Ausgabe 02 | 2017

Fokus "Flüchtlinge"

Zugang zum Universitätsstudium

Damit der WTO-Unterhändler nicht Taxifahrer wird

Flüchtlinge, die ihr Studium im Herkunftsland unterbrochen haben, werden nicht gerade ermutigt, ihre Studienlaufbahn in der Schweiz weiterzuverfolgen. Die Anerkennung der erbrachten Studienleistungen ist schwierig. Um Flüchtlingen den Zugang zum Studium zu erleichtern, stellen einige Hochschulen spezielle Programme bereit, so auch die Universität Genf.

Von Ingrid Rollier, PANORAMA-Redaktorin

Jaklin und Merry Gourieh haben ein Ziel: Sie wollen ihr Pharmaziestudium in Genf abschliessen. (Bild: Ingrid Rollier)

Jaklin und Merry Gourieh haben ein Ziel: Sie wollen ihr Pharmaziestudium in Genf abschliessen. (Bild: Ingrid Rollier)

Als Jaklin und Merry Gourieh Syrien verlassen mussten, hatten die Schwestern schon mehrere Jahre Pharmazie studiert und standen kurz vor dem Abschluss. Doch mit einem syrischen Hochschulreifezeugnis können sie nicht direkt an einer Schweizer Universität weiterstudieren. Dazu müssen sie die Ergänzungsprüfung der schweizerischen Hochschulen (ECUS) – das Äquivalent zur Matura – ablegen. Zur Vorbereitung auf die Prüfung und aufs Studium haben sie sich fürs Programm «Horizon académique» der Universität Genf (UNIGE) angemeldet. Es unterstützt die Flüchtlinge bei der Studienwahl und bei der Erfüllung der Zulassungsbedingungen zur Hochschule. Die Teilnehmenden müssen in ihrem Herkunftsland ein Studium begonnen oder abgeschlossen haben, in der Schweiz leben und eine Französischprüfung auf dem Niveau A2 bestanden haben. Nach einer Pilotphase im Frühling 2016 hat die UNIGE für das aktuelle Studienjahr 35 Personen ins Programm aufgenommen. Dieses setzt sich aus drei Teilen zusammen:
– Zugang zu Vorlesungen als Hörer oder Hörerin,
– einen auf den Hochschulgebrauch ausgerichteten Französischkurs, der zum Niveau B2 führt,
– Mentoring zur Unterstützung der akademischen und sozialen Integration, wenn möglich durch eine Studentin oder einen Studenten der gleichen Fakultät.
Die teilnehmenden Flüchtlinge erhalten eine Kursbestätigung und dürfen auch Prüfungen ablegen. Die erworbenen ECTS-Punkte können später angerechnet werden. «Unser Ziel ist, dass die jetzigen Hörer sich ab Herbst 2017 als reguläre Studierende immatrikulieren können», sagt Mathieu Crettenand, Rektoratsadjunkt und Verantwortlicher für das Programm «Horizon académique». Die Teilnehmenden kommen aus zwölf verschiedenen Ländern, hauptsächlich aber aus Eritrea und Syrien. Die meisten besuchen Vorlesungen in Naturwissenschaften, Biologie, Chemie, Medizin, Pharmazie, Ökonomie oder Management. Viele von ihnen haben bereits einen Bachelor-Abschluss, der hier nicht oder nur teilweise anerkannt wird. Eine weitere Hürde sind die Sprachkenntnisse. «Wir kamen im Juli 2015 in die Schweiz, konnten aber erst ab März 2016 Französischkurse besuchen, die von der Sozialhilfe finanziert wurden», erzählt Jaklin Gourieh. «Wir machten dann schnell Fortschritte und bestanden die Prüfung auf Stufe A2, die für den Einstieg ins Programm Bedingung ist.» Heute kommen zu den 15 Stunden Sprachunterricht, die von der Sozialhilfe bezahlt werden, sechs Französischlektionen an der UNIGE hinzu. Als Hörerinnen haben sich die Schwestern mithilfe ihrer Mentoren für einen Kurs im dritten Bachelor-Jahr beziehungsweise für zwei Master-Kurse in Pharmazie eingeschrieben.

Studienberatung verbessern

Gemäss Schätzungen haben etwa zehn Prozent der Flüchtlinge ein unerkanntes Potenzial für ein Hochschulstudium. Mathieu Crettenand glaubt, dass bessere Information und Beratung viel Zeitverlust und Frustration verhindern könnten, und zählt ein paar Beispiele auf: Einem Chemiker wurde eine Arbeit als Reinigungskraft empfohlen; eine junge Frau mit Bachelor-Abschluss kam ins erste Jahr einer Mittelschule und ein syrischer Diplomat, der einst als WTO-Unterhändler tätig gewesen war, wurde Taxifahrer, statt Politikwissenschaften zu studieren. Andere Kandidaten wollen sich an einer Universität einschreiben, obwohl eine Fachhochschule ihren Berufszielen besser entsprechen würde. In einigen Fällen ist eine Zulassung «sur Dossier» die Lösung. So hat die UNIGE einen eritreischen Biologen aufgrund seiner Berufserfahrung im Gewässerschutz zum Masterstudium in Umweltnaturwissenschaften zugelassen.

Engagierte Mentoren

Für das Mentoringprogramm arbeitet die UNIGE mit der Studierendenorganisation zusammen. Rund 300 Studierende haben sich für ein Mentoring interessiert. Joanna Bärtsch, Studentin der Politikwissenschaften, gehört zu den 35 Mentorinnen und Mentoren, die schliesslich ausgewählt wurden. Die junge Frau, die sich für soziale Probleme interessiert und sich in mehreren Vereinen engagiert, kann sich hier konkret für Flüchtlinge einsetzen. Sie gibt ihre Studienerfahrungen weiter, hilft der von ihr begleiteten Person, sich im komplexen Hochschulablauf zurechtzufinden und die passenden Kurse auszuwählen, erklärt die ungeschriebenen Verhaltensregeln an einer Uni und gibt Dokumente weiter. So entsteht im Laufe der Monate eine enge Verbindung zur begleiteten Person. Die Studierendenorganisation hilft bei Fragen weiter, organisiert eine halbtägige Schulung und Austauschsitzungen für die Mentorinnen und Mentoren. Lidya Demirsoy, Studentin der Internationalen Beziehungen, hat festgestellt, dass die Tandems unterschiedlich intensiv zusammenarbeiten. «Es ist wichtig, je nach Gegenüber das richtige Mass an Distanz zu finden und den Mentees zu helfen, ohne sie zu bemuttern.» Für das Programm arbeitet die Universität mit dem Genfer Integrationsbüro für Ausländerinnen und Ausländer zusammen. Dieses finanziert die Französischkurse und das Mentoring. Von privaten Stiftungen erhalten die Flüchtlinge zudem Hilfe bei der Wohnungssuche sowie bei der Finanzierung der studienbedingten Anschaffungen und Reisekosten oder der beglaubigten Übersetzung von Diplomen. Mathieu Crettenand knüpft aber auch für die Finanzierung von Stipendien Kontakte mit privaten Spendern und Stiftungen, denn der Studentenstatus ist nicht mit der Sozialhilfe vereinbar. Der Programmverantwortliche möchte auch gangbare Lösungen für die ECUS-Vorbereitung finden. Die Vorbereitungskurse werden heute nur von Privatschulen angeboten und sind deshalb sehr teuer. Die Programmteilnehmenden wurden an einer Informationsveranstaltung über die Ergänzungsprüfungen orientiert. Jaklin und Merry Gourieh sind entschlossen, die ECUS-Prüfungen in Französisch, Mathematik, Geschichte, Englisch und Biologie zu bestehen. In drei Monaten konnten sie ihr Französisch um zwei Niveaustufen von A2 auf B2 verbessern. Am Semesterende haben sie drei Prüfungen in Pharmazie abgelegt. «Es war sehr schwierig, den Vorlesungen zu folgen, Notizen zu machen und die Fachbegriffe zu lernen», geben sie zu, «doch wir haben gesehen, dass es machbar ist, und wollen nun einen fünfwöchigen Vorbereitungskurs für die Ergänzungsprüfung besuchen und diese im August ablegen.» Ihr Wunsch: Das Pharmaziestudium abschliessen und dann in einem Pharmaunternehmen arbeiten.

Links und Literaturhinweise

www.unige.ch
www.vss-unes.ch

Kasten

Angebote für Flüchtlinge an Schweizer Hochschulen

Mehrere Schweizer Hochschulen bieten Programme wie «Offener Hörsaal» oder «Schnuppersemester» für Flüchtlinge an. Häufig wurden die Programme von den Studierendenorganisationen initiiert. Alle bieten Plätze für Hörer/innen und eine Begleitung durch Mentoren/-innen an. Es werden Sprachkenntnisse auf Niveau B1/B2 (in Genf A2) empfohlen. Nur an der Universität Genf dürfen die Flüchtlinge auch Prüfungen ablegen.

Universitäre Hochschulen mit Flüchtlingsprogramm, Anzahl Hörerplätze (Stand Frühling 2017):
– Bern: 22 Plätze (+ 9 Teilnehmer des Wintersemesters)
– Basel: 20 Plätze
– Genf: 35 Plätze
– Luzern: 10 Plätze
– Zürich: 20 Plätze
– ETH Zürich: 40 Plätze

3 Fragen

«Zulassung teilweise ungerecht»

an Martina von Arx, Verband der Schweizer Studierendenschaften (VSS)

(Bild: Sandra Siegenthaler)

Woraus besteht das Projekt «Perspektiven – Studium»? Wir fördern Programme, die Flüchtlingen den Zugang zu Schweizer Hochschulen erleichtern. Wir beraten die Studierendenorganisationen, geben Informationen und Tipps für das Mentoring und wirken bei der Mentorenschulung mit. Im Sommer soll zudem eine Online-Plattform mit nützlichen Infos für Flüchtlinge, Mentoren, Professorinnen und Sozialarbeiter aufgeschaltet werden.

Sind die Zulassungsbedingungen zu streng?
Die Universitäten möchten die Zulassungsstandards, die viele formale Kriterien umfassen, nicht senken. Gewisse Zulassungsbedingungen sind aber ungerecht. So wird etwa für die ECUS das sehr hohe Sprachniveau C1 verlangt, für Schweizer Studierende aus anderen Sprachregionen aber nicht.

Warum ist es wichtig, dass Flüchtlinge mit Potenzial Hilfe erhalten?
Die Sozialhilfe muss ihnen oft eine berufliche Eingliederung vorschlagen, die nicht ihrem Ausbildungslevel entspricht. Mit einer gering qualifizierten Arbeit bleiben sie in einer prekären Situation und abhängig von der Sozialhilfe. Ein Studium braucht zwar mehr Zeit, eröffnet nach dem Abschluss aber bessere Integrations- und Erwerbschancen, was letztlich die Sozialkosten reduziert und das Fachkräfteangebot erhöht.

Kommentare
 
 
 
imgCaptcha
 

Nächste Ausgabe

PANORAMA Nr. 2 | 2020 mit dem Fokus «Simulation» erscheint am 17. April.