Ausgabe 01 | 2017

BERUFSBERATUNG

Bestandesaufnahme

So bereiten die Schulen auf den Beruf vor

Die Schul- und Berufsorientierung ist in den Lehrplänen vorgeschrieben und wird unterschiedlich umgesetzt. Ein Erfolgsfaktor ist die Vernetzung mit der Wirtschaft. Von den befragten Kantonen kaum erwähnt werden die geschlechtsspezifische Berufswahl und die lebenslange Laufbahnplanung.

Von Christof Nägele und Janine Schneitter, Pädagogische Hochschule FHNW

Den Schulen stehen verschiedene Lehrmittel zur Verfügung, die die Jugendlichen durch den Berufswahlprozess führen. (Bild: Andrea Lüthi)

Den Schulen stehen verschiedene Lehrmittel zur Verfügung, die die Jugendlichen durch den Berufswahlprozess führen. (Bild: Andrea Lüthi)

Mit der Wahl einer nachobligatorischen Ausbildung werden für die weitere Bildungs- und Berufslaufbahn prägende Entscheidungen getroffen. Die Verbundpartner der Berufsbildung haben das Ziel formuliert, dass 95 Prozent der Jugendlichen bis zum 25. Altersjahr einen Abschluss auf der Sekundarstufe II erreichen sollen. Um dieses Ziel zu erreichen, ist eine gute Berufsorientierung auf der Sekundarstufe I wichtig, da diese den Übergang und Verbleib in die Berufsbildung positiv unterstützen kann. Ein guter Übertritt gelingt eher, wenn die Jugendlichen einen Beruf und einen Lehrbetrieb gefunden haben, von dem sie sagen können, dass Beruf und Betrieb passen. Nach dem Übertritt gelingt eine erfolgreiche Anpassung an den Lehrbetrieb zuerst vor allem durch eine erfolgreiche soziale Integration. Um dies zu erreichen, werden die Schüler/innen in ihrer Schul- und Berufsorientierung vielfältig unterstützt. In einer gesamtschweizerischen Studie wurden die Volksschulämter, die Berufs-, Studien- und Laufbahnberatungen (BSLB) und ausgewählte Schulen sowie interessierte Wirtschaftsverbände nach ihren Zielen und Aktivitäten in der Schul- und Berufsorientierung befragt. Dieser Text gibt einen ersten Einblick in die reichhaltigen Daten. Die Studie wurde im Auftrag der Schweizerischen Konferenz der Leiterinnen und Leiter der Berufs- und Studienberatung (KBSB) durchgeführt und durch die EDK und das SBFI finanziert. In diesem Artikel verwenden wir den Begriff «Schul- und Berufsorientierung». Damit wollen wir zum Ausdruck bringen, dass sich alle Schüler/innen auf der Sekundarstufe I mit ihrer beruflichen Zukunft auseinandersetzen sollten. Die Frage, ob dieser Beruf dann über die Allgemeinbildung oder die Berufsbildung erreicht wird, sollte für die leistungsstarken Jugendlichen, die diese Wahl haben, eigentlich erst die zweite Frage sein.

Verschiedene Perspektiven

Die Volksschulämter beschreiben ihre Ziele mit Bezug zu den kantonalen gesetzlichen Grundlagen und den Lehrplänen. Die Schule soll dazu beitragen, dass die Schüler/innen erkennen, dass sie sich aktiv mit der Frage der Berufswahl auseinandersetzen müssen. Aufgrund der Kenntnis ihrer eigenen Interessen und Stärken sollen sie Berufe erkunden. Die Volksschulämter sprechen auch die Eltern an, um diese teilweise bereits am Ende der Primarschule über die bevorstehende Berufsorientierung und über das Schweizer Bildungssystem zu informieren. Die Berufs-, Studien- und Laufbahnberatungen (BSLB) beschreiben ihre Ziele mit Bezug zum Berufsbildungsgesetz und teilweise zu Leistungsaufträgen. Die BSLB beraten Schüler/innen und stellen spezifische Informationsangebote für Jugendliche, Eltern, Schulen und Lehrpersonen zur Verfügung. Die Art und Intensität der Zusammenarbeit der Volksschulämter und der BSLB variiert zwischen den Kantonen stark. Einige Kantone haben Rahmenkonzepte zur Berufsorientierung entwickelt und sprechen in diesen in der Regel die Rolle weiterer Akteure, wie beispielsweise der Wirtschaft, der Lehrbetriebe oder der Eltern, an. Die Schul- und Berufsorientierung auf der Sekundarstufe I wird in allen drei sprachregionalen Lehrplänen thematisiert. Im Lehrplan 21 ist die «Berufliche Orientierung» ein eigenständiger Fachbereich; die «orientation scolaire et professionnelle» im Plan d’études Romand PER und die «orientamento scolastico e professionale» im Piano di Studio sind Teil der Allgemeinbildung. Der Anspruch ist, dass sich alle Schüler/innen mit der Frage der Berufswahl systematisch und intensiv auseinandersetzen, unabhängig vom Bildungsweg (Allgemeinbildung oder Berufsbildung) und vom Schulniveau. In den Kantonen wird die Schul- und Berufsorientierung jedoch unterschiedlich gewichtet; das zeigt sich zum Beispiel in den unterschiedlichen Stundendotationen in den aktuellen Lehrplänen. Oft müssen sich Schüler/innen, die eine Allgemeinbildung anstreben weniger intensiv mit der Frage nach ihrem zukünftigen Beruf auseinandersetzen als Jugendliche, die sich für eine berufliche Grundbildung interessieren.

Zentrale Inhalte

Gefragt nach Innovationen und Entwicklungen in der Schul- und Berufsorientierung wurden von den Kantonen folgende Punkte oft genannt: Absicht, die Zusammenarbeit aller relevanten Akteure zu verbessern, den Fokus vermehrt auf die Gestaltung der Laufbahn zu legen, aktuelle Medien zu nutzen (zum Beispiel BIZ-App), den Unterricht in der Schule zu verbessern und die Angebote für schulisch schwächere Schüler/innen aufrechtzuerhalten und zu verbessern. In der Berufsorientierung geht es oft vor allem darum, eine Lehrstelle zu finden. In wenigen Kantonen finden sich Hinweise, dass die Beschäftigung mit dem eigenen zukünftigen Beruf unter einer lebenslangen Laufbahnperspektive betrachtet werden sollte. Die Schul- und Berufsorientierung auf der Sekundarstufe I sollte so nicht nur auf die erste Berufswahl fokussiert sein, sondern eine Grundlage für eine aktive Gestaltung der eigenen Laufbahn legen. Dies auch für Schüler/innen, die auf der Sekundarstufe II eine Allgemeinbildung anstreben.

Interessen oder Berufe zuerst?

Die Mehrheit der Kantone führt einen Berufswahlfahrplan, der oft einem Berufswahlprozess zugrunde liegt, wie er auch in den teils obligatorischen Unterrichtsmaterialien, dem Berufswahltagebuch von Jungo und Egloff oder dem Wegweiser zur Berufswahl von Schmid zu erkennen ist. Typischerweise folgt einer Phase der Selbsterkundung der Interessen und der fachlichen Fähigkeiten eine Phase der Exploration der Berufswelt und dann der Abgleich eigener Interessen und des Berufs. Nach der Wahl des Berufs folgt die Bewerbung und bei erfolgreicher Bewerbung der Abschluss des Lehrvertrags. Bemerkenswert ist, dass in einem Kanton der Berufsorientierung ein anderer Prozess zugrunde liegt: Vor der Selbstreflexion steht die Erkundung und Entdeckung von Berufen und Ausbildungen. Dieser Ansatz ist spannend, weil wir wissen, dass sich Interessen aufgrund von Erfahrungen in unterschiedlichen Situationen entwickeln. Eine Exploration vor der Selbstreflexion kann den Bereich interessanter Berufe vergrössern. Eine Selbstreflexion ohne Erkundung kann dazu führen, dass nur über das reflektiert wird, was schon bekannt ist.

Vernetzung mit der Wirtschaft

Um Elemente eines guten Unterrichts in der Schul- und Berufsorientierung zu identifizieren, wurden Schulen befragt, die von den Kantonen als besonders innovativ beschrieben wurden. Alle diese Schulen verfügen über ein schulhausspezifisches, schriftliches Konzept, das zwischen 4 und 60 Seiten umfasst. Darin sind der Prozess und die Aktivitäten der Schule beschrieben. Die Schulen sind mit der Wirtschaft vernetzt. Vertreter/innen der Wirtschaft nehmen an Informationsveranstaltungen teil, berichten über ihren Werdegang, ihre Erfahrungen und ihre Erwartungen an die zukünftigen Lernenden. Die Lehrpersonen nehmen aktiv Kontakt auf mit Lehrbetrieben, machen Betriebsbesichtigungen und zum Teil auch Praktika in den Betrieben. Die Berufsorientierung wird in diesen Schulen oft als Projektarbeit oder als Wahlpflichtveranstaltung durchgeführt. Dies erlaubt den Schulen eine hohe Individualisierung. Die Ziele der befragten Wirtschaftsverbände sind, eine Sensibilisierung für die duale Berufsbildung zu erreichen, Informationen für Jugendliche, Eltern und Lehrpersonen zu vermitteln, das Berufsbildungsmarketing, die Nachwuchsgewinnung und Imageförderung sowie Netzwerke zu bilden. Aktiv sind die Verbände und Betriebe in der Durchführung von Berufsbildungsmessen und Veranstaltungen für Jugendliche, wie zum Beispiel einer «Nacht der Berufslehre». Spannend sind Aussagen eines Verbands, dass die Wirtschaft den Zugang zu den Eltern, die einen grossen Einfluss auf die Berufswahl ihrer Kinder haben, nur über die Schulen erlangen kann. In der Konsequenz sei die Zusammenarbeit mit den Schulen zu verstärken, unter anderem durch Aktivitäten, wie sie von den innovativen Schulen genannt wurden.

Vernachlässigte Themen

In der Menge der im Rahmen dieser Studie gesammelten Materialien und Antworten fällt auf, dass einige Themen von den befragten Kantonen und Verbänden kaum angesprochen wurden. Es sind Themen wie die geschlechtsspezifische Berufswahl, die Qualität der beruflichen Grundbildung oder die Berufswahl schulisch geschickter Jugendlicher und damit verbunden die Frage nach der Berufsmaturität während der Lehre. Die vorliegende Studie bietet eine reiche Sammlung von Materialien zur Berufsorientierung in der Schweiz. Alle Kantone formulieren Ziele und initiieren Aktivitäten, welche darauf abzielen, allen Schülern/innen einen Zugang zu einer zertifizierenden Ausbildung auf der Sekundarstufe II zu ermöglichen. Dies wird oft so umgesetzt, dass das wichtigste Ziel darin besteht, eine Lehrstelle zu finden. Damit werden Fragen im Zusammenhang mit der lebenslangen Planung der beruflichen Laufbahn allerdings wenig angesprochen.

Links und Literaturhinweise

Lent, R. W., Brown, S. D., Hackett, G. (2002): Social cognitive career theory. In: Brown, D. (Hrsg.), Career choice and development (S. 255-311). San Francisco, Jossey-Bass.

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