vorstand verabschiedet und nennt Erfolgsfaktoren und macht Empfehlungen. Damit treibt der VSAA eine Entwicklung voran, die seit einigen Jahren in allen Kantonen in Gang ist. Heute investieren die RAV rund 6 Prozent ihrer Personalressourcen in die Pflege von Arbeitgeberkontakten, wie die Studie «Detailanalyse der Unternehmensprozesse, Zuständigkeiten, Anreiz- und Führungssysteme der Regionalen Arbeitsvermittlungszentren» von Egger, Dreher & Partner aus dem Jahr 2013 zeigt. In den meisten Stellen sind dafür spezialisierte Arbeitgeberbetreuer zuständig, die sich ausschliesslich oder teilweise dieser Aufgabe widmen. Sie alle folgen der Erkenntnis, dass Stellenvermittlung ein «people business» ist, für das persönliche Kontakte und gegenseitiges Vertrauen unabdingbar sind. Job- und Berufsmessen, die aktive Reaktion auf ausgeschriebene Stellen oder die Präsenz an Gewerbeausstellungen gehören zum Portfolio vieler Arbeitsmarktbehörden. Einige Kantone aber machen noch mehr. Ein Beispiel dafür findet sich im Kanton Baselland. Hier wurden die sieben Aussendienstmitarbeitenden der Organisationseinheit RAVplus vor drei Jahren zu «Demografie-Beratern» weitergebildet. Diese Intensiv-Qualifizierung ermöglicht ihnen, bei Firmenbesuchen die Altersdurchmischung der Belegschaft anzusprechen und zu analysieren. Dabei wird zum Beispiel aufgezeigt, dass Personen über 50 nicht weniger lernfähig sind und Zusammenhänge besser sehen. Welcher Anteil des Weiterbildungsbudgets fliesst in die Gruppe der über 45-Jährigen? Wie steht es um die Krankentage oder Fluktuationen? Ist der Wissenstransfer gesichert? Solche Themen anzusprechen verlangt eine vertrauensvolle Basis und viel Fingerspitzengefühl, wie Inge Müssle, Leiterin Arbeitsvermittlung Basel-Landschaft, sagt. «Aber wir erleben stets sehr positive Reaktionen. Die Firmen sind dankbar für die Denkanstösse.» Werden Stellen ausgeschrieben, reagieren die spezialisierten Aussendienstler der sechs RAV wie private Personalvermittler: Sie klopfen bei den Firmen an. Konkrete Wirkungszahlen in Bezug auf die Demografie-Beratung kann Inge Müssle zwar nicht nennen. Aber einige Unternehmen hätten bereits reagiert und ihre Teams in Bezug auf die Altersstruktur stärker durchmischt. Zudem meldeten sich viele Firmen bei einer Vakanz zuerst beim RAV. Müssle: «Dank des jahrelangen Engagements des RAVplus schätzen die Unternehmen die gute Zusammenarbeit sowie die professionelle und unbürokratische Dienstleistung.»

Keine Pro-forma-Bewerbungen

An diesem Ziel arbeitet auch der Kanton Schaffhausen, der vor zwei Jahren die Abteilung «Arbeitgeber-Service» (AGS) eingerichtet hat. Ihr Leiter ist Daniel Gretler, der während 18 Jahren in der Personalberatung und -vermittlung tätig war. Der AGS bildet mit den Unternehmen Partnerschaften und sucht bei Vakanzen amtsintern nach geeigneten Kandidatinnen und Kandidaten. Danach werden deren Lebensläufe beim Stellenanbieter eingereicht oder präsentiert. Wenn dieser passende Profile findet, werden die betreffenden Personen zu einer ausführlicheren Bewerbung eingeladen. Mit diesem Ablauf sei eine bessere Zusammenarbeit mit dem Arbeitgeber möglich als mit der traditionellen Zuweisungspraxis, sagt Vivian Biner, Leiter des Arbeitsamtes: «Wir sorgen für eine Vorselektion, ein besseres Matching. In der Vergangenheit berichteten zu viele Arbeitgeber, dass Stellensuchende sich nur pro forma beworben hätten. Das ist Leerlauf und wirft ein schlechtes Licht auf die Behörde.» Im Arbeitgeber-Service des Kantons Schaffhausen ist rund die Hälfte der Personalberatenden aktiv. Ein Versuch, alle Beratenden mit Aussendienstaufgaben zu betrauen, sei schwierig verlaufen – «nicht jeder hat Verkaufstalent», so Vivian Biner. Tatsächlich sind er und das AGS-Team regelmässig auf Kaltakquise, in der die Dienstleistungen des RAV präsentiert werden. Dazu gehört etwa der Pronto-Service, mit dem man kurzfristige Arbeitseinsätze organisiert, etwa auf dem Bau. Mit dabei sind natürlich auch alle Informationen zum Schaffhauser Jobjägerprogramm für gut Qualifizierte und einzelne Video Business Cards – Videopräsentationen von Stellensuchenden, mit denen der Kanton schweizweit Beachtung fand. «Die Arbeitgeber sind meist überrascht über die Professionalität unserer Dienstleistungen und unser Auftreten», sagt Vivian Biner. «Letzte Woche sagte mir ein grösserer Arbeitgeber, das RAV sei das erste Amt seit 17 Jahren, das proaktiv auf ihn zugekommen sei.» Jetzt begännen einzelne Arbeitgeber dem RAV einen zweiwöchigen Vorlauf bei der Besetzung offener Stellen einzuräumen. Auf diesem Weg können Firmen 15 bis 30 Prozent eines Jahresgehalts einsparen, den man bei einem privaten Stellenvermittler entrichten müsste. Das beste Argument: Im Stellenpool des RAV Schaffhausen befinden sich derzeit rund 2600 Personen, 450 von ihnen haben eine tertiäre Ausbildung. «Wir wollen unsere Stellensuchenden rasch und nachhaltig vermitteln. Das gelingt am besten, wenn man uns persönlich kennt und uns vertraut», sagt Vivian Biner. «Aber das ist ein langsamer und mühsamer Weg.»

Links und Literaturhinweise

www.vsaa.ch

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