Ausgabe 02 | 2017

Fokus "Flüchtlinge"

Junge Flüchtlinge

Fit werden für die Schweizer Arbeitswelt

Die Kantone organisieren die Betreuung, Ausbildung, Berufsberatung und berufliche Integration von jungen Flüchtlingen selber. Der Kanton Genf beispielsweise musste sein Angebot von einer Alphabetisierungsklasse auf zehn Klassen erweitern.

Von Ingrid Rollier, PANORAMA-Redaktorin

In den Jahren 2015 und 2016 reiste eine grosse Zahl von Flüchtlingen in die Schweiz ein, darunter viele Jugendliche zwischen 15 und 20 Jahren. Diese haben zum Teil eine chaotische Schullaufbahn hinter sich, einige können weder lesen noch schreiben. Ihre Betreuung und Ausbildung erfordert flexible und bedürfnisgerechte Strukturen. Im Kanton Genf ist der «Service de l’accueil du postobligatoire» (ACPO) für die Bereitstellung von solchen Strukturen im nachobligatorischen Bereich zuständig. Zum Schuljahresbeginn 2016 musste der ACPO das Angebot von einer Alphabetisierungsklasse auf zehn erweitern. Über 100 Schüler/innen besuchen zurzeit eine solche Vollzeitklasse, wo sie hauptsächlich in Französisch, Lesen, Schreiben und Mathematik unterrichtet werden. Insgesamt stellt der ACPO im laufenden Schuljahr für 800 Jugendliche ein Angebot zur Verfügung. Etwa 50 Prozent der jungen Menschen kommen aus dem Asylbereich und erhalten Sozialhilfe: Asylsuchende (Ausweis N), vorläufig Aufgenommene (Ausweis F) oder anerkannte Flüchtlinge (Ausweis B). Die Aufnahme- und Eingliederungsphase dauert in der Regel zwei Jahre: ein Jahr in einer Aufnahmeklasse und ein weiteres in einer schulischen oder beruflichen Integrationsklasse. «Über die Zuweisung wird fallweise entschieden, und wir passen unsere Strukturen ständig den Bedürfnissen an», erklärt Joël Petoud, Leiter des ACPO. Bei jungen Migranten/-innen mit geringer Vorbildung dauert es meist drei Jahre, bis ihre Kenntnisse auf dem nötigen Stand sind und sie eine Berufswahl getroffen haben. In den Aufnahmeklassen werden sie in Französisch, Mathematik, Allgemeinbildung, Werken und Sport unterrichtet. Die Kurse führen über mehrere Zwischenstufen von der Alphabetisierung zu fortgeschrittenen Sprach- und Mathematikkenntnissen. Ab einer Gruppe von zehn Schülern/-innen mit derselben Muttersprache werden zudem Kurse in der Herkunftssprache erteilt. Das erleichtert die Verknüpfung von sprachlichen und kulturellen Zusammenhängen. Dieses Jahr wurden beispielsweise erstmals Kurse in Kurdisch und Paschtu angeboten. Der Lehrer, der heute Somali unterrichtet, war früher selber Schüler in einer ACPO-Klasse. «Die Lehrpersonen für die Herkunftssprachen haben eine wichtige Funktion», betont Joël Petoud. «Weil sie die kulturellen Codes der Schüler kennen, können sie ihnen die impliziten Codes des Gastlandes leichter vermitteln.» Sie wirken als Referenzpersonen, die den Jugendlichen den Schlüssel zum Verständnis ihres neuen Umfelds in die Hand geben.

Alles funktioniert anders

Viele junge Flüchtlinge sind traumatisiert und durch ihren Status und ihre Lebensgeschichte benachteiligt. Einige haben sich als unbegleitete minderjährige Asylsuchende (UMA) bis in die Schweiz durchgeschlagen. Hier erhalten sie zwar soziale, medizinische und psychologische Unterstützung, doch sie müssen sich in einem Umfeld zurechtfinden, das ganz anders funktioniert als alles, was sie bisher erlebt haben. Joël Petoud erzählt, dass die jungen Migranten/-innen fleissig, ehrgeizig und sehr regenerationsfähig sind. Einen weiteren Beitrag zur Integration leisten die zwei Französischkurse, welche die Lehrpersonen der Jugendlichen für deren Eltern anbieten, um den Kontakt zwischen Schule und Elternhaus zu fördern.

Grosse Unterschiede bei der Vorbildung

Die schulischen Integrationsklassen bereiten die Migranten/-innen in einem Jahr auf den Besuch einer gymnasialen Mittelschule, einer Handels- oder einer allgemeinbildenden Schule vor. Auf dem Stundenplan stehen Französisch, Mathematik und allgemeinbildende Fächer. Dieses Jahr besuchen fast 100 Schüler/innen diesen Klassentyp. Sie kommen vor allem aus Syrien, Eritrea und Afghanistan. Voraussetzung für diesen Integrationsweg ist, dass die Jugendlichen bereits vor ihrer Ankunft eine gute Schulbildung genossen haben. Die Genfer Dienststelle für Bildungsforschung (SRED) hat die Schullaufbahn ehemaliger Schüler/innen von Aufnahmeklassen in einer Studie untersucht: Ein Jahr nach Abschluss einer schulischen Integrationsklasse besuchte über die Hälfte der Jugendlichen entweder eine gymnasiale Mittelschule (31%) oder eine andere allgemeinbildende Schule (20%). Andere absolvierten eine berufliche Grundbildung, hauptsächlich im kaufmännischen Bereich (24%). «Einige Schüler mit geringer Vorbildung hingegen sind nach der Aufnahmeklasse noch nicht bereit für eine berufliche Integrationsklasse», stellt Joël Petoud fest. «Deshalb haben wir dieses Jahr eine Zwischenstufe eingeführt.» In dieser Klasse lernen die Schülerinnen und Schüler spezifisches Vokabular für ein bestimmtes Berufsfeld und Grundkompetenzen für die Berufswelt: soziale und kulturelle Codes, korrektes Verhalten, Umgangsformen, Pünktlichkeit usw. Zudem stehen praktische Unterrichtseinheiten und Betriebsbesuche auf dem Programm.

Ein Berufsziel erarbeiten

In den beruflichen Integrationsklassen schliesslich steht die Berufswahl im Vordergrund. «Die jugendlichen Migranten sind motiviert und haben ehrgeizige Ziele», berichtet Marina Sevastopoulo, die früher die beruflichen Integrationsklassen leitete und heute für die Aufnahmeklassen verantwortlich ist. «Sie träumen davon, Ärztin oder Anwalt zu werden, doch ihr Bildungsniveau ist tief. Wir begleiten sie bei der Erarbeitung eines realistischen Berufsziels.» Im Rahmen des Berufswahlunterrichts lernen sie sich besser kennen, erkunden verschiedene Berufe, nehmen an Betriebsbesichtigungen und Treffen mit Arbeitgebern teil, etwa an den Berufs- und Unternehmenstagen, welche die Genfer «Cité des métiers» durchführt. Sie lernen, wie man einen Lebenslauf schreibt, und bereiten sich auf Eignungstests vor. Während einer Blockwoche, die in Zusammenarbeit mit dem Amt für Berufsberatung, Berufs- und Weiterbildung (OFPC) organisiert wird, absolvieren sie verschiedene Schnuppertage. Je nach Angebot der ACPO-Schnupperbörse können sie auch noch weitere Schnupperlehren absolvieren. Die Lehrpersonen der beruflichen Integrationsklassen stehen mit verschiedenen Betrieben in Kontakt und besuchen die Schüler/innen am Schnupperort. Darüber hinaus unterstützt der Verein Reliance etwa 20 unbegleitete Minderjährige beim Lernen und bei der gesellschaftlichen Integration (vgl. Kasten). «Trotz aller Bemühungen haben die meisten Schüler Schwierigkeiten, eine Lehrstelle zu finden», bedauert Marina Sevastopoulo. «Ich höre oft, dass es dafür Lehrmeister mit einer sozialen Ader braucht. Aber das stimmt nicht. Die Jugendlichen, die bei uns zur Schule gehen, wollen genauso behandelt werden wie alle andern. Sie sind zuverlässig, motiviert und bereit, auch hohen Anforderungen gerecht zu werden.» Doch ihr schulisches Niveau ist tief. Die Eignungstests und die im Kanton Genf üblichen Schulabschlusstests sind deshalb eine grosse Hürde. «Heute fehlen niederschwellige Angebote in der beruflichen Grundbildung», fügt Marina Sevastopoulo an. Sie wünscht sich, dass neue Lösungen gesucht werden, etwa dass Kleinunternehmer in der Gastronomie oder im Bauwesen auch ohne EFZ Berufsbildnerkurse besuchen und Jugendliche ausbilden dürfen. Gemäss der Studie der SRED haben ein Jahr nach Abschluss einer beruflichen Integrationsklasse nur gerade 15 Prozent der Jugendlichen eine EBA- oder EFZ-Lehrstelle gefunden. Rund 60 Prozent besuchen über das Genfer Zentrum für Brückenangebote (CTP) eine Vorlehre oder absolvieren ein Praktikum mit zwei Schultagen pro Woche. Das Ziel ist, nach einem Jahr eine EBA- oder EFZ-Ausbildung zu beginnen. Noch schwieriger ist es, eine Lösung für junge Sans-Papiers oder Asylsuchende mit Ausweis N zu finden. Denn sie dürfen keine EBA- oder EFZ-Lehre antreten, selbst wenn sie gute Schulleistungen erbringen. Für junge Erwachsene, die keine Anschlusslösung gefunden haben, arbeitet der ACPO mit dem «Hospice général», einer Sozialeinrichtung des Kantons, zusammen. Diese bietet Ausbildungsplätze in Lehrwerkstätten (Mechanikerwerkstatt, Küche usw.) und Praktika im Gesundheitsbereich an. Für den Austausch zwischen dem ACPO und anderen kantonalen Institutionen hat der Kanton eine Taskforce gebildet, in der alle involvierten Departemente (Gesundheit, Soziales, Bildung, Arbeit) vertreten sind.

Links und Literaturhinweise

edu.ge.ch/acpo
edu.ge.ch/ctp
www.reliance-ge.ch
Evrard, A., Hrizi, Y., Ducrey, F., Rastoldo, F. (2016): Analyse des dispositifs d’accueil et d’intégration des élèves primo-arrivants allophones. Rapport 2: Étude des parcours scolaires des élèves issus des classes d’accueil à Genève. Genève, SRED.
Hrizi, Y. (2014): Les parcours de formation des adolescents migrants non francophones. In: Note d’information du SRED (N° 67).

Kasten

«Elektriker ist mein Traumberuf»

Abdirizak Burhan bereitet sich mit seinem Mentor auf einen Eintrittstest vor. (Bild: Ingrid Rollier)

Abdirizak Burhan war 15, als er nach Genf kam. Er kam mitten im Schuljahr in eine Aufnahmeklasse. «Am Anfang war es schwierig. Ich kannte niemanden», erinnert sich der junge Somalier. In seiner Heimat hatte er nur bis zum zwölften Altersjahr eine Schule besucht. Doch in seinem Lieblingsfach Mathematik erbrachte er in Genf schon bald hervorragende Leistungen. Neben der Schule besuchte er abends zusätzlich Französischkurse, die von einem Flüchtlingshilfswerk angeboten wurden. Nach zwei Jahren in der Aufnahmeklasse konnte er in eine berufliche Integrationsklasse wechseln und mehrere Schnupperlehren absolvieren: als Metallbauer, Automatiker, Polymechaniker, Informatiker und Elektroniker. Das einmonatige Praktikum in einem Elektrounternehmen gefiel ihm am besten. «Ich ging gerne auf Baustellen oder zu Kunden, um Reparaturen auszuführen, und ich war sehr gut integriert. Elektriker ist mein Traumberuf», verrät der junge Mann. Im vergangenen Frühling wagte er sich an den Eintrittstest, doch leider klappte es trotz aller Anstrengungen nicht: Die Französischprüfung war zu schwer. Seit einem Jahr trifft Abdirizak einmal pro Woche seinen Mentor Olivier Chanson vom Verein Reliance. Dank der wertvollen Unterstützung des pensionierten Fachleiters einer Berufsfachschule kann Abdirizak nun ein bezahltes zehnmonatiges Praktikum in einem Elektrobetrieb absolvieren. Daneben besucht er an zwei Tagen pro Woche den allgemeinbildenden Unterricht. Diesen Frühling will er noch einmal alles geben, um den Eintrittstest zu bestehen und eine Lehrstelle zu finden. Dafür besucht er zusätzlich einen Französisch-Intensivkurs, der über einen Bildungsgutschein finanziert wird. Und er büffelt Vokabeln und technisches Wissen mit seinem Mentor. Soeben hat der fleissige und zielstrebige Jugendliche mühelos die Fahrprüfung bestanden.

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