Ausgabe 03 | 2016

Fokus "Forschung und Evaluation"

Forschungskonzept Berufsbildung 2017 – 2020

Auf dem Weg zu einer besseren Valorisierung

Mit dem neuen Berufsbildungsgesetz lancierte das SBFI ein Forschungsprogramm, das auf den Säulen Leading Houses und Einzelprojekte steht. Für die neue BFI-Periode wird das Konzept neu aufgesetzt. Johannes Mure spricht über die Änderungen.

Interview: Daniel Fleischmann, PANORAMA-Redaktor

Johannes Mure ist Ressortleiter Bildungssteuerung und -forschung im SBFI. Er sieht bei der Valorisierung der Berufsbildungsforschung Licht und Schatten. (Bild: Daniel Fleischmann)

Johannes Mure ist Ressortleiter Bildungssteuerung und -forschung im SBFI. Er sieht bei der Valorisierung der Berufsbildungsforschung Licht und Schatten. (Bild: Daniel Fleischmann)

PANORAMA: Sie haben sich in den letzten Monaten intensiv mit der Ent­wicklung eines Forschungskonzeptes Berufsbildung für die BFI-Periode 2017–2020 beschäftigt. Welche Rah­menbedingungen sind dafür relevant? Johannes Mure: Artikel 4 des Berufsbildungsgesetzes und Artikel 2 der Verordnung verpflichten uns zur Förderung der Berufsbildungsforschung. Das SBFI hat in den vergangenen Monaten mit wichtigen Partnern aus der Berufsbildung und der Wissenschaft intensive Gespräche darüber geführt, welches die Inhalte dieser Forschung sein sollen. Wir wollen unsere Forschungsaktivitäten künftig enger als bisher an den gemeinsamen bildungspolitischen Zielen von Bund und Kantonen ausrichten. Zudem binden wir unser Forschungsprogramm noch deutlicher an das nationale Bildungsmonitoring und den Bildungsbericht; damit nehmen wir stärker als bisher auch Bildungsverläufe in den Blick. Schliesslich haben wir uns die in der «Evaluation Berufsbildungsforschung» gemachten Empfehlungen zu Herzen genommen; so legen wir deutlichere Akzente auf die Valorisierung der Ergebnisse sowie die nachhaltige institutionelle Verankerung der Forschung.

Das vorliegende Forschungsprogramm legt klarere inhaltliche Schwerpunkte als bisher. Welches sind diese Schwerpunkte?
Wir haben fünf prioritäre Themenbereiche definiert, für die wir im Forschungskonzept auch eine Vielzahl von möglichen Fragestellungen nennen. Erstens stellen wir systemische Fragen. Uns interessiert beispielsweise, wie das Berufsbildungssystem funktioniert. So erforscht das Leading House GOVPET in St. Gallen, wie staatliche Politik private Akteure dazu bringen kann, freiwillig gesamtgesellschaftliche Belange zu erbringen. Zweitens wollen wir vertieft Bildungsverläufe anschauen. Warum entscheiden sich junge Erwachsene für die Berufsbildung? Fragen dieser Art untersuchen zum Beispiel Prof. Neuenschwander an der FHNW und Prof. Becker an der Universität Bern. Drittens fragen wir nach den Herausforderungen für ausbildende Unternehmen – Stichworte Fachkräftemangel oder Digitalisierung. In diesen Bereichen engagiert sich das Leading House Berufsbildungsökonomie an den Universitäten Zürich und Bern, aber auch Einzelforschungen. Viertens führen wir die Lehr-Lernforschung fort, für die auf Ebene der schulischen Bildung schon viele Resultate bestehen. Hier ist das Leading House Lehr-/Lernprozesse im kauf- männischen Bereich zu erwähnen. Fünftes bildet das Thema der In­terna­tionalisierung der Unternehmen auch für die Forschung eine Herausforderung.

Das sind Themen, wie man sie bereits kennt.
Das ist richtig, aber das kann nicht anders sein. Neu an der Priorisierung ist, dass die Themenfelder deutlicher strukturiert sind, mit wichtigen Partnern konsolidiert sind und ins Bildungsmonitoring einfliessen werden. Ausserdem möchten wir den Dialog mit der Bildungsforschung intensivieren. An den Schwerpunkten können sich auch Forschungsprojekte orientieren, die nicht vom SBFI finanziert werden. Das ist darum wichtig, weil das SBFI mit den vorhandenen Mitteln natürlich nicht alle wichtigen Fragen allein angehen kann. Das wäre auch gar nicht wünschenswert. Für die vierjährige Periode 2017 bis 2020 sind etwa 12?Millionen Franken budgetiert, 3 Millionen Franken pro Jahr. Dieser Betrag ist etwas tiefer als bisher. Für die fünfjährige Periode 2012 bis 2016 standen etwa 16,9 Millionen zur Verfügung, jährlich also etwa 3,38 Millionen Franken.

Sehen Sie schon, wo Sie jährlich 300'000 Franken sparen?
Grundsätzlich möchten wir die vier bestehenden Leading Houses weiterführen. Auf die Lancierung eines fünften Leading Houses verzichten wir aber. Zunächst ist die wichtige Frage einer stärkeren Insti­tutionalisierung der Berufsbildungsforschung zu klären. Das gibt uns Mittel für eine verstärkte Förderung von Einzelprojekten, die das SBFI häufiger als bisher auch selber ausschreiben wird – in diesem Sommer ein erstes Mal. Zugleich erwarten wir aber auch, dass die von uns geförderten Projekte zusätzliche finanzielle Quellen erschliessen.

Die vom SBFI finanzierte Forschung hat laut einer Evaluation zwei Erwartun­gen teilweise verfehlt. Erstens erwies sich die Verankerung der Berufsbildungsforschung an den Universitäten als schwierig. Was kann man in Zukunft besser machen?
Die Leading-House-Forschung und die Einzelprojekte bewegen sich – bei aller berechtigten Kritik – auf einem hohen Niveau. Sie erfüllt qualitativ hohe Ansprüche und geniesst internationale Anerkennung. Dafür haben wir eine Verantwortung, wir setzen darum diesen Weg fort. Wir haben insbesondere erreicht, dass sich hoch­rangige Wissenschaftler mit Themen der Berufsbildung beschäftigen; es ist nicht lange her, da war die Berufsbildung noch kaum disziplinenübergreifend in der wissenschaftlichen Landschaft präsent. Dennoch sehen wir die in der Evaluation beschriebenen Defizite im Bereich der besseren Institutionalisierung der Berufsbildungsforschung und arbeiten daran. Das ist nicht einfach, denn die Handlungsspielräume des SBFI sind in diesem Bereich begrenzt. Wir sind auf die Ideen aus den Leading Houses selber und deren Advisory Boards angewiesen und müssen uns an den Rahmenbedingungen der allgemeinen Forschungsförderung (Schweizerischer Nationalfonds) und des Forschungsförderungsgesetzes orientieren. Wir führen entsprechende Gespräche mit dem Ziel, im Laufe der kommenden Forschungsperiode Möglichkeiten aufzuzeigen. Eine Idee, welche die Evaluation vorschlägt, ist die Einrichtung von Kompetenzzentren; anspruchsvoll daran ist, dass die verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen der Leading Houses sehr unterschiedliche Kulturen kennen.

War die mangelnde Verstetigung der Berufsbildungsforschung nicht auch vom SBFI mitverschuldet? Man hat mehrere Leading Houses frühzeitig geschlossen – das in Basel zum Beispiel.
Diese Wechsel hatten unterschiedliche Gründe; so war in Basel die Emeritierung von Prof. Steiner ausschlaggebend. Der Aufbau eines Forschungsfeldes ist eine sehr herausfordernde und komplexe Aufgabe. Die Idee, Psychologen, Pädagoginnen, Ökonomen, Soziologinnen oder Politologen in ein Forschungsprogramm auf­zunehmen, war und ist innovativ und anspruchsvoll.

Ungut in Erinnerung ist auch die Personalunion von Mitgliedern des Steuerungsgremiums und von Projektträgern.
Unser Forschungsprogramm unterliegt der Qualitätssicherung der gesamten Ressortforschung des Bundes, in der mögliche Interessenkonflikte wachsam beobachtet werden. Hier sind Fortschritte gemacht worden.

Die zweite enttäuschte Erwartung betrifft die Nutzung oder Valorisierung der Forschungsergebnisse durch die Praxis. Wo sehen Sie hier Verbesserungsmöglichkeiten?
Hinsichtlich der Valorisierung der Forschungsergebnisse gab es in der Vergangenheit Licht und Schatten. Gemäss Evaluation wurde die Hälfte der Ergebnisse genutzt; das ist eine Quote, um die man uns in anderen Forschungskontexten beneidet. Aber es gibt noch Verbesserungspotenzial. Künftig wollen wir die Valorisierung breiter verstehen und konzeptioneller angehen. Es reicht nicht mehr, Forschungsergebnisse nur möglichst gut zu kommunizieren. Vielmehr müssen wir die Frage der Praxisrelevanz bereits bei der Konzeption der Forschungsanlage stellen – ohne dabei einem rein utilitaristischen Forschungsverständnis zu erliegen. Im Rahmen von künftigen Anträgen sind entsprechende Überlegungen zu formulieren. Im Leading House St. Gallen hat das bereits zur Einrichtung eines Praktikerbeirats geführt.

An welche Produkte oder Dienstleistungen denken Sie, wenn Sie von Valorisierung sprechen?
Das bewegt sich auf unterschiedlichen Ebenen. Das Leading House Dual-T in Lausanne befindet sich in einem engen Austausch mit dem EHB, über das die Forschung Eingang in die Lehre findet. Zudem wurden didaktische Tools zuhanden einzelner Berufe entwickelt – die Bäckerinnen etwa oder die Zimmerleute. Auf der Steuerungsebene fliessen Ergebnisse der Forschung – etwa aus dem Leading House Berufsbildungsökonomie – in den Bildungs­bericht ein, der bei Behörden und Politik sehr hohe Beachtung geniesst. Eine weitere Ebene bildet der intensivere Dialog zwischen SBFI und den Verbundpartnern zu Forschungsfragen, wie ich ihn eingangs erwähnt habe. Aber auch eine gute Nachwuchsförderung ist Valorisierung. Mittlerweile haben mehrere an Leading Houses ausgebildete Forschende eigene Professuren und sind damit wichtige Multiplikatoren.

Die Forschung der Leading Houses soll international wahrgenommen werden und zugleich praxisnah sein. Liegt in diesem doppelten Anspruch nicht ein Dilemma? Es manifestiert sich meiner Meinung nach etwa in der Sprache, in der man sich präsentiert – sie ist nicht Deutsch, sondern Englisch.
Ich sehe dieses Dilemma. Meiner Einschätzung nach sind die Forschenden jedoch intensiv an der Praxis interessiert, denn sie sind auf gute Fragestellungen und einen einfachen Feldzugang angewiesen. Unsere Forschenden sind bisweilen sehr praxisnah – sie kommunizieren intensiv mit Berufsfachschulen und Berufsverbänden – und erfüllen gleichzeitig die internationalen Ansprüche einer Spitzenforschung.

Nehmen wir an, ein Forschungsprojekt untersucht, wie valide die praktischen Prüfungen des Qualifikationsverfahrens sind. Die Frage wäre sehr praxisrelevant – aber ich glaube nicht, dass sie im Ausland auf Interesse stossen würde.
Bei ihrem konkreten Beispiel bin ich nicht mal so sicher, dass das international niemanden interessiert. Wer auf einem gewissen Niveau forscht, will international publizieren, und Beachtung findet man nur, wenn die Fragestellung von internationaler Relevanz ist. Insofern sind wir auch auf Forschungen an den Fachhochschulen, dem EHB oder den Pädagogischen Hochschulen, die sehr praxisnahe Forschung betreiben, angewiesen. Zugleich bin ich der festen Überzeugung, dass wir Spitzenforschung brauchen, denn sie garantiert valide Ergebnisse und bildet die Voraussetzung für die angesprochene Institutionalisierung.

Im Forschungskonzept sind keine forschungsmethodischen Erwägungen enthalten. Beobachter sagen, dass die vom SBFI finanzierte Forschung einem bloss evidenzbasierten Ansatz folge. Ist hier eine Öffnung zu erwarten?
Oberste Prämisse unserer Förderung ist, dass wir qualitativ hochwertige valide Ergebnisse erwarten. Wie diese Ergebnisse zustande kommen – ob auf Basis quantitativer oder qualitativer Methoden etwa –, ist unerheblich. So sprechen wir bewusst viele wissenschaftliche Disziplinen an, die ja sehr unterschiedliche Forschungstraditionen aufweisen.

Das EHB ist in zwei Leading Houses einbezogen. Es hat sich dafür meines Wissens nicht bewerben müssen und erfüllt auch nicht das Kriterium, eine universitäre Hochschule zu sein. Was rechtfertigt diese Privilegierung?
Da muss ich ihnen deutlich widersprechen. Das EHB ist in zwei Leading Houses eingebunden. Es hat sich aber immer mitbewerben müssen und war immer Teil der Anträge selber. Den Forschenden etwa in St. Gallen war eine Kooperation mit einem Partner mit starkem Fokus auf die Praxis wichtig, und das EHB eignet sich dafür. Auch andere Einrichtungen – etwa Fachhochschulen oder Pädagogische Hochschulen – können in eine solche Partnerschaft eintreten.

Das EHB hat eine Forschungsabteilung mit 36,5 Vollzeitäquivalenten. Wie wird diese Forschung im Kontext der übrigen Berufsbildungsforschung positioniert?
Die Forschung des EHB ist nicht Gegenstand des Forschungskonzeptes des SBFI. Aber wir stehen in einem Austausch, etwa im Rahmen der von uns geförderten Projekte mit Beteiligung des EHB oder der eingangs erwähnten Diskussionen über unsere Forschungsschwerpunkte. Umgekehrt vertrete ich das SBFI im Beirat des Observatoriums für die Berufsbildung des EHB. Dieses beschäftigt sich mit drei Kernthemen der Berufsbildung: Kosten und Nutzen der Berufsbildung, Fachkräfte- und Qualifikationsbedarf sowie Bildungsverläufe.

Welches sind, zusammenfassend, die zentralen Gründe für das SBFI, die Be­rufsbildungsforschung zu finanzieren?
Berufsbildungsforschung ist wichtig, weil die Berufsbildung wichtig ist. Zwei Drittel der Jugendlichen absolvieren eine Lehre, die Hälfte der Abschlüsse auf Tertiärstufe sind Abschlüsse der Höheren Berufsbildung. Die Berufsbildung ist eine tragende Säule des Bildungssystems und der Schweizer Wirtschaft. Die Mütter und Väter des Berufsbildungsgesetzes haben erkannt, dass die Steuerung eines so komplexen Systems wissenschaftliche Grundlagen braucht. Warum beteiligen sich die Firmen an der Berufsbildung? Welche Antworten haben wir auf den Fachkräftemangel? Warum entscheiden sich Jugendliche für den gymnasialen Weg, was führt sie in die Berufsbildung? Wir sind ständig mit Fragen konfrontiert, auf die wir gesicherte Antworten brauchen. Eine grundlegende Erwartung im Förderprogramm des SBFI ist, dass die Berufsbildungsforschung Antworten sucht und findet – und damit einen Beitrag an die Steuerung und Entwicklung der Berufsbildung leistet.

Links und Literaturhinweise

econcept AG/Gonon, Ph. (2015): Evaluation Berufsbildungsforschung SBFI. Zusammenfassung des Schlussberichts und Empfehlungen. Bern, SBFI.
SBFI (2016): Politikbereich Berufsbildung. Forschungskonzept 2017-2020. Bern.

Kasten

Zur Person

Johannes Mure ist seit 2014 Ressortleiter Bildungssteuerung und -forschung im SBFI. Er absolvierte zunächst eine Berufslehre als Bankkaufmann und studierte dann Wirtschaftswissenschaften in Deutschland und Frankreich. 2003 kam er an die Universität Zürich, wo er als Assistent und später als Oberassistent tätig war. 2007 doktorierte er mit einer bildungsökonomischen Analyse betrieblicher Weiterbildungsinvestitionen.

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