Ausgabe 01 | 2017

BERUFSBILDUNG

Lehrabbrüche

Prävention an Berufsfachschulen gibt’s nicht gratis

Jugendliche haben beim Übergang von der Schule in die Berufswelt viele Herausforderungen zu bewältigen. Die im Buch «Gemeinsam zum Erfolg» beschriebenen Ideen eröffnen Möglichkeiten, die Jugendlichen zu unterstützen. Die Umsetzung ist allerdings anspruchsvoll, wie ein Pilotversuch an zwei Berufsfachschulen zeigt.

Von Ellen Laupper, Projektleiterin an der Fachstelle Evaluation des Eidgenössischen Hochschulinstituts für Berufsbildung (EHB)

Die Berufsfachschulen wollen Passungsprobleme frühzeitig erkennen: Unterrichtssituation mit Lernenden in einer dreijährigen Grundbildung. (Bild: Daniel Fleischmann)

Die Berufsfachschulen wollen Passungsprobleme frühzeitig erkennen: Unterrichtssituation mit Lernenden in einer dreijährigen Grundbildung. (Bild: Daniel Fleischmann)

Der Eintritt in die Berufsbildung ist für viele Jugendliche anspruchsvoll. 20 bis 25 Prozent der Lehrverträge werden vorzeitig aufgelöst. Es ist zudem bekannt, dass über die Hälfte der Lehrvertragsauflösungen im ersten Lehrjahr erfolgt. Jugendliche, die ohne Abschluss auf der Sekundarstufe II bleiben, sind einem erhöhten Risiko für Arbeitslosigkeit ausgesetzt, arbeiten häufiger in prekären Arbeitsverhältnissen und zählen 2,9 Mal häufiger als der Durchschnitt zu den «working poor».

Konzept von «Gemeinsam zum Erfolg (GzE)»

Frühzeitige Interventionen zu Beginn der Lehre können Lehrvertragsauflösungen vorbeugen. Wie solche Interventionen aussehen können, zeigt ein Autorenteam im Buch «Gemeinsam zum Erfolg». Das Konzept basiert auf drei Säulen:
– Mit einer systematischen Früherfassung soll im ersten Lehrjahr (möglichst im ersten Halbjahr) die Passung zwischen Person und Ausbildungsanforderungen systematisch und ganzheitlich beurteilt werden (sprachliche und rechnerische Lernvoraussetzungen, Noten sowie überfachliche Kompetenzen).
– In einem zweiten Schritt sollen diejenigen Lernenden, bei welchen sich Passungsprobleme verschiedener Art (Lernblockaden und -schwierigkeiten, Beziehungsprobleme im Arbeitsumfeld bzw. im persönlichen Umfeld) abzeichnen, durch individuelle Lernförderung und -beratung unterstützt werden.
– Dabei spielt die Lernortkooperation eine zentrale Rolle. Zur besseren Kommunikation mit den Lehrbetrieben erhalten diese am Ende der Früherfassung einen Zwischenbericht über die erhobenen Lernvoraussetzungen und überfachlichen Kompetenzen sowie die Unterstützungsmassnahmen. Für Lernende mit fehlender Passung ist die Einberufung eines «runden Tisches» vorgesehen, an dem alle Ausbildungsbeteiligten gemeinsam nach einer Lösung suchen.

Das Pilotprojekt und dessen Evaluation

Im Schuljahr 2015/16 haben zwei Berufsfachschulen diese Ideen umgesetzt. Das Projekt wurde von Buchautor Andreas Grassi begleitet und vom EHB evaluiert. Der Schwerpunkt der Evaluation lag auf der Gewinnung von formativen Informationen – Hinweise auf eine gute Praxis sowie notwendige Anpassungen. Schule A setzte das Projekt flächendeckend mit allen Erstlehrjahrs-Lernenden um, Schule F mit einer Teilgruppe von acht Klassen. Insgesamt nahmen drei Projektleitende, 39 Lehrpersonen und 27 Erstlehrjahrs-Klassen mit rund 440 Lernenden aus zwei von Lehrvertragsauflösungen häufig betroffenen Berufsgruppen teil (Bauwesen und Hotel-/Gastgewerbe). Im Verlauf der Projektimplementation hat sich gezeigt, dass
– eineinhalb Jahre für die Planung, Implementierung und Durchführung aller vorgesehenen Aktivitäten zu knapp ist.
– die Vorbereitungsphase sowie die Früherfassungsphase an beiden Schulen nach Zeitplan durchgeführt werden konnten.
– für die Umsetzung zusätzlicher Aktivitäten zur Förderung der Lernortkooperation und der individuellen Förderphase an beiden Schulen die zeitlichen und personellen Ressourcen fehlten.
Eine Einschätzung zur Lernortkooperation, zur Umsetzung der Fördermassnahmen sowie eine generelle Wirksamkeitsabschätzung sind noch nicht möglich. Es kann jedoch gezeigt werden, wie das Pilotprojekt an beiden Schulen umgesetzt und beurteilt wurde. Zudem können mit der fallvergleichenden Perspektive mögliche Gelingensfaktoren und Stolpersteine herausgearbeitet werden.

Rahmenbedingungen sind entscheidend

Die Rahmenbedingungen an den zwei Berufsfachschulen waren sehr unterschiedlich. Während das Projekt in der Schule A in einen Schulentwicklungsprozess integriert werden konnte, erfolgte die Umsetzung an der Schule F parallel zur Planung eines Umzugs, mit dem die Schule von mehreren Standorten auf einen Standort konzentriert wird. An der Schule A war die für das Schulentwicklungsprojekt zuständige Person auch für das vorliegende Projekt zuständig; sie hatte als Mitglied der Schulleitung einen direkten Zugang zum Schulleiter und genoss dessen volle Unterstützung. An der Schule F wurde das Projekt von zwei Lehrpersonen geleitet, die daneben in weitere Schulaktivitäten involviert waren. Projektplanung und -abstimmung zwischen Schulleitung und Projektleitung waren hier durch eine formalisierte Schulorganisation geprägt. Verschiedene Schulleitungs-Mitglieder waren Ansprechpersonen für verschiedene Teilaspekte des Projektes. Insgesamt hat diese Ausgangslage an der Schule F zu zeitlichen Verzögerungen wichtiger Entscheide und Umsetzungen geführt. Die unterschiedliche Organisation hatte Auswirkungen auf die Arbeit der Projektleitungen. Während die Projektleitung an der Schule F ausserhalb von Schulungsveranstaltungen aufgrund der für alle Beteiligten spürbaren Belastungen fast nur per E-Mail kommunizierte, konnte die an der Schule A verantwortliche Person koordinierend Fäden ziehen und dabei auf Lehrpersonen setzen, welche für einzelne Projektschritte und Themen Verantwortung übernahmen. Beiden Schulen gelang es, während der knapp halbjährigen Vorbereitungsphase vor Beginn des Schuljahres ein Früherfassungs- und Förderungskonzept zu erarbeiten und eine Schulung für die Lehrpersonen abzuhalten. Die Ausgestaltung der Früherfassungsphase verlief an beiden Schulen unterschiedlich. Während an der Schule A zusätzlich zu einer weiteren Schulung ein Refresherkurs durchgeführt wurde, konnte die Schule F für ihre Schulungen insgesamt nur dreieinhalb Stunden aufwenden. Aufgrund dieser zeitlichen und organisatorischen Voraussetzungen beschränkte sich die Umsetzung in der Früherfassungsphase an der Schule F auf ein Minimum, was dazu führte, dass bei den Lehrpersonen die Wahrnehmung einer gewissen Unverbindlichkeit entstand. Es erstaunt auch nicht, dass die Projektleitung der Schule F diese erste Umsetzung der Früherfassung kritisch beurteilt, während die Projektleitung der Schule A eine erste positive Bilanz zieht. Während fast 60 Prozent der antwortenden Lehrpersonen an der Schule A und zwei Drittel an der Schule F die systematische Früherfassung sinnvoll finden, werden einzelne Ziele der Früherfassung mit Vorsicht oder kritisch beurteilt. Dennoch ist an beiden Schulen eine Mehrheit der Meinung, dass man durch diese Art der Früherfassung gezielten Förderbedarf identifizieren und Lernende unterstützen kann. An der Schule F ist man zudem der Meinung, dass man früher mit den Klassenteam-Kolleginnen über die Lernenden ins Gespräch kommt. In beiden Schulen berichten mehrere Lehrpersonen, dass sie das überfachliche Kompetenzprofil aus der Früherfassungsphase für eine Unterstützung der Lernenden eingesetzt haben.

Schlussfolgerungen

Die Potenziale des Konzeptes «Gemeinsam zum Erfolg» sind vielfältig. An beiden Schulen wird das Projekt deshalb weitergeführt. Zu beachten sind aber folgende Punkte:
– Die Umsetzung von «Gemeinsam zum Erfolg» ist ein Schulentwicklungsprojekt, das zeitliche und finanzielle Ressourcen erfordert. Es sollten möglichst keine konkurrierenden Projekte geplant oder durchgeführt werden.
– Die Projektleitung braucht einen möglichst direkten Zugang zur Schulleitung. Es ist eine hohe Verbindlichkeit bezüglich der Relevanz des Themas und der Aktivitäten herzustellen.
– Die grösste Akzeptanz und Wirkung scheint das Projekt zu entfalten, wenn es in die bestehenden Ziele der Schule integriert werden kann. Dann können Synergien zum Beispiel bei der Weiterbildung des Kollegiums genutzt werden.
– Um Widerständen im Kollegium zu begegnen, kann eine Pilotdurchführung mit interessierten Lehrpersonen sinnvoll sein.
– Die Anforderungen an die Motivation und die Qualifikation der Projektleitung sind hoch. Sie sollte nicht von weiteren Schulaktivitäten beansprucht werden, sondern im Gegenteil Entlastung erfahren.
– Ein zentraler Zusatzeffekt des Projektes ist die Notwendigkeit der Zusammenarbeit und des Austausches im Klassenteam. Um dieses Potenzial nutzen zu können, sollte das in der Projektdurchführung explizit mitgeplant werden.

Links und Literaturhinweise

Grassi, A., Rhiner, K., Kammermann, M., Balzer, L. (2014): Gemeinsam zum Erfolg. Früherfassung und Förderung in der beruflichen Grundbildung durch gelebte Lernortkooperation. Bern, hep Verlag.
Kriesi, I., Neumann, J., Schweri, J., Griga, D., Kuhn, A., Schmid, E., Baumeler, C. (2016): Bleiben? Gehen? Neu beginnen? Häufigkeit, Ursachen und Folgen von Lehrvertragsauflösungen. Zollikofen, EHB.

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