Ausgabe 03 | 2016

ARBEITSMARKT

ricrac.ch

Neues Instrument für die Westschweizer Personalberater

Das Westschweizer und Tessiner Arbeitsmarktobservatorium (ORTE) hat ein neues Tool entwickelt, das die Suche nach Kompetenzen und Berufen erleichtern soll. Im Interview mit PANORAMA erläutert ORTE-Koordinator Alexandre Meyer das Projekt.

Interview: Christine Bitz, PANORAMA-Redaktorin

Alexandre Meyer: «Ricrac richtet sich wirklich nach den Bedürfnissen der Personalberater.» (Bild: Christine Bitz)

Alexandre Meyer: «Ricrac richtet sich wirklich nach den Bedürfnissen der Personalberater.» (Bild: Christine Bitz)

PANORAMA: Was ist ricrac.ch? Alexandre Meyer: Ricrac steht für «Référentiel intercantonal romand sur les activités et les compétences». Es wurde im Oktober 2015 aufgeschaltet. Unser Ziel war, auf der Grundlage der Datenbank AVAM eine Suchmaschine zu entwickeln, die es ermöglicht, für jeden Beruf die zugehörigen Tätigkeiten und Kompetenzen, also die Ressourcen, die für die Berufsausübung mobilisiert werden müssen, abzufragen.

Woher kommt dieses Bedürfnis?
Angestossen wurde das Projekt vom Arbeitsamt des Kantons Genf, das bei der Betreuung seiner Stellensuchenden einen kompetenzorientierten Ansatz verfolgen wollte. Dahinter stand die Absicht, mit den Klienten zusammen so schnell wie möglich ein berufliches Ziel festzulegen. Es reicht nicht, sich ausschliesslich auf eine Berufsbezeichnung zu konzentrieren, es müssen auch die im Beruf verlangten Kompetenzen berücksichtigt werden. So wird von den Personalberatern verlangt, dass sie in der Datenbank AVAM das Feld «Kompetenzen» systematisch ausfüllen. Das wiederum setzt voraus, dass man schnell die im Beruf gängigen Begriffe findet und rasch auf die richtigen Informationen zum Beruf und zu den im Beruf verlangten Kompetenzen zugreifen kann.

Wie wurde aus diesem Genfer Bedürfnis ein Westschweizer Projekt?
Um auf das von den Genfer Personalberatern geäusserte Bedürfnis eingehen zu können, haben wir eine Arbeitsgruppe aus Personalberatern und Beraterinnen der Dienststelle «Service Employeurs» des Arbeitsamts gebildet. Als ORTE-Koordinator kam ich zum Schluss, dass das Bedürfnis nicht nur in Genf besteht. Also schlug ich vor, das Projekt in der ganzen Romandie durchzuführen, weil sich ein neu geschaffenes Tool in einem kantonsübergreifenden Projekt schneller einführen lässt.

Wie sind Sie bei der Entwicklung von ricrac.ch vorgegangen?
Da die Zeit begrenzt war, haben wir genutzt, was bereits vorhanden war, und sind dabei relativ strengen Regeln gefolgt. In einem ersten Schritt haben wir ein anderes schweizerisches Referenzsystem gesucht als berufsberatung.ch, dessen «Nachteil» darin besteht, dass das total 600 Einträge umfassende Verzeichnis ausschliesslich auf in der Schweiz anerkannten Ausbildungen aufbaut. Die Datenbank AVAM dagegen umfasst 4200 Einträge. Da auf berufsberatung.ch zahlreiche Berufe wie etwa «wissenschaftlicher Mitarbeiter» fehlen, mussten wir in einem zweiten Schritt Informationen aus anderen Referenzsystemen zusammentragen.

Welchen Mehrwert bringt ricrac.ch?
Ricrac richtet sich wirklich nach den Bedürfnissen der Personalberater. Sie können umfassende Informationen zu den 4200 in der Datenbank AVAM aufgeführten Berufen abfragen. Berufsberatung.ch ist das am häufigsten verwendete Verzeichnis, wenn es darum geht, Informationen zu den mit einem Beruf verbundenen Tätigkeiten zu suchen. Ricrac geht einen Schritt weiter, indem es die Informationen von berufsberatung.ch zusammenfasst. Bei den Kompetenzen begnügt sich berufsberatung.ch mit Stichworten, ricrac.ch dagegen umfasst weiterführende Informationen zu den Kompetenzen, die in den jeweiligen Berufen gefragt sind. Hier haben wir
uns auf das französische Berufsverzeichnis «Répértoire opérationnel des métiers et des emplois» (ROME) abgestützt, das auf der Website Pôle emploi verfügbar ist.

Heisst das, dass AVAM nicht genügend Informationen enthält?
Unter den 4200 Berufen in AVAM gibt es häufige, aber auch sehr seltene Berufe, wie etwa Bauchredner. Zudem ist AVAM auf Deutsch, Französisch und Italienisch verfügbar, was unweigerlich Ungenauigkeiten und Übersetzungsfehler mit sich bringt. Die Arbeiten an der Entwicklung von Ricrac waren zwangsläufig sehr umfangreich, galt es doch, alle Berufe zu erfassen, also auch Bauchredner. Doppeleinträge haben wir gelöscht. Die Zusatzinfos im Feld «Bemerkungen» sollen überdies dazu führen, dass sich für Berufe mit vielen verschiedenen Bezeichnungen eine Benennung durchsetzt. Für den Beruf «Verkäufer» zum Beispiel gibt es zahlreiche Bezeichnungen. Wir empfehlen, die Bezeichnungen «Detailhändler» oder «Detailhandelsassistentin» zu verwenden.

Wie haben Sie sich organisiert, um einen reibungslosen Projektablauf zu gewährleisten?
Nachdem die Westschweizer und Tessiner Arbeitsämterkonferenz dem ORTE den Auftrag erteilt hatte, stellten die kantonalen Ämter die für das Projekt benötigten Ressourcen bereit. Auch die RAV-Leiter haben sich grundsätzlich mit dem Projekt einverstanden erklärt. Anschliessend wurden zwei kantonale Beratungsgruppen aus Personalberatern gebildet. Zusammen mit Frédéric Rieben, dem Entwickler des Tools, habe ich die Kantone besucht, um die Entwürfe zu präsentieren und Feedbacks der Beratungsgruppen einzuholen. Alle Beteiligten wurden in die Arbeiten einbezogen. Die Informationsbeschaffung wurde auf die Kantone aufgeteilt. Die Kantone Neuenburg und Jura kümmerten sich um die Informationsbeschaffung in den mechanischen Berufen und der Uhrenindustrie, der Kanton Wallis war für das Gastgewerbe und den Tourismus zuständig, der Kanton Freiburg für die Berufe des Primärsektors, und die Kantone Waadt und Genf trugen die Informationen zu den Berufen des Tertiärsektors zusammen.

Wie stehen die Personalberater zu Ricrac?
Die Kantone haben das Tool selbst vorgestellt, jeder Kanton hat auf seine eigene Art kommuniziert. Die Feedbacks sind positiv, wir stellen fest, dass Ricrac sinnvoll genutzt wird. Jeden Monat besuchen etwa 800 Nutzer die Website. Sie haben die Möglichkeit, uns über Fehler oder Probleme zu informieren.

Haben Sie auch das SECO und die Deutschschweizer Kantone über das Projekt informiert?
Ja. Wir haben ricrac.ch am jährlichen Kolloquium RAV-LAM und beim Verband schweizerischer Arbeitsmarktbehörden (VSAA) vorgestellt und ich glaube, es ist auf Interesse gestossen. Ich habe viele Fragen beantwortet und mehrere Personen haben mir gegenüber den Wunsch nach einem gleichen Tool für die Deutschschweiz geäussert. Der Präsident des VSAA plant ein Treffen zwischen den Deutschschweizer Kantonen, um die Möglichkeiten zu beurteilen. Das SECO hat nach Einsicht in den Projektentwurf ebenfalls Interesse bekundet. Es stand sogar die Idee im Raum, Ricrac ins E-Government-Projekt einzubinden.

Links und Literaturhinweise

www.ge.ch/oce/orte.asp

Kasten

ORTE

Das Westschweizer und Tessiner Arbeitsmarktobservatorium ORTE ist ein Zusammenschluss der kantonalen Arbeitsmarktbeobachtungsstellen der lateinischen Schweiz. Der Auftrag des vernetzt arbeitenden Observatoriums besteht darin, Informationen zum Arbeitsmarkt und zu dessen Bedürfnissen bereitzustellen. Das ORTE arbeitet im Auftrag der Westschweizer und Tessiner Arbeitsämterkonferenz und veröffentlicht regelmässig Berichte, etwa über die Entwicklung der Temporärarbeit in der Romandie. Diese werden vom SECO übersetzt und auf der Website www.treffpunkt-arbeit.ch aufgeschaltet. Das ORTE führt überdies punktuell Studien durch, in denen spezifische Branchen oder Probleme beleuchtet werden. In einer im April 2015 veröffentlichten Studie beschäftigte sich das ORTE mit der Wiederbeschäftigungsquote von Erwerbslosen in der Romandie zwischen 2006 und 2014. Die Vereinigung der Arbeitsmarktbeobachtungsstellen dient auch als Plattform für den Austausch von Informationen und Praktiken.

3 Fragen

«Mit dem Tool lässt sich enorm viel Zeit sparen»

an Nada Al-Hakim Deliever, Personalberaterin beim Arbeitsamt des Kantons Genf

Wie nutzen Sie ricrac.ch in den Beratungsgesprächen? Ich nutze ricrac.ch mehrmals pro Woche, vor allem, um im ersten Gespräch mit Klienten und Klientinnen die Kompetenzen aufzulisten. Mit dem Tool lässt sich gerade in Berufen, die ich nicht so gut kenne, enorm viel Zeit sparen. Auch im Umgang mit fremdsprachigen oder un-qualifizierten Klienten/Klientinnen ist es nützlich, weil diese ihre beruflichen Tätigkeiten oft nur schwer in Worte fassen können.

Und wie profitieren die Stellensuchenden?
Oft wird ihnen bewusst, dass sie mehr Kompetenzen besitzen, als sie denken. Sie können ricrac.ch etwa nutzen, um ihr CV zu überarbeiten oder sich auf ein Vorstellungsgespräch vorzubereiten. Kollegen, die ricrac.ch ebenfalls getestet haben, berichten, dass sie dank dem Tool prüfen können, ob die Stellensuchenden all ihre Kompetenzen im CV aufgelistet haben und ob diese auch in den Arbeitszeugnissen erwähnt werden.

Verweisen Sie Ihre Klienten auf ricrac.ch?
Ja. Ich mache das systematisch, wenn Klienten und Klientinnen ihr CV überarbeiten sollen oder wenn ich glaube, dass sie sich schlecht verkaufen. Dank der konkreten Informationen auf der Website sparen sie wertvolle Zeit.

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