Ausgabe 02 | 2016

ARBEITSMARKT

Umschulungen via Arbeitslosenversicherung (ALV)

Die neue Karrierestation von Doris Roduner

Einige Verkehrsbetriebe rekrutieren ihre Buschauffeure auch über die Regionalen Arbeitsvermittlungszentren, Luzern zum Beispiel, Zürich oder St. Gallen. Das verlangt eine liberale Handhabung der gesetzlichen Grundlagen und kommt allen zugute.

Von Daniel Fleischmann, PANORAMA-Redaktor

Das RAV hat sie vermittelt und ihr die Ausbildung finanziert, die Verkehrsbetriebe St. Gallen haben sie fest angestellt: Doris Roduner an ihrem neuen Arbeitsplatz. (Bild: Daniel Fleischmann)

Das RAV hat sie vermittelt und ihr die Ausbildung finanziert, die Verkehrsbetriebe St. Gallen haben sie fest angestellt: Doris Roduner an ihrem neuen Arbeitsplatz. (Bild: Daniel Fleischmann)

Doris Roduner hat in ihrem Leben viele Stationen angefahren. Sie absolvierte eine Lehre als Buffettochter und die Servicefachschule, erhielt drei Kinder und arbeitete dann als Typografin und als Pflegehelferin, als Verkäuferin und als Rezeptionistin. Doch so zahlreich wie die Stationen waren auch die Rückschläge im Leben von Frau Roduner. Einmal war es die Scheidung, die sie zu verkraften hatte, dann der Rücken, der sie daran hinderte, weiter in der Pflege zu arbeiten, und schliesslich der Konkurs ihres letzten Arbeitgebers. Vor eineinhalb Jahren stand Doris Roduner zum ersten Mal für längere Zeit ohne Arbeit da und merkte, dass die Suche nach einer Stelle nicht mehr so leicht war: Im Verkauf werden nur noch gelernte Fachkräfte angestellt und als Kioskverkäuferin war sie überqualifiziert. Als Buschauffeurin würde sie gerne arbeiten, sagte sie ihrer RAV-Beraterin irgendwann.

Anfängliche Skepsis

Die Verkehrsbetriebe St. Gallen (VBSG) blicken auf turbulente Jahre zurück. Neue Linien, Taktverdichtungen und der damit verbundene Ausbau der Busflotte zwangen das Unternehmen dazu, den Mitarbeiterbestand innerhalb von zehn Jahren um über 80 Prozent auf 220 Personen zu erhöhen. Man nutzte dabei auch eine Kooperation mit dem Amt für Wirtschaft und Arbeit (AWA) von St. Gallen, das über die Regionalen Arbeitsvermittlungsstellen (RAV) geeignete Personen auswählte und für eine Weiterbildung den VBSG vorschlug. Ralf Eigenmann, VBSG-Unternehmungsleiter, erinnert sich: «Die Idee dieser Kooperation kam vom kantonalen Amt für Wirtschaft und Arbeit. Sie stiess bei uns zunächst auf Skepsis. Aber wir haben nur gute Erfahrungen gemacht.» Im Rahmen der Kooperation hat das RAV in den zwei letzten Jahren zehn Personen durch die Ausbildungsstätte der VBSG ausbilden lassen. Dafür wurden fast ausschliesslich Personen ausgewählt, die noch über 200 Taggelder zu Verfügung hatten und über 50 Jahre alt waren. «Einige von ihnen hätten ohne dieses Projekt keine Arbeit mehr gefunden», sagt Maja Pagelli, Leiterin Bildungsangebote beim AWA St. Gallen. So aber erhielten sieben Personen eine Anstellung bei den Verkehrsbetrieben; eine Person wurde von einem anderen Transportunternehmen angestellt, zwei befinden sich noch in der praktischen Ausbildung.

Win-win-win-Situation

Zu den ausgewählten Personen zählte auch Doris Roduner. Sie bewältigte das Auswahlverfahren mit Erfolg, bestand die theoretische Prüfung und absolvierte ein dreimonatiges Ausbildungs- sowie ein eineinhalbmonatiges Berufspraktikum mit praktischer Schlussprüfung. Am 15. Dezember erhielt sie einen Arbeitsvertrag – «ein vorzeitiges Weihnachtsgeschenk», wie ihn die Buschauffeurin auch heute noch bezeichnet. Mitfinanziert wurde die Umschulung durch die Arbeitslosenversicherung (ALV). Bis zu ihrer Anstellung erhielt Doris Roduner ihr Taggeld, und auch die Kosten der Ausbildung und der Prüfungen (je nach Vorbildungen bis zu 17'300 Franken) wurden durch die ALV finanziert. Der Arbeitgeber beteiligte sich während dem Berufspraktikum mit dem gesetzlich vorgegebenen Anteil an den Lohnkosten. Maja Pagelli: «Wir betrachten diese Ausbildungen als berufliche Weiterbildung zur Erhaltung der für den Arbeitsmarkt relevanten Qualifikationen. Wir sehen kein Problem, sie über die ALV zu finanzieren.» Maja Pagelli spricht von einer Win-win-win-Situation: «Betroffene finden Arbeit, der Sozialstaat spart Geld und die Verkehrsbetriebe St. Gallen können neue Mitarbeiter qualifizieren und anstellen.» Doris Roduner sieht das auch so; sie hat eine Arbeit gefunden, die ihr gefällt. «Jetzt hoffe ich nur, dass das meine letzte Karrierestation ist.»

Bald auch in der Industrie und in der Informatik?

Öffentliche Verkehrsbetriebe kommen immer wieder in Personalnot. Aber auch in anderen Branchen treten vereinzelte oder notorische Rekrutierungsprobleme auf. Das AWA des Kantons St. Gallen hat darum das Projekt QualiWork lanciert, mit dem man den Kontakt zu Arbeitgebern sucht, die Fachkräfte benötigen. Die Unternehmen definieren dabei Qualifikationsprofile und erstellen Ausbildungskonzepte, während die RAV geeignete Kandidatinnen und Kandidaten suchen und deren Ausbildung mitfinanzieren. Möglich sind individuelle Kurse, Ausbildungspraktika, Berufspraktika oder Einarbeitungszuschüsse. Die theoretische und praktische Ausbildung darf maximal ein Jahr dauern und soll mit einem Zertifikat abgeschlossen werden. Voraussetzung einer solchen Kooperation ist, dass ein Unternehmen bereit ist, mindestens 80 Prozent der Personen nach der Ausbildung unbefristet anzustellen. Eine erste solche Zusammenarbeit zeichnet sich derzeit mit einem grossen Industriebetrieb ab, der Mitarbeitende für Schweissarbeiten sucht, und eine zweite in der Informatikbranche.

Links und Literaturhinweise

Schweizerische Stiftung für Arbeit und Weiterbildung (2016): Stand des Fachkräftemangel / Fachkräfteüberschuss und deren Entwicklung folgend der kommenden Babyboomer Pensionierungswelle in der Schweiz. Brugg.

Kasten

Dank Weiterbildung zurück in den Job

Rund 20'000 Arbeitslose könnten dank Weiterbildung oder Umschulung neue Jobs finden. Dies ist das Ergebnis einer Studie der Stiftung für
Arbeit und Weiterbildung und der Fachhochschule Nordwestschweiz. Die Studie untersuchte, wie gut sich die Lebensläufe von 5000 Stellensuchenden mit den Anforderungen von ausgeschriebenen Stellen decken. Sie sieht vor allem in den Bereichen Gesundheitsversorgung, Banken und Informatik einen hohen Fachkräftemangel. Die Ausbildung von Fachpersonen für diese Bereiche würde Kosten von 200 Millionen Franken pro Jahr auslösen. Das Reduktionspotenzial der Sozialkosten wird auf drei Milliarden Franken pro Jahr geschätzt.
Das SECO hält die in der Studie gemachten generellen Aussagen über den Fachkräftemangel und die demografische Entwicklung für zutreffend; demgegenüber seien die Quantifizierungen aufgrund der fehlenden Transparenz der Studie über das gewählte methodische Vorgehen schwer nachvollziehbar. Im Übrigen sei die Förderung inländischer Arbeitskräfte durch Arbeitsmarkt- und Bildungsmassnahmen ein zentraler Ansatzpunkt der Fachkräfteinitiative, in deren Rahmen derzeit geprüft wird, wie zusätzliche inländische Arbeitskräfte durch Aus- und Weiterbildung sowie Umschulung mobilisiert werden können. Im Mittelpunkt stehen dabei Berufe mit hohem Fachkräftemangel, namentlich das Gesundheitswesen, die technischen Berufe sowie das Bau- und Gastgewerbe. Zudem seien der Erwerb einer Grundausbildung und die allgemeine Förderung der beruflichen Weiterbildung zwar keine primären Aufgaben der Arbeitslosenversicherung. Schwer vermittelbare Versicherte könnten unter bestimmten Voraussetzungen aber durchaus über arbeitsmarktliche Massnahmen umgeschult werden.

3 Fragen

«Echter Bedarf»

an Marie-Therese Schmidiger, Leiterin Dienstleistungszentrum für arbeitsmarktliche Massnahmen Luzern

(Bild: zvg)

Seit sieben Jahren lässt Ihr Kanton Stellensuchende zu Chauffeurinnen und Chauffeuren ausbilden. Welchen Erfolg hat das Projekt? Das Projekt reagierte damals auf den Mangel der Verkehrsbetriebe Luzern (vbl) an Chauffeuren, die man zeitweise in Berlin rekrutieren musste. Heute haben von 108 gestarteten Personen 97 die Ausbildung abgeschlossen. 66 Personen wurden bei den vbl angestellt, 23 in anderen Transportunternehmen, 8 Personen fanden keine Stelle als Chauffeur. Die Erfolgsquote ist ein Ergebnis der hohen Anforderungen: Wir verlangen unter anderem eine hohe Motivation, sehr gute Deutschkenntnisse, zeitgemässe Umgangsformen, hohe Dienstleistungsorientierung, Zuverlässigkeit, Belastbarkeit und Bereitschaft zu unregelmässiger Arbeitszeit.

Welchen Anforderungen seitens des SECO musste das Projekt genügen?
Das Projekt muss nachhaltig und wirkungsvoll auf einen echten Bedarf an Berufsleuten ausgerichtet sein. Die Aufnahmebedingungen sind rigoros und müssen vom Personalberater des RAV und von den Personalverantwortlichen vbl gemeinsam getätigt werden.

Schulen Sie auch Personen aus anderen Tätigkeitsfeldern um?
Bisher nicht. Ergibt sich aber nachweislich ein Mangel an Fachpersonal in einem anderen Berufsfeld mit ähnlich speziellen Rahmenbedingungen, prüfen wir dies selbstverständlich. Letztlich muss die Massnahme wirkungsvoll und nachhaltig sein und für alle Beteiligten finanzielle Vorteile bringen. Das vbl-Projekt tut das.

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