Ausgabe 02 | 2017

BERUFSBERATUNG

Persönlichkeitsakzentuierung

Auffällige Persönlichkeiten – eine Herausforderung in der Beratung

Menschen mit einer auffälligen Persönlichkeit nutzen die Angebote der Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung oft. Daher sollten die Beratenden die wichtigsten Störungsbilder kennen und in der Beratung berücksichtigen.

Von Francisca Stoffel, dipl. Berufs-, Studien- und Laufbahnberaterin

Wenn eine Klientin im Beratungsgespräch mit nichts zufrieden ist oder sich nie richtig festlegen kann, sehr emotional reagiert oder versucht, die Beratungsperson zu einer Entscheidung zu drängen, dann liegt diesem Verhalten möglicherweise eine Persönlichkeit mit auffälligen Ausprägungen zugrunde, eine sogenannte Persönlichkeitsakzentuierung. Persönlichkeitsakzentuierungen zeichnen sich dadurch aus, dass Verhaltens- und Erlebensmuster mit den sozialen Normen der Gesellschaft nicht konform sind. Dies kann sich in den Bereichen Kognition, Affektivität, Impulskontrolle und im Umgang mit anderen Menschen zeigen. Menschen mit Persönlichkeitsakzentuierungen wirken in der zwischenmenschlichen Interaktion häufig etwas befremdlich, unflexibel und unangepasst. Für eine begleitende psychotherapeutische Massnahme sind die Auffälligkeiten häufig nicht stark genug, respektive es fehlt den Betroffenen die Einsicht, eine solche könnte nötig sein. Grösstenteils sind sie auch in der Lage, ihren Lebensalltag zu bewältigen. Wenn sie aber an ihre Belastungsgrenzen stossen, ist der Gang in die Berufs-, Studien- und Laubahnberatung naheliegend. Die Hemmschwelle, diese Unterstützung anzunehmen, liegt aufgrund der Unverbindlichkeit tiefer als bei einer Psychotherapie.

Auffälligkeiten wahrnehmen

Um Personen mit einer Persönlichkeitsakzentuierung adäquat beraten zu können, muss die Beratungsperson eine solche erkennen und interpretieren können. Ich beschreibe daher nachfolgend die wichtigsten Merkmale von emotional instabilen Persönlichkeitsakzentuierungen (Typ Borderline), von narzisstischen Persönlichkeitsakzentuierungen und von abhängigen Persönlichkeitsakzentuierungen:
– Emotional instabile Persönlichkeitsakzentuierung (Typ Borderline): Bei diesen Personen sind Beziehungsabbrüche besonders auffällig. Die Abbrüche können den Freundeskreis, die Familie und Arbeitgebende betreffen. Im Lebenslauf zeigt sich beispielsweise, dass häufige Stellenwechsel stattgefunden haben. Meist sind aus Sicht der Betroffenen Aussenstehende für diese Wechsel verantwortlich, es wird global external attribuiert. Zudem fällt es den Betroffenen oft schwer, sich festzulegen. Sie sind in jeder Beratungsstunde von einem anderen Berufsbild völlig fasziniert und zeigen eine gewisse Verbissenheit, etwas Bestimmtes erreichen zu wollen. Beruflich ist ein Hin und Her, emotional ein Auf und Ab beobachtbar. Stimmungsschwankungen mit emotionalem Verhalten (Wut, Traurigkeit, Euphorie usw.) sind keine Seltenheit.
– Narzisstische Persönlichkeitsakzentuierung: Personen mit dieser Thematik neigen dazu, andere – auch die Beratungsperson – abzuwerten. Es scheint, dass sie ihren tiefen Selbstwert hinter einer Fassade von beeindruckenden Erzählungen über ihre persönliche Grandiosität verbergen. Ihre eigene Realität legen sie sich so zurecht, dass die Welt ihnen vieles nicht gönnt. Auch bei dieser Personengruppe sind häufige Stellenwechsel im Lebenslauf ersichtlich, oft mit der Begründung, dass sie ausgenutzt wurden oder unterqualifizierte Arbeit erledigen mussten. Besonders häufig kommen narzisstische Persönlichkeitsakzentuierungen bei Personen vor, die in einer Führungsposition tätig sind.
– Abhängige Persönlichkeitsakzentuierung: Bei diesen Betroffenen ist zu beobachten, dass sie Entscheidungen meiden möchten. Sie übergeben daher Entscheidungen gerne anderen Personen – auch der Beratungsperson – und fühlen sich selber hilflos und inkompetent. Sie möchten keine Verantwortung für einen möglichen Misserfolg übernehmen. Gleichzeitig zeigen sie eine hohe Trennungsangst. In diesen Fällen kann sich der Beratungsprozess in die Länge ziehen, der Klient oder die Klientin möchte sich nicht festlegen und fühlt sich in Entscheidungssituationen unwohl.

Systemische Techniken einsetzen

Betroffene aller drei Typen von Persönlichkeitsakzentuierungen tendieren dazu, bewusst oder unbewusst manipulativ zu agieren. Deshalb sollte ein Arbeitsbündnis für die Zusammenarbeit erstellt werden. Darin können die Regeln der gegenseitigen Zusammenarbeit festgehalten werden. Da bei Persönlichkeitsakzentuierungen die zwischenmenschliche Ebene für die Ratsuchenden (und auch für die Beratungsperson) die grösste Herausforderung darstellt, ist der systemische Beratungsansatz besonders sinnvoll und unterstützend. Im systemischen Beratungsansatz geht es darum, die Ressourcen, Kompetenzen und Fähigkeiten der Klienten und Klientinnen und ihres sozialen Systems zu entdecken und zu eruieren, wie diese nützlich sein können. In der Berufsberatungsarbeit werden die Anzahl der Lösungen vergrössert, Probleme und mögliche Lösungen kontextualisiert und der Fokus auf die Ressourcen gerichtet. Die Beratungspersonen zeigen Respekt vor der Autopoiese (Selbstkonstruktion und -organisation) des Klientensystems und indizieren Neues mithilfe von gezielten Interventionen. Neben den Ressourcen sollten Risikofaktoren erhoben werden. Interventionen haben zum Ziel, Beziehungen im System (zu anderen oder zu sich selber) zu verändern. Beratende sollten aber nur intervenieren, wenn ein entsprechender Auftrag des Klienten respektive der Klientin besteht, beispielsweise der Wunsch, die Beratungsperson möge Unterstützung leisten bezüglich einer Veränderung der aktuellen Situation. Ansonsten können bei der Klientin oder beim Klienten Ärger und Ablehnung resultieren, wodurch die erarbeitete Vertrauensbasis erschüttert wird.

Hilfreiche Zusammenfassungen

In der Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung ist es generell besonders wichtig, dass die Beratungsperson das Erzählte immer wieder kurz und prägnant zusammenfasst. Folgende Regeln sollten dabei beachtet werden:
– Klienten und Klientinnen beschreiben störende Verhaltensweisen oft mit den Worten «immer, wenn …» oder «es macht mir zu schaffen, dass …». In der Zusammenfassung reden Beratungspersonen aber besser von «bisher …» oder «in der Vergangenheit …». Damit implizieren sie, dass Veränderung möglich ist. Ähnlich kann «noch nicht» benutzt werden.
– Bei ersten Fortschritten im Beratungsprozess verwenden Klienten und Klientinnen häufig verneinende Sätze, beispielsweise: «Seit ich mit Ihnen zusammenarbeite, habe ich nicht mehr das Gefühl, dass alles sinnlos ist.» Beratungspersonen fragen dann sinnvollerweise: «Was denken Sie denn stattdessen?», oder: «Sondern?» So erfahren sie neue Sichtweisen und Handlungsalternativen und machen diese auch den Klienten und Klientinnen bewusst.

Unterstützung suchen

Je nach Art und Ausprägung der Persönlichkeitsakzentuierung kann sich eine Beratungsperson überfordert fühlen. Es gibt bis anhin allerdings noch keine spezialisierten Anlaufstellen, an die man sich wenden könnte. Eine Möglichkeit ist, die Situation mit dem Vorgesetzten zu besprechen und mögliche Vorgehensweisen auszuloten. Auch Supervisionen eignen sich für solche schwierigen Situationen. Besonders wichtig ist, dass sich Beratungspersonen darin üben, sich abzugrenzen. Persönlichkeitsakzentuierungen sind weit verbreitet, der Schweregrad unterschiedlich. Dank Offenheit, den angezeigten Beratungs- und Interventionsmethoden sowie Freude und Geduld an anspruchsvoller Beratungsarbeit können Betroffene auch in der Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung adäquat unterstützt werden.

Links und Literaturhinweise

Stoffel, F. (2016): Ich hasse Sie – bitte unterstützen Sie mich! Masterarbeit MAS Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung, Zürich, Departement für Angewandte Psychologie, IAP.

Kasten

Beratung bei Menschen mit einer Borderline-Störung

Sobald das Wort «Borderline» genannt wird, denken viele Menschen an Selbstverletzung und Unberechenbarkeit. Dass die Krankheit sehr vielseitig sein kann, wird oft übersehen. Rund drei bis zehn Prozent der Normalbevölkerung weisen typische Aspekte einer Borderline-Störung auf. Für eine Erkundung der Ressourcen und Risikofaktoren bei den Betroffenen stellt die Beratungsbeziehung die wichtigste Basis dar. Auf der Seite der Beratungspersonen sind Geduld und Freude an komplexeren Beratungen zentral, ebenso Durchsetzungsvermögen gegenüber übertriebenen Forderungen. Eine gewisse Gelassenheit ist hilfreich, denn die Betroffenen sind sprunghaft und starken Stimmungsschwankungen unterworfen. Ausserdem muss die Beratungsperson Grenzen setzen können betreffend Thematiken, die nicht in den Beratungsprozess passen. Das Bestehen auf gesetzten Terminen und der Mut zu einem Beratungsabbruch, wenn sich Betroffene nicht an Abmachungen halten, sind besonders wichtig. Ressourcen sind ebenfalls in der Persönlichkeit Betroffener zu finden. Sie haben oft eine strenge Haltung gegenüber sich selbst und damit einen beinahe eisernen Willen, etwas zu erreichen. Sie werden als strebsam und radikal beschrieben. Anderen helfen sie grundsätzlich gerne. Auch im sozialen Umfeld sind häufig Ressourcen zu finden: Drittpersonen (Psychotherapeutinnen, Case Manager, Familie) unterstützen Betroffene. Im Berufsleben wirken Personen mit einer Borderline-Störung häufig sympathisch auf Aussenstehende. Auf Dauer erleben Arbeitgeber und Teamkollegen die Beziehungen zu den Betroffenen aber häufig als anstrengend. Risikofaktoren können in allen Bereichen auftreten (Persönlichkeit, soziales Umfeld, Gefühlserleben, Biografie, Erkrankung per se) und sollten ebenfalls erfasst werden. Nur so kann festgestellt werden, an welchen Punkten ein Vorhaben scheitern könnte. Berufsberatende können vieles auffangen. Aber: Eine Persönlichkeitsstörung braucht eine Persönlichkeitsentwicklung, und die braucht Zeit.

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