Ausgabe 01 | 2017

BERUFSBILDUNG

Tessin

Kurze Geschichte der Berufsbildung

In seinem Buch «Un dialogo immaginario ma non troppo» zeichnet Gianni Ghisla die Geschichte der Berufsbildung im Kanton Tessin nach. Auch heute noch ist die Berufsbildung im Tessin durch dessen besondere Geschichte geprägt.

Von Anna Allenbach, Übersetzerin beim Amt für Berufsbildung des Kantons Tessin

Warum ziehen so viele junge Tessinerinnen und Tessiner eine schulische Ausbildung einer praktischen vor? Welche historischen Faktoren haben eine Bildungskultur hervorgebracht, in der eine praxisorientierte Ausbildung nach wie vor als «zweite Wahl» betrachtet wird? In seinem Werk «Un dialogo immaginario ma non troppo» (Ein nicht ganz imaginärer Dialog) zeichnet Gianni Ghisla die Geschichte der Tessiner Berufsbildung nach und beleuchtet dabei den politischen und kulturellen Kontext der verschiedenen Epochen. Darin lässt er verschiedene Berufsbildungsakteure fiktiv zu Wort kommen, so etwa Luigi Brentani (1892–1962), kantonaler Berufsschulinspektor von 1912 bis 1957, Francesco Bertola (*1924), der dieselbe Funktion von 1957 bis 1984 ausübte, und Vincenzo Nembrini (*1943), der von 1984 bis 2008 Leiter des Amts für Berufsbildung des Kantons Tessin war.

Die Anfänge

Das Tessin wurde über Jahrhunderte von verschiedenen Vögten regiert. Dieses System brachte erhebliche politische und wirtschaftliche Nachteile mit sich. Die Armut zwang in dieser Zeit viele Menschen zum Auswandern. Dieser Migrationsstrom steigerte sich im 19. Jahrhundert zu einer nie dagewesenen Auswanderungswelle. In diesem politischen und wirtschaftlichen Umfeld konnte sich die Handwerkskunst nicht so entfalten wie in anderen Regionen, in denen immer komplexere und raffiniertere Arbeitsmethoden entwickelt wurden. Im Tessin dagegen beschränkten sich die Handwerker auf die Deckung des lokalen Bedarfs. Sie waren nicht in der Lage, einen Wissensschatz aufzubauen, der an künftige Generationen weitergegeben werden konnte. Da es keine starke Handwerkskultur gab, konnten auch keine Zünfte entstehen, wie es in anderen Regionen der Fall war. Dort wandelten sich die Zünfte später in Berufsverbände und wurden zum wichtigsten Ansprechpartner des Staates, wenn es um die Reglementierung und Weiterentwicklung der Berufsbildung ging.

Die Hürden

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kam in Italien eine neue, neo-idealistische und antipositivistische Pädagogik auf, die von den Philosophen Benedetto Croce und Giovanni Gentile inspiriert war und den humanistischen Fächerkanon in den Vordergrund stellte. Diese Pädagogik prägte die Tessiner Kultur, die für italienische Strömungen sehr empfänglich war. Carlo Sganzini, von 1915 bis 1922 Leiter des Lehrerseminars Locarno, war ein überzeugter Verfechter dieser neuen Pädagogik und trieb die Weiterentwicklung der humanistischen Fächer zulasten von technischen und wissenschaftlichen Fächern an den Tessiner Schulen voran. Das Fehlen von Zünften bedeutete auch, dass keine Tradierung von beruflichem Fachwissen stattfand, und dies wiederum wirkte sich auf die betriebliche Ausbildung aus. Junge Menschen wurden in den Betrieben oft als billige Arbeitskräfte missbraucht, die Arbeitgeber hatten kaum Zeit, sich um die gesetzlich vorgeschriebene Ausbildung zu kümmern. Schliesslich war der Kanton zum Handeln gezwungen und führte Vollzeitschulen, praktische Kurse, die mit den heutigen überbetrieblichen Kursen vergleichbar sind, sowie Meisterkurse ein. All dies trug natürlich nicht dazu bei, dass sich die Berufsbildung entfalten konnte. Überdies neigten die Familien, die endlich der bis nach dem Zweiten Weltkrieg anhaltenden Armut entfliehen wollten, dazu, ihrem Nachwuchs sichere Beschäftigungen mit garantierter Rente nahezulegen, etwa bei Bundesunternehmen, den SBB, der Post oder bei der Bank, für die in der Regel keine spezifische Berufsbildung nötig war. Auch die in den 1960er-Jahren einsetzende Demokratisierung des Studiums, die den Jugendlichen den Weg zu einer akademischen Laufbahn ebnete, brachte die jungen Menschen weg von der Berufsbildung. Auf politischer und finanzieller Ebene stand zudem die Schaffung neuer «licei» (Mittelschulen/Gymnasien) im Vordergrund, was wiederum dazu führte, dass die Zahl der Jugendlichen, die eine schulische Ausbildung wählten, drastisch anstieg.

Im Wandel der Zeit

Die Behörden, die für die Berufsbildung zuständig waren, waren trotz allem bestrebt, die Ausbildungsbedingungen der Jugendlichen und das Bild der Berufsbildung zu verbessern. In den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts begann auch die Arbeitswelt, sich stärker für die duale Berufsbildung zu interessieren. Und 2010 wurde der kantonale Berufsbildungsfonds errichtet, der alle Betriebe dazu auffordert, sich für die Berufsbildung zu engagieren, auch solche, die keine Lernenden ausbilden. Die Spuren der Vergangenheit sind aber auch heute noch gut sichtbar: In keinem anderen Kanton ist der Anteil der Jugendlichen, die eine gymnasiale Maturität ablegen, so hoch.

Links und Literaturhinweise

Ghisla, G. (2016): Un dialogo immaginario ma non troppo. Bellinzona, Edizioni Casagrande.
www.museodellamemoria.ch

Italienischer Originaltext (PDF)

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