Ausgabe 02 | 2017

BERUFSBERATUNG

Gesprächstechniken

Humor als Werkzeug in der Berufsberatung

Wie setzen Berufsberaterinnen und Berufsberater Humor ein? Diese Frage hat die Universität Lausanne in Zusammenarbeit mit der Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung des Kantons Waadt untersucht.

Von Eloïse Banet, Assistentin und Doktorandin am Psychologischen Institut der Universität Lausanne (UNIL)

Humor kann eine unangenehme Situation entschärfen und in einem anderen Licht zeigen. (Bild: Fotolia/contrastwerkstatt)

Humor kann eine unangenehme Situation entschärfen und in einem anderen Licht zeigen. (Bild: Fotolia/contrastwerkstatt)

Humor wird oft als «sozialer Kit» bezeichnet. Aus unserer Alltagskommunikation mit Freunden, am Arbeitsplatz, am Radio usw. ist er nicht wegzudenken. In der Psychologie ist der Einsatz von Humor jedoch nach wie vor umstritten, da er auch Risiken birgt: Missverständnisse beim Klienten, unangemessenes emotionales Engagement, Unklarheit über die (ernsthafte oder nicht ernsthafte) Haltung des Beraters, Grenzüberschreitungen usw. Trotz alledem findet Humor durchaus Eingang in Beratungsgespräche. Welche Rolle spielt er in der Berufs- und Laufbahnberatung? Kann er vielleicht sogar als bewusstes Interventionsmittel genutzt werden?

Vier Humorebenen

Im Rahmen einer Studie analysierten wir 16 Beratungsgespräche, die acht Berufs- und Laufbahnberater/innen mit Jugendlichen durchgeführt hatten. Die Ergebnisse zeigen, dass während des gesamten Beratungsprozesses immer wieder spontan Humor eingesetzt wird. Der Humor tritt dabei in verschiedenen Erscheinungsformen auf, die sich den folgenden vier Typen zuordnen lassen:
– Kognitiver Humor: Spiel mit Ideen und Vorstellungen, z. B. Paradoxe oder Ironie.
– Sprachlicher Humor: Spiel mit Wörtern und Bedeutungen, z. B. Metaphern oder Euphemismen.
– Aufmerksamkeitslenkender Humor: Konzentration auf ein spezifisches Element, z. B. durch Anekdoten, oder Hinterfragen von Vorstellungen, welche die Klienten/-innen als gegeben darstellen.
– Emotionaler Humor: Mehr oder weniger positive und intensive Emotionen scheinen in allen Formen präsent zu sein.

Beratungsbeziehung stärken

An häufigsten verwenden die Berater/innen Humor, um eine positive Beziehung zu schaffen und aufrechtzuerhalten. So dient er etwa dazu, Ausdrucksschwierigkeiten zu überwinden, die Situation zu klären oder die Gefühle der Klientin sichtbar zu machen. Dabei kommt es zu einem Austausch auf emotionaler Ebene. Ein Beispiel: Der Berufsberater spricht mit einer Jugendlichen, die ihr Berufsziel im Bereich Kinderbetreuung nach der Geburt einer besonders unruhigen kleinen Schwester aufgegeben hat. Er versucht, ihr zunächst positive Gegenbeispiele aufzuzeigen, hält dann aber plötzlich inne und fragt: «Wie heisst denn deine kleine Schwester?» Als er den ungewöhnlichen Vornamen hört, sagt er: «Oje!» So zeigt er sein Verständnis und würdigt gleichzeitig die Besonderheit der Situation. Mithilfe von Humor können Berater/innen zudem in verdichteter Form darstellen, was sie den Klienten/-innen vermitteln wollen oder wie sie deren Aussagen verstehen. Dann dient Humor dazu, das Bild, das der Beratende vom Gegenüber und seiner Situation erlangt hat, zu kommunizieren, zu überprüfen oder auch zu bewerten. Wird Humor eingesetzt, um eine unangenehme Botschaft (etwa die Konfrontation mit gewissen Realitäten der Berufswelt) zu entschärfen, kann er dazu beitragen, Konflikte zu vermeiden oder zu bewältigen und somit das Vertrauensverhältnis zu stärken. Manchmal wird Humor aber auch einfach zur Unterhaltung eingesetzt, was ebenfalls die Beziehung und die soziale Nähe stärken kann.

Die Berufswahl erleichtern

Die Berater/innen nutzen Humor auch, um den Berufswahlprozess und die Entwicklung eines Berufsziels zu unterstützen. Hauptsächlich versuchen sie auf diese Weise, die für den Berufswahlprozess nützlichen Ressourcen ihrer Klienten/-innen zu aktivieren. Dieser fördernde Humor scheint sich in der Beratungssituation geradezu anzubieten. In der Praxis kommt er zum Zug, um Vorstellungen von der eigenen Person und der Welt zu hinterfragen, um spezifische Schwierigkeiten anzugehen oder um eine positive Umdeutung zu erzielen. Ein Beispiel: Eine von ihrer Schnupperlehre enttäuschte Schülerin ist am Boden zerstört und sagt: «Ich habe so viele Fragen in meinem Kopf. Ich weiss überhaupt nicht, was ich später einmal machen will.» Der Berater antwortet: «Du hast viele Fragen. Das heisst immerhin, dass du dir Fragen stellst. Das ist doch schon einmal nicht schlecht.» Humor ermöglicht auch, vorhandene Regeln und Codes sichtbar zu machen. In einem der untersuchten Gespräche spricht der Berufsberater beispielsweise mit einer Jugendlichen, die gerne anderen helfen möchte. Provozierend schlägt er ihr vor, in dem Fall «am besten einen männlichen Beruf wie Schreiner oder Automechaniker» zu ergreifen. Indem Humor gesellschaftliche Vorstellungen und Normen thematisiert und dazu einlädt, eine Situation aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten, erweitert er das Feld der Möglichkeiten und unterstützt so die Berufswahl und die Bewältigung von Übergängen. Er ermutigt ausserdem dazu, die Berufswelt zu erkunden, und fördert die Anpassungsfähigkeit. Schliesslich kann Humor auch eingesetzt werden, um Informationen und Ratschläge anzubringen, weil er die Aufmerksamkeit weckt und so die Informationsverarbeitung erleichtert.

Ernst zu nehmendes Interventionsmittel?

Statt den Einsatz von Humor, der ja ein wesentlicher Bestandteil von menschlichen Beziehungen ist, zu beschränken, scheint es uns sinnvoller, darüber nachzudenken, in welcher Form Humor konstruktiv wirken kann. Unsere Beobachtungen weisen darauf hin, dass Berufsberater/innen Humor spontan einsetzen, um den psychologischen Prozess, der im Beratungsgespräch angestossen wird, zu unterstützen. Weitere Studien zu dieser intuitiven Praxis und ihrer Wirkung könnten Aufschluss über die Mechanismen und bewussten Einsatzmöglichkeiten von Humor geben. Durch eine systematische Analyse der Auswirkungen von Humor auf die Klienten/-innen und die Beratenden können die Risiken von unangebrachtem Humor reduziert werden. So könnte Humor zu einem wertvollen, wirksamen und anerkannten Beratungsinstrument werden.

Links und Literaturhinweise

Banet, E. (2016): L’utilisation de l’humour par les psychologues conseillères et conseillers en orientation scolaire et professionnelle. Mémoire de master (sous la direction du professeur Jonas Masdonati). UNIL.
Martineau, W. H. (1972): A Model of the Social Functions of Humor. In: Goldstein, J. H. (Éd.), The Psychology of Humor (p. 101-125). New York, Academic Press.
Kubie, L. S. (1994): The Destructive Potential of Humor in Psychotherapy. In: Strean, H. S. (Éd.), The Use of Humor in Psychotherapy (p. 95-104). Northvale, Jason Aronson.
Ziv, A. (1984): Personality and Sense of Humor. New York, Springer.
www.psychologie.uzh.ch
www.swippa.ch

Interview

«Ein anerkanntes Interventionsmittel»

Interview: Ingrid Rollier, PANORAMA-Redaktorin

Willibald Ruch: «Der Therapeut muss in erster Linie die Anliegen des Klienten ernst nehmen und wird Humor erst einsetzen, wenn eine Basis des Vertrauens gegeben ist.» (Bild: zvg)

Willibald Ruch, Professor an der Universität Zürich, plädiert für einen wohldosierten Einsatz von Humor in der Beratung.

PANORAMA: Welchen Stellenwert hat Humor in zwischenmenschlichen Beziehungen?
Willibald Ruch: Humor hat erwiesenermassen eine positive Wirkung: Er betont die menschliche Dimension einer Beziehung, reduziert die Distanz und wirkt kontakt- und vertrauensfördernd. Eine Studie hat gezeigt, dass Humor zu den zehn am positivsten eingeschätzten Eigenschaften gehört (von 600 untersuchten Eigenschaften). Er hat auch im beruflichen Austausch seinen Platz: In Vorträgen wird Humor oft als Türöffner oder zum Wiedererlangen der Aufmerksamkeit genutzt.

Und in therapeutischen Beziehungen?
Die Wirkung von Humor in Therapie und Beratung ist bisher wenig erforscht. Noch vor 40 Jahren war Humor in diesem Bereich absolut verpönt. Heute ist er ein anerkanntes Interventionsmittel. Spricht der Therapeut mit einer gewissen Leichtigkeit über problematische Ereignisse, kann das dem Klienten helfen, Distanz zu gewinnen. Die Übertreibung eines Symptoms kann die Absurdität einer irrationalen Position aufzeigen und Ängste reduzieren. Doch der Therapeut muss in erster Linie die Anliegen des Klienten ernst nehmen und wird Humor erst einsetzen, wenn eine Basis des Vertrauens gegeben ist. Er muss darauf achten, dass der Humor beim Klienten förderlich ist und keine kulturellen Regeln verletzt.

Ist es sinnvoll, Humor zu lernen?
Wir haben ein Humortraining entwickelt. Dabei lernen die Teilnehmenden, zurück zu ihrer einstigen kindlichen Sichtweise und zu einem spielerischen Umgang mit Wörtern, Ideen und Vorstellungen zu finden. Eine Studie hat gezeigt, dass Humor die Kreativität eines Teams steigert, weil er das Denken befreit und zu neuen Ideen inspiriert. Er reduziert Spannungen und kann den Zusammenhalt zwischen Arbeitskollegen stärken. Im Unterricht erleichtert Humor die Wissensvermittlung und reduziert die Angst der Lernenden. Im Gesundheitsbereich werden Pflegende zum Teil speziell geschult, um bei Betagten für Heiterkeit zu sorgen. Und Clowns verbessern bekanntermassen das Wohlbefinden von Kindern im Spital.

In welche Richtung entwickelt sich die Humorforschung?
Wir arbeiten interdisziplinär, in letzter Zeit insbesondere mit Linguisten und Informatikern. Wir untersuchen zum Beispiel die Angst vor dem Ausgelachtwerden oder – im Rahmen eines europäischen Projekts –, wie Avatare in Videos die Betrachter zum Lachen bringen.

Kommentare
 
 
 
imgCaptcha
 

Nächste Ausgabe

PANORAMA Nr. 2 | 2020 mit dem Fokus «Simulation» erscheint am 17. April.