Ausgabe 01 | 2017

ARBEITSMARKT

Familien- und Erwerbsarbeit

Alleinerziehende mit Armutsrisiko

Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, ist für niemanden ein Zuckerschlecken. Alleinerziehende laufen zudem Gefahr, unter die Armutsgrenze zu fallen. Einige Kantone haben daher Projekte lanciert, die die Arbeitsintegration und Weiterbildung fördern wollen.

Von Christine Bitz, PANORAMA-Redaktorin

In der Schweiz gibt es über 200'000 Alleinerziehende. Das heisst, in jeder sechsten Familie werden die Kinder weitgehend von einem Elternteil betreut. In 86 Prozent der Fälle ist das die Mutter. Verschiedene Stellen interessieren sich für die wirtschaftlichen Auswirkungen dieser Situation. Caritas Schweiz beispielsweise erkennt bei Einelternfamilien ein höheres Armutsrisiko und empfiehlt Gegenmassnahmen. Und das Bundesamt für Statistik (BFS) hat den auf der schweizerischen Arbeitskräfteerhebung basierenden Bericht «Mütter auf dem Arbeitsmarkt» veröffentlicht.

Vollzeitmütter mit Teilzeitstellen

Gemäss BFS hat die Erwerbsquote der Mütter in der Schweiz in den letzten 20 Jahren stark zugenommen. Von 60 Prozent im Jahr 1991 stieg sie auf fast 80 Prozent im Jahr 2015. Bei den Vätern blieb die Erwerbsquote im gleichen Zeitraum stabil. Nach wie vor hat die Geburt eines Kindes deutlich grössere Auswirkungen auf die Arbeitsmarktbeteiligung der Mutter als auf diejenige des Vaters: Fast jede siebte Frau verlässt den Arbeitsmarkt nach der Geburt des ersten Kindes. Frauen, die trotz Mutterschaft berufstätig bleiben, reduzieren häufig ihr Arbeitspensum: Der Anteil der Frauen, die Teilzeit arbeiten, steigt von 46 Prozent vor der Mutterschaft auf 81 Prozent nach der Geburt des ersten Kindes. Teilzeitarbeit bedeutet nicht nur weniger Lohn, sondern auch eine schlechtere Altersvorsorge. Eine kürzlich veröffentlichte Studie im Auftrag der Schweizerischen Konferenz der Gleichstellungsbeauftragten zeigt anhand von Simulationen, dass die Altersversorgung vor allem nach einer Scheidung kritisch sein kann: Bei einem mittleren Beschäftigungsgrad und einem geringen Lohn bleiben die Altersleistungen auch dann unter dem Existenzminimum, wenn der Beschäftigungsgrad nach der Scheidung erhöht wird.

Alleinerziehende Mütter häufiger berufstätig

Wohl aus finanziellen Gründen sind alleinerziehende Mütter häufiger erwerbstätig als Mütter, die mit einem Partner zusammenleben. 2015 gingen 76 Prozent der alleinerziehenden Mütter mit einem Kind zwischen null und zwei Jahren einer Erwerbstätigkeit nach – 8 Prozent mehr als Mütter in Paarbeziehungen – und ihr Beschäftigungsgrad war durchschnittlich 10 Prozent höher als derjenige von gemeinsam erziehenden Müttern. Auch der Anteil der Vollzeitbeschäftigten ist bei geschiedenen Müttern mit einem Kind unter fünf Jahren doppelt so hoch wie bei verheirateten Müttern. Neben den finanziellen Problemen haben alleinerziehende Mütter auch häufiger mit schwierigen Arbeitsbedingungen zu kämpfen. In einigen frauentypischen Berufsfeldern, beispielsweise im Gastgewerbe oder im Detailhandel, gibt es häufiger unregelmässige Arbeitszeiten und prekäre Anstellungsbedingungen. Die dadurch geforderte Flexibilität erschwert die Vereinbarkeit von Arbeits- und Familienleben zusätzlich und beschränkt die Möglichkeit, Aus- und Weiterbildungen zu absolvieren, die zu einer Verbesserung der Arbeitssituation führen würden.

Abhängig von Sozialleistungen

Alleinerziehende – ob erwerbstätig oder nicht – haben ein doppelt so hohes Risiko, unter die Armutsgrenze zu fallen, wie die übrige Bevölkerung. Nach dem jüngsten Sozialbericht des BFS bezog 2013 fast jede fünfte Einelternfamilie Sozialhilfe. Auch bei der Arbeitslosenversicherung ist der Anteil von alleinerziehenden Müttern mit Kindern zwischen null und 14 Jahren höher als derjenige von Müttern, die mit einem Partner zusammenleben. 2015 lag die Arbeitslosenquote unter alleinerziehenden Müttern bei 6,5 Prozent, unter gemeinsam erziehenden bei 4,8 Prozent. Einige Kantone haben das Ausmass der Problematik erkannt und gezielte politische Massnahmen eingeführt, die entweder auf alle Familien oder spezifisch auf Einelternfamilien abzielen. Im Kanton Waadt beispielsweise beziehen 2700 Eineltern- familien mit minderjährigen Kindern Sozialhilfe. Vor diesem Hintergrund hat das Waadtländer Sozialamt zwei Massnahmen für alleinerziehende Mütter und Väter eingeführt: «Coaching + Eltern», angeboten vom Schweizerischen Arbeiterhilfswerk, und «Vernetzung und Ressourcen für Eltern», angeboten von der Genossenschaft Démarche. Die Massnahmen, die jährlich rund 40 Personen aufnehmen können, haben insbesondere die Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt oder den Einstieg in eine qualifizierende Ausbildung im Rahmen des FORJAD- und des FORMAD-Programms (siehe PANORAMA 5/2015) zum Ziel. Sie können in Teilzeit absolviert werden und bieten den Teilnehmenden Gelegenheit, ein Laufbahnprojekt zu erarbeiten und Praktika zu absolvieren. Ein wesentlicher Teil der Massnahmen besteht in der aktiven und häufig auch kreativen Unterstützung der Coaches bei der Suche nach einer passenden Betreuungslösung für die Kinder. Auch andere Kantone verfolgen ähnliche Ansätze. So hat der Kanton Basel-Stadt 2007 das Projekt AMIE gestartet, das junge Mütter, die Leistungen der Arbeitslosenversicherung oder der Sozialhilfe beziehen, bei der Eingliederung unterstützt.

Links und Literaturhinweise

Bonoli, G., Crettaz, E., Auer, D., Liechti, F. (2016): Les conséquences du travail à temps partiel sur les prestations de prévoyance vieillesse. IDHEAP/HETS, Lausanne/Genf.
Caritas (2015): Gegen die Armut Alleinerziehender. Positionspapier. Luzern.
Amacker, M., Funke, S., Wenger, N. (2015): Alleinerziehende und Armut in der Schweiz. Eine Studie im Auftrag der Caritas Schweiz. IZFG, Bern.
BFS (2016): Schweizerische Arbeitskräfteerhebung – Mütter auf dem Arbeitsmarkt. Neuenburg.

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