Ausgabe 01 | 2017

Fokus "50 und mehr"

Porträts von Betroffenen

Nach einer Entlassung wieder Tritt fassen

Mit 50 oder mehr Jahren wieder neu anzufangen, ist nicht einfach. Jean-Pierre Riepe, Manuela Nathan und Marc-Henri Tschanz ist es gelungen. Sie erzählen, wie es ihnen ergangen ist und was sie dabei gelernt haben.

Von Christine Bitz, PANORAMA-Redaktorin

Jean-Pierre Riepe: «So oder so bin ich froh, dass ich es versucht habe»

«Ältere Arbeitnehmer haben definitiv ihre Vorteile.Auch ich wurde als junger Bankangestellter von einem 50- und einem 60-jährigen Mitarbeiter geschult.» Jean-Pierre Riepe, 57, findet es schade, dass Unternehmen ältere Arbeitnehmer heute nicht mehr als Gewinn sehen. Riepe war früher Kadermitarbeiter bei einer Bank und arbeitet heute als selbstständiger Finanzberater. 2014 wurde er nach 30-jähriger Berufstätigkeit, 20 Jahre davon bei der gleichen Bank, entlassen. Seine Stelle wurde aufgehoben. «Ich habe keine Abgangsentschädigung gefordert, weil ich überzeugt war, schnell wieder eine Stelle zu finden. Ich war motiviert, erhielt viele positive Rückmeldungen von meinen Kunden, und ich sah jünger aus, als ich war.» Er meldete sich beim RAV, bildete sich in den Bereichen «Private Equity» und «Hedge Funds» weiter, aber das war nicht seine Welt. In den Gesprächen mit der RAV-Personalberaterin wurde die Idee, sich selbstständig zu machen, immer konkreter. «Dank meiner Beraterin konnte ich Massnahmen zur Förderung einer selbstständigen Erwerbstätigkeit in Anspruch nehmen und mein Projekt der zuständigen Kommission unterbreiten, die es akzeptierte.» Jean-Pierre Riepe wurde von der RAV-Beraterin auf die «Association Phare Seniors» aufmerksam gemacht. Dort erhielt er gezielte Unterstützung, besonders im Bereich Social Media und Online-Kommunikation. Im September 2016 hat Riepe sein Einzelunternehmen im Handelsregister eingetragen. Zwar muss er sein Kundennetzwerk zuerst noch aufbauen, doch der Unternehmer ist überzeugt, dass er jetzt nur noch etwas Geduld braucht: «Ich bin glücklich, dass ich den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt habe. Selbst wenn es nicht klappen sollte – ich bin froh, dass ich es zumindest versucht habe.» Seiner Meinung nach ist es für ältere Stellensuchende entscheidend, dass sie aktiv und mobil bleiben und ihre Kontakte pflegen. Alles kann zu einer Idee, einer ungeahnten Lösung führen. Eine Entlassung lässt sich oft nicht vorhersehen. Jean-Pierre Riepe rät deshalb, den Arbeitsmarkt immer im Blick zu behalten und ein gutes Netzwerk aufzubauen. Ihm habe auch seine Liebe zur Malerei geholfen. Sie habe seine Kreativität gefördert, die nun beim Weg in die Selbstständigkeit sehr hilfreich sei.

Manuela Nathan: «Man muss zuerst einiges in Gang bringen»

«Ich war immer schon vielseitig interessiert und habe mich kontinuierlich weitergebildet. Um unabhängig zu bleiben, habe ich die Weiterbildungen selber bezahlt. Ich glaube, das ist ein Schlüsselelement bei der Eingliederung von älteren Arbeitnehmenden.» Manuela Nathan leitet heute die HR-Abteilung und die internen Dienste des internationalen Dachverbands für Pflegeberufe ICN. Davor war sie einige Zeit stellenlos, nachdem sie mit 49 Jahren ihre Kaderstelle im Personal- und PR-Bereich eines internationalen Unternehmens verloren hatte. «Nach der Entlassung war ich zuerst froh, einmal durchatmen zu können.» Das RAV vermittelte ihr einige Bewerbungsgespräche. Zudem bat sie ihre Mutter um Hilfe bei der Stellensuche. Diese durchkämmte täglich die Regionalzeitung und stiess dabei auf die Organisation «Association Phare Seniors», die ältere Stellensuchende unterstützt. Manuela Nathan nahm sofort Kontakt auf. «Diese Unterstützung hat mir sehr viel gebracht. Ich habe gelernt, dass ich bescheidener auftreten und meinen Lebenslauf ausmisten muss, damit mich potenzielle Arbeitgeber nicht für überqualifiziert halten.» Gleichzeitig nahm Manuela Nathan eine Massnahme für stellensuchende Kader in Anspruch, die vom Institut Futura21 in Genf organisiert wurde. Man verwies sie unter anderem ans Genfer Unternehmernetzwerk CREG, wo sie eine Schlüsselperson kennenlernte: «Sie machte mir klar, dass es im Bewerbungsgespräch eher um mich als Person und meine Soft Skills geht als um meinen Lebenslauf.» Anfang 2016 schliesslich vermittelte ihr ein Headhunter, den sie schon zu Beginn ihrer Stellensuche kontaktiert hatte, ihre heutige Stelle. Manuela Nathan rät Stellensuchenden, die in einer ähnlichen Situation sind, die Augen und Ohren stets offen zu halten, Beziehungen zu pflegen, sich von Ängsten zu befreien, ihre Denkweise und ihren Kleidungsstil der heutigen Zeit anzupassen und sich bescheiden zu geben. «Ich habe mich entschlossen, nicht mehr alles zu kontrollieren. Man muss zuerst einiges in Gang bringen, danach muss man die Dinge auf sich zukommen lassen und die Hoffnung nicht verlieren. Ich habe heute ein ausgeglichenes Leben und Vertrauen in die Zukunft.»

Marc-Henri Tschanz: «Ich habe mich immer wieder neuen Herausforderungen gestellt»

Im Juni 2016 erfuhr Marc-Henri Tschanz, leitender Angestellter bei einem Werkzeugmaschinenhersteller in Le Locle, dass die Firma Ende Jahr ihre Türen schliessen würde. Der 60-Jährige, der seit 40 Jahren im selben Betrieb gearbeitet hatte, beschloss, an den Gesprächen teilzunehmen, die von einer eigens eingesetzten Beratungsgruppe organisiert wurden. Mitte Juli informierte ihn der Personalverantwortliche, dass man sein Profil anonym, aber unter Erwähnung seines Jahrgangs einem Unternehmen in der Region präsentiert habe und dass man ihn dort möglichst bald kennenlernen möchte. Vor dem Vorstellungsgespräch aktualisierte Marc-Henri Tschanz seinen Lebenslauf. Zehn Tage danach erhielt er die Zusage. Das Unternehmen wollte ihn so schnell wie möglich einstellen. Zwei Monate lang arbeitete er jeweils zu 50 Prozent in beiden Firmen. «Das war eine besondere Erfahrung: gleichzeitig für einen auslaufenden Betrieb zu arbeiten, den man in- und auswendig kennt, und für eine neues Unternehmen, wo man alles kennenlernen und sich erst noch mit den Kollegen und der neuen Software anfreunden muss.» Inzwischen habe er wieder zu seinem normalen Arbeitsrhythmus gefunden, sagt Tschanz. Vor Kurzem habe er sogar die Betreuung der Lernenden übernommen. Sein Alter sei bei dem Wechsel kein Hindernis gewesen, meint er: «Dass ich bei meinem früheren Arbeitgeber immer wieder andere Stellen innehatte – im Maschinenbau, im Einkauf, in der Produktionslogistik –, war sicher ein Vorteil. Ich habe mich immer wieder neuen Herausforderungen gestellt und dadurch meine Kompetenzen stetig erweitert. Und ich bin immer mit der technischen Entwicklung mitgegangen.» Heute schätzt sich Marc-Henri Tschanz glücklich, dass er mit den richtigen Kompetenzen zur richtigen Zeit am richtigen Ort war.

Interview

«Sich nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen»

Interview: Christine Bitz, PANORAMA-Redaktorin

Alain Salamin ist HR-Experte und Lehrbeauftragter an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der Universität Lausanne. (Bild: zvg)

Alain Salamin sieht für die Verdrängung von älteren Stellensuchenden vom Arbeitsmarkt vor allem wirtschaftliche Gründe.

PANORAMA: Als Grund für die Verdrängung älterer Personen vom Arbeitsmarkt werden häufig die hohen Sozialkosten genannt. Ist da etwas dran?
Alain Salamin: Die Sozialabgaben sind tatsächlich ein Faktor, der ältere Arbeitnehmer benachteiligt. Die Beitragssätze variieren von null Prozent für unter 25-Jährige bis 20 Prozent für Personen, die kurz vor der Pensionierung stehen. Die berufliche Vorsorge führt also zu einem deutlichen Kostenunterschied zwischen jüngeren und älteren Angestellten. Ein weiteres Problem sind altersabhängige Stufensysteme.

Was meinen Sie damit?
Ich meine Lohnsysteme, wie man sie in öffentlichen und halböffentlichen Institutionen kennt. Der Lohn steigt mit dem Dienstalter. Diese Systeme haben zwei Seiten. Positiv ist die gerechte Verteilung, weil sie auf einem objektiven Kriterium beruht: der Anzahl Arbeitsjahre in einer bestimmten Tätigkeit. Das verhindert eine Unterbezahlung von älteren Arbeitnehmern und Lohndumping auf Kosten von älteren Stellensuchenden. Die negative Seite: Die Lohnkosten für einen 50-jährigen Arbeitnehmer können bis zu 35 Prozent, in einigen Fällen sogar 40 Prozent höher sein als für einen 25-jährigen, was ältere Stellensuchende eindeutig benachteiligt.

Zahlen die älteren Angestellten den Preis für die Sparmassnahmen der Unternehmen?
Wenn ein Unternehmen Kosten einsparen muss, ist das in erster Linie ein wirtschaftliches Ziel, das aber häufig durch Stellenkürzungen umgesetzt wird. Hat der Arbeitgeber die Wahl, entweder fünf Personen mit einem Jahreseinkommen von 200'000 Franken oder zehn Personen mit einem Einkommen von 100'000 Franken zu entlassen, ist seine Rechnung schnell gemacht: Er behält die zehn günstigeren Angestellten und erhält sich so mehr Arbeitskraft.

Worauf sollten über 50-Jährige achten?
Meiner Meinung nach spielen Eigenschaften wie geistige Beweglichkeit, Resilienz, Neugier und Lernfähigkeit eine grosse Rolle. Die Erwerbstätigen müssen selber die Verantwortung für ihre Arbeitsmarktfähigkeit übernehmen. Sie dürfen nicht darauf warten, dass ihnen ihr Arbeitgeber Weiterbildungen vorschlägt. Das grösste Risiko besteht darin, sich auf seinen Lorbeeren auszuruhen und sich mit der einmal gemachten Grundausbildung zufriedenzugeben. Die Wirtschaft und der Arbeitsmarkt entwickeln sich ständig weiter. Das verlangt den Arbeitnehmenden Lernfähigkeit und Beweglichkeit ab. Beides ist keine Frage des Alters oder der Generation. In einigen Unternehmen, die ich berate, sind die über 55-jährigen Manager oft die Ersten, die Veränderungen begrüssen.

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