Ausgabe 05 | 2016

ARBEITSMARKT

Zusammenarbeit von Sozialhilfe und RAV im Kanton Luzern

Jedem die Unterstützung, die er braucht

Wer Sozialhilfe bezieht, hat auch Anspruch auf Arbeitslosenberatung. Eine Studie von 2010 fand aber Hinweise darauf, dass diese Anspruchsgruppe von den RAV nicht prioritär behandelt wird. Jetzt arbeiten im Kanton Luzern RAV und Sozialhilfe enger zusammen. Die Erfahrungen sind positiv.

Von Daniel Fleischmann, PANORAMA-Redaktor

Manchmal entfaltet Forschung Wirkung. Als Kurt Simon, Leiter Arbeitsmarkt im Luzerner Amt für Wirtschaft und Arbeit, 2010 die KEK-Studie «Arbeitslosenversicherung und Sozialhilfe» las, leuchteten ihm die Ergebnisse sofort ein. Ein Schlüsselsatz lautete: «Kernkompetenz des RAV ist die arbeitsmarktliche Beratung und Vermittlung, Kernkompetenz des Sozialdienstes die (umfassende) Sozialberatung; die RAV haben explizit keinen Sozialberatungsauftrag, den Sozialdiensten fehlen vertiefte arbeitsmarktliche Kenntnisse. Diese Kompetenzkonstellation der beiden Fachstellen legt bei Klienten/-innen mit überschneidendem Beratungsbedarf (…) einen Leistungstausch zwischen den Fachstellen nahe.»

Scharnierstelle Übergabegespräch

Sechs Jahre später ist dieser Leistungsaustausch zwischen den Sozialdiensten und den RAV des Kantons Luzern gut etabliert. Am Projekt, das inzwischen im Regelbetrieb läuft, nehmen 35 Gemeinden – sie decken 98 Prozent der Sozialhilfebezüger ab – und fünf von sechs RAV teil. Das RAV der Stadt Luzern nimmt bisher nicht am Projekt teil, weil der Sozialdienst der Stadt Luzern über Infrastrukturen verfügt, die sowohl Sozial- als auch Arbeitsmarktberatungen erlauben. Die Stadt Luzern prüft aber eine Teilnahme. Im Projekt stellen sich RAV und Sozialhilfe ihre Beratungsleistungen gegenseitig kostenlos zu Verfügung. So können Personen, die zwar Sozialhilfe beziehen, aber dank ihrer gesundheitlichen Verfassung und Motivation arbeitsmarktfähig sind, von den RAV beraten und vermittelt werden. Darauf haben sie gemäss Arbeitsvermittlungsgesetz (AVG, Artikel 26) zwar ohnehin Anspruch. Aber in den RAV werden sie nur mit zweiter Priorität behandelt, wie eine Mehrzahl der in der erwähnten KEK-Studie befragten Experten vermutete. Umgekehrt übernehmen die Sozialdienste die Betreuung von stellensuchenden, aber nicht arbeitsmarktfähigen Personen. Auf diese Weise wechselten seit dem Projektstart 2014 70 Personen aus der Sozialhilfe in die RAV, während umgekehrt sechs ALV-Bezüger Sozialberatung bezogen. Scharnierstelle der Kooperation bilden gemeinsame Übergabegespräche der örtlichen Sozialhilfe, der betroffenen Personen und der zuständigen RAV-Stellen. Die Übergabe basiert auf einer kriteriengestützten Einschätzung des zuständigen Amtes, wonach die Voraussetzungen für einen Wechsel gegeben seien, und einer Bereitschaftserklärung des Klienten oder der Klientin. Ihre Teilnahme ist in jedem Fall freiwillig. Dabei entstehen weder zusätzliche Kosten noch findet ein Wechsel der Leistungserbringung statt. Wer Sozialhilfe bezieht, tut dies weiterhin, auch wenn er durch ein RAV beraten wird. Und wer von der ALV unterstützt wird, erhält auch als Klient der Sozialhilfe Taggelder. Kostenpflichtige Leistungen wie arbeitsmarktliche Massnahmen oder Arbeitsintegrationsplätze sind durch die entsendende Stelle zu bewilligen und zu finanzieren. Ebenso können Sanktionen nur durch die für den Klienten oder die Klientin ursprünglich zuständige Stelle ausgesprochen werden. Auf den Nachweis von Arbeitsbemühungen kann verzichtet werden; eine entsprechende Genehmigung des SECO liegt vor.

Kleines Mengengerüst

Im Kanton Luzern ist man mit der Kooperation zufrieden. Sie sei zwar kein Massengeschäft, wie Kurt Simon, Leiter Arbeitsmarkt, sagt. Die Kooperation erlaube aber, Personen jene Beratung zukommen zu lassen, die sie benötigen, und nicht warten zu müssen, bis man eine Person «durchsanktioniert» habe. Auch Herbert Lustenberger, RAV-Leiter Wolhusen, sieht nur Vorteile. Von den 70 betreuten Personen konnten acht nachhaltig in den Arbeitsmarkt vermittelt werden – ein «Rüdenerfolg» mit grossen finanziellen Konsequenzen, wie er sagt. Zudem habe die Zusammenarbeit zu wertvollen Kontakten geführt: «Jetzt kennen sich Sozialhilfe und RAV persönlich. Das wäre schon viel früher sinnvoll gewesen.» Dass man dafür einen erheblichen Aufwand treiben musste, verschweigt er nicht: «Wir haben alle 35 Gemeinden persönlich besucht. Schriftlich kann man keine solchen Kooperationen anbahnen.» Diese positiven Einschätzungen bestätigt Katharina Hubacher, Fachbereichsleiterin Sozialberatung in Sursee: «Wir wissen heute viel genauer, wie die RAV arbeiten.» Kritisch kommentiert sie aber die Zahl der erfolgten Übergaben. «Ich schätze, dass jede vierte Person, die Sozialhilfe bezieht, arbeitsmarktfähig ist oder es nach einer Beratungszeit wird. Seit der Revision der SKOS-Richtlinien 2005 müssen wir sie beruflich integrieren. Effektiv ins RAV überwiesen haben wir aber eine geringere Zahl.» Die zitierte KEK-Studie geht übrigens sogar davon aus, dass rund ein Drittel der Sozialhilfeempfänger/innen über das Potenzial zur Wiedereingliederung verfügt. Als Grund für die kleine Zahl überwiesener Personen nennt Hubacher die Tatsache, dass die Menschen in der Sozialhilfe oft einen langen Leidensweg bezüglich beruflicher Integration hinter sich haben. Sie brauchten eine lange Aufbauphase, bis sie sich den Schritt in den ersten Arbeitsmarkt wieder zutrauen. Für die Beratenden bedeute dies aufwendige Beratungsarbeit. Herbert Lustenberger sieht das auch so. So mussten die RAV in den Übergabegesprächen rund ein Fünftel der Personen zurückweisen, weil sich die Motivation für eine Stellensuche als zu unsicher herausstellte. Es sei auch zu Abbrüchen gekommen – bei Personen etwa, die mehrere Beratungstermine verpasst hatten. Die ursprüngliche Idee, die Triage durch externe Fachleute vornehmen zu lassen, war an fehlenden Finanzen gescheitert. Trotz solcher Schwierigkeiten will im Kanton Luzern niemand vom eingeschlagenen Weg abweichen. Im Gegenteil: Im Rahmen des Projektes «Optima» wird ab 2017 auch die kantonale IV-Stelle in die Kooperation einbezogen – jeweils auf bilateraler Ebene (siehe Grafik). Für komplexere Fälle stehen die Einrichtungen der interinstitutionellen Zusammenarbeit IIZ zur Verfügung. Bei dieser Neupositionierung werden die RAV auch den durch die von der Sozialhilfe übergebenen 70 Personen entstandenen Mehraufwand ansprechen, denen nur ein geringer Minderaufwand von sechs ALV-Bezügern in der Sozialberatung gegenübersteht.

SECO unterstützend aktiv

Beim Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) verfolgt man das Luzerner Modell mit gros-sem Interesse. Seit 2010 führt es selber ein Projekt zur verbesserten Zusammenarbeit zwischen der ALV und der Sozialhilfe durch, in dessen Rahmen unter anderem die erwähnte Studie finanziert wurde. Zudem wurden drei Arbeitsgruppen gebildet. So hat eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe «Arbeitsmarktfähigkeit» die für diesen Begriff relevanten Merkmale zusammengestellt (siehe Kasten). Eine zweite Arbeitsgruppe «Finanzierungsmodell öffentliche Arbeitsvermittlung und Sozialhilfe» klärte die Frage nach Entschädigung von erbrachten Leistungen. Eine dritte Arbeitsgruppe hatte schliesslich den Auftrag, die Voraussetzungen für die Zusammenarbeit sowie verbindliche Abläufe zu definieren und eine Rahmenvereinbarung zu erstellen. Sie kam zum Schluss, dass eine solche Rahmenvereinbarung aufgrund der unterschiedlichen kantonalen Gesetzgebungen nicht möglich sei, und beschränkte sich darauf, einen Leitfaden zu erstellen. Die Dokumente finden sich auf der Website www.iiz.ch. Über diese Grundlagenarbeiten hinaus beteiligt sich das SECO an der Evaluation von zwei Projekten in Lausanne und Fribourg.

Links und Literaturhinweise

Lindenmeyer, H., Walker, K. (2010): Arbeitslosenversicherung und Sozialhilfe: Zusammenarbeit bei der Arbeitsvermittlung. Studie zur Zusammenarbeit RAV – Sozialhilfe. Zürich, KEK-CDC Consultants.
«Bericht Arbeitsgruppe Arbeitsmarktfähigkeit»

Kasten

Arbeitsmarktfähig: Was heisst das?

Die Kooperation von Sozialhilfestellen und der regionalen Arbeitsvermittlung basiert auf gemeinsamen Vorstellungen darüber, wann eine Person arbeitsmarktfähig ist. Gemäss einem Bericht einer nationalen Arbeitsgruppe bestimmt sich Arbeitsmarktfähigkeit aus dem Zusammenspiel von individuellen Voraussetzungen (Arbeitsangebot) und den Anforderungen des Arbeitsmarkts (Arbeitsnach- frage) und kennzeichnet die reellen Arbeitsmarktchancen eines Individuums. Arbeitsmarktfähigkeit wird verstanden als die Fähigkeit, eine Stelle zu finden (erstmalige Integration in den Arbeitsmarkt), eine Anstellung zu behalten, sich in einem bestehenden Arbeitsverhältnis zu qualifizieren oder die Wahrscheinlichkeit, bei Stellenverlust oder bei unfreiwilliger Erwerbslosigkeit (wieder) eine neue Stelle zu finden. Weil sich sowohl der Bedarf des Arbeitsmarktes als auch die individuellen Voraussetzungen der Stellensuchenden verändern, ist der Begriff der Arbeitsmarktfähigkeit dynamisch. Dies hat zur Folge, dass die Beurteilung der Arbeitsmarktfähigkeit regelmässig überprüft werden muss.

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