Ausgabe 02 | 2017

Fokus "Flüchtlinge"

Es gibt noch viel zu tun

In den letzten Jahren sind in der Schweiz die verschiedensten Programme entstanden, die die Arbeitsmarktfähigkeit von geflüchteten Personen verbessern wollen. Die Erwerbsquote ist allerdings immer noch tief.

Von Daniel Fleischmann, PANORAMA-Redaktor

(Bild: Adrian Moser)

(Bild: Adrian Moser)

Im Januar 2017 starteten in Bern 16 Flüchtlinge eine kostenlose Ausbildung im Programmieren. Diese wird von ehrenamtlich tätigen Kursleitern ermöglicht, vom Verein Powercoders via Crowdfunding finanziert und vom Migros-Kulturprozent unterstützt. Für das Programm hatten sich 120 Bewerberinnen und Bewerber angemeldet. Zielpublikum sind Personen, die entweder Vorkenntnisse in der IT oder ein Flair für IT-Themen haben. «Jetzt arbeiten wir daran, dass das Konzept auch in anderen Kantonen und Ländern übernommen werden kann», sagt Christian Hirsig, einer der vier Projektinitianten. Die Programmierschule für Flüchtlinge sei bisher einzigartig und trage dem Umstand Rechnung, dass auch beruflich höher qualifizierte Flüchtlinge in der Schweiz ankommen. Auf die zwölfwöchige Ausbildung folgt ein dreimonatiges Praktikum, für das der Verein namhafte Partner gefunden hat. Danach besprechen die Teilnehmer/innen und ihre Mentoren mit der Firma, wie es weitergeht – und ob eine Festanstellung möglich ist.

«Sie sind die Antwort»

In den letzten Monaten und Jahren sind in der Schweiz viele solche Programme und Projekte zur Arbeitsintegration der in die Schweiz geflüchteten Personen entstanden. Daran beteiligen sich private oder zivilgesellschaftliche Akteure wie Vereine und Lehrbetriebe. Ein Beispiel ist auch das Hilfswerk HEKS. Letztes Jahr richtete es die Plattform «sie-sind-die-antwort» ein, die über 80 Profile von gut ausgebildeten Flüchtlingen zeigte. Nun startet das Hilfswerk das Projekt MosaiQ, eine Fachstelle für qualifizierte Migrantinnen und Migranten, die aus einem Land ausserhalb des EU/EFTA-Raums kommen. Darunter sind Personen im Familiennachzug (zum Beispiel Heirat mit einer Schweizerin oder einem Schweizer) und aus dem Asylbereich. Die Mitarbeitenden der Fachstellen in den Regionen Aargau, Ostschweiz und Basel beraten die Personen und zeigen realistische berufliche Wege in der Schweiz auf. Zudem begleiten sie die Flüchtlinge während des Diplomanerkennungsprozesses oder einer Nachholbildung. Aktiv ist auch die öffentliche Hand. Artikel 53 des Ausländergesetzes definiert Integrationsförderung als Verbundaufgabe der Behörden von Gemeinden, Kantonen und Bund. Deren Umsetzung basiert seit 2014 auf den in den kantonalen Integrationsprogrammen (KIP) definierten integrationspolitischen Zielen, auf die sich Bund und Kantone geeinigt haben. Sie sind auf drei Bereiche ausgerichtet: Information und Beratung, Bildung und Arbeit sowie Verständigung und gesellschaftliche Integration. Die Aktivitäten im Bereich der Bildung und Arbeit beanspruchen knapp drei Viertel der für die nächsten vier Jahre vorgesehenen Kosten von 590 Millionen Franken.

Abläufe und Arbeitshaltungen erlernen

Ein Beispiel eines sehr niederschwelligen Programmes des zweiten Arbeitsmarktes befindet sich im Betriebscenter des Kompetenzzentrums Integration der Stadt Bern, das seit 13 Jahren existiert und jährlich 120–140 Personen eine meist einjährige Tätigkeit erlaubt. Hier erhalten Asylsuchende, vorläufig Aufgenommene und Flüchtlinge die Möglichkeit, in Bereichen wie Reinigung und Hausdienst, Zwischenreinigung der Linienfahrzeuge, etwa von Bernmobil («Team Sauber»), oder der Landschaftspflege aktiv zu werden. Dafür müssen sie kein Deutsch sprechen oder eine Ausbildung vorweisen. Nach Auskunft von Teamleiter Markus Vogel geht es weniger um direkte Arbeitsintegration als um die Möglichkeit, Abläufe und Arbeitshaltungen zu erlernen. Zum Programm gehören auch Kurse in Deutsch, Gesundheit und Computeranwendung. Die Teilnahme ist freiwillig. Markus Vogel: «Die Teilnehmenden lernen bei uns die Regelstrukturen kennen; sie erhalten eine Tagesstruktur und Orientierung, anstatt in ihren Unterkünften zu verharren.» An eine Tätigkeit im Kompetenzzentrum Integration schliessen Einsätze in Aufbauprogrammen an, die in Bern Namen wie «Fokus» oder «Perspektiven» tragen und auf eine Integration in den ersten Arbeitsmarkt hinarbeiten. Markus Vogel sagt: «Ohne solche Programme geht es nicht. Um überhaupt eine Chance zu haben, eine Stelle zu finden, brauchen die Menschen Bildung und Qualifizierung. Der Arbeitsmarkt ist brutal geworden. Wir haben keine Vollbeschäftigung und werden in Zukunft auch keine mehr erreichen – auch wenn die Politik noch immer so tut als ob.» Die Erwerbsbeteiligung bei den anerkannten Flüchtlingen liegt gemäss dem Staatssekretariat für Migration bei 22,5 Prozent. Auch bei anerkannten Flüchtlingen, die sich bereits seit sieben Jahren in der Schweiz aufhalten, liegt die Quote bloss bei rund 40 Prozent (bei den vorläufig Aufgenommenen gar nur bei 20 Prozent).

Anspruchsvolle Ziele

Tatsächlich ist die Umsetzung der integrationspolitischen Ziele anspruchsvoll. Ein Kernziel: «Migrantinnen und Migranten, die keinen Zugang zu den Angeboten der Regelstrukturen finden, verfügen über ein Förderangebot, das ihre Arbeitsmarktfähigkeit verbessert.» Ein erster Zwischenbericht der KIP 2014–2017 bilanziert Erfolge und Probleme auf diesem Weg. So sei das Kursangebot im Bereich Sprache und Bildung vielerorts erweitert und qualitativ verbessert worden. Dennoch sei der Bedarf an Sprachförderung immer noch grösser als das Angebot und die Kurse seien an die Lebenssituation der Lernenden anzupassen. Die Angebote im Bereich der beruflichen Integration seien ebenfalls ausgebaut worden, aber die Zahl von unqualifizierten Zugewanderten sei hoch. Schliesslich seien Qualifizierungsangebote teuer und die Plätze beschränkt, eine gute Zuweisung sei daher wichtig.

Links und Literaturhinweise

www.fluechtlingshilfe.ch

Kasten

Dürfen Flüchtlinge arbeiten?

– Alle Asylsuchenden erhalten den N-Ausweis. Während der ersten drei Monate nach dem Einreichen des Asylgesuchs besteht ein generelles Arbeitsverbot, das auf sechs Monate verlängert werden kann, wenn innerhalb der ersten drei Monate ein negativer erstinstanzlicher Entscheid erfolgt.
– Vorläufig aufgenommene Ausländer/innen erhalten einen F-Ausweis. Sie können von den Kantonsbehörden eine Arbeitsbewilligung erhalten – unabhängig von der Wirtschaftslage und der Situation auf dem Arbeitsmarkt. Sie haben jedoch keinen Anspruch auf Zugang zum Arbeitsmarkt.
– Personen, die als Flüchtling anerkannt, aber nach nationalem Recht vom Asyl ausgeschlossen sind, erhalten ebenfalls einen F-Ausweis. Sie dürfen ohne Einschränkung eine Erwerbstätigkeit ausüben und sowohl ihre Stelle als auch ihren Beruf wechseln. Voraussetzung ist einzig, dass der Arbeitgeber ein entsprechendes Gesuch stellt und die ortsüblichen Lohn- und Arbeitsbedingungen der Branche einhält.
– Flüchtlinge, denen Asyl gewährt wird, erhalten eine Aufenthaltsbewilligung (B-Bewilligung). Die Bedingungen für die Erwerbstätigkeit sind die gleichen wie für vorläufig aufgenommene Flüchtlinge: Sie können ohne Einschränkung arbeiten, der Arbeitgeber muss lediglich ein Gesuch stellen.
– Abgewiesenen Asylsuchenden ist es nach Ablauf der Ausreisefrist verboten, eine Erwerbstätigkeit auszuüben.

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