Ausgabe 01 | 2017

ARBEITSMARKT

Erfahrungsbericht

«Man muss jede Gelegenheit beim Schopf packen»

Die 64-jährige Doris Agazzi ist geschieden und hat zwei Kinder, die heute 18 und 20 Jahre alt sind. Sie hat seit ihrer Trennung vor 16 Jahren viele schwierige und finanziell unsichere Phasen überstanden. Im Folgenden erzählt sie von ihren Erfahrungen.

Von Doris Agazzi (aufgezeichnet von Christine Bitz, PANORAMA-Redaktorin)

Doris Agazzi: «Im Gespräch mit potenziellen Arbeitgebern habe ich nie in den Vordergrund gestellt, dass ich alleinerziehend bin. Ich habe ihnen stattdessen die Vorteile meines Profils erläutert, etwa die Beständigkeit, die ich als ältere Mitarbeitende einbringe.» (Bild: zvg)

Doris Agazzi: «Im Gespräch mit potenziellen Arbeitgebern habe ich nie in den Vordergrund gestellt, dass ich alleinerziehend bin. Ich habe ihnen stattdessen die Vorteile meines Profils erläutert, etwa die Beständigkeit, die ich als ältere Mitarbeitende einbringe.» (Bild: zvg)

Als mein erstes Kind zur Welt kam, beschloss ich wie viele Mütter, vorübergehend aus dem Arbeitsmarkt auszusteigen. Davor hatte ich viele Jahre Vollzeit in mittleren Kaderpositionen gearbeitet. Als meine Tochter 11 Monate alt war, übernahm ich wieder eine 40-Prozent-Stelle als Generalsekretärin einer Stiftung.

Scheidung und Arbeitslosigkeit

Kurz darauf folgte die Trennung von meinem Mann. Der Scheidungskampf war lang und konfliktgeladen. Nach der Trennung zog ich in ein anderes Dorf und erhöhte mein Arbeitspensum auf 50 Prozent. Da meine Familie nicht in der gleichen Region wohnte, musste ich selber Lösungen für die ausserschulische Kinderbetreuung finden. Ich wechselte mich zum Beispiel mit einer anderen berufstätigen Mutter bei der Mittagsbetreuung ab. Auf dem Land gab es in den 2000er-Jahren noch kaum Betreuungsangebote, man half sich vor allem in der Nachbarschaft. Ich übernahm eine Stelle, an der ich weniger Verantwortung übernehmen und weniger reisen musste, doch diese wurde 2004 aufgehoben. Das erste Mal im Leben war ich arbeitslos. In dieser ersten Rahmenfrist habe ich eine Weiterbildung in Projektmanagement beantragt. Mir war bewusst, dass ich mit 52 Jahren einen zusätzlichen Trumpf brauchte, um wieder eine Stelle zu finden. Und tatsächlich fand ich nach Abschluss der Weiterbildung eine Stelle in einer anderen Stiftung.

Burn-out

2010 hatte ich ein Burn-out, nachdem mein Arbeitsverhältnis im gegenseitigen Einvernehmen aufgelöst worden war. Die Stiftung hatte sich weiterentwickelt und ich wusste, dass ich nicht die richtige Person war, um sie künftig zu leiten. Nach zehn Jahren hin- und herrennen zwischen Kindern und Arbeit und nach dem Scheidungskampf vor Gericht war ich am Ende meiner Kräfte. Ich musste sechs Monate lang zuerst ganz, dann teilweise pausieren. Danach stieg ich wieder in den Sattel und es gelang mir sogar, eine 20-Prozent-Stelle in einem Verein zu ergattern. Schliesslich bot mir die Stiftung, die ich vorher mehrere Jahre lang geleitet hatte, eine 20- und später eine 40-Prozent-Stelle an. Die Arbeitslosenversicherung stockte diesen Zwischenverdienst auf.

Mehrere Stellen gleichzeitig

Inzwischen konnte ich mich beruflich weiterentwickeln. Ich habe heute drei Stellen mit einem Arbeitspensum von insgesamt 90 Prozent und beziehe zudem AHV. Das erste Mal seit meiner Scheidung komme ich finanziell wieder gut über die Runden. In all den Jahren haben mich mein Selbstvertrauen, meine Analyse- und Denkfähigkeit weitergebracht. Auch meine Zweisprachigkeit (Französisch und Deutsch) hat mir geholfen, nach jedem Unterbruch wieder auf die Beine zu kommen. Im Gespräch mit potenziellen Arbeitgebern habe ich nie in den Vordergrund gestellt, dass ich alleinerziehend bin. Ich habe ihnen stattdessen die Vorteile meines Profils erläutert, etwa die Beständigkeit, die ich als ältere Mitarbeitende einbringe.

Eine bescheidene Rente

Ich möchte in fünf bis sechs Jahren aufhören zu arbeiten. Dann werden meine Kinder ihre Ausbildung abgeschlossen haben, und ich werde 70 sein. Ich habe ausgerechnet, dass ich dann nur noch 2700 Franken AHV und 2. Säule im Monat bekommen und wahrscheinlich kein Anrecht auf Ergänzungsleistungen haben werde. Ich werde meinen Lebensstandard herunterschrauben, eine kleinere Wohnung suchen und das Auto verkaufen müssen. Bedenkt man, dass ich seit meinem 16. Altersjahr gearbeitet habe und nur drei Jahre weg vom Arbeitsmarkt war, um meine Kinder zu betreuen, ist das schon erstaunlich. Aber ich bin mit meiner Situation nicht allein. Ich will auch nicht jammern. Im Gegenteil: Ich möchte anderen zeigen, dass man immer wieder im Arbeitsmarkt Fuss fassen kann. Man muss nur daran glauben, optimistisch bleiben, sich weiterbilden, seine Stärken gut verkaufen, kreativ sein und jede Gelegenheit, die sich bietet, beim Schopf packen.

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