Ausgabe 02 | 2017

BERUFSBILDUNG

Zweisprachige KV-Ausbildung

Berufsbildung in einer internationalen Stadt

In Genf können angehende Kaufleute ihre Lehre zweisprachig (Französisch/Englisch) absolvieren und gleichzeitig ein EFZ und die Berufsmaturität erlangen. Sie erhöhen so ihre Arbeitsmarktchancen und die Unternehmen lernen das Schweizer Berufsbildungssystem kennen.

Von Laurie Josserand, Amt für Berufsberatung, Berufs- und Weiterbildung (OFPC) des Kantons Genf

Internationale Organisationen und Firmen verhelfen der zweisprachigen Lehre zum Erfolg. (Bild: Fotolia/g-konzept.de)

Internationale Organisationen und Firmen verhelfen der zweisprachigen Lehre zum Erfolg. (Bild: Fotolia/g-konzept.de)

Rund 20 internationale Organisationen, so etwa die UNO, haben ihren Sitz in Genf. Dazu gesellen sich 174 ständige Missionen und 250 NGOs, die der Stadt ein internationales Ambiente verleihen. Zudem beherbergt der Kanton rund 1000 multinationale Unternehmen, die wesentlich zum Wachstum der Genfer Wirtschaft beitragen. In diesem internationalen Umfeld erstaunt es nicht, dass rund 46'000 Personen und über 100'000 Arbeitnehmer/innen regelmässig Englisch sprechen. Vor diesem internationalen Hintergrund hat das Amt für Berufsberatung, Berufs- und Weiterbildung des Kantons Genf («Office pour l’orientation, la formation professionnelle et continue», OFPC) zusammen mit dem SBFI 2013 ein Pilotprojekt gestartet, das Jugendlichen ermöglicht, ihre kaufmännische Ausbildung zweisprachig zu absolvieren. Das Projekt verfolgt zwei Ziele:
1. Jugendliche, die sich für eine duale berufliche Grundbildung entscheiden, sollen ihre Sprachkenntnisse sowohl im beruflichen Umfeld als auch in der Schule erweitern können.
2. Sie sollen in ihren multinationalen Lehrbetrieben zu Botschaftern eines modernen, weltoffenen Bildungssystems werden, das Nachwuchs ausbildet und sich an der Realität der Arbeitswelt orientiert.

Amt unterstützt Rekrutierung

«Die Erfahrungen, die wir in der ersten Projektphase von 2013 bis 2015 gemacht haben, erlaubten uns, die sich wandelnden Anforderungen der Unternehmen an die Sprachkenntnisse zu berücksichtigen. Zudem konnten wir sie angemessen unterstützen, vor allem bei der Rekrutierung der Lernenden», hält Grégoire Évéquoz, Direktor des OFPC, fest. «Diese ‹Matching-Phase› erleichterte uns die Auswahl der Bewerber, die die Voraussetzungen der Unternehmen und des E- und M-Profils am besten erfüllten.» 2015 hat die zweisprachige kaufmännische Ausbildung ihren festen Rhythmus gefunden. Neu besteht die Möglichkeit, in der dreijährigen Ausbildung zwei Abschlüsse zu erlangen, das EFZ und die Berufsmaturität, die den Berufsmaturanden die Tür zum Fachhochschulstudium öffnet. «Nach Abschluss der anspruchsvollen Ausbildung können die Jugendlichen zudem die Prüfung für die Passerelle Dubs ablegen, die den prüfungsfreien Übertritt an eine Universität ermöglicht. Das sind sehr interessante Perspektiven, gerade für angelsächsische Unternehmen, die ihren Praktikanten und Mitarbeitenden gerne ein Tertiärstudium nahelegen», betont Christoph Schindler, Projektleiter zweisprachige Ausbildung beim OFPC. Diese Änderung hatte auch Auswirkungen auf die Organisation des Unterrichts an der Berufsfachschule. Um die Anforderungen des Plan d’études romand zu erfüllen, werden 400 Unterrichtseinheiten in verschiedenen Fächern auf Englisch durchgeführt. Im ersten Lehrjahr sind dies Geschichte und Politik, in den Folgejahren Mathematik sowie Wirtschaft und Recht. Zudem müssen die Lernenden Sprachaufenthalte absolvieren.

Bessere Chancen auf Arbeitsmarkt

Zu Projektbeginn 2013 konnten gerade mal 14 Betriebe die zweisprachige Ausbildung anbieten. Seither hat sich die Anzahl der am Projekt beteiligten multinationalen Unternehmen, Banken, Reisebüros und NGOs verdreifacht: 2016 wurde die zweisprachige kaufmännische Ausbildung in 42 Unternehmen angeboten. Eine davon ist die Société générale de Surveillance (SGS), ein weltweit tätiges Schweizer Unternehmen, das seit 40 Jahren Lernende ausbildet. Für Arnaud Luisier, der am weltweiten Hauptsitz der SGS die Lernenden ausbildet, macht es absolut Sinn, den Bildungsgang um eine weitere Sprachkompetenz zu erweitern, denn «Englisch ist unsere Arbeitssprache für die schriftliche Kommunikation.» Weiter hält er fest, dass die Lernenden in der dreijährigen Ausbildung dank ihrer Erfahrungen in einem mehrsprachigen Umfeld und dem qualitativ hochwertigen Doppelabschluss das Rüstzeug erwerben, um im aktuellen wirtschaftlichen Umfeld bestehen zu können. «Sie werden konkurrenzfähiger und sind in der Lage, sich der Realität auf dem Arbeitsmarkt zu stellen», sagt der Berufsbildner.

Links und Literaturhinweise

Mouad, R., Guilley, E. (2017): Évaluation du projet pilote de mise en place d’un CFC et d’une maturité professionnelle bilingues d’employé de commerce. Genève, SRED.

Kommentare
 
 
 
imgCaptcha
 

Nächste Ausgabe

PANORAMA Nr. 2 | 2020 mit dem Fokus «Simulation» erscheint am 17. April.