Ausgabe 01 | 2017

Fokus "50 und mehr"

Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung

Unterschiedliche Strategien

Die Angebote für über 50-Jährige unterscheiden sich von Kanton zu Kanton. Die Spannbreitereicht vom klassischen Einzelgespräch über Standortbestimmungskurse bis zur direktionsübergreifenden Sensibilisierungskampagne.

Von Anna Zbinden Lüthi, PANORAMA-Redaktorin

Mit diesen Plakaten will der Kanton Zug negative Vorurteile betreffend ältere Personen korrigieren. Weitere Massnahmen sind Veranstaltungen des BIZ für Fachleute und für die Öffentlichkeit. (Bild: zvg)

Mit diesen Plakaten will der Kanton Zug negative Vorurteile betreffend ältere Personen korrigieren. Weitere Massnahmen sind Veranstaltungen des BIZ für Fachleute und für die Öffentlichkeit. (Bild: zvg)

Wir werden immer älter, und viele von uns werden später in Pension gehen als frühere Generationen. Oder den Übergang flexibel gestalten. Oder sich in der Freiwilligenarbeit engagieren. Wenn sich die Phase des Tätigseins ausdehnt, stellt sich auch die Frage: Was bietet die Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung (BSLB) spezifisch den älteren Ratsuchenden an? Der folgende Überblick zeigt die grosse Spannbreite der Angebote in der Schweiz.

Sensibilisieren und informieren

«Alter hat Potenzial»: So nennt sich eine Kampagne des Kantons Zug, die 2016 startete. Vier Direktionen wollen die Bevölkerung für neue Altersbilder sensibilisieren. Ausgehängt werden diverse Plakate mit einem Porträtbild eines älteren Menschen, einem gross gedruckten negativen Stichwort und einem klein gedruckten Text, durch den die negative Aussage ins Positive kippt (siehe Abbildung). Die Plakatreihe thematisiert sowohl die Erwerbsarbeit als auch die unbezahlte Arbeit. Ein weiterer Teil der Kampagne sind Veranstaltungen. Fachleute diskutierten an einem vom BIZ Zug organisierten runden Tisch über die Problematik älterer Arbeitnehmender und über mögliche Lösungsansätze im Kanton. An die Öffentlichkeit richten sich vier Forumsveranstaltungen: Unter dem Titel «Haben Arbeitnehmende ein Verfalldatum?» wurden beispielsweise Themen wie Teamkonstellation, Bogenkarriere und Selbstmarketing diskutiert. Eingebettet in die Kampagne sind auch Massnahmen der einzelnen Direktionen. Urs Brütsch, Kampagnenleiter und Amtsleiter des BIZ Zug, erklärt: «Als BIZ hatten wir das Ziel, das Potenzial von älteren Leuten mit spezifischen Angeboten zu erschliessen.» Neben einem öffentlichen Referat des Autors von «50plus – Neuorientierung im Beruf» bietet das BIZ Interessierten ab 40 Jahren einen persönlichen Laufbahn-Check an und führt Gruppenveranstaltungen zu Kompetenzprofil, XING-Grundlagen und Bewerbungsstrategien durch. Gemäss Urs Brütsch hat das Auswirkungen: «Manche Kunden kommen nun ein bisschen fordernder zu uns, die Kampagne weckt Hoffnungen.» Inspiriert wurde der Kanton Zug durch den Kanton Aargau. Dort läuft seit 2013 die Kampagne «Potenzial 50plus». Sie wird vom Amt für Wirtschaft und Arbeit finanziert und richtet sich an Arbeitgebende und eine breite Öffentlichkeit. Martin Ziltener, Abteilungsleiter der Beratungsdienste für Bildung und Beruf Aargau (ask!), bezeichnet seine Institution als «stille Kooperationspartnerin» und präzisiert: «Aufgrund der Sparmassnahmen steht diese Personengruppe im Moment nicht im Fokus unserer Arbeit. Die bestehenden Produkte richten sich aber an alle Altersgruppen und werden auch genutzt.» Im Kanton Bern schliesslich wurde 2015 unter dem Titel «Beruflicher Aufbruch in der Lebensmitte» eine Veranstaltungsreihe organisiert. Mit Erfolg: Insgesamt besuchten rund 1000 Personen die vier Themenabende. Wie die Berufs- und Laufbahnberaterin Liselotte Stricker Meuli betont, waren neben den Referaten vor allem die Podiumsgespräche mit Menschen, die selber einen Aufbruch wagten, für das Publikum gewinnbringend. Das Projekt wird 2017 mit der Abendveranstaltung «Lebensmitte und Lernen» weitergeführt.

Einzelberatungen sind selten

Einzelberatungen bei älteren Personen sind allerdings sehr selten: Gerade mal drei Prozent der rund 120'000 in den BIZ beratenen Personen sind 50 Jahre oder älter. Weitere sieben Prozent sind zwischen 40 und 49 Jahre alt. Dies geht aus der Statistik 2015 der Schweizerischen Konferenz der Leiterinnen und Leiter der Berufs- und Studienberatungen (KBSB) hervor. Wie ein Blick auf die Websites der BIZ zeigt, werben diese für die Einzelberatungen meist nicht mit dem Lebensalter, sondern mit den Stichworten berufliche Neuorientierung, Wiedereinstieg, berufliche Weiterentwicklung, Coaching in Veränderungsprozessen usw. Berufsberatende halten diese Beratungen für interessant, aber auch für anspruchsvoll. Daniela Berther, Berufs- und Laufbahnberaterin im BIZ Schaffhausen, sagt beispielsweise: «Die Ausgangslage ist oft komplex. In der Beratung geht es selten nur um Weiterbildung oder um die Stellensuche, sondern sie umfasst oft weitere Lebensbereiche, die miteinbezogen werden sollen. Die Gespräche verlangen zudem vermehrt Coaching-Ansätze.» Im BIZ Zug hat sich eine Gruppe interessierter Laufbahnberater/innen spezifisches Wissen für die Beratung von Ratsuchenden ab 50 angeeignet: Fakten zum Arbeitsmarkt, geeignete Bewerbungsmethoden und Vernetzungsmöglichkeiten. Auch in der Ausbildung sind ältere Kundinnen und Kunden ein Thema, wie Susanna Borner, Studienleiterin im MAS BSLB des Instituts für Angewandte Psychologie (IAP), sagt: «Wir arbeiten für die Situationsklärung in der Lebensmitte mit kreativen Beratungsmethoden. In diesen geht es darum, Werte zu erkennen, die intrinsische Motivation verstärkt in den Vordergrund zu stellen, die Ressourcen zu erkennen und in neue Lebensphasen zu transportieren und das Job-Wunsch-Profil unter Einbezug der Rahmenbedingungen zu erstellen. Testverfahren nützen hier weniger als die Eigenleistung, die Arbeit an begeisternden Projekten, eine ganzheitliche Wahrnehmung der Person.» Berufsberatende seien Begleitpersonen in einem Prozess, der bis in die nächste Lebensphase, die Pensionierung, einfliessen könne. Ausserdem hätten die Menschen dieser Altersgruppe oft mehr Zeit und Geld als Jüngere und seien bereit, diese Ressourcen zu investieren.

Unterschiedliche Kurskonzepte

«Seminar 50plus – mit Schwung und Gelassenheit in die nächsten Arbeitsjahre»: So nennt sich ein zweitägiges Seminar für erwerbstätige Personen des Kantons Zürich. Gemäss Marissa Rosenmund vom Amt für Jugend und Berufsberatung ist die Nachfrage konstant gut. Das Seminar wurde 2012 lanciert und wird seither fünf bis sechs Mal pro Jahr im ganzen Kanton Zürich und im Laufbahnzentrum der Stadt Zürich angeboten. Im Kurs geht es nicht in erster Linie um Bewerbung und Stellensuche. Im Zentrum steht die persönliche Auseinandersetzung erwerbstätiger Menschen um die 50 mit der Frage «Was will ich mit meinen nächsten Berufsjahren noch anfangen?». Marissa Rosenmund: «Die Rückmeldungen sind sehr gut und es scheint ein Bedürfnis abzubilden, das letzte Drittel der Berufstätigkeit bewusst zu planen und zu gestalten.» Einen anderen Schwerpunkt legt die Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung Baselland. Im Auftrag des KIGA Baselland führt sie zehntägige Standortbestimmungskurse «Chance 45plus» für erwerbslose Personen durch. 2016 wurden fünf Kurse durchgeführt und auch für 2017 sind fünf Kurse geplant. Kursleiterin Sylvia Back Howald sagt: «Die Zielgruppe zeigt sich in der Regel während den Kurstagen sehr engagiert und motiviert. Es herrscht ein reger Austausch sowohl untereinander wie auch mit der Kursleitung. Sie profitieren voneinander bei der Erarbeitung des Kompetenzenprofils, durch wertvolle Tipps und durch ein Fremdbild, das Sicherheit für Bewerbungsgespräche gibt.» Beatrice Kunovits, Leiterin BSLB Baselland, ergänzt: «Die Zielgruppe hat auf dem Arbeitsmarkt immer wieder mit Vorurteilen zu kämpfen, beispielsweise, sie sei unflexibel oder nicht auf dem neuesten Wissensstand. In unseren Kursen zeigt sich jedoch das Gegenteil. Es wird sichtbar, wie viel Erfahrung und Potenzial im mittleren Lebensalter vorhanden sind. Aufgrund der Tatsache, dass noch rund 15 bis 20 Berufsjahre vor den Menschen dieser Altersgruppe liegen, zeigt sich immer wieder, dass auch Neues gewagt werden kann.»

Viele Kantone sind zurückhaltend

Zwar können in den Kantonen AG, BL, SG und SH Laufbahnberatende die RAV-registrierten Ratsuchenden an das Mentoring-Programm «Tandem 50 plus» des jeweiligen Amtes für Wirtschaft und Arbeit verweisen (siehe www.tandem-schweiz.ch). In der gesamten Ostschweiz sowie in der Westschweiz bieten aber die kantonalen Berufs-, Studien- und Laufbahnberatungsstellen keine Seminare oder Veranstaltungen an, die explizit auf die Zielgruppe 50+ ausgerichtet sind. Karin Hehlen, Leiterin für die Beratung von Erwachsenen im Kanton Waadt, sagt: «Wir behandeln die Fünfzigjährigen und berücksichtigen spezifische Schwierigkeiten auf dieselbe Weise wie bei allen anderen Erwachsenen. Vielleicht ist es eher eine Marketingstrategie, wenn andere Anbieter mit speziellen Lösungen für diese Altersgruppe werben.»

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