Ausgabe 01 | 2017

ARBEITSMARKT

Erwerbsintegration nach der Arbeitslosigkeit

Zwischenverdienste und Umschulungen zeigen Wirkung

Eine länger dauernde Arbeitslosigkeit birgt ein hohes Risiko einer nicht gelingenden Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt. Besonders gefährdet sind Personen ohne Berufsausbildung oder mit ausländischer Nationalität, Frauen mit Betreuungspflichten und Personen mit Berufen, die vom Strukturwandel betroffen sind.

Von Robert Fluder, Renate Salzgeber und Tobias Fritschi, Dozierende und Projektleitende an der Berner Fachhochschule (Soziale Arbeit)

Die Globalisierung und der technologische Wandel machen Arbeitsstellen unsicher und entwerten berufliche Qualifikationen. Immer mehr Erwerbstätige sind im Laufe ihrer Erwerbsbiografie von Arbeitslosigkeit betroffen. Abhängig von der beruflichen Erfahrung, der persönlichen Situation und dem wirtschaftlichen Umfeld kann es für sie schwierig werden, wieder einen angemessenen Job zu finden. Ein Forschungsteam der Berner Fachhochschule hat im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft (SECO) die Chancen auf eine rasche und dauerhafte Wiedereingliederung und das Risiko eines Ausschlusses aus dem Arbeitsmarkt nach einer Arbeitslosigkeit untersucht. Bei Personen, die 2005 arbeitslos geworden sind, wurde erfasst, wie oft und wie lange sie in den folgenden fünf Jahren Sozialleistungen (Arbeitslosenentschädigung und Sozialhilfe) bezogen haben und wie gut sie wieder ins Erwerbsleben integriert sind.

Sozialleistungsbezug

Mehr als die Hälfte der 2005 arbeitslos gewordenen Personen hat im Laufe der folgenden fünf Jahre nur kurze Zeit (weniger als ein Jahr) einmal (36,7%) oder mehrmals (21,6%) Arbeitslosenentschädigung (ALE) bezogen. Mehr als ein Viertel erhielt während länger als einem Jahr einmal (15,7%) oder mehrmals (12,2%) ALE. Insgesamt hat mehr als ein Drittel der Personen während der fünf beobachteten Jahre mehrmals ALE bezogen. Gut jeder zehnte Arbeitslose (11,4%) musste nach Beendigung der Arbeitslosenunterstützung mit Sozialhilfe unterstützt werden. Weitere 2,4 Prozent erhielten gleichzeitig zur ALE Sozialhilfeleistungen. Der Bezug von Sozialleistungen (ALE oder Sozialhilfe) dauerte unterschiedlich lange. Ein Verlauf mit einer einzigen kurzen ALE-Bezugsperiode von unter einem Jahr dauerte im Durchschnitt fünf Monate, ein Verlauf mit langem ALE-Bezug und einer nachfolgenden Unterstützung durch Sozialhilfe jedoch durchschnittlich 40 Monate.

Arbeitsmarktintegration nach der Arbeitslosigkeit

Es stellt sich die Frage, ob die Erwerbsintegration nach der Arbeitslosigkeit wieder vollständig und dauerhaft gelingt. Gut die Hälfte (52,5%) der untersuchten Personen war zweieinhalb Jahre, nachdem sie arbeitslos geworden war, wieder nachhaltig im Arbeitsmarkt integriert. Dies bedeutet, dass diese während mindestens 80 Prozent der nachfolgenden 30 Beobachtungsmonate mit einem Einkommen von mehr als 2500 Franken pro Monat erwerbstätig waren. 14,1 Prozent der Personen waren teilweise integriert, das heisst, sie waren während 40 bis 80 Prozent der beobachteten Zeit erwerbstätig, mehrheitlich mit einem Erwerbseinkommen von über 2500 Franken; ihre Erwerbstätigkeit war somit weniger stabil als bei Personen mit nachhaltiger Erwerbsintegration. Bei einer Erwerbstätigkeit in mehr als 40 Prozent der beobachteten Monate, mehrheitlich aber mit einem Erwerbseinkommen von weniger als 2500 Franken, sprechen wir von einer nicht existenzsichernden Erwerbsintegration. Dieser Erwerbsverlaufstyp trifft auf 16,7 Prozent der 2005 arbeitslos gewordenen Personen zu. Viele dieser Personen arbeiteten Teilzeit mit einem tiefen Pensum, weil sie neben der Erwerbstätigkeit Betreuungspflichten wahrnehmen mussten. Diese Personen sind entweder auf das Einkommen weiterer Personen im Haushalt oder auf Sozialleistungen angewiesen. Weitere 16,7 Prozent waren entweder nur minimal erwerbstätig (weniger als 40% der Beobachtungszeit) oder sie waren ganz aus dem Erwerbsleben ausgestiegen (zum Beispiel wegen Betreuungspflichten, Absolvierung einer Ausbildung oder weil sie die Schweiz verlassen haben). Die nebenstehende Grafik zeigt die Anteile der verschiedenen Verläufe im Überblick. Personen, die mehrmals über eine längere Zeit (länger als ein Jahr) ALE bezogen haben oder danach auf Sozialhilfe angewiesen waren, sind relativ selten nachhaltig integriert (weniger als ein Viertel).

Erhebliche Lohneinbussen nach langer Arbeitslosigkeit

Vergleicht man das Erwerbseinkommen nach der Arbeitslosigkeit mit jenem vor der Arbeitslosigkeit, so zeigt sich, dass Personen mit einem längeren Sozialleistungsbezug (das heisst nach einer längeren Arbeitslosigkeit) oft erhebliche Einkommensverluste hinnehmen müssen. Personen, die während der fünfjährigen Beobachtungszeit während weniger als einem halben Jahr arbeitslos waren, haben zwischen 2004 (Erwerbseinkommen vor der Arbeitslosigkeit) und 2008 (Erwerbseinkommen nach der Arbeitslosigkeit) real einen Zuwachs des Erwerbseinkommens von 8 Prozent realisiert. Dauerte der ALE-Bezug dagegen zwischen einem und zwei Jahren, mussten die Personen eine Einkommenseinbusse von durchschnittlich knapp 7 Prozent in Kauf nehmen. Bei einer Arbeitslosigkeit von über zwei Jahren oder bei Ausgesteuerten betrug diese im Schnitt sogar 21 Prozent. Und Personen, die neben der ALE länger als zwei Jahre Sozialhilfe bezogen hatten, erlitten einen Einkommensverlust von 33 Prozent.

Was die Erwerbsintegration beeinflusst

Wie beeinflussen die Merkmale und Ressourcen einer Person ihre Chancen auf eine nachhaltige Erwerbsintegration? Zur Beantwortung dieser Frage wurde mit einem multivariaten Modell die Anzahl der Erwerbsmonate der 2005 arbeitslos gewordenen Personen geschätzt und dabei wurden alle relevanten Faktoren gleichzeitig einbezogen. Es zeigt sich, dass junge Erwachsene im Vergleich zu Personen im mittleren Alter (35 bis 44 Jahre) bessere, ältere Erwerbstätige jedoch schlechtere Integrationschancen auf dem Arbeitsmarkt haben. Bei Frauen, vor allem wenn sie Unterhalts- und Betreuungspflichten haben, sind die Integrationschancen ebenfalls geringer. Dies trifft auch für Verheiratete im Vergleich zu den Ledigen zu. Ein deutliches Muster zeigt sich auch bei der Nationalität: Personen mit ausländischer Nationalität sind nach der Arbeitslosigkeit weniger gut auf dem Arbeitsmarkt integriert als Schweizer/innen – besonders aus Ländern des EU-Zentrums, der EU-Nord oder der EFTA. Es kann angenommen werden, dass ein grosser Teil von ihnen nach einer Arbeitslosigkeit wieder zurückwandert. Auch Personen aus den EU-Ostländern und aus Ländern ausserhalb Europas sind nach einer Arbeitslosigkeit weniger gut ins Erwerbsleben integriert. Neben der Zugehörigkeit zu den erwähnten soziodemografischen Gruppen spielt vor allem der berufliche Hintergrund eine zentrale Rolle. Im Vergleich zu Personen mit einem Berufsabschluss haben Arbeitslose mit einer höheren Ausbildung vergleichsweise gute und solche ohne berufliche Ausbildung wesentlich schlechtere Chancen für eine erneute Erwerbsintegration. Im Vergleich zur Referenzgruppe der Handels- und Verkehrsberufe haben Personen in Berufen des Gastgewerbes und der Landwirtschaft geringere Chancen für eine nachhaltige Erwerbsintegration, während die Integrationschancen von Personen in Berufen der Administration, der Banken und Versicherungen, im Gesundheits- und Bildungswesen sowie in technischen Berufen höher liegen. Die Untersuchung zeigt zudem, dass zwei Arten von Massnahmen während der ersten Phase der Arbeitslosigkeit bedeutsam sind. Bei Berücksichtigung aller weiteren Merkmale haben Personen mit einem Zwischenverdienst und solche, die eine Umschulung gemacht haben, bessere Integrationschancen als Bezüger/innen von ALE ohne solche Massnahmen. Die Modellschätzung zeigt zudem deutlich, dass sich mit der zunehmenden Dauer des Sozialleistungsbezugs die Integrationschancen erheblich vermindern.

Rasche Integration kann heikel sein

Die Ergebnisse der Studie legen den Schluss nahe, dass insbesondere bei Gruppen von Arbeitslosen mit einem erhöhten Desintegrations- und Exklusionsrisiko eine rasche Unterstützung wichtig ist. Personengruppen mit hohem Risiko sind vor allem Ausbildungslose, Personen in den erwähnten Risikoberufen, Zugehörige bestimmter Nationalitäten sowie Frauen mit Betreuungspflichten. Massnahmen wie Zwischenverdienste oder Umschulungen zeigen eine positive Wirkung auf die nachhaltige Erwerbsintegration. Der Fokus ist dabei nicht in erster Linie auf eine rasch aufzunehmende Erwerbstätigkeit zu legen, sondern auf die Nachhaltigkeit der Erwerbsintegration. Es hat sich nämlich gezeigt, dass ein erheblicher Teil der rasch wieder erwerbstätigen Personen später erneut arbeitslos wird (mehr als 39% beziehen innerhalb von fünf Jahren mehrmals ALE). Dies ist durch eine gute, risikogruppenspezifische Unterstützung durch die RAV und mit geeigneten Massnahmen zu vermeiden.

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